Senegal-Klappenweichschildkröte

Cyclanorbis senegalensis


© 2010 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)




Artwork © Owen Bell



Obschon die Senegal-Klappenweichschildkröte (Cyclanorbis senegalensis) bereits 1835 wissenschaftlich beschrieben worden war und obschon sie von Senegal im Westen bis Äthiopien im Osten in einem breiten Gürtel quer durch Afrika vorkommt, wissen wir über ihre Biologie so gut wie nichts. Auch über ihre Bestandssituation liegen praktisch keinerlei Informationen vor. Dass sie dennoch von der Weltnaturschutzunion (IUCN) als «Nahezu gefährdet» eingestuft wird, ist allein auf die Einschätzung zurückzuführen, dass sie wie alle Weichschildkröten in ihrer Heimat eine grosse Delikatesse bildet und darum intensiv bejagt wird.


Weich trotz Panzer

Die Senegal-Klappenweichschildkröte gehört innerhalb der Klasse der Kriechtiere (Reptilia) zur etwa 320 Arten umfassenden Ordnung der Schildkröten (Testudines). Im Laufe ihrer mehr als 250 Millionen Jahre alten Stammesgeschichte haben sich die Schildkröten den unterschiedlichsten Lebensräumen und ökologischen Nischen angepasst, weshalb ihre Formenvielfalt heute sehr gross ist. Das Spektrum reicht von «unseren» wohlbekannten mediterranen Landschildkröten über Wüstenschildkröten in Afrika, Wasser- und Sumpfschildkröten in Nordamerika, Riesenschildkröten auf den Galapagosinseln, Flussschildkröten in Südamerika und Schlangenhalsschildkröten in Australien bis hin zu den Meeresschildkröten in allen Ozeanen.

Der Vielgestaltigkeit zum Trotz ist das namengebende Körpermerkmal der Schildkröten, der Panzer, auch heute noch bei allen Arten mit Ausnahme der Lederschildkröte (Dermochelys coriacea) vorhanden. Dass dieses Merkmal all die Jahrmillionen hindurch Bestand gehabt hat, zeigt, dass es eine aussergewöhnlich sinnvolle Erfindung der frühen Schildkröten gewesen war. In der Tat bilden die Schildkröten von alters her für ihre Fressfeinde eine harte oder zumindest zähe «Nuss», die sich schwerlich knacken lässt.

Der Panzer umschliesst den Rumpf der Schildkröten so vollständig, dass nur der Kopf, die Gliedmassen und der Schwanz herausragen. Er besteht aus einer inneren knöchernen Kapsel und einer äusseren Bedeckung aus grossen Hornschildern. Die Knochenkapsel ist entwicklungsgeschichtlich durch die Umbildung und Verschmelzung der Wirbelsäule und der Rippen sowie des Schulter- und des Beckengürtels entstanden; die Hornschilder sind Gebilde der Oberhaut und entsprechen den hornigen Schuppen und Schildern bei den anderen Reptilien. Zwar ist die Hautschicht zwischen den Knochenplatten und den Hornschildern bei den meisten Schildkröten sehr dünn, aber sie lebt und ist reichlich mit Blutgefässen und Nerven versorgt, weshalb die Tiere auf ihrem Panzer keineswegs gefühllos sind.

Einen Sonderfall innerhalb der Schildkrötenordnung bilden - von der erwähnten Lederschildkröte abgesehen - die süsswasserlebenden Weichschildkröten (Familie Trionychidae). Zum einen fehlen bei ihnen die Hornschilder; stattdessen ist die Oberhaut, welche den Knochenpanzer bedeckt, dick und lederartig zäh. Zum anderen sind bei ihnen die Zahl und sie Grösse der Knochenplatten sowohl auf der Rücken- als auch auf der Bauchseite vermindert: Auf der Oberseite fehlen insbesondere (bis auf Reste) die Randplatten, weshalb die Lederhaut im Randbereich einen beweglichen Lappen bildet, und auf der Unterseite bestehen zwischen den verbleibenden Knochenplatten breite Lücken, welche durch lederhäutige «Nähte» überbrückt werden. Des Weiteren sind der Rücken- und der Bauchpanzer nicht durch eine starre Knochen- oder Knorpelbrücke miteinander verbunden, sondern nur durch die Lederhaut. All dies hat zur Folge, dass sich eine Weichschildkröte beim Festhalten weich anfühlt. Darauf bezieht sich der Name dieser Sippe.


6 Arten haben Beinklappen

Diverse Fossilfunde zeigen, dass sich die Weichschildkröten vor etwa 120 Millionen Jahren herausgebildet hatten und in gewissen Erdepochen ausserordentlich weit verbreitet waren. Zeitweise bildeten sie selbst in Mitteleuropa häufige Fluss-, See- und Sumpfbewohnerinnen. Heute jedoch kommen Weichschildkröten nur noch in den Gewässern Asiens (einschliesslich des indomalaiischen Archipels), Afrikas und Nordamerikas vor. Auch die Artenzahl ist heute geringer als einst. Man zählt gegenwärtig noch 30 Arten.

Von den Zoologen wird die Familie der Weichschildkröten in zwei Unterfamilien gegliedert, nämlich erstens die Eigentlichen Weichschildkröten (Trionychinae) mit 11 Gattungen und 24 Arten und zweitens die Klappenweichschildkröten (Cyclanorbinae) mit 3 Gattungen und 6 Arten. Letztere verfügen, wie der Name andeutet, hinten am Bauchpanzer über seitliche Hautklappen, welche den Hinterbeinen zusätzlichen Schutz bieten, wenn diese eingezogen sind. Solche «Beinklappen» fehlen bei den Eigentlichen Weichschildkröten.

Vier der sechs Klappenweichschildkröten sind in Afrika zu Hause. Es handelt sich neben der Senegal-Klappenweichschildkröte um die Nubische Klappenweichschildkröte (Cyclanorbis elegans), die Aubry-Klappenweichschildkröte (Cycloderma aubryi) und die Sambesi-Klappenweichschild­kröte (Cycloderma frenatum). Ihre Verbreitung soll später geschildert werden. Die beiden anderen Arten sind im südlichen Asien heimisch: Die Indische Klappenweichschildkröte (Lissemys punctata) ist in Indien, Pakistan, Sikkim, Nepal, Bangladesch und Sri Lanka weit verbreitet, die Burmesische Klappenweichschildkröte (Lissemys scutata) kommt in Myanmar/Burma, Thailand und wahrscheinlich in der angrenzenden chinesischen Provinz Yunnan vor.


Einen halben Meter lang

Innerhalb der Ordnung der Schildkröten reicht das Grössenspektrum von der winzigen Gesägten Flachschildkröte (Homopus signatus), welche im südlichen Afrika beheimatet ist und eine Länge von maximal 10 Zentimetern erreicht, bis hin zur riesigen meereslebenden Lederschildkröte, welche in Ausnahmefällen eine Länge von etwa 2,5 Metern aufweisen kann. (Die Grössenangaben beziehen sich bei den Schildkröten immer auf die Rückenpanzerlänge, berücksichtigen also Kopf, Hals, Beine und Schwanz nicht, und gemessen wird stets im «Stockmass», das heisst es wird die gerade Strecke entlang der Längsachse des Panzers mit Hilfe einer Schiebelehre ermittelt und nicht mit Hilfe eines Bandmasses die gewölbte Strecke über den Panzerbogen.)

Mit einer Panzerlänge von bis zu 50 Zentimetern ist die Senegal-Klappenweichschildkröte ein recht stattliches Mitglied der Schildkrötenordnung. 1835 wurde sie durch den französischen Zoologieprofessor André Dumèril und dessen Assistenten Gabriel Bibron beschrieben und benannt. Bei dem Exemplar, das den beiden Wissenschaftlern vorlag, handelte es sich allerdings um ein nur 4,5 Zentimeter langes Jungtier, welches in Senegal durch einen Monsieur Delcambre gesammelt und dem Naturhistorischen Museum von Paris geschenkt worden war. Die wissenschaftliche Beschreibung ist deshalb für die erwachsenen Senegal-Klappenweichschildkröten nicht in allen Teilen zutreffend. Beispielsweise ist der Panzer nur bei den jungen Individuen von oben betrachtet kreisrund, bei den erwachsenen Individuen hingegen länglich oval geformt.

Bei den erwachsenen Senegal-Klappenweichschildkröten ist der Panzer oberseits variabel gefärbt - von hellbraun über oliv bis dunkelgrau - und weist manchmal kleine, dunkle Tupfen auf. Unterseits ist er weisslich, gelblich oder beigefarben und oftmals hellgrau gefleckt. Die Männchen unterscheiden sich von den Weibchen durch einen deutlich längeren und dickeren Schwanz. Zudem befindet sich bei ihnen die Kloakenöffnung etwas weiter von der Schwanzwurzel entfernt als bei den Weibchen. Beides hat damit zu tun, dass bei den Männchen die Kloake den Penis beherbergt, der bei der Begattung durch Blutzufuhr anschwillt und ausgestülpt wird.


Eine Lauer- und Stöberjägerin

Von den vier afrikanischen Klappenweichschildkröten hat die Senegal-Klappenweichschildkröte das weiteste Verbreitungsgebiet. Sie wurde bisher in 15 Ländern verzeichnet, nämlich - von West nach Ost - in Mauretanien, Senegal, Gambia, Guinea-Bissau, Mali, Elfenbeinküste, Burkina Faso, Ghana, Togo, Benin, Nigeria, Kamerun, Tschad, Sudan und Äthiopien. Innerhalb dieses Areals bewohnt sie Flüsse, Ströme, Seen und Sümpfe. Die Datengrundlage für diese Aussage ist allerdings sehr mager. Dass die Art in Flüssen vorkommt, basiert beispielsweise auf nur gerade zwei verlässlichen Berichten, nämlich einem älteren Bericht von 1937, wonach vier kleine Individuen in Gambia während der dortigen Regenzeit in einem Flusssumpf gefangen wurden, ferner ein grosses Individuum mittels einer beköderten Fangleine in einem Fluss, und einem neueren Bericht von 1979, wonach drei Individuen im Mole-Fluss in Ghana gefangen wurden und ein weiteres Exemplar beim Volta-Fluss.

Die Nubische Klappenweichschildkröte kommt in derselben Region in 7 Ländern (Ghana, Togo, Benin, Nigeria, Tschad, Sudan und Äthiopien) vor und bewohnt träg fliessende Flüsse und Sumpfgebiete. Die Aubry-Klappenweichschildkröte kommt im zentralen Afrika vor, und zwar in 4 Ländern (Zentralafrikanische Republik, Gabun, Kongo-Brazzaville und Kongo-Kinshasa). Sie soll in ruhigen Gewässern im Regenwald leben. Die Sambesi-Schildkröte schliesslich ist in 4 südostafrikanischen Ländern (Simbabwe, Mosambik, Malawi und Tansania) heimisch und besiedelt unterschiedlich grosse Fliess- und Stillgewässer.

Soweit wir wissen, hält sich die Senegal-Klappenweichschildkröte fast ständig im Wasser auf und unternimmt äusserst selten Landausflüge, obschon sie sich auf dem festen Boden geschickt und schnell fortzubewegen vermag. Einzig zum Ablegen ihrer kugelrunden, hartschaligen, weissen Eier an einer gut besonnten, sandigen Stelle verlassen die Weibchen jeweils für kurze Zeit das Wasser. Gemäss einem Bericht aus dem Jahr 1906 enthielt ein Weibchen, das zum Eierlegen das Land aufgesucht hatte, 6 Eier mit einem Durchmesser von 3,6 Zentimetern. Mehr ist über das Fortpflanzungsgeschehen bei der Senegal-Klappenweichschildkröte nicht bekannt.

Auch über die Ernährungsweise der Senegal-Klappenweichschildkröte wissen wir kaum etwas, denn von ihrem - wahrscheinlich vor allem nächtlichen - Leben im Wasser ist wenig zu erkennen. Wie die meisten Weichschildkröten dürfte sie jedoch eine tüchtige Beutegreiferin sein, die sich wenig wählerisch nach dem lokalen und saisonalen Angebot von Krebstieren, Weichtieren, Insektenlarven, Würmern, Fischen und Amphibien in ihrem Heimatgewässer richtet. Von den besser bekannten Weichschildkröten wissen wir, dass dieselben ihre Opfer gewöhnlich nicht anpirschen, sondern ihnen auflauern: Geduldig verharren sie halb oder ganz im weichen Gewässergrund eingebettet und warten, bis ein unachtsames Beutetier in ihre Nähe gelangt. Geschieht dies, so schnellen sie unvermittelt und blitzartig vor, strecken ihren langen, beweglichen Hals weit nach vorn und packen ihr Opfer mit den scharfen Schneiden ihrer Hornkiefer. Manchmal betreiben sie aber auch die Stöberjagd: Spähend und schnuppernd kriechen sie auf dem Gewässerboden umher, graben hier und dort im Untergrund, inspizieren jeden Winkel zwischen Steinen oder Wurzeln und strecken ihren Hals oft unglaublich weit vor, um einen möglichen Bissen zu begutachten.


Delikatesse und Heimtier

Die Senegal-Klappenweichschildkröte gilt gemäss der Roten Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN) als «Nahezu gefährdet». Diese Einstufung basiert nicht auf Fakten, denn Informationen zur Bestandsgrösse oder -entwicklung sind weder für die Gegenwart noch für die Vergangenheit erhältlich. Ausschlaggebend ist vielmehr, dass die Weichschildkröten selbst als auch ihre Gelege in Afrika wie in Asien von alters her als Delikatesse (und gebietsweise auch als Speise mit Heilkraft) gelten, dass sie deshalb intensiv verfolgt bzw. gesammelt werden und dass demzufolge ihre Zahl überall stark rückläufig ist.

Zu diesem Thema schrieb schon Alfred Brehm 1878 in der 2. Auflage seines «Thierlebens»: «Die bedeutende Grösse der Weichschildkröten (...) und ihr äusserst wohlschmeckendes Fleisch fordert erklärlicherweise zu einer mehr oder weniger nachdrücklichen Verfolgung heraus. Man fängt sie in Fischernetzen und mit Hilfe der Angel, erlegt sie mit der Büchse oder spiesst sie im Wasser auf, je nachdem die eine oder andere Art der Jagd üblich ist oder besseren Erfolg verspricht.» Daran hat sich leider bis heute wenig geändert.

Es kommt erschwerend hinzu, dass Senegal-Klappenweichschildkröten nachweislich auf dem Heimtiermarkt gehandelt werden. Genauere Informationen über die Zahl und die Herkunft der Tiere sind allerdings nicht erhältlich. Eine mögliche Gefahr bildet im Übrigen die teilweise starke Belastung der afrikanischen Gewässer mit ausgewaschenen Schädlingsbekämpfungsmitteln sowie weiteren Chemikalien - und damit die Verseuchung der Nahrungsgrundlage der Senegal-Klappenweichschildkröte.

Um gezielte Schutzmassnahmen zugunsten der Senegal-Klappenweichschildkröte treffen zu können, müssten wir zuerst versuchen, unser Wissen über ihre Lebensweise und ihre Bestandssituation erheblich zu erweitern. Da dies in absehbarer Zukunft wohl kaum geschehen wird, gilt es, im Sinne von Sofortmassnahmen, einerseits der übermässigen Verfolgung der Art mittels gesetzlicher Artenschutzbestimmungen und Handelsbeschränkungen einen Riegel vorzuschieben und andererseits möglichst grosse Teile ihrer aquatischen Lebensräume innerhalb gut bewachter Schutzgebiete zu sichern.




Legenden

Wie bei allen 30 Mitgliedern der Familie der Weichschildkröten (Trionychidae) ist der Knochenpanzer bei der Senegal-Klappenweichschildkröte (Cyclanorbis senegalensis) nicht mit Hornschildern bedeckt, sondern mit einer dicken, lederartigen Haut. Familientypisch sind ferner der nur flach gewölbte Panzer, die in einem beweglichen Rüssel endende Schnauze, die fleischigen Lippen und die mit fünf Zehen, aber nur drei freien Krallen ausgestatteten Schwimmfüsse.

Das Verbreitungsgebiet der Senegal-Klappenweichschildkröte erstreckt sich von Senegal im Westen bis Äthiopien im Osten in einem breiten Gürtel quer durch Afrika. Innerhalb dieses Areals bewohnt die mit «Beinklappen» ausgestattete Weichschildkröte Flüsse, Ströme, Seen und Sümpfe. Das Bild zeigt einen typischen Lebensraumausschnitt beim Gambia-Fluss nahe der Ortschaft Kédougou im Südosten Senegals.

Über die Lebensweise der Senegal-Klappenweichschildkröte ist kaum etwas bekannt, da von ihrer wahrscheinlich überwiegend nächtlichen Tätigkeit im Wasser wenig zu erkennen ist. Wie die meisten Weichschildkröten dürfte sie aber eine tüchtige Beutegreiferin sein, die sich wenig wählerisch nach dem lokalen und saisonalen Angebot von Krebstieren, Weichtieren, Insektenlarven, Würmern, Fischen und Amphibien in ihrem Heimatgewässer richtet.

Soweit wir wissen, hält sich die Senegal-Klappenweichschildkröte fast ständig im und am Wasser auf und unternimmt äusserst selten Landausflüge, obschon sie sich auf dem festen Boden geschickt und schnell fortzubewegen vermag. Einzig zum Ablegen ihrer kugelrunden, hartschaligen, weissen Eier an einer gut besonnten, sandigen Stelle verlassen die Weibchen jeweils für kurze Zeit das Wasser. Wie lange es dauert, bis die jungen Schildkröten aus den Eiern schlüpfen, wissen wir nicht. Bei anderen Arten beträgt die Entwicklungszeit der Keimling unter günstigen Bedingungen rund zehn Wochen.

Über die Bestandssituation der Senegal-Klappenweichschildkröte liegen praktisch keinerlei Informationen vor. Dass sie von der Weltnaturschutzunion (IUCN) dennoch in der Kategorie «Nahezu gefährdet» auf die Rote Liste gesetzt wurde, ist allein auf die Einschätzung zurückzuführen, dass sie wie alle Weichschildkröten in ihrer Heimat eine grosse Delikatesse bildet und darum intensiv bejagt wird.




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