Südlicher Karakara

Phalcoboenus australis


© 2008 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)






Artwork © Owen Bell



Der Südliche Karakara (Phalcoboenus australis), auch Falkland-Karakara genannt, ist ein Greifvogel, der einzig auf ein paar Inseln im Bereich der Südspitze Südamerikas vorkommt. Das grösste Brutvorkommen findet sich auf den Falklandinseln, einem Britischen Abhängigen Aussenterritorium. Kleinere Brutvorkommen gibt es auf chilenischen und argentinischen Inseln im Bereich des Feuerland-Archipels, darunter Isla de los Estados, Navarino und Grévy. Aufgrund seines beschränkten Verbreitungsgebiets und seines geringen Artbestands zählt der Südliche Karakara zu den seltensten Greifvögeln unseres Planeten.


Ein Mitglied der Falkenfamilie

Innerhalb der Ordnung der Greifvögel (Falconiformes) gehört der Südliche Karakara zur Familie der Falken (Falconidae) und da zur Unterfamilie der Geierfalken (Polyborinae). Diese umfasst zehn Arten in vier Gattungen. Alle Arten sind in der Neuen Welt zwischen dem südlichen Nordamerika und der Südspitze Südamerikas heimisch. Ein paar, darunter der Nördliche Schopf- oder Hauben-Karakara (Caracara cheriway) und der Gelbkinn-Karakara (Daptrius ater), kommen sehr weit verbreitet vor und sind gebietsweise häufig. Andere haben begrenzte Verbreitungsgebiete und kleine Populationen. Zu letzteren gehören alle vier Mitglieder der Gattung Phalcoboenus.

Die Phalcoboenus-Karakaras sehen einander alle sehr ähnlich und führen eine ähnliche Lebensweise. Sie vertreten einander geografisch, das heisst sie kommen in separaten, aneinander grenzenden Bereichen vor, und zwar entlang der Anden, jener mächtigen Gebirgskette, die sich von Norden nach Süden durch ganz Südamerika erstreckt. Der nördlichste der vier Vettern ist der Klunker-Karakara (Phalcoboenus carunculatus), der in Höhen von 3000 bis 4000 Metern ü.M. im nördlichen Ecuador und im südlichen Kolumbien vorkommt. Südlich des Klunker-Karakaras lebt der Anden-Karakara (Phalcoboenus megalopterus); er kommt vom südlichen Ecuador durch Peru, das westliche Bolivien und das nördliche Argentinien bis zum zentralen Chile vor. Auch er ist ein Hochgebirgsvogel, der gewöhnlich in Höhen zwischen 2000 und 4000 Metern ü.M. lebt und nur ganz im Süden seines Verbreitungsgebiets auch zwischen 1000 und 2000 Metern ü.M. anzutreffen ist. Südlich des Anden-Karakaras wiederum findet sich der Weisskehl-Karakara (Phalcoboenus albogularis). Er ist vom südlichen Chile und südlichen Argentinien bis zur Hauptinsel des Feuerland-Archipels (Isla Grande) verbreitet und hält sich hauptsächlich in Höhen von 0 bis etwa 2000 Metern ü.M. auf. Nur in den nördlichsten Bereichen seines Verbreitungsgebiets, in Chile, steigt er örtlich bis in Höhen von 3000 Metern ü.M. auf. Der Südliche Karakara schliesslich kommt südlich und östlich des Weisskehl-Karakaras vornehmlich in Küstenbereichen, in Höhen von 0 bis ungefähr 500 Metern ü.M., vor.

Der Name «Karakara» ist übrigens indianischen Ursprungs und bezog sich ursprünglich einzig auf den Nördlichen Schopf-Karakara, genauer auf dessen harten, knarrenden Ruf. Es handelt sich also um einen onomatopoetischen (lautmalerischen) Namen.


Folgen sie der Bergmannschen Regel?

Der Südliche Karakara ist der grösste der vier Phalcoboenus-Arten. Seine Gesamtlänge bemisst sich auf 53 bis 63 Zentimeter, wobei die Weibchen durchschnittlich etwas grösser sind als die Männchen. Die Männchen wiegen gewöhnlich bis zu 1200, die Weibchen bis zu 1500 Gramm.

Die vier Phalcoboenus-Arten scheinen auf den ersten Blick der so genannten «Bergmannschen Regel» zu folgen, welche auf den Beobachtungen des deutschen Anatomen Carl Bergmann (1814-1865) beruht. Sie besagt, dass bei den warmblütigen Tieren, also den Vögeln und den Säugetieren, die Individuen derselben Art - bzw. die Arten derselben Gattung, derselben Familie oder eines anderen Verwandtschaftskreises - in den kälteren Klimabereichen ihres Verbreitungsgebiets durchschnittlich grösser sind als in den wärmeren. So sind beispielsweise die auf der nördlichen Erdhalbkugel heimischen Braunbären (Ursus arctos) oder Wölfe (Canis lupus) mit zunehmender geografischer Breite im Durchschnitt immer grösser. Umgekehrt nimmt beispielsweise bei den auf der südlichen Erdhalbkugel heimischen Pinguinen die Körpergrösse vom Kaiserpinguin, der in der Antarktis heimisch ist, bis zum Galapagos-Pinguin, der am Äquator lebt, kontinuierlich ab. Dieses Phänomen hat damit zu tun, dass bei einem grossen Körpervolumen die Körperoberfläche relativ kleiner ist als bei einem kleinen, weil sich die Oberfläche zwei-, das Volumen hingegen dreidimensional verhält. Ein kleines Individuum derselben Art verliert folglich über seine Oberfläche relativ mehr Wärme als ein grosses, und darum haben grössere Arten in kalten Klimazonen Überlebensvorteile gegenüber kleineren.

Tatsächlich nimmt bei den vier Phalcoboenus-Arten die Körpergrösse von Norden nach Süden ab. Ob dieser Umstand jedoch mit der Bergmannschen Regel zu tun hat, ist sehr fraglich, weil die beiden kleineren Phalcoboenus-Arten wie erwähnt im Hochgebirge zu Hause sind, wo das Klima mindestens ebenso frostig ist wie in den tiefen Lagen, wo sich die beiden grösseren Arten aufhalten.


Fussgänger und Aasesser

Unter einem Falken stellen wir uns im Allgemeinen einen besonders flugtüchtigen Vogel vor, der wendig und pfeilschnell Jagd auf lebende Kleintiere macht. Für die meisten Mitglieder der Falkenfamilie trifft dies auch zu. Die Geierfalken jedoch ähneln - wie ihr Name andeutet - den Altweltgeiern (Aegypiinae): Sie ernähren sich vornehmlich von toten und sterbenden Tieren, und sie sind die meiste Zeit zu Fuss unterwegs.

Der Südliche Karakara geht zur Hauptsache entlang der Meeresküsten auf die Nahrungssuche. Während der Brutsaison im südlichen Frühling hält er sich fast ständig im Bereich der Brutkolonien von Pinguinen, Albatrossen und weiteren Meeresvögeln auf. Auf den Falklandinseln befindet sich einer seiner bedeutendsten Bestände - auf dem südlich der Insel West-Falkland gelegenen Bird Island - im Bereich der umfangreichen Kolonien der zur Familie der Sturmvögel (Procellariidae) gehörenden Schlankschnabel-Walvögel (Pachyptila belcheri). Die Karakaras ernähren sich im Bereich der Meeresvogel-Brutkolonien hauptsächlich von toten und sterbenden Jung- wie Altvögeln. Ob - und falls ja in welchem Ausmass - sie auch Eier und gesunde Nestlinge erbeuten, ist nicht geklärt.

Auf den Falklandinseln dauert die Brutsaison der Meeresvögel, während der sich dieselben im Bereich ihrer Brutkolonien aufhalten, nur etwa zwei Monate. Ausserhalb der Brutsaison verteilen sie sich teils über die Küstenstriche in der näheren und weiteren Umgebung, teils begeben sie sich aufs offene Meer hinaus und wandern weit umher. So oder so entfallen sie nach der Brutsaison als überreiche Nahrungsquelle für die Karakaras - weshalb dieselben während den restlichen rund zehn Monaten des Jahres erheblich mehr Zeit und Energie aufwenden müssen, um satt zu werden. Es überrascht darum nicht, dass die Südlichen Karakaras zur gleichen Zeit zur Brut schreiten wie «ihre» Meeresvögel, wenn also der Tisch reich gedeckt ist.

Im Unterschied zu vielen anderen Mitgliedern der Falkenfamilie bauen die Karakaras beachtliche Nester aus Ästen und Zweigen. Die tiefe Nestmulde polstern sie mit trockenem Gras, Schafwolle und anderen weichen Stoffen aus. Die Südlichen Karakaras bauen ihre Nester auf dem Boden, gewöhnlich zwischen den überhängenden Büscheln der auf den Falklandinseln weit verbreiteten, teils mannshohen Tussock- oder Bültengräser, nicht selten aber auch auf Simsen oder in Nischen von Küstenklippen.

Mit dem Bau eines neuen oder der Reparatur eines alten Nests beginnen die Paare im frühen Frühling, im September und Oktober. In dieser Zeit zeigen die Vögel häufig ritualisiertes Balzverhalten. Unter anderem stehen Männchen und Weibchen entweder Seite an Seite oder einander gegenüber, legen ihren Kopf gleichzeitig nach hinten auf den Rücken und äussern mehrfach einen hohen, rauen Zweitonruf. Es ist nicht bekannt, ob die Südlichen Karakaras monogam leben, also feste Paarbeziehungen über viele Jahre hinweg pflegen. Da dies aber bei den meisten Greifvögeln der Fall ist, könnte es gut auch für sie zutreffen.

Das direkte Umfeld seines Nests verteidigt das Karakarapaar während der Brutsaison unnachgiebig gegenüber sämtlichen fremden Artgenossen. Dennoch kann die Nestdichte gebietsweise recht hoch sein. Auf Bird Island beispielsweise wurden schon mehr als dreissig Nester auf einer Fläche von nur einem Quadratkilometer festgestellt.

Die Eiablage erfolgt im Oktober oder November. Das Gelege umfasst normalerweise zwei oder drei, manchmal aber auch vier oder sogar fünf dicht schwarzbraun gefleckte Eier. Diese werden während ungefähr vier Wochen von den beiden Altvögeln abwechslungsweise bebrütet. Auch die Nestlinge werden in der Folge von den Altvögeln partnerschaftlich betreut. Im Alter von etwa acht Wochen sind die Jungvögel flügge.

Die meisten Südlichen Karakaras, Jung- wie Altvögel, verlassen ihre Brutplätze im Februar und streichen in der Folge halbnomadisch umher. Die überreiche Nahrungsquelle in Form von Meeresvogelkolonien ist dann versiegt, so dass sie anderswo auf Futtersuche gehen müssen. Auf den Falklandinseln besuchen sie oft in kleinen Trupps die verstreut liegenden Gehöfte der Schaffarmer, um nach Abfällen aller Art Ausschau zu halten. Sie suchen im Binnenland aber auch nach Insekten und Würmern und entlang der Küsten nach angespülten Tierleichen und anderem essbarem Strandgut. Zusätzlich ernähren sie sich von toten und sterbenden Schafen, von denen über 600 000 Individuen die dünne Grasflur des Archipels beweiden (und die alljährlich über 2000 Tonnen Wolle bester Qualität liefern). Ob sie manchmal auch gesunde Lämmer überfallen, ist wissenschaftlich nicht erwiesen. Die Schaffarmer auf den Falklandinseln sind davon aber von alters her überzeugt, und weil die Schafhaltung zwecks Wollproduktion lange Zeit den wichtigsten Wirtschaftszweig auf dem entlegenen Archipel bildete, stellten sie den Karakaras unerbittlich nach.


Keine 1000 Brutpaare mehr

1833 und 1834, als Charles Darwin anlässlich seiner Weltumsegelung auf dem Forschungsschiff «Beagle» zweimal für je sechs Wochen die Falklandinseln besuchte, welche 1832 von Grossbritannien annektiert worden waren, da war der Südliche Karakara ein recht häufiger Vogel gewesen. Darwin hielt in einem Tagebuch fest, dass «Johnny Rook», wie der Südliche Karakara im englischen Volksmund genannt wird, «überaus zahlreich» und «aussergewöhnlich zutraulich» sei, und dass er «ständig in der Umgebung der Häuser umherschleiche, um Abfälle aufzupicken».

Diese Situation änderte sich bald, denn um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde auf den Falklandinseln die Schafhaltung eingeführt. Der Südliche Karakara wurde in der Folge von den Schaffarmern massiv bekämpft, das heisst abgeschossen, mit Ködern vergiftet und in Schlagfallen erlegt. Ausserdem wurden seine Nester nach Möglichkeit zerstört. 1908 wurde der Greifvogel von der Regierung der Falklandinseln sogar offiziell als Schädling eingestuft. Wer fortan einen toten Karakara vorlegte, erhielt eine Prämie ausbezahlt.

Es ist dem damals von der Regierung eingesetzten Naturforscher James E. Hamilton zu verdanken, dass es dem Südlichen Karakara schliesslich nicht ebenso erging wie dem Falklandfuchs (Dusicyon australis), welcher 1876 aus demselben Grund ausgerottet worden war. 1922 vermerkte Hamilton, dass die Bestände des Südlichen Karakaras auf den beiden Hauptinseln West- und Ost-Falkland sehr klein geworden seien, und empfahl dringend, die Zahlung von Prämien einzustellen, weil die Regierung sich sonst «den Vorwurf gefallen lassen müsste, aktiv zur Ausrottung eines der Schmuckstücke der lokalen Vogelwelt» ermutigt zu haben.

Tatsächlich wurde die Zahlung von Prämien kurze Zeit später beendet. Die Schafhalter machten allerdings weiterhin Jagd auf den ungeliebten Greifvogel, und zwar nicht nur auf den beiden bewohnten Hauptinseln, sondern auch - anlässlich ihrer alljährlichen Schafschurbesuche - auf den unbewohnten kleinen Inseln des Archipels. So wurde dem Südlichen Karakara auf den Jason Islands ganz im Nordwesten des Archipels, einem seiner wichtigsten Rückzugsgebiete, noch bis in den 1960er-Jahren nachgestellt.

Im späten 20. Jahrhundert wurde klar, dass endlich etwas gegen die drohende Ausrottung des Südlichen Karakaras auf den Falklandinseln unternommen werden musste. 1999 wurde die Art unter Schutz gestellt. Der Abschuss eines der Vögel kann seither eine empfindliche Busse nach sich ziehen. Erfreulicherweise befinden sich mittlerweile auch alle hauptsächlichen Brutgebiete der Karakaras innerhalb der Grenzen von Naturschutzgebieten.

1997/98 und nochmals 2006 wurde der Karakarabestand auf den Falklandinseln wissenschaftlich erhoben. Die beiden Erhebungen haben gezeigt, dass der Brutbestand stabil geblieben ist und 500 bis 600 Paaren umfasst. Die Bestandsgrösse der Südlichen Karakaras, welche auf den Inseln im Bereich des Feuerland-Archipels brüten, ist zwar nicht genau bekannt, dürfte aber nach Einschätzung von Fachleuten deutlich kleiner sein als auf den Falklandinseln.

Angesichts des umfassenden Schutzes, den der Südliche Karakara selbst wie auch seine Brutplätze heute auf den Falklandinseln geniessen, sowie angesichts der Tatsache, dass der Vogel einst in erheblich grösserer Zahl auf dem Archipel vorkam, würde man eigentlich erwarten, dass seine Population anwächst und nicht bloss stabil bleibt. Weshalb keine Bestandserholung erfolgt, ist rätselhaft und soll nun durch eine wissenschaftliche Studie erforscht werden. Bis dieselbe vorliegt, gilt es, die Bestandssituation dieses gemäss Charles Darwin «neugierigen, schelmischen und zänkischen Vogels» genau im Auge zu behalten.




Legenden

Der Südliche Karakara (Phalcoboenus australis), auch Falkland-Karakara genannt, gehört innerhalb der Ordnung der Greifvögel (Falconiformes) zur Familie der Falken (Falconidae). Seine Länge bemisst sich auf 53 bis 63 Zentimeter, wobei die Weibchen durchschnittlich etwas grösser sind als die Männchen. Das Gefieder ist bei beiden Geschlechtern dunkelbraun bis schwarz und weist im Hals- und Brustbereich eine gelblichweisse Streifung auf.

Der Südliche Karakara gehört zu den seltensten Greifvögeln unseres Planeten, denn er kommt einzig auf ein paar Inseln im Bereich des Südspitze Südamerikas vor. Das grösste Brutvorkommen findet sich mit 500 bis 600 Paaren auf den Falklandinseln, wo dieses Foto aufgenommen wurde.

Die Karakaras werden im Deutschen auch als «Geierfalken» bezeichnet. Tatsächlich ähneln sie in ihrem Verhalten eher den Altweltgeiern als den «echten» Falken: Sie ernähren sich vornehmlich von toten und sterbenden Tieren, und sie sind die meiste Zeit zu Fuss unterwegs.

Im Unterschied zu den meisten anderen Mitgliedern der Falkenfamilie bauen die Südlichen Karakaras beachtliche Nester aus Ästen und Zweigen. Als Nistplatz wählen sie entweder eine geschützte Stelle zwischen den überhängenden Büscheln von Tussockgräsern oder aber eine Nische in unzugänglichen Küstenklippen.

Die Brutvögel der Falklandinseln sind dem Menschen gegenüber keineswegs ängstlich, sondern oft so zutraulich, dass sie sich ihm nähern, um ihn genauer zu inspizieren. Als besonders dreist erweist sich der Südliche Karakara: Er ist überaus neugierig und stiehlt - zum Beispiel aus unbeaufsichtigten Fototaschen - jeden Gegenstand, den er wegzutragen vermag.




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