Graupapagei

Psittacus erithacus


© 2009 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)




Artwork © Owen Bell



Der in Afrika heimische Graupapagei (Psittacus erithacus) gehört zweifellos zu den bekanntesten der rund 330 Mitglieder der Familie der Eigentlichen Papageien (Psittacidae), obschon er weit weniger bunt ist als viele seiner Vettern. Dies hat damit zu tun, dass er ein ausserordentlich begabter Nachahmer von menschlichen Worten, Melodien und anderen Geräuschen ist, und dass er es darüber hinaus versteht, die gemerkten Wort- und Tonfolgen oder Geräusche mit bestimmten Situationen in Verbindung zu bringen, sie also «situationsgebunden» wiederzugeben. So sagen Graupapageien ihr «Guten Morgen!» nicht irgendwann, sondern am Vormittag, und sie lassen einen bestimmten Namen einzig beim Anblick der zugehörigen Person verlauten. Der Graupapagei wird darum in Europa und in Nordamerika sehr häufig als Heimtier gehalten, und zwar mindestens seit dem 16. Jahrhundert.

Interessanterweise gibt es erheblich mehr Studien, die sich mit den geistigen Fähigkeiten des in menschlicher Obhut lebenden Graupapageis befassen als solche über seine natürliche Lebensweise in der freien Wildbahn. Der Mangel an solcherlei Informationen ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass der Graupapagei seit Jahrhunderten vom Menschen massiv verfolgt wird und deshalb heute ausgesprochen scheu und entsprechend schwierig zu erforschen ist.


Zwei oder drei Unterarten?

Der Graupapagei gehört zu den wenigen Tierarten, welche bereits 1758 durch den schwedischen Naturforscher Carl von Linné («Linnaeus») in der 10. Auflage seines Standardwerks «Systema Naturae» wissenschaftlich beschrieben und benannt worden sind und die bis auf den heutigen Tag denselben Namen tragen. Umstritten sind allerdings seit längerem die verwandtschaftlichen Verhältnisse zwischen den verschiedenen geografischen Beständen des Graupapageis und damit die Frage, wie viele Unterarten oder gar Arten zu unterscheiden sind. Gegenwärtig wird im Allgemeinen eine Art mit den beiden Unterarten Kongo-Graupapagei (Psittacus erithacus erithacus) und Timneh-Graupapagei (Psittacus erithacus timneh) anerkannt.

Die Graupapageien, welche auf den Inseln Bioko und Príncipe im Golf von Guinea vorkommen, wurden lange Zeit als eine separate Unterart namens Príncipe-Graupapagei (Psittacus erithacus princeps) eingestuft. 1953 wurde ihnen dieser Status jedoch aberkannt. Aufgrund ihrer Erscheinung und ihres Körperbaus wurden sie damals der Unterart Psittacus erithacus erithacus angegliedert. Molekularbiologische Untersuchungen des Erbguts (DNS-Analysen) haben nun aber gezeigt, dass dies falsch war: Die heutigen Graupapageien auf Príncipe stammen grösstenteils von Ahnen ab, welche der Unterart Psittacus erithacus timneh angehört und sich vor überraschend langer Zeit, nämlich vor rund 1,4 Millionen Jahren, auf der Insel anzusiedeln vermocht hatten. Aufgrund dieser neuen Erkenntnisse sollen die Graupapageien auf Príncipe nun wieder als separate Unterart eingestuft werden.

(Auf São Tomé lebt ein kleiner Bestand von Graupapageien, die wahrscheinlich vom Bestand auf Príncipe abstammen und nicht selbst nach São Tomé gelangt sind. Jedenfalls gibt es Hinweise darauf, dass frühe Inselsiedler zahme Graupapageien von Príncipe nach São Tomé mitnahmen und dass einzelne davon verwilderten.)

Der Kongo-Graupapagei bildet mit einer Länge von ungefähr 33 Zentimetern und einem Gewicht um 400 Gramm die grössere der beiden Unterarten. Sein Gefieder ist - vom roten Schwanz abgesehen - hell- bis mittelgrau, der Schnabel schwarz, das Gesicht weiss, die Iris gelb. Der Timneh-Graupapagei weist demgegenüber eine Länge von nur ungefähr 30 Zentimetern und ein Gewicht um 320 Gramm auf. Das Grau seines Gefieders ist etwas dunkler, das Rot seines Schwanzes eher Braunrot, und sein Schnabel weist auf der Oberseite einen rosa Farbton auf. Die Príncipe-Graupapageien sind ihrerseits recht uneinheitlich gefärbt, von hellgrau bis dunkelgrau, und erweisen sich auch hinsichtlich der anderen genannten Merkmale als recht variabel.


In Äquatorialafrikas Regenwäldern heimisch

Der Graupapagei hat ein weites Artverbreitungsgebiet, das sich von Guinea-Bissau im Westen quer durch die Tiefland-Regenwälder Westafrikas sowie die Regenwälder des Kongo-Beckens bis nach Westkenia und Nordwesttansania im Osten erstreckt. Insgesamt kommt die Art in 23 Ländern vor. Der Timneh-Graupapagei findet sich nur in einem kleinen Bereich dieses Areals, nämlich in Westafrika zwischen Guinea-Bissau und der regenwaldlosen «Dahomey-Lücke» bei Togo und Benin. (Der britische Zoologe und Afrikareisende Louis Fraser (1810-1866) beschrieb den Timneh-Graupapagei im Jahr 1844 und benannte ihn nach dem im nordwestlichen Sierra Leone gelegenen Stammesgebiet der Temne (engl. «Timmanee Country»). Vermutlich hatte er das von ihm beschriebene Exemplar dort gesammelt.) Die ausgedehnten Bereiche östlich der Dahomey-Lücke werden vom Kongo-Graupapagei besiedelt.

Wie aufgrund des Artverbreitungsgebiets, das recht genau das Vorkommen der tropischen Regenwälder in Afrika wiedergibt, anzunehmen ist, bewohnen die Graupapageien im Allgemeinen dichte Tiefland-Regenwälder. Sie besuchen auf ihren Fresswanderungen jedoch häufig die Randbereiche der Wälder zum Offenland oder zu grossen Lichtungen hin sowie waldnahe Getreidefelder und andere Pflanzungen, darunter Bananen- und Ölpalmenplantagen. Auf Príncipe leben und brüten die Graupapageien in sämtlichen Waldtypen und halten sich auch gern in den grossflächigen Kakaoplantagen auf, aus denen das Hauptexportgut der Insel stammt.

Auf die Nahrungssuche gehen die Graupapageien normalerweise im Kronendach. Früchte aller Art einschliesslich Nüsse bilden ihre Hauptkost. Bei sich bietender Gelegenheit nehmen sie aber - gewissermassen als Beikost - auch Blätter, Blüten und sogar Insekten zu sich. Gebietsweise werden Graupapageien als Ernteschädlinge betrachtet, weil sie beispielsweise die Nüsse von Ölpalmen (Elais guineensis) und die Körner von Mais (Zea mays) und anderem Getreide verzehren. Mancherorts wird der Schaden, den die Graupapageien anrichten, allerdings hingenommen, da ihre Jungvögel sehr wertvoll sind.


Elfwöchige Nestlingszeit

Graupapageien sind gesellige Vögel, welche gelegentlich Schwärme von mehreren hundert Vögeln bilden. Häufiger werden sie jedoch paarweise oder in kleinen Trupps gesichtet. Welcherart die Beziehungen der Vögel innerhalb eines Trupps sind und weshalb sich mitunter Riesenschwärme formen, wissen wir nicht.

An ihren Schlafplätzen versammeln sich die Graupapageien jeweils in der Abenddämmerung zu grösseren Gemeinschaften. Bis die Nacht hereinbricht, herrscht dort ein vielstimmiges Pfeifen, Krächzen und Kreischen. Auch beim Fliegen über die Baumwipfel hinweg von einem Ort zum anderen kommunizieren die Graupapageien lautstark miteinander. Einzig bei der Nahrungssuche im Geäst der Bäume, wo sie sich vorwiegend kletternd fortbewegen, herrscht Stille.

Beim Erreichen der Geschlechtsreife im Alter von drei bis fünf Jahren verbinden sich die Graupapageien mit einem Partner des anderen Geschlechts und bleiben dann gewöhnlich ihr Leben lang mit diesem zusammen. Zur Brut schreiten sie stets ausserhalb der regenreichsten Jahreszeit. Als Kinderstube wählt das Graupapageienpaar meistens eine Baumhöhlung in einem grossen, absterbenden oder abgestorbenen Baum. Auf Príncipe befinden sich dieselben gewöhnlich in Höhen zwischen 15 und 30 Metern über dem Boden und am häufigsten in Viro-Bäumen (Cleistanthus spp.).

Hat das Graupapageienpaar eine geeignete Nisthöhle gefunden, so polstert es diese mit Moderholzschnipseln aus. Anschliessend legt das Weibchen gewöhnlich drei Eier und bebrütet diese während 28 bis 30 Tagen. Das Männchen setzt sich zwar selbst nicht auf das Gelege, bewacht aber die Nisthöhle und versorgt das Weibchen regelmässig mit Futter. Nach dem Schlüpfen der Jungen wird diese Aufgabenteilung noch eine gute Woche lang beibehalten. Danach verlässt das Weibchen zeitweilig die Nisthöhle und beteiligt sich an der Futterbeschaffung, während das Männchen nunmehr Futter direkt an den Nachwuchs überreicht und sich auch oft in der Höhle aufhält.

Die Jungvögel sind im Alter von etwa 80 Tagen flugfähig. Sie verlassen dann das Nest, werden aber noch rund vier Monate lang vor allem vom Vater mit Futter versorgt. Bei den flüggen Jungen sind die Schwanzfedern noch nicht so leuchtend rot wie bei den Erwachsenen, und das Grau des Gefieders ist dunkler. Auch die Iris ist anfangs ganz dunkel, wird dann allmählich grau und ist erst bei den erwachsenen Tieren schliesslich gelb. Graupapageien sind langlebige Vögel, welche in Menschenobhut fünfzig und mehr Jahre alt werden können.


Vogelgrippe bewirkt Importstopp

Wie gross die Graupapageienbestände in der freien Wildbahn sind, wissen wir nicht. Immerhin gibt es für ein paar Länder innerhalb des Artverbreitungsgebiets recht verlässliche Schätzungen. Führt man aufgrund dieser Bestandsschätzungen sowie der Schätzung der Fläche des verbleibenden Lebensraums in den übrigen Ländern eine Hochrechnung durch, so ergibt sich für den Gesamtbestand eine Zahl, die irgendwo zwischen etwa einer Million und zehn Millionen Individuen liegt. Von diesen dürften zwischen 120 000 und 260 000 Individuen der Timneh-Unterart angehören.

Leider sind die Graupapageienbestände nirgendwo stabil. Im Gegenteil: In fast allen Ländern, in denen die Art vorkommt, so auch in der Republik São Tomé und Príncipe, sind Bestandsabnahmen festzustellen. Lebensraumzerstörung zwecks Gewinnung von Holz und zur Ausweitung der Anbau- und Weideflächen heisst einer der hauptsächlichen Schadfaktoren.

Noch mehr zu schaffen macht dem Graupapagei jedoch seine Beliebtheit als Heimtier in Europa und den USA. Allein zwischen 1994 und 2003 wurden über 350 000 Individuen legal aus Afrika exportiert. Kamerun mit rund 160 000 Individuen (= 44 Prozent) und Kongo-Kinshasa mit rund 120 000 (= 33 Prozent) waren die beiden Hauptexportländer. São Tomé und Príncipe steuerte ungefähr 170 Individuen bei. Da wahrscheinlich etwa jeder zweite der zumeist nestjung gefangenen Vögel gestorben war, noch bevor er sein Heimatland verlassen hatte, müsste man die genannten Zahlen ungefähr verdoppeln. So oder so kann von einer nachhaltigen Nutzung keine Rede sein. Aufgrund der besorgniserregenden Fangzahlen sah sich die Weltnaturschutzunion (IUCN) 2007 gezwungen, den Graupapagei in der Kategorie «Nahezu Gefährdet» auf die Rote Liste zu setzen.

Schon 1981 war die Art - zusammen mit allen anderen Mitgliedern der Papageienordnung (Psittaciformes) - in Anhang II der Konvention über den internationalen Handel mit gefährdeten Tier- und Pflanzenarten (CITES) aufgenommen worden. Da inzwischen alle Staaten innerhalb des Verbreitungsgebiets des Graupapageis mit Ausnahme Angolas das Abkommen unterzeichnet haben, geniesst die Art heute auf diesem Weg einen nicht unerheblichen Schutz, denn nunmehr muss im Prinzip jedem exportierten Vogel von den zuständigen Behörden bescheinigt werden, dass er legal gefangen worden ist und dass sein Fang und Export den Fortbestand der Art im betreffenden Land nicht gefährdet. In diesem Zusammenhang haben mehrere Staaten innerhalb des Verbreitungsgebiets des Graupapageis Exportquoten festgelegt, welche gewährleisten sollen, dass keine Übernutzung der wild lebenden Bestände erfolgt.

Importgenehmigungen sind für Tiere, die in Anhang II der CITES-Konvention aufgeführt sind, nicht erforderlich. Erfreulicherweise hatten aber die USA bereits 1992 den Import sämtlicher Wildvögel verboten. In der Folge entwickelte sich die Europäische Union mit rund 1,8 Millionen importierten Wildvögeln pro Jahr - das entsprach 87 Prozent aller weltweit erfassten Wildvogelimporte - zum weltweit grössten Absatzmarkt exotischer Vögel, die der Natur entnommen worden waren. Dank der Vogelgrippe trat dann am 1. Juli 2007 endlich auch in der EU ein dauerhaftes Verbot von Wildvogelimporten in Kraft. Dies hat in den Ursprungsländern zu einem markanten Rückgang der Wildvogelexporte im Allgemeinen und der Graupapageienexporte im Speziellen geführt. So haben 2008 nur noch zwei Staaten, nämlich Kongo-Kinshasa und Guinea, aus der Wildnis stammende Graupapageien exportiert, und zwar deren 4600 bzw. 260 Individuen. Sie gingen an «Vogelliebhaber» ausserhalb des US-amerikanischen und EU-Raums.

Die auf Príncipe heimischen Graupapageien waren vorübergehend, zwischen 1975 und 1995, in Anhang I der CITES-Konvention aufgeführt. Jeglicher kommerzielle internationale Handel mit den Tieren war somit untersagt. Die Rückstufung in Anhang II erfolgte, als sich die Ansicht durchsetzte, dass der lokale Bestand keine separate Unterart darstellt. Trotzdem scheint die Verfolgung der Graupapageien auch auf Príncipe deutlich nachgelassen zu haben. Es ist zu hoffen, dass dies so bleibt und dass die Inselbevölkerung der Erhaltung des Vogels, der auf dem Wappen ihrer kleinen Republik abgebildet ist, in Zukunft die nötige Beachtung schenken wird.




Legenden

Der Graupapagei (Psittacus erithacus), ein Mitglied der 330 Arten umfassenden Familie der Eigentlichen Papageien (Psittacidae), ist ein beliebtes Heimtier, weil er ein ausserordentlich begabter Nachahmer von Geräuschen, Melodien und menschlichen Worten ist. Er kommt in zwei Unterarten vor: Der Kongo-Graupapagei (Psittacus erithacus erithacus; links) ist der grössere der beiden Vettern. Er weist eine Länge von ungefähr 33 Zentimetern auf und wiegt um 400 Gramm, während der Timneh-Graupapagei (Psittacus erithacus timneh; rechts) nur ungefähr 30 Zentimeter lang wird und um 320 Gramm wiegt. Männchen und Weibchen lassen sich bei beiden Unterarten äusserlich nicht unterscheiden.

Die Heimat des Graupapageis sind die Regenwälder Äquatorialafrikas - von Guinea-Bissau im Westen bis Kenia im Osten. Bei der Nahrungssuche bewegt er sich vornehmlich im Kronendach seiner Heimatwälder umher, besucht aber auch gern ihre Randbereiche zum Offenland hin. Meistens begegnet man ihm paarweise oder in kleinen Trupps, seltener in grösseren Schwärmen.

Hin und wieder nimmt der Graupapagei zwar einzelne Blätter, Blüten oder Insekten zu sich; Früchte aller Art bilden jedoch seine Hauptspeise (links; Odzala-Nationalpark, Kongo-Brazzaville). Als Kinderstube wählt das Graupapageienpaar meistens eine Höhlung in einem grossen, absterbenden oder abgestorbenen Baum (rechts; Huri-Reservat, Kongo-Kinshasa).

Die jungen Graupapageien schlüpfen nach einer Brutzeit von etwa vier Wochen aus den Eiern. Sie erreichen gewöhnlich im Alter von elf bis zwölf Wochen die Flugfähigkeit und verlassen dann das Nest, bleiben aber noch rund vier Monate lang von der Zufütterung durch ihre Eltern abhängig. Das Junge auf dem Bild ist drei Wochen alt.

Für den Heimtiermarkt werden die Graupapageien gewöhnlich als Jungvögel kurz vor dem Ausfliegen aus ihrer Nisthöhle entnommen. In geringer Zahl werden zwar auch erwachsene Graupapageien gefangen, beispielsweise im Bereich von Ölpalmenplantagen, wo sie als Schädlinge gelten. Die Jungvögel erzielen jedoch die besseren Preise, weil die sich leichter zähmen lassen. Das Bild zeigt zum Kauf angebotene junge Graupapageien auf dem Markt in der Stadt Goma in Kongo-Kinshasa.




ZurHauptseite