Nördlicher Kammmolch

Triturus cristatus


© 2011 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Amphibien oder Lurche (Amphibia) bilden eine eher unauffällige und wenig beachtete Wirbeltierklasse, obschon sie mit weltweit rund 6000 Arten recht artenreich sind - artenreicher beispielsweise als die aus 5500 Arten bestehende Klasse der Säugetiere (Mammalia). Der geringe Beachtungsgrad hängt hauptsächlich damit zusammen, dass die meisten Amphibien klein sind, in feuchten Lebensräumen vorkommen und sich vornehmlich nachts umherbewegen.

Die heutigen Amphibien lassen sich in drei Ordnungen gliedern. Die grösste ist die der Froschlurche (Anura) mit rund 5600 Arten, die kleinste die der Blindwühlen oder Schleichenlurche (Gymnophiona) mit etwa 175 Arten. Die dritte Ordnung, die der Schwanzlurche (Caudata), umfasst ungefähr 600 Arten. Weltweit betrachtet ist somit etwa jede zehnte Amphibienart ein Schwanzlurch. Dies gilt allerdings nicht für Europa, wo mehr als jede dritte Amphibienart - in Zahlen: 34 von 90 Arten - ein Schwanzlurch ist.

Die meisten der in Europa heimischen Schwanzlurche gehören der Familie der Echten Salamander und Molche (Salamandridae) an. Die Ausnahmen bilden acht Höhlensalamanderarten in der Familie der Lungenlosen Salamander (Phletodontidae), der Sibirische Winkelzahnmolch (Salamandrella keyserlingii) in der Familie der Winkelzahnmolche (Hynobiidae) und der sonderbare Grottenolm (Proteus anguinus) in der Familie der Olme (Proteidae).

Von den in Europa heimischen Mitgliedern der Familie der Echten Salamander und Molche werden gegenwärtig acht Arten in der Gattung der Kamm- und Marmormolche (Triturus) zusammengefasst. Zu ihnen gehört der Nördliche Kammmolch (Triturus cristatus), von dem auf diesen Seiten berichtet werden soll.


Ein amphibisches Leben

Die Schwanzlurchart mit dem wissenschaftlichen Namen Triturus cristatus hatte früher ein erheblich weiteres Verbreitungsgebiet als heute - zumindest theoretisch. Lange Zeit wurden nämlich die Kammmolchbestände im nördlichen, westlichen, zentralen, südlichen und südöstlichen Europa sowie in Kleinasien und im angrenzenden Nahen Osten zu ein und derselben Art zusammengefasst, «dem» Kammmolch. In jüngerer Zeit wurden nun die südlichen und südöstlichen Bestände zu separaten Arten erklärt. Namentlich handelt es sich um den Donau-Kammmolch (Triturus dobrogicus), den Balkan-Kammmoch (Triturus arntzenii) und den Persischen Kammmolch (Triturus karelinii). Der «Restbestand» von Triturus cristatus wird heute im Deutschen als «Nördlicher Kammmolch» bezeichnet und behält seinen wissenschaftlichen Namen. Sein Verbreitungsgebiet ist weiterhin enorm gross und erstreckt sich von den Britischen Inseln und Westfrankreich quer durch das südliche Skandinavien sowie weite Bereiche West- und Mitteleuropas ostwärts bis nach Westsibirien in Russland.

Der Nördliche Kammmolch ist ein recht grosser Molch. Wie bei den meisten Amphibien sind die Weibchen im Durchschnitt etwas grösser als die Männchen. Sie erreichen eine maximale Länge von 18 Zentimetern, sind aber typischerweise zwischen 11 und 13 Zentimetern lang und können schon bei einer Länge von etwa 9 Zentimetern geschlechtsreif werden. Die Männchen hingegen erreichen eine maximale Länge von 15 Zentimetern, sind gewöhnlich 11 bis 12 Zentimeter lang und können bei einer Länge von 8,5 Zentimetern fortpflanzungsfähig werden. Dass die Männchen dennoch im Allgemeinen kaum kleiner erscheinen als die Weibchen, hat damit zu tun, dass sie im Unterschied zu den Weibchen einen ausgeprägten gezackten Rückenkamm sowie einen gewellten Kamm auf der Ober- und Unterseite des Schwanzes besitzen. Dies zumindest während der Fortpflanzungszeit; danach schrumpfen die Kämme jeweils stark, so dass sie zeitweilig kaum erkennbar sind.

Das altgriechische Adjektiv «amphibios» bedeutet «doppellebig», und in diesem Sinn ist der Nördliche Kammmolch ein echtes Mitglied der Amphibiensippe: Er bewohnt einerseits im Verlauf seines Lebens und andererseits im Verlauf des Jahres sowohl aquatische als auch terrestrische Lebensräume. Zum einen verbringt er seine Jugend als Larve im Wasser und geht hernach zum Leben an Land über. Zum anderen verbringt er als erwachsenes Tier die meiste Zeit des Jahres als nächtlicher Kleintierjäger an Land, kehrt aber alljährlich im Frühling für ein paar Tage oder Wochen ins Wasser zurück, um sich dort der Fortpflanzung zu widmen.

Als Laichgewässer und Lebensraum während der Fortpflanzungszeit wählt der Nördliche Kammmolch kleine bis mittelgrosse Teiche mit einer Wasseroberfläche von etwa 50 bis 250 Quadratmetern. Manchmal bewohnt er auch Entwässerungsgräben oder Sumpfgebiete, selten jedoch grössere Seen oder Fliessgewässer. Sehr wichtig ist ihm eine üppige Unterwasservegetation, ein Gräuel sind ihm hingegen Fische, denn solche gehören zu den schlimmsten Fressfeinden der Larven und manchmal auch der erwachsenen Tiere.

Die Wanderung der Nördlichen Kammmolche zu ihren Laichgewässern fällt in den meisten Bereichen des Verbreitungsgebiets schwergewichtig in die Zeit von Mitte Februar bis Mitte April. Im Unterschied zu vielen Fröschen und Kröten, welche oft innerhalb weniger Tage in grosser Zahl von ihren Winterquartieren zu den Laichgewässern wandern, erscheinen die Nördlichen Kammmolche über mehrere Wochen hinweg gestaffelt an denselben.


Die Eier werden eingetütet

Hat ein Männchen sein Laichgewässer erreicht, sucht und besetzt es einen geeigneten Balzplatz, den es mit Drohgebärden gegen andere Männchen verteidigt. Sind wenige Männchen anwesend und ist demzufolge die Konkurrenz zwischen ihnen gering, so kann ein Männchen mehrere Balzplätze in ein und derselben Nacht aufsuchen und sich dort zur Schau stellen.

Dabei führt es verschiedene ritualisierte Bewegungen aus und versucht so, die Aufmerksamkeit laichwilliger Weibchen auf sich zu lenken. Zeigt ein Weibchen Interesse, macht das Männchen wiederholt einen «Katzenbuckel» und bewegt gleichzeitig seinen Schwanz wellenförmig, wodurch es chemische Lockstoffe (Pheromone) in Richtung des Weibchens fächelt. Geht das Weibchen auf die Werbung des Männchens ein, so bewegt es sich auf dasselbe zu. Das Männchen dreht sich daraufhin um und entfernt sich vom Weibchen. Dieses folgt ihm nach und berührt schliesslich mit der Schnauzenspitze seinen Schwanz. Auf dieses Signal hin setzt das Männchen ein Samenpaket (Spermatophore) auf dem Gewässergrund ab und geht weiter. Das Weibchen positioniert sich anschliessend so über der Spermatophore, dass es diese mit seiner Kloake aufzunehmen vermag. Die Befruchtung der Eier erfolgt somit innerhalb des Körpers des Weibchens, ohne dass eine eigentliche Begattung stattgefunden hat.

Das Ablaichen der Eier ist bei den Nördlichen Kammmolchen im Unterschied zur Situation bei vielen Fröschen und Kröten eine langwierige Angelegenheit. Ein ausgewachsenes Weibchen erzeugt nämlich während einer Fortpflanzungssaison 200 bis 300 Eier und klebt jedes einzelne Ei sorgfältig in ein mit Hilfe der Hinterbeine zu einer «Tüte» umgefaltetes Blatt einer Wasserpflanze. Mehr als zehn Tüten schafft es nicht pro Nacht. Die Eier weisen einen Durchmesser von nur etwa 2 Millimetern auf, sind aber in eine klebrige, 4 bis 5 Millimeter lange Gelatinekapsel eingebettet, welche dafür sorgt, dass das Blatt fest um das Ei herum gewickelt bleibt. Im westlichen Mitteleuropa konzentriert sich das Ablaichen auf die Monate April und Mai.


Lebenserwartung bis 16 Jahre

Die Entwicklung der Keimlinge in den Eiern dauert je nach der Wassertemperatur unterschiedlich lang. In einem warmen, sonnigen Teich kann sie spät im Frühling bloss sieben Tage dauern, in stark beschatteten, kühleren Teichen bis vier Mal so lang. Der Durchschnitt liegt bei zwei bis drei Wochen. Beim Schlüpfen weist die Larve eine Länge von ungefähr einem Zentimeter auf und hat einen langen Schwanz mit einem breiten vertikalen Flossensaum sowie ein Paar gefiederte Aussenkiemen. An den Kopfseiten verfügt sie über ein Paar gliedmassenartige Stützorgane, so genannte Haftfäden. Die echten Gliedmassen hingegen sind zu diesem Zeitpunkt noch nicht entwickelt.

Anfänglich halten sich die Larven die meiste Zeit mit Hilfe ihrer Haftfäden an Pflanzenteilen fest und schwimmen wenig. Sie haben noch keinen funktionstüchtigen Mund und zehren vom Rest ihres Dottersacks. Alsbald entwickelt sich aber ein Mund, die Haftfäden bilden sich zurück, die Vordergliedmassen wachsen aus und die gefiederten Kiemen nehmen erheblich an Grösse zu. Wenig später erscheinen auch die Hintergliedmassen. Die Larven bewegen sich nun aktiv - schwimmend wie kriechend - im Gewässer umher, und zwar hauptsächlich nachts, manchmal aber auch am Tag. Sie sind sehr gefrässig und bejagen ein breites Spektrum von Beutetieren. In der ersten Zeit bilden sehr kleine aquatische Wirbellose wie die zu den Krebstieren gehörenden Daphnien (Daphnia) und Ruderfusskrebschen (Copepoda) sowie Mückenlarven wichtige Beutetiere. Je grösser die Kammmolchlarven werden, desto grössere Beute machen sie. Gegen Ende der Larvenzeit zählen sogar kleine Kaulquappen von Fröschen und Kröten sowie Larven von Schwanzlurchen, darunter solche der eigenen Art, zu ihren Opfern.

Im Alter von 12 bis 15 Wochen verwandeln sich die Larven schliesslich zu kleinen Ebenbildern ihrer Eltern: Die Gliedmassen und der Schwanz werden kräftiger, die Kiemen und der Schwanzflossensaum bilden sich zurück. Die Haut wird oberseits dunkel und warzig, unterseits orange. Sie schwimmen in der Folge nur noch wenig umher und verbringen die meiste Zeit am Gewässergrund.

Die Metamorphose ist normalerweise etwa 16 Wochen nach dem Schlüpfen abgeschlossen. Die Grösse der Tiere ist zu diesem Zeitpunkt je nach dem Nahrungsangebot während der larvalen Entwicklungszeit sehr unterschiedlich und liegt zwischen 4,5 und 9 Zentimetern, normalerweise aber bei 6 bis 7,5 Zentimetern. Noch lassen sich die männlichen und die weiblichen Tiere nicht voneinander unterscheiden, da die Männchen ihren auffälligen Rückenkamm erst bei Erreichen der Geschlechtsreife entwickeln. Diese tritt im Alter zwischen zwei und vier Jahren ein, wobei die Männchen normalerweise etwas «frühreifer» sind als die Weibchen. Wie viele andere Amphibien haben die Nördlichen Kammmolche eine recht hohe Lebenserwartung. In der freien Wildbahn können sie nachweislich bis 16 Jahre alt werden.

Normalerweise im August oder frühen September verlassen die Jungmolche ihr Geburtsgewässer und gehen zu einem Leben an Land über. Zu diesem Zeitpunkt sind die allermeisten erwachsenen Individuen ebenfalls bereits abgewandert. Interessanterweise variiert die Zeit, die die erwachsenen Individuen im Bereich des Laichgewässers verbringen, beträchtlich. Ein Grosssteil von ihnen verlässt das Gewässer nach etwa zehn Tagen, um sich ausserhalb desselben der Nahrungssuche zu widmen. Viele, insbesondere die laichbereiten Weibchen, kehren aber im Verlauf des Frühlings und Frühsommers wiederholt zum Gewässer zurück und verbringen eine gewisse Zeit darin.

An Land sind die Nördlichen Kammmolche wie die meisten Amphibien gewöhnlich nachts aktiv. Sie erscheinen jeweils bei Einbruch der Dunkelheit aus ihrem feuchten, sicheren Unterschlupf unter einem Fels oder einem umgestürzten Baumstamm, in einem Baumstrunk oder in einer Uferhöhlung. Am aktivsten sind sie in feuchten, warmen Nächten nach Regen. Auf die Pirsch gehen sie gewöhnlich in naturnahem, reich strukturiertem Gras- Busch- und Waldland und ernähren sich von einem breiten Spektrum wirbelloser Kleintiere, darunter Erdwürmer, Schnecken, Asseln, Spinnen und Insekten sowie deren Larven.

Sinken die nächtlichen Temperaturen im Herbst unter 5 Grad Celsius, ziehen sich die Nördlichen Kammmolche für den Winterschlaf zurück. Sie beziehen einen sicheren Unterschlupf, oft in einem Wald, wo die Kronendecke der Bäume die Temperaturschwankungen etwas mildert, graben sich dort tief in die lockere Erde ein, vermindern ihre Stoffwechselaktivitäten auf ein Minimum - und erscheinen erst wieder, wenn die Temperaturen im Frühling nachts wieder über 5 Grad Celsius ansteigen.

In geeigneten Lebensräumen scheinen die Nördlichen Kammmolche ein ziemlich ortstreues Leben zu führen. Die meisten erwachsenen Individuen entfernen sich das ganze Jahr über höchstens etwa 250 Meter von ihrem Laichgewässer. Auch sind ihre nächtlichen Streifzüge im Allgemeinen sehr kurz. Die jugendlichen Tiere hingegen streunen teils kilometerweit umher und legen unter Umständen mehr als hundert Meter in einer einzigen Nacht zurück, bevor sie sich an einem neuen Laichgewässer niederlassen.


Kleingewässer werden immer rarer

Der Nördliche Kammmolch kommt in vielen Bereichen seines Verbreitungsgebiets in ihm zusagenden Lebensräumen noch ziemlich häufig vor und gilt derzeit nicht als in seinem Fortbestand gefährdet. Wie die meisten anderen Amphibien scheint er sich jedoch nicht sonderlich schnell an veränderte Lebensbedingungen anpassen zu können, weshalb seine Bestände in vom Menschen umgekrempelten Landschaften teils beträchtlich zurückgegangen sind.

Insbesondere scheinen die Verschmutzung der Gewässer mit Umweltchemikalien aller Art und die Trockenlegung von Feuchtgebieten und Kleingewässern ein grosses Problem für ihn darzustellen. Kleine bis mittelgrosse Teiche sowie feuchte, naturnahe Grasländer, Hecken und Waldungen, die ihm als bevorzugter Lebensraum dienen, bilden seit Jahrzehnten genau diejenigen Landschaftsbereiche, welche von Menschen zwecks Gewinnung zusätzlicher Anbauflächen zerstört werden. Geht diese Entwicklung ungehemmt weiter, schwinden die Bestände des Nördlichen Kammmolchs zwangsläufig mehr und mehr und werden seine Bestände immer stärker zerstückelt. Letztlich könnte die ganze Art in Bedrängnis geraten.




Legenden

Der Nördliche Kammmolch (Triturus cristatus), eines von weltweit rund 600 Mitgliedern der Ordnung der Schwanzlurche (Caudata), weist als erwachsenes Tier gewöhnlich eine Länge von 11 bis 13 Zentimetern auf, wobei die Weibchen im Durchschnitt etwas grösser sind als die Männchen. Dass die Männchen - zumindest während der Fortpflanzungszeit - kaum kleiner erscheinen als die Weibchen, ist darauf zurückzuführen, dass die dann einen ausgeprägten Rücken- und Schwanzkamm tragen.

Das Verbreitungsgebiet des Nördlichen Kammmolchs erstreckt sich von den Britischen Inseln und Westfrankreich im Westen quer durch das nördliche und zentrale Europa bis nach Westsibirien im Osten. Als Laichgewässer und Lebensraum während der Fortpflanzungszeit wählt der mittelgrosse Schwanzlurch vorzugsweise kleine bis mittelgrosse, üppig bewachsene, fischfreie Teiche.

Als erwachsenes Tier führt der Nördliche Kammmolch ein echt «amphibisches» Leben: Alljährlich im Frühling lebt er ein paar Tage oder Wochen lang im Wasser und widmet sich dort der Fortpflanzung. Die restliche Zeit des Jahres verbringt er an Land und betätigt sich als nächtlicher Kleintierjäger. Zu seinen Opfern gehören wirbellose Kleintiere aller Art, darunter Erdwürmer, Schnecken, Asseln, Spinnen und Insekten sowie deren Larven.

Die weiblichen Nördlichen Kammmolche kleben die 200 bis 300 Eier, die sie je Fortpflanzungssaison erzeugen, einzeln an Blätter von Wasserpflanzen. Die Entwicklung der Keimlinge in den Eiern (oben) dauert 2 bis 3 Wochen, das Leben als kiementragende Larve (links) etwa 16 Wochen lang. Nördliche Kammmolche können in der freien Wildbahn nachweislich bis 16 und in Menschenobhut sogar bis 28 Jahre alt werden.

Noch kommt der Nördliche Kammmolch in vielen Bereichen seines Verbreitungsgebiets in ihm zusagenden Lebensräumen recht häufig vor und gilt darum nicht als in seinem Fortbestand gefährdet. Wie die meisten Amphibien scheint er sich jedoch nicht sonderlich schnell an veränderte Lebensbedingungen anpassen zu können, weshalb seine Bestände in vom Menschen umgekrempelten Landschaften teils beträchtlich zurückgegangen sind.




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