Europäischer Hausen

Huso huso


© 2006 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)




FDC Artwork by Owen Bell  |  Copyright © Groth AG

Rund um den Erdball herum gibt es ungefähr 52 000 Arten von Wirbeltieren. Rund die Hälfte hiervon sind Fische; die andere Hälfte setzt sich aus den stammesgeschichtlich jüngeren Amphibien, Reptilien, Vögeln und Säugern zusammen. Die Fische werden aufgrund der Substanz, aus der ihr Skelett besteht, in zwei Sippen gegliedert: die Knorpelfische (Chondrichthyes) und die Knochenfische (Osteichthyes). Zwar bilden die Knorpelfische mit etwa 800 Arten die erheblich kleinere Sippe als die rund 25 000 Arten umfassenden Knochenfische. Jedoch finden sich unter ihren Mitgliedern die beiden weltweit grössten Fischarten: der bis 16 Meter lange Walhai (Rhincodon typus) und der bis 10 Meter lange Riesenhai (Cetorhinus maximus).

Zu den grössten Mitgliedern der Knochenfische zählt der Europäische Hausen (Huso huso), ein Stör, von dem der begehrte Beluga-Kaviar stammt und der deshalb in seinem Fortbestand bedroht ist. Von ihm soll hier berichtet werden.

 

Sechs Meter lang, anderthalb Tonnen schwer

Die Familie der Eigentlichen Störe (Acipenseridae) bildet zusammen mit der Familie der Löffelstöre (Polyodontidae) die Ordnung der Störe (Acipenseriformes). Diese ist über weite Bereiche Nordamerikas und Eurasiens verbreitet und blickt auf eine Stammesgeschichte von mehr als 200 Millionen Jahren zurück, gehört also zu den urtümlichsten aller Wirbeltiersippen. Ihre Artenzahl ist allerdings gering: Weltweit gibt es nur 2 Arten von Löffelstören und 27 Arten von Eigentlichen Stören.

Der Europäische Hausen ist - knapp vor dem Sibirischen Hausen (Huso dauricus) - das grösste Mitglied der Ordnung. Zwar steht nicht wissenschaftlich exakt fest, wie gross er maximal werden kann, da seit Jahrzehnten kein Individuum mehr so lange überlebt, dass es als einigermassen ausgewachsen betrachtet werden kann. In der Vergangenheit scheinen aber - zuverlässigen Berichten zufolge - einzelne Individuen eine Gesamtlänge von sechs Metern und ein Gewicht von über 1600 Kilogramm erreicht zu haben. Die grössten Individuen, welche in jüngerer Zeit gefangen wurden, wiesen eine Gesamtlänge von rund 4,5 Metern und ein Gewicht von knapp einer Tonne auf.

Das Verbreitungsgebiet des Europäischen Hausens war einst recht weit und erstreckte sich über das Kaspische Meer, seines Zeichens der weltweit grösste, leicht salzhaltige See, über das Schwarze Meer und dessen nördliches Seitenbecken, das Asowsche Meer, sowie über Teile des östlichen Mittelmeers einschliesslich der Adria. Letztmals wurde 1972 ein Europäischer Hausen in der Adria (im Unterlauf des Po) festgestellt. Ob es allerdings jemals eine eigentliche, ansässige Adriapopulation gab, ist fraglich. Wahrscheinlich hatte es sich stets bloss um umherstreifende Einzeltiere gehandelt, welche vom Schwarzen Meer via das Marmarameer, Ägäische Meer und Ionische Meer eingewandert waren.

Wie die meisten anderen Störe - und beispielsweise auch der Atlantische Lachs (Salmo salar) oder der Maifisch (Alosa alosa) - ist der Europäische Hausen ein so genannt «anadromer» Fisch: Er verbringt die meiste Zeit seines Lebens im Meer, also im Salzwasser, doch schwimmt er jeweils zum Ablaichen in Flüsse hinein, hat also seine Kinderstube im Süsswasser. Im Unterschied zur Mehrzahl seiner Vettern, welche sich vorzugsweise in seichten Meeresbereichen aufhalten und dort am Meeresboden nach Nahrung stöbern, schwimmt der Europäische Hausen als erwachsener Fisch im freien, küstenfernen, tiefgründigen Wasser, also in der pelagischen Meereszone, umher. Er taucht zudem tiefer als die meisten anderen Störe: Im Schwarzen Meer wurde er bis in Tiefen von 180, im Kaspischen Meer von 140 Metern verzeichnet.

In der Jugend hält sich allerdings auch der Europäische Hausen gern in seichten Küstengewässern auf. Wie andere Störe zeigt er eine Vorliebe für Gebiete mit weichem Schlickboden, vermutlich weil dort mehr und leichter Beute zu finden ist als in Gebieten mit sandigem oder steinigem Boden. Zum Opfer fallen ihm zur Hauptsache Krebstiere, Weichtiere und andere Wirbellose, die er mit Hilfe seiner vier auffälligen, tast- und geschmacksempfindlichen Bartfäden unterhalb der Schnauzenspitze wahrzunehmen vermag, während er im Meeresboden wühlt. Im Kaspischen Meer bildet heute der vom Menschen eingeführte, bis zehn Zentimeter lange Seeringelwurm (Nereis diversicolor) seine Hauptspeise.

Im Gegensatz zu den jugendlichen Tieren ernähren sich die erwachsenen Europäischen Hausen grossenteils von Fischen. Im Schwarzen Meer sind bevorzugte Beutefische die Flunder (Platichthys flesus) und andere Plattfische, verschiedene Grundeln (Familie Gobiidae) und die Europäische Sardelle (Engraulis encrasicholus), im Kaspischen Meer das Rotauge (Rutilus rutilus) sowie verschiedene Heringe (Familie Clupeidae), Meerbarben (Familie Mullidae) und ebenfalls Grundeln. Gelegentlich werden auch andere Störe erbeutet, ferner Wasservögel wie das Blesshuhn (Fulica atra) und - glaubhaften Berichten zufolge - sogar junge Kaspi-Ringelrobben (Phoca caspica).

 

Sie zogen bis nach Bayern

Die fortpflanzungswilligen Europäischen Hausen schwimmen nicht alle zur selben Jahreszeit, sondern teils im Frühling, teils im Herbst in ihre angestammten Flüsse hinein. Man nimmt an, dass es sich dabei - wie beim Lachs und bei anderen anadromen Fischen - um die Angehörigen zweier separater Fortpflanzungsgemeinschaften handelt. Die «Herbsttiere» überwintern jeweils in ihrem Heimatfluss und laichen im folgenden Frühjahr ab, während die «Frühlingstiere» stets im selben Jahr ablaichen, in welchem sie in den Fluss einschwimmen.

Die Strecken, welche die Europäischen Hausen bis zu ihren Laichplätzen zurücklegen, sind teils enorm. In der Donau konnten sie früher bis 2500 Kilometer von der Mündung entfernt beobachtet werden. Die Hauptlaichplätze befanden sich damals zwischen 1750 und 1950 Kilometer vom Schwarzen Meer entfernt in Ungarn und in der Slowakei. In diesem Bereich der Donau war der grosse Stör jedoch schon um 1925 ausgerottet. Heute versperrt ein unüberwindbarer Staudamm, welcher im Jahr 1972 rund 1000 Kilometer von der Flussmündung entfernt im Bereich der Donauenge «Eisernes Tor», an der Grenze zwischen Rumänien und Serbien, gebaut wurde, dem Europäischen Hausen den Zugang zum Oberlauf der Donau. Die hauptsächlichen Laichplätze der Art in der Donau befinden sich seither auf einer Strecke von rund 100 Kilometern direkt unterhalb dieses Staudamms.

Die weiblichen Europäischen Hausen sind aussergewöhnlich fruchtbar. Ein besonders grosses, wissenschaftlich untersuchtes Individuum enthielt einst rund acht Millionen ablaichbereite Eier. Wie bei vielen anderen Fischarten hängt die Zahl der Eier direkt von der Körpergrösse und somit stark vom Alter der Weibchen ab. Sie liegt heutzutage meistens zwischen 300 000 und 500 000 Stück. Als Laichplatz wählen die Weibchen eine in 4 bis 15 Meter Tiefe befindliche muldenförmige Stelle im Fluss mit kiesigem oder grobsandigem Grund und verhältnismässig starker Strömung. Die Besamung der Eier durch die Männchen erfolgt im freien Wasser, ausserhalb des mütterlichen Leibs, sobald sie abgelaicht werden. Die Eier werden in der Folge nicht fortgespült, sondern bleiben am Untergrund haften.

Die Entwicklungszeit der Keimlinge ist temperaturabhängig und beträgt bei 8 bis 11 Grad Celsius warmem Wasser etwa neun, bei 16 Grad warmem Wasser ungefähr sechs Tage. Im Vergleich zu ihren Eltern sind die frisch geschlüpften Jungfische winzig: Sie weisen eine Gesamtlänge von nur etwa einem Zentimeter auf. Sie schweben frei im Wasser und werden von der Strömung flussabwärts getrieben. Während der ersten paar Tage zehren sie vom verbleibenden Dottersack, der sich noch in ihrem Bauch befindet. Sobald sie eine Länge von etwa 2,5 Zentimetern erreicht haben, beginnen sie aktiv Nahrung zu suchen und einzunehmen. Die Flussmündung erreichen die jungen Europäischen Hausen - oder vielmehr die wenigen, welche die gefährliche Reise heil überstanden haben - irgendwann im Sommer. Im Alter von drei Monaten weisen sie eine Länge von zehn bis fünfzehn Zentimetern auf.

Die Geschlechtsreife tritt bei den Europäischen Hausen spät ein: Die Männchen pflanzen sich frühestens mit neun, gewöhnlich aber mit zwölf bis fünfzehn Jahren erstmals fort, die Weibchen frühestens mit zwölf, vielfach aber erst mit etwa zwanzig Jahren. In der Folge schreiten sie keineswegs alljährlich zur Fortpflanzung, denn sie verlieren während des anstrengenden Laichausflugs in ihr angestammtes Süssgewässer jeweils bis zur Hälfte ihres Eigengewichts und benötigen hernach drei bis vier Jahre (Männchen) bzw. fünf bis sechs Jahre (Weibchen), um wieder zu Kräften zu kommen und erneut für Nachwuchs sorgen zu können. Wettgemacht werden die spät eintretende Geschlechtsreife und die mehrjährigen Fortpflanzungspausen durch die erwähnte aussergewöhnliche Fruchtbarkeit und eine hohe Lebenserwartung. Wahrscheinlich könnten die Europäischen Hausen unter natürlichen Bedingungen weit über hundert Jahre alt werden; nachgewiesen sind 75 Jahre.

 

Der Stör hats schwer

Die Ordnung der Störe gehört zu jenen Wirbeltiersippen, die besonders stark unter den Machenschaften des Menschen gelitten haben. Mit Ausnahme von zwei in Nordamerika heimischen Arten - dem Roten Stör (Acipenser fulvescens) und dem Weissen Stör (Acipenser transmontanus) - gelten alle Arten als in ihrem Fortbestand gefährdet. Sechs Arten stehen sogar am Rand des Aussterbens und werden von der Weltnaturschutzunion (IUCN) als «kritisch bedroht» eingestuft.

Der Europäische Hausen gehört zwar nicht zu letzteren sechs Arten, gilt aber immerhin als «bedroht». Die Ursachen hierfür sind schnell aufgeführt: Beluga-Kaviar - die aus dem Bauch des Hausenweibchens gewonnenen Eier - ist die begehrteste aller Kaviarsorten. Gegenwärtig hat er einen Handelspreis von mehreren tausend US-Dollar je Kilogramm. Da ein grösseres Weibchen mehr als hundert Kilogramm Eier in sich tragen kann, ist der Ansporn zum Erlegen von Europäschen Hausen, ob legal oder illegal, enorm und der Fangdruck auf die Hausenbestände entsprechend immens. Hinzu kommt die Beeinträchtigung der Laichplätze als Folge der Industrialisierung Osteuropas vor allem im Laufe des 20. Jahrhunderts. Praktisch alle grösseren Flüsse, welche in das Schwarze, Asowsche und Kaspische Meer münden, weisen heute Wanderbarrieren in Form von Staudämmen zwecks Gewinnung elektrischer Energie auf. Rund neunzig Prozent der ursprünglichen Laichplätze des Europäischen Hausens dürften durch Wasserkraftwerke verloren gegangen sein. Der Ural-Fluss in Kasachstan und der Unterlauf der Donau entlang der rumänisch-bulgarischen Grenze bilden heute die beiden letzten Fliessgewässer, in denen noch eine grössere Zahl Europäischer Hausen zur Fortpflanzung schreitet. Zweifellos erfolgt im Übrigen eine erhebliche Beeinträchtigung besonders der empfindlichen Eier und der im Schlick nach Beute wühlenden Jungfische durch die Befrachtung der Flussläufe mit Schadstoffen aller Art. Genauere Bestandserhebungen - historische wie aktuelle - fehlen zwar. Der dramatische Rückgang der Fangmengen im Verlauf der letzten hundert Jahre zeigt aber unmissverständlich, dass Raubbau betrieben wird und dass die Bestände massiv geschrumpft sein müssen.

Störe stellen eine überaus wertvolle Ressource dar, welche das Bruttoinlandsprodukt von Ländern mit grösseren Störpopulationen um mehrere hundert Millionen US-Dollar im Jahr anheben kann. Aus diesem Grund sind im östlichen Europa in der Vergangenheit erhebliche Anstrengungen zur Erhaltung der Störbestände unternommen worden. Als hauptsächliche Massnahmen zu nennen sind erstens die Festlegung und Überwachung von Fangquoten und zweitens die Zucht und Freisetzung von Jungtieren. Vor dem Zerfall der Sowjetunion scheinen diese Massnahmen recht erfolgreich gewesen zu sein. Seither hat sich die Situation jedoch stark verändert: Aus wirtschaftlichen Gründen wird kaum mehr in die Aufstockung der Bestände investiert, und auch die Überwachung des Fangs und des Handels ist aus ökonomischen Gründen mangelhaft. Die Folgen sind eine enorme Zunahme des illegalen Störfangs sowie des Kaviarschmuggels.

Einige Länder der ehemaligen Sowjetunion und des einstigen Ostblocks versuchen inzwischen, diese für die Wirtschaft des Landes ebenso wie für die Störe ungute Entwicklung abzubremsen. So auch Bulgarien: 1998 wurde damit begonnen, die Bestände von vier der sechs Störarten, welche von Natur aus im Unterlauf der Donau vorkommen, mit Hilfe von Jungfischen aus Zuchtfarmen aufzustocken. Mehr als eine Million junge Störe wurden bisher ausgesetzt, darunter auch Europäische Hausen. Dies ist ein ermutigender Anfang. Die Zahl der ausgesetzten Jungfische müsste allerdings noch massiv erhöht werden, um die natürlichen Ausfälle unter den Jungfischen durch Fressfeinde und diejenigen unter den erwachsenen Fischen durch den Menschen zu kompensieren. Ausserdem müsste die internationale Zusammenarbeit verstärkt werden, denn im Hinblick auf Tiere, welche im Rahmen ihres normalen Lebenszyklus Landesgrenzen überqueren, können die Schutzanstrengungen eines einzelnen Landes nur beschränkt erfolgreich sein. Längerfristig ist für die Erhaltung, Bestandsvermehrung und nachhaltige Nutzung des Europäischen Hausens die Zusammenarbeit aller Staaten innerhalb des Verbreitungsgebiets des grossen Störs unabdingbar. Aufgrund der vielfältigen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Probleme in Europas Osten ist aber leider an einen flächendeckenden Erlass und Vollzug moderner Fischereigesetze derzeit nicht zu denken.

 

 

 

 

Legenden

Der Europäische Hausen (Huso huso) ist das grösste Mitglied der Ordnung der Störe (Acipenseridae). Die grössten Individuen, die in jüngerer Zeit gefangen wurden, wiesen eine Gesamtlänge von rund 4,5 Metern und ein Gewicht von nahezu einer Tonne auf. In der Vergangenheit sollen einzelne Individuen sogar eine Länge von sechs Metern und ein Gewicht von mehr als 1600 Kilogramm erreicht haben.

Europäische Hausen können unter natürlichen Bedingungen nachweislich 75 und wahrscheinlich sogar weit über 100 Jahre alt werden. Ihr Aussehen verändert sich mit zunehmendem Alter stark, da die in die Haut eingesenkten, in fünf Längsreihen angeordneten Knochenschilder bei Jungtieren (oberes und mittleres Bild) verhältnismässig stark entwickelt und mit einem scharfen Kiel bewaffnet sind, während sie bei älteren Individuen (unteres Bild und Bild Seite 2) immer weiter abplatten und teils sogar vollständig unter die Haut verschwinden.

Die Heimat des Europäischen Hausens sind das Kaspische, Schwarze und Asowsche Meer sowie das östliche Mittelmeer. Die Jungtiere halten sich vorzugsweise in seichten Küstengewässern auf und stöbern dort im Boden nach Krebstieren, Weichtieren und anderen Wirbellosen, wobei ihnen die tast- und geschmacksempfindlichen Bartfäden sehr dienlich sind. Die erwachsenen Tiere schwimmen hingegen zumeist im küstenfernen, tiefgründigen Wasser umher und ernähren sich dort räuberisch vor allem von Fischen.

Der Europäische Hausen oder «Beluga» und sein Vetter, der im Amur-Flussgebiet heimische Sibirische Hausen oder «Kaluga» (Huso dauricus), unterscheiden sich von den übrigen Störarten nicht allein durch ihre aussergewöhnliche Grösse. Kennzeichnend ist auch, dass bei ihnen die grosse, halbmondförmige Mundöffnung bis an den Rand der Schnauze reicht und dass die Bartfäden abgeplattet sind. Bei den anderen Stören erreicht der Mund die Schnauzenränder nicht, und deren Bartfäden sind rund.

Beluga-Kaviar - die aus dem Bauch der laichbereiten weiblichen Europäischen Hausen gewonnenen Eier - ist die begehrteste aller Kaviarsorten. Sein Handelspreis liegt bei mehreren tausend US-Dollar je Kilogramm. Entsprechend immens ist der Fangdruck auf die bereits stark geschwächten Hausenbestände. Unter anderem durch die Zucht und Freisetzung von Jungtieren wird versucht, zur Erhaltung des volkswirtschaftlich bedeutenden Störs beizutragen.




ZurHauptseite