Grosser Kudu

Tragelaphus strepsiceros


© 2009 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Numisbriefe Kollektion)



Der Grosse Kudu (Tragelaphus strepsiceros) gehört zu den stattlichsten Antilopen Afrikas. Erwachsene Individuen weisen eine Kopfrumpflänge von 185 bis 245 Zentimetern und eine Schulterhöhe von 110 bis 160 Zentimetern auf, wobei die graubraunen bis blaugrauen Männchen deutlich grösser und kräftiger gebaut sind als die mittel- bis rotbraunen Weibchen. Das Gewicht liegt bei Ersteren zwischen 190 und 315, bei Letzteren zwischen 120 und 215 Kilogramm.

Wie bei den meisten Antilopenarten tragen beim Grossen Kudu nur die Männchen Hörner. Es sind schraubig nach hinten-oben gewundene Gebilde, deren Länge bei den älteren Individuen meistens um 120 Zentimeter, in Ausnahmefällen aber bis über 180 Zentimeter beträgt.

Das Artverbreitungsgebiet des Grossen Kudus erstreckt sich über weite Bereiche des östlichen und des südlichen Afrikas - von Eritrea im Norden bis Südafrika im Süden. Innerhalb dieses Areals bewohnt der imposante Paarhufer - im Flach-, Hügel- und Bergland zwischen 0 und 2400 Metern ü.M. - vorzugsweise Trockenländer mit dichter, halbhoher Vegetation. Insbesondere liebt er Gegenden mit viel Gebüsch, wie er sie vor allem in Buschsavannen sowie in lichten Akazien- und Mopane-Baumsavannen vorfindet. Auch verbuschtes ehemaliges Pflanz- und Weideland behagt ihm. Offene Grasländer sowie geschlossene Waldungen meidet er hingegen.

Der Grosse Kudu ist ein ausgeprägter «Browser». Im Gegensatz zu den «Grazern» unter den Antilopen beweidet er keine Gräser, sondern streift beim Nahrungserwerb gemächlich umher und stellt sich selektiv eine möglichst abwechslungsreiche und leicht verdauliche Kost aus zarten und nahrhaften Pflanzenstoffen zusammen. Blätter, Knospen und Triebe diverser Büsche, Sträucher und Bäume bilden seine Hauptspeise.

Die weiblichen Grossen Kudus bilden mit ihresgleichen und deren Jungen zusammen kleine, ortstreue Gruppen von gewöhnlich fünf bis zehn und maximal etwa fünfzehn Individuen. Angeführt wird jede Gruppe von einem älteren, dominanten Weibchen.

Die jungen Männchen müssen die mütterliche Gruppe bei Erreichen der Geschlechtsreife verlassen. Zunächst bilden sie mit anderen Männchen zusammen kleine Trupps, deren Zusammensetzung immer wieder ändert. Später werden sie ihresgleichen gegenüber immer unverträglicher - bis sie schliesslich im Alter von fünf bis sechs Jahren, wenn sie ganz ausgewachsen sind, allein umherstreifen. Solche Einzelgänger finden sich jeweils zur Brunftzeit bei den ansässigen Weibchengruppen ein, um sich mit den brünftigen Weibchen zu paaren.

Die jungen Grossen Kudus kommen in der Regel als Einzelkinder nach einer Tragzeit von etwa acht Monaten zur Welt, und zwar gewöhnlich zu Beginn der Regenzeit, wenn überall frisches Grün spriesst und das Nahrungsangebot für die säugenden Weibchen reichlich ist. Die Jungen wiegen bei der Geburt ungefähr 15 Kilogramm. Die Entwöhnung von der Muttermilch erfolgt im Alter von etwa sechs Monaten. Der Altersrekord der Grossen Kudus liegt in Menschenobhut bei 23 Jahren. In der freien Wildbahn dürfte die Lebenserwartung zehn bis fünfzehn Jahre betragen.

Die Grossen Kudus sind recht scheue und stets wachsame Antilopen. In ihrem schlecht überschaubaren Lebensraum ist ständiges Sichern für das Überleben unabdingbar. Vom Menschen abgesehen müssen sie sich vor allem vor Löwen (Panthera leo), Leoparden (Panthera pardus), Afrikanischen Wildhunden (Lycaon pictus) und Tüpfelhyänen (Crocuta crocuta) in Acht nehmen. Bei Feindgefahr flüchten sie vielfach nicht stürmisch davon, sondern schleichen sich unbemerkt durchs Gebüsch von der Gefahrenquelle weg und nutzen dabei geschickt jede Deckungsmöglichkeit. Dass sich der Grosse Kudu seiner stattlichen Körpergrösse zum Trotz gewissermassen in Luft aufzulösen vermag, hat ihm in Afrika den Beinamen «Grauer Geist» eingetragen.

Mancherorts werden die Grossen Kudus von der afrikanischen Bevölkerung des Fleischs, der Haut und der Hörner wegen bejagt. Gebietsweise werden die grossen Antilopen auch verfolgt, weil sie als Nahrungswettstreiter der Nutztiere und als Ernteschädlinge betrachtet werden. Neben der Nachstellung seitens des Menschen macht den Grossen Kudus in Teilen des Verbreitungsgebiets ferner der Verlust von geeignetem Lebensraum zu schaffen.

Da die Grossen Kudus als «Browser» auch auf ehemaligen Anbau- und Weideflächen sowie als «Graue Geister» in leicht besiedelten Regionen ein Auskommen zu finden vermögen, sind sie jedoch insgesamt erfolgreicher als viele andere grosse Antilopen. Da sie überdies in zahlreichen grossen Schutzgebieten vorkommen, gilt ihre Lage derzeit nicht als Besorgnis erregend. Tatsächlich wird der Artbestand auf rund 500 000 Individuen geschätzt und gilt zumindest in den östlichen und südlichen Bereichen des Verbreitungsgebiets als ziemlich stabil.




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