Eigentlicher Greifstachler

Coendou prehensilis


© 2010 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Numisbriefe Kollektion)




Artwork © Owen Bell



Die Nagetiere werden gewöhnlich in fünf Unterordnungen gegliedert, nämlich die Mäuseverwandten (Myomorpha), die Hörnchenverwandten (Sciuromorpha), die Dornschwanzhörnchenverwandten (Anomaluromorpha), die Biberverwandten (Castorimorpha) und die Stachelschweinverwandten (Hystricomorpha). Der Unterordnung der Stachelschweinverwandten gehören rund 200 Arten in 18 Familien an. Ungefähr 170 Arten von ihnen sind in der Neuen Welt heimisch; die restlichen etwa 30 Arten leben in der Alten Welt.

Interessanterweise gibt es hüben wie drüben je eine Stachelschweinfamilie, nämlich in der Alten Welt die eigentlichen Stachelschweine oder Altweltstachelschweine (Familie Hystricidae) und in der Neuen Welt die Baumstachler oder Neuweltstachelschweine (Familie Erethizontidae). Zu letzteren zählt der Eigentliche Greifstachler (Coendou prehensilis). Er kommt in weiten Bereichen des tropischen Südamerikas östlich der Anden vor - vom östlichen Kolumbien, Venezuela und den Festlandinseln Trinidad und Tobago im Norden quer durch das brasilianische Amazonasbecken bis Nordargentinien und Paraguay im Süden.

Mit einer Kopfrumpflänge von 50 bis 60 Zentimetern, einer Schwanzlänge von 40 bis 45 Zentimetern und einem Gewicht zwischen 3 und 5 Kilogramm ist der Eigentliche Greifstachler ein stattliches Nagetier. Wie es sich für einen «Stachler» gehört, ist sein ganzer Körper - mit Ausnahme der Schwanzspitze und der Schnauze - oberseits dicht mit kurzen, dicken Stacheln bedeckt.

Diese fallen leicht aus. Tatsächlich haften sie mit ihren Widerhaken fester in der Haut eines Angreifers als in der Haut des Greifstachlers. Ein Hund, der einen Greifstachler angreift, erreicht darum einzig, dass sein Mund und Rachen voller Stacheln sitzen, die er allein nicht mehr los wird, sodass er ohne menschliche Hilfe elend verhungern, verdursten oder ersticken muss. Ähnlich dürfte es den natürlichen Widersachern des Greifstachlers ergehen.

Der Eigentliche Greifstachler ist ein mit Greifschwanz und Kletterfüssen ausgerüsteter Baumbewohner, der selten auf den Boden hinuntersteigt. Auf die Nahrungssuche geht er ausschliesslich nachts. Den Tag verschläft er im dichten, schattigen Laub einer Baumkrone oder in einer Baumhöhle. Seine Nahrung setzt sich vor allem aus Nüssen und harten, unreifen Früchten zusammen, umfasst aber in geringen Mengen auch Blätter, Blüten, Knospen, Triebe und Rinden.

Im Unterschied zu vielen anderen Nagetierarten hat der Eigentliche Greifstachler keine hohe Fortpflanzungsrate. Die Weibchen bringen je Geburt stets nur ein einzelnes Junges zur Welt. Die Tragzeit dauert im Durchschnitt nahezu sieben Monate, was für ein Tier dieser Grösse enorm lang ist. Wenig überraschend ist das Junge bei der Geburt recht gross und weit fortgeschritten. Es wiegt 300 bis 400 Gramm und hat eine Kopfrumpflänge von etwa 20 bis 25 Zentimetern. Seine Augen sind geöffnet, die Nagezähne vollständig durchgebrochen, und sein Schwanz ist von Anfang an greiffähig. Auch haben die Füsse gut entwickelte Krallen und können kräftig zupacken.

Das Jungtier trägt zunächst ein rötliches Fell, das auf dem Rücken mit etwa 1,5 Zentimeter langen Stacheln untermischt ist. Diese sind bei der Geburt weich und biegsam, werden dann aber bald hart und steif. Während der ersten zwei bis drei Lebenswochen versteckt es sich an einer gut geschützten Stelle im Kronendach und wird dort regelmässig von seiner Mutter zum Säugen besucht. Danach, wenn seine Stacheln ausgehärtet und etwas länger sind, unternimmt es seine ersten Streifzüge und beginnt, selbstständig Nahrung zu sich zu nehmen. Es wächst in der Folge verhältnismässig langsam heran; erst mit ungefähr 15 Monaten ist es ausgewachsen und mit etwa anderthalb Jahren geschlechtsreif. Die Lebenserwartung liegt bei 12 bis 15 Jahren.

Da die Eigentlichen Greifstachler vorwiegend nachtaktiv sind und sich im Geäst von Bäumen umherbewegen, ist es schwierig, sie in der freien Wildbahn individuell über längere Zeiträume hinweg zu beobachten. Über ihre Gesellschaftsstruktur wissen wir daher so gut wie nichts. In Menschenobhut verhalten sie sich weder sonderlich gesellig noch besonders streitsüchtig gegenüber ihren Artgenossen. Darum gehen die Fachleute davon aus, dass sie in der Regel zwar einzelgängerisch umherstreifen, jedoch nicht territorial veranlagt sind, das heisst ihr Streifgebiet mit anderen Artgenossen teilen.

Auch die Ermittlung von Bestandsdichten und -entwicklungen fällt schwer. Aus den wenigen Beobachtungen, die uns vorliegen, lässt sich immerhin schliessen, dass der Eigentliche Greifstachler in manchen Bereichen seines Verbreitungsgebiets recht zahlreich vorkommt. Da er sich auch in Sekundärwäldern wohl fühlt und da es keine Hinweise auf eine gezielte Verfolgung durch den Menschen gibt, gilt der Fortbestand dieses Neuweltnagers derzeit nicht als gefährdet.




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