Grosser Kudu

Tragelaphus strepsiceros


© 2009 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)






Artwork © Owen Bell



Innerhalb der Klasse der Säugetiere (Mammalia) gehört der Grosse Kudu (Tragelaphus strepsiceros) zu den Paarhufern. Da molekularbiologische Untersuchungen in jüngster Zeit bestätigt haben, dass die Waltiere (bisher Ordnung Cetacea) in grauer Vorzeit aus den Paarhufern (bisher Ordnung Artiodactyla) hervorgegangen sind, stufen die Fachleute nun die beiden bisherigen Ordnungen zu Unterordnungen herunter und fassen dieselben in der neuen, im Deutschen noch namenlosen Ordnung Cetartiodactyla zusammen.

Innerhalb dieser neuen Säugetierordnung gehört der Grosse Kudu zur etwa 140 Arten zählenden Familie der Hornträger (Bovidae) und da zu Gattung der Drehhörner (Tragelaphus), welche sieben Arten umfasst. Neben dem Grossen Kudu handelt es sich um den Kleinen Kudu (Tragelaphus imberbis), die Sitatunga (Tragelaphus spekii), das Nyala (Tragelaphus angasii), das Bergnyala (Tragelaphus buxtoni), den Buschbock (Tragelaphus scriptus) und den Bongo (Tragelaphus eurycerus).

Der Grosse Kudu ist - knapp vor dem Bongo - der stattlichste Vertreter der Gattung und eine der imposantesten Antilopen Afrikas überhaupt. Bei den erwachsenen Individuen beträgt die Kopfrumpflänge 185 bis 245 Zentimeter und die Schulterhöhe 110 bis 160 Zentimeter, wobei die Männchen deutlich grösser und kräftiger gebaut sind als die Weibchen. Das Gewicht liegt bei den Männchen zwischen 190 und 315 Kilogramm, bei den Weibchen zwischen 120 und 215. Das Fell der Männchen ist im Allgemeinen graubraun bis blaugrau gefärbt, das der Weibchen und der Jungtiere mittel- bis rotbraun. Bei beiden Geschlechtern, Jung und Alt, weist es auf den Flanken sechs bis zehn schmale weisse Querstreifen auf, welche von der Rückenmitte zum Bauch verlaufen.

Wie bei den meisten Antilopenarten tragen einzig die Männchen Hörner. Es sind schraubig nach hinten-oben gewundene Gebilde, deren Länge bei den ausgewachsenen Individuen gewöhnlich um 120 Zentimeter, in Ausnahmefällen aber bis über 180 Zentimeter beträgt. Bei den jugendlichen Männchen sind die Hörner kurz und gerade nach hinten-oben gerichtet, bei den jungerwachsenen, etwa zweijährigen Männchen weisen sie eine ganze Windung auf und bei den ausgewachsenen, fünf und mehr Jahre alten Männchen die maximalen zwei bis zweieinhalb Windungen.


Im Buschland heimisch

Das Verbreitungsgebiet des Grossen Kudus erstreckt sich über weite Bereiche des östlichen und des südlichen Afrikas - von Tschad, Sudan und Eritrea im Norden bis Südafrika im Süden. Insgesamt kommt die Art in 21 Ländern vor. Die grössten Bestände finden sich in Kenia, Tansania, Sambia, Namibia, Botswana und Südafrika; stark ausgedünnt und gebietsweise sogar ganz erloschen sind sie hingegen in den nördlichen Bereichen des Verbreitungsgebiets, im Tschad und Sudan sowie in Eritrea, Äthiopien, Dschibuti und Somalia.

Innerhalb des genannten Areals bewohnt der Grosse Kudu - im Flach-, Hügel- und Bergland zwischen 0 und 2400 Metern ü. M. - vorzugsweise Trockenländer mit dichter, halbhoher Vegetation. Insbesondere liebt er Gegenden mit viel Gebüsch, wie er sie vor allem in Buschsavannen sowie in lichten Akazien- und Mopane-Baumsavannen, ferner in Waldrandbereichen vorfindet. Auch brachliegenden, verbuschtes ehemaliges Pflanz- und Weideland behagt ihm. Offene Grasländer wie auch geschlossene Waldungen meidet er hingegen.

Dem Nahrungserwerb geht der Grosse Kudu vor allem während der kühleren Dämmerungs- und Nachtstunden nach. Tagsüber, und insbesondere während der mittäglichen Hitze, ruht er im Schatten unter Bäumen und Sträuchern. Wie alle Drehhörner ist er ein so genannter «Browser». Er beweidet in der Regel nicht Gräser, ist also kein «Grazer» wie die meisten Savannenhuftiere, sondern streift bei der Nahrungssuche gemächlich durch sein Wohngebiet und wählt sich von einer Vielzahl verschiedener Pflanzenarten jeweils die zartesten und nährstoffreichsten «Bissen» aus. Auf diese Weise stellt er sich gezielt eine energetisch hochwertige, leicht verdauliche Nahrung zusammen. Neben Blättern und Trieben diverser Büsche, Sträucher und Bäume stehen auch deren Blüten, Früchte und Samen nebst Krautpflanzen aller Art auf seinem Speiseplan.

Während der Regenzeiten vermag der Grosse Kudu seinen Flüssigkeitsbedarf weitgehend über seine Nahrung zu decken und trinkt dann oft tagelang kein Wasser. Während der Trockenzeiten ist er jedoch auf leicht erreichbare Wasserstellen angewiesen und besucht diese dann oft zweimal täglich, am Morgen und am Abend.


Klassische Ablieger

Die weiblichen Grossen Kudus bilden mit ihresgleichen und deren Jungen zusammen kleine, ortstreue Gruppen von gewöhnlich fünf bis zehn und maximal etwa fünfzehn Individuen. Angeführt wird jede Gruppe von einem älteren, dominanten Weibchen.

Die jungen Männchen müssen die mütterliche Gruppe verlassen, wenn sie im Alter von knapp zwei Jahren geschlechtsreif werden. Sie bilden dann mit anderen Männchen zusammen lockere Trupps, deren Zusammensetzung immer wieder ändert und die höchstens zehn Mitglieder umfassen. Innerhalb dieser Junggesellentrupps existiert eine Rangordnung, welche in der Regel allein durch «Breitseiten-Imponieren», seltener durch ritualisierte, also nicht auf Verletzung des Gegners abzielende Horngefechte festgelegt wird.

Mit zunehmendem Alter entwickeln sich die Männchen immer mehr zu Einzelgängern und streifen schliesslich, wenn sie mit fünf bis sechs Jahren ausgewachsen und im Vollbesitz ihrer Kräfte sind, allein umher. Einzig zur Brunftzeit finden sie sich bei den ansässigen Weibchengruppen ein, um sich mit den brünftigen Weibchen zu paaren. Ob sich die einzelgängerischen Männchen territorial verhalten, konnte bis heute nicht sicher festgestellt werden. Die Territorialität ist ja eine Form der Intoleranz gegenüber gleichgeschlechtlichen Artgenossen, welche mit Grundbesitz verbunden ist: Man erklärt ein Stück Land zum Privatgrundstück und verwehrt nach Kräften sämtlichen Rivalen dessen Betreten. Beim Grossen Kudu sprechen viele Beobachtungen dagegen, dass die Unduldsamkeit mit einem bestimmten Landstück verknüpft ist. Vielmehr scheint sie einfach stets bis zur Sicht- und Riechgrenze der betreffenden Männchen zu reichen, egal wo sie sich innerhalb ihres Streifgebiets gerade aufhalten. Ihre Intoleranz scheint mit «Terra» («Erde, Land») also nichts zu tun zu haben. Ob territorial oder nicht: Die Streifgebiete der einzelgängerischen Männchen sind mit einer Fläche von durchschnittlich elf Quadratkilometern erheblich grösser als die der Weibchen-Jungen-Gruppen (um 4 km2), umschliessen also gewöhnlich mehrere davon.

Das Fortpflanzungsgeschehen ist bei den Grossen Kudus jahreszeitlich geprägt, wobei die Paarungen gewöhnlich gegen Ende der grossen Regenzeit stattfinden und die Geburten, nach einer Tragzeit von etwa acht Monaten, zu Beginn der folgenden grossen Regenzeit, also in den meisten Bereichen des Verbreitungsgebiets zwischen Januar und März. Für die Geburt sondert sich das hochträchtige Weibchen von seiner Gruppe ab und sucht sich einen abgelegenen, vor unerwünschten Blicken gut geschützten Ort, um dort in Ruhe zu gebären.

Die Jungen kommen in aller Regel als Einzelkinder zur Welt und wiegen bei der Geburt etwa fünfzehn Kilogramm. Sie vermögen zwar schon wenige Stunden nach der Geburt recht sicher auf ihren Beinchen zu stehen und zu gehen. Trotzdem begleiten sie in ihren ersten Lebenswochen die Mutter nicht auf ihren Streifzügen, sondern legen sich gut versteckt in ein Gebüsch. Dort warten sie geduldig auf ihre Mutter, welche jeweils nur kurz zum Säugen erscheint. Nach vier bis fünf Wochen beginnen sie zwar, ihre Mutter ein Stück weit zu begleiten. Erst im Alter von gut zwei Monaten legen sie aber ihr «Abliege»-Verhalten, das im Dienst der Feindvermeidung steht, vollständig ab. Dann erst werden sie in die mütterliche Gruppe eingeführt und streifen in der Folge mit dieser umher. Die Entwöhnung von der Muttermilch erfolgt im Alter von etwa sechs Monaten.

Obschon die Männchen wie erwähnt im Alter von knapp zwei Jahren geschlechtsreif werden und dann die mütterliche Gruppe verlassen müssen, gelingt es ihnen gewöhnlich erst im Alter von fünf bis sechs Jahren, sich fortzupflanzen, da sie erst dann wirklich ausgewachsen sind und im Wettstreit mit den anderen Männchen bestehen können. Im Unterschied zur körperlichen oder physischen Geschlechtsreife spricht man in diesem Zusammenhang von der gesellschaftlichen oder sozialen Geschlechtsreife. Bei den Weibchen fällt die physische Geschlechtsreife - im Alter von etwa anderthalb Jahren - mit der sozialen zusammen; sie bringen manchmal schon in ihrem zweiten, spätestens aber im dritten Lebensjahr ihr erstes Junges zur Welt. Der Altersrekord der Grossen Kudus liegt in Menschenobhut bei 23 Jahren. In der freien Wildbahn dürfte die Lebenserwartung bei zehn bis fünfzehn Jahren liegen.


Der Graue Geist

Die Grossen Kudus sind recht scheue und stets wachsame Tiere. In ihrem wenig übersichtlichen Lebensraum ist ständiges Sichern für das Überleben unabdingbar. Ausser vor dem Menschen müssen sich die grossen Antilopen vor allem vor Löwen (Panthera leo), Leoparden (Panthera pardus), Afrikanischen Wildhunden (Lycaon pictus) und Tüpfelhyänen (Crocuta crocuta) in Acht nehmen. Hören oder wittern sie mit ihrem empfindlichen Gehör bzw. Geruchssinn etwas Ungewöhnliches, Verdächtiges, so verhalten sie sich je nach Situation unterschiedlich. Manchmal verharren sie einfach regungslos, vertrauen auf ihr Tarnkleid und warten ab, wie sich die Lage entwickelt. Oftmals schleichen sie sich jedoch geräuschlos und unbemerkt von der Gefahrenquelle weg, wobei sie geschickt alle Deckungsmöglichkeiten ausnutzen, und verstecken sich an entfernter Stelle in einem Gebüsch. Die überraschende Fähigkeit der Grossen Kudus, ihrer stattlichen Körpergrösse zum Trotz scheinbar spurlos zu verschwinden, sich gewissermassen in Luft aufzulösen, hat ihnen in Afrika den Beinamen «Grauer Geist» eingetragen.

Bei akuter Gefahr suchen allerdings auch die Grossen Kudus ihr Heil in der schnellen Flucht und eilen mit mächtigen Sätzen und grossem Tempo davon. Sie rollen dabei ihren Schwanz nach oben, so dass die weisse Unterseite sichtbar wird, was für die anderen Gruppen- oder Truppmitglieder ein unmissverständliches Warnsignal ist. Zwar flüchten die Grossen Kudus in solchen Notfällen Hals über Kopf, jedoch zunächst nur etwa fünfzig bis hundert Meter weit. Danach verharren sie bewegungs- und lautlos an Ort und überwachen die Lage. Erst wenn sich jetzt erweist, dass eine reale Gefahr besteht, setzen sie ihre Flucht über eine grössere Distanz fort. Anderenfalls gehen sie bald wieder zur Tagesordnung über. Energetisch mag dieses Fluchtverhalten gewiss sinnvoll sein. Gegenüber menschlichen, mit Gewehren ausgerüsteten Jägern erweist es sich jedoch oft als ein fataler Fehler.


Jagdtourismus schützt

Auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN) wird der Grosse Kudu in der Kategorie «Least Concern» geführt, gilt also als nicht gefährdet. Dies hat damit zu tun, dass er noch sehr weit verbreitet vorkommt, dass seine Gesamtpopulation anlässlich einer Erhebung im Jahr 1999 auf gegen 500 000 Individuen geschätzt worden ist, dass seine Bestände zumindest in den östlichen und südlichen Bereichen des Verbreitungsgebiets als recht stabil gelten und dass er in manch grossem Schutzgebiet vorkommt. Bekannte Nationalparks, in welchen der «Graue Geist» vorkommt, sind beispielsweise Selous in Tansania, Luangwa und Kafue in Sambia, Hwange in Simbabwe, Etoscha in Namibia, Moremi und Chobe in Botswana, Kruger in Südafrika.

In Namibia und Südafrika, kommt der Grosse Kudu auch recht zahlreich ausserhalb der Schutzgebiete vor. Tatsächlich leben etwa sechzig Prozent der örtlichen Bestände auf privatem Gelände und nur etwa fünfzehn Prozent in Schutzgebieten. Dies hat damit zu tun, dass die männlichen Grossen Kudus ein überaus begehrtes Ziel von Trophäenjägern bilden, welche vor allem aus Europa und Amerika als Jagdtouristen ins südliche Afrika reisen und dort viel Geld für «Jagdsafaris» ausgeben. Die Grossen Kudus auf privatem Gelände bilden somit eine wichtige Stütze der örtlichen Jagdtourismusbranche - und werden entsprechend gut behütet.

Schon vor der Ankunft der europäischen Kolonialisten wurden die Grossen Kudus von der einheimischen afrikanischen Bevölkerung des Fleischs, der Haut und der Hörner wegen bejagt. Letztere wurden beispielsweise bei Stammeszeremonien als Blasinstrumente verwendet. Gebietsweise wurden die grossen Antilopen auch verfolgt, weil sie als Nahrungswettstreiter der Nutztiere und als Ernteschädlinge betrachtet wurden. Wie so oft ist es aber neben der Bejagung auch der Verlust von geeignetem Lebensraum, der den Grossen Kudus in Teilen des Artverbreitungsgebiets zu schaffen macht. Da sie insgesamt erfolgreicher sind als viele andere grosse Antilopen, weil sie als «Browser» auch auf ehemaligen Anbau- und Weideflächen sowie als «Grauer Geist» in leicht besiedelten Regionen ein Auskommen zu finden vermögen, gilt ihre Lage jedoch gegenwärtig nicht als Besorgnis erregend.




Legenden

Der Grosse Kudu (Tragelaphus strepsiceros) gehört zu den stattlichsten Antilopen Afrikas. Erwachsene Individuen weisen eine Schulterhöhe von 110 bis 160 Zentimetern und ein Gewicht zwischen 120 und 315 Kilogramm auf, wobei die graubraunen bis blaugrauen Männchen (oben) deutlich grösser und schwerer sind als die mittel- bis rotbraunen Weibchen (unten). Das Artverbreitungsgebiet erstreckt sich über weite Bereiche des östlichen und südlichen Afrikas - von Eritrea im Norden bis Südafrika im Süden.

Wie bei den meisten Antilopenarten tragen beim Grossen Kudu einzig die Männchen Hörner. Bei den jugendlichen Individuen (links) sind sie kurz und gerade nach hinten-oben gerichtet; bei den jungerwachsenen, etwa zweijährigen Individuen (Mitte) weisen sie bereits eine ganze Windung auf; und bei den ausgewachsenen, fünf und mehr Jahre alten Individuen (rechts) sind es dann die maximalen zwei bis zweieinhalb Windungen. Die Länge der Hörner (entlang der Windung gemessen) beträgt bei älteren Männchen im Durchschnitt etwa 120 Zentimeter, der Rekord liegt bei 187 Zentimetern.

Der Grosse Kudu ist ein typischer «Browser». Im Gegensatz zu den «Grazern» unter den Antilopen beweidet er keine Gräser, sondern streift beim Nahrungserwerb gemächlich umher und stellt sich selektiv eine möglichst abwechslungsreiche und leicht verdauliche Kost aus zarten und nahrhaften Pflanzenstoffen zusammen. Blätter, Knospen und Triebe diverser Büsche, Sträucher und Bäume bilden seine Hauptspeise.

Die jungen Grossen Kudus kommen nach einer Tragzeit von etwa acht Monaten gewöhnlich zu Beginn der Regenzeit zur Welt, wenn überall frisches Grün spriesst und das Nahrungsangebot für die säugenden Weibchen reichlich ist. Die Jungen wiegen bei der Geburt ungefähr 15 Kilogramm. Die Entwöhnung von der Muttermilch erfolgt im Alter von etwa sechs Monaten.

Nimmt der Grosse Kudu - vorne rechts im Bild - etwas Verdächtiges wahr, so flüchtet er vielfach nicht stürmisch davon, sondern schleicht sich unbemerkt durchs Gebüsch von der Gefahrenquelle weg und nutzt dabei geschickt jede Deckungsmöglichkeit. Dass er trotz seiner stattlichen Körpergrösse scheinbar spurlos zu verschwinden vermag, hat ihm in Afrika den Beinamen «Grauer Geist» eingetragen.




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