Kleiner Löffler

Platalea minor


© 2010 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Familie der Ibisvögel (Threskiornithidae) gehört innerhalb der Klasse der Vögel (Aves) zur Ordnung der Schreitvögel (Ciconiiformes). Sie umfasst weltweit 32 Arten. 21 von ihnen sind Ibisse, 5 Sichler und 6 Löffler. Bei den sechs Löfflerarten handelt es sich um den Eurasiatischen Löffler (Platalea leucorodia), der in Europa und Asien weit verbreitet ist, den in Afrika heimischen Schmalschnabellöffler (Platalea alba), den in Ostasien lebenden Kleinen Löffler (Platalea minor), den auf Neuguinea und Neuseeland beheimateten Schwarzschnabellöffler (Platalea regia), den in Australien vorkommenden Gelbschnabellöffler (Platalea flavipes) und den in der Neuen Welt heimischen Rosalöffler (Platalea/Ajaja ajaja). Vom Kleinen Löffler, der auch Schwarzgesichtlöffler oder Schwarzstirnlöffler genannt wird, soll hier berichtet werden.


Ein ostasiatischer Küsten- und Zugvogel

Der Kleine Löffler ist, wie sein deutscher Name andeutet, der kleinste der sechs Vettern. Er weist eine Standhöhe von nur etwa 76 Zentimetern und ein Gewicht um 1600 Gramm auf, wobei die Männchen im Durchschnitt eine Spur grösser sind als die Weibchen. Bei den erwachsenen Individuen ist der Schnabel schwarz und das Gefieder weiss. Bei den jugendlichen Individuen ist der Schnabel graurosa, und die Handschwingen weisen schwarze Spitzen auf, welche im Flug gut erkennbar sind und erst im Alter von etwa fünf Jahren, beim Erreichen der Geschlechtsreife, verschwinden.

In seiner ostasiatischen Heimat erweist sich der Kleine Löffler als ein ausgeprägter Küsten- und ebensolcher Zugvogel. Seine Brutgebiete befinden sich im Bereich des Gelben und des Japanischen Meers, namentlich auf kleinen Inselchen westlich der Koreanischen Halbinsel, an der Küste der chinesischen Provinz Liaoning (Shenyang) und im Mündungsbereich des nordkoreanisch-russischen Grenzflusses Tumen. Seine Winterquartiere befinden sich mehrheitlich im Bereich des Südchinesischen Meers, und zwar hauptsächlich im Mündungsgebiet des Tsengwun bei Tainan auf Taiwan, in der Shenzhen-Bucht bei Hongkong und an den Küsten der chinesischen Insel Hainan. In kleineren Beständen überwintern die Kleinen Löffler aber auch auf der Insel Cheju vor Südkorea, auf den Inseln Kyushu und Okinawa in Japan und im Mündungsbereich des Roten Flusses oder Hong Song im Norden Vietnams. In jüngerer Zeit tauchten kleine Trupps im Winter ferner an den Küsten Thailands und der Philippinen sowie bei Macao und an weiteren Stellen entlang der südchinesischen Küste auf. Die wichtigsten Rastplätze, welche die Kleinen Löffler während des Zugs besuchen, befinden sich in den Buchten Yueqing, Wenzhou und Sanmen an Chinas Ostküste.


In nur 4 Stunden satt

Die Kleinen Löffler besuchen bei der Nahrungssuche Sümpfe, Flussmündungen, Überschwemmungsebenen und weitere stehende Gewässer, welche höchstens zwei bis drei Kilometer von der Küste entfernt liegen, deren Boden aus Schlick, feinem Sand oder Lehm besteht, welche auf grösseren Flächen einigermassen gleichmässig zwischen 5 und 20 Zentimeter tief sind und die so gut wie keinen Pflanzenbewuchs aufweisen. Nur Gewässer, die diesen Anforderungen genügen, erlauben es den Vögeln, nach typischer Löfflermanier Beute zu fangen. Keine Rolle spielt hingegen, ob es sich um Süss-, Brack- oder Salzwasser handelt.

Wie alle Löffler jagt der Kleine Löffler in der Regel nicht nach Sicht, sondern indem er seinen hochempfindlichen Tastsinn einsetzt. Dieser befindet sich in Form von Tastsinneszellen auf der Innenseite der Schnabelspitze unter der Hornschicht. Da die Schnabelspitze abgeplattet ist, haben besonders viele Sinneszellen Platz. Die flache Schnabelspitze stellt also einen besonders leistungsfähigen «Sensor» dar. Bei der Beutesuche taucht der Kleine Löffler seinen Schnabel beinahe senkrecht bis zum Gewässergrund ins Wasser ein, öffnet ihn ein paar Zentimeter weit, schwingt dann den Kopf halbkreisförmig nach links und nach rechts und schreitet gleichzeitig voran. Sobald eine unsichtbare Beute den Schnabel berührt, schnappt dieser reflexartig innerhalb weniger Millisekunden zu - und was immer es war, wird «blindlings» gepackt und hernach verschluckt.

Zur Beute fällt dem Kleinen Löffler ein breites Spektrum von Tieren, welche am Grund seichter Gewässer leben. Es handelt sich um Insekten und deren Larven, beispielsweise Wasserkäfer und Libellenlarven, ferner um Garnelen und andere Krebstiere, Schnecken und Würmer sowie Frösche, Kaulquappen und auch Fische bis zu einer Länge von etwa 20 Zentimetern.

Weil sich der Kleine Löffler bei der Nahrungssuche normalerweise auf seinen Tastsinn und nicht auf seine Augen verlässt, hat er gegenüber den meisten anderen Wat- und Schreitvögeln zwei erhebliche Vorteile: Zum einen spielt es keine Rolle, ob die von ihm zur Nahrungssuche besuchten Gewässer klar oder trüb sind; zum anderen ist er nicht auf das Tageslicht angewiesen, um Beute machen zu können. Tatsächlich geht er vorwiegend in der Morgen- und der Abenddämmerung auf die Jagd, doch kann er auch zu anderen Tages- und Nachtzeiten bei der Nahrungssuche beobachtet werden.

Gewöhnlich geht der Kleine Löffler nicht einzeln auf die Nahrungssuche, sondern bewegt sich in lockeren Trupps von bis zu ein paar Dutzend Individuen umher. Welchen Vorteil die gesellige Nahrungssuche bietet, ist nicht klar, denn eine methodische Zusammenarbeit, beispielsweise die Bildung von Treiberketten, ist unter den beteiligten Individuen nicht erkennbar.

Zum Ruhen suchen die Kleinen Löffler sehr verschiedenartige Plätze auf. Der Hauptanspruch an dieselben scheint zu sein, dass sie einen weiten Rundumblick gewähren und es somit für vier- wie auch zweibeinige Feinde schwierig ist, sich unbemerkt zu nähern. Befinden sich die Ruheplätze in einem Gewässer, so beträgt die örtliche Wassertiefe höchstens ein paar Zentimeter, wohl um ein schnelles Auffliegen zu erlauben. Nicht selten befinden sie sich aber auch auf Bäumen, Sträuchern oder Büschen.

Die Entfernung zwischen den Ruheplätzen und den Nahrungsplätzen kann von 0,5 bis über 10 Kilometer betragen. Im Winterquartier bei Hongkong beispielsweise beträgt sie etwa 3 Kilometer. Dort wurde im Übrigen anlässlich einer Feldstudie beobachtet, dass die Kleinen Löffler innerhalb eines typischen 24-Stunden-Tags etwa 19,5 Stunden ruhend verbrachten, etwa 4 Stunden nach Nahrung suchten und etwa eine halbe Stunde für die Ortswechsel benötigten. Der geringe zeitliche Aufwand für die Nahrungsbeschaffung lässt erkennen, welch raffiniertes und hilfreiches Instrument der Löffelschnabel darstellt.


Rätselhafte Brutpaarbildung

Beim Nahrungserwerb ebenso wie beim Fliegen von den Schlafplätzen zu den Nahrungsgründen und beim Ruhen erweisen sich die Kleinen Löffler als gesellige Vögel: Stets bilden sie kleinere oder grössere Verbände mit ihresgleichen. Und auch dem Brutgeschäft widmen sie sich in Kolonien. Bei Xing-Ren Tao an der Küste der chinesischen Provinz Liaoning befinden sich dieselben mehrheitlich auf Simsen in steilen Klippen auf küstennahen Felsinselchen. Hier treffen die Vögel gewöhnlich Ende März, Anfang April von Süden her kommend ein. Zwei oder drei Wochen später beziehen sie ihre Nistplätze - seltsamerweise ohne dass zuvor die Bildung von Brutpaaren anhand von Balzhandlungen ersichtlich gewesen ist.

Während der Brutsaison leben die Löffler monogam, und die beiden Altvögel teilen sich bei der Brut und der Jungenaufzucht partnerschaftlich in die anfallenden Aufgaben. In welchem Ausmass der Paarbund auch ausserhalb der Brutsaison bestehen bleibt, ist unklar. Einerseits gibt es kaum Hinweise dafür, dass die Paare auf dem Herbst- und dem Frühjahrszug und in ihrem Winterquartier beisammen bleiben. Andererseits zeigen die Vögel wie gesagt zu Beginn der Fortpflanzungszeit keinerlei Balz- oder anderes paarbildendes bzw. paarbindendes Verhalten. Wie die Brutpaarbildung bei den Kleinen Löfflern vonstatten geht, ist rätselhaft.

Sowohl bei Xing-Ren Tao als auch auf der nordkoreanischen Insel Dokdo werden oft alte Nester, teils auch von anderen Küstenvögeln, wiederverwendet. Die Nester bestehen aus einer wenig kunstvollen Ansammlung von Zweigen und weiteren Pflanzenteilen. Gewöhnlich beschafft das Männchen das Material, und das Weibchen verbaut dasselbe. Mit einem Durchmesser von 20 bis 80 Zentimetern können die fertigen Nester sehr unterschiedlich gross sein. Sobald das Nest bereit ist, erfolgt die Begattung. Wenige Tage später beginnt das Weibchen mit dem Eierlegen. Auf Dokdo ist dies gewöhnlich Ende Mai der Fall.

Das Gelege umfasst meistens drei Eier, welche in eintägigen Intervallen gelegt wurden. Dieselben sind weiss, haben manchmal kleine braune Tupfen und weisen eine mittlere Grösse von etwa 6,5 auf 4,3 Zentimeter und ein Gewicht von 65 bis 70 Gramm auf. Beide Altvögel beteiligen sich am Bebrüten des Geleges, wobei das Weibchen stets die ganze Nachtschicht übernimmt, das Männchen dafür rund zwei Drittel der Tagesschicht.

Die Jungen schlüpfen nach etwa 3,5 Wochen aus den Eiern. Anfänglich sind sie nackt und haben verschlossene Augenlider. Im Alter von 1 Woche ist ihnen ein Daunengefieder gewachsen, mit 2 Wochen vermögen sie im Nest umherzukrabbeln, mit 4 Wochen verlassen sie das Nest zeitweise und bewegen sich in der näheren Umgebung umher, mit 6 Wochen tragen sie ein erstes Jugendgefieder und beginnen sich im Fliegen zu üben, und mit etwa 7,5 Wochen verlassen sie zusammen mit ihren Eltern den Nistplatz. Das Brutgeschäft ist somit gewöhnlich Anfang August beendet. Wie bei den anderen Löfflern dürfte die Lebenserwartung der Kleinen Löffler unter natürlichen Bedingungen bei über 20 Jahren liegen.


Restbestand versiebenfacht

Der Kleine Löffler wurde 1849 wissenschaftlich beschrieben und benannt. Schätzungen zufolge dürfte die damalige Grösse seiner Population bei rund 10000 Individuen gelegen haben. Lange Zeit galt der weisse Küstenvogel als häufig, und es wurde ihm wenig Beachtung geschenkt. Dies änderte sich erst 1988, als es schon fast zu spät war. In diesem Jahr zeigte eine Bestandserhebung, dass insgesamt nur noch knapp 300 Kleine Löffler existierten. Die Weltnaturschutzunion (IUCN) nahm die Art daraufhin als «Kritisch bedroht» in ihre Rote Liste auf, und 1994 starteten die ostasiatischen Partnerorganisationen von BirdLife International ein länderübergreifendes Programm zur Rettung der Art. Dieses zeigte erfreulicherweise rasche Erfolge: Schon gegen Ende der 1990er-Jahre hatte sich die Population auf etwa 600 Individuen erholt, worauf die Art 2001 von der IUCN in die Kategorie «Bedroht» zurückgestuft wurde, in der sie sich heute noch befindet.

Ein Faktor, der eine wichtige Rolle beim Schwund des Kleinen Löfflers gespielt haben dürfte, ist der Koreakrieg (1950-1953). Damals wurden wahrscheinlich diverse Brutkolonien massiv beeinträchtigt oder gar zerstört. Ein zweiter Faktor, der dem Kleinen Löffler schwer zugesetzt haben dürfte, ist der Einsatz von DDT in ganz Ostasien in den 1940er- bis 1980er-Jahren. Dieses Pestizid gelangte zeitweise in grossen Mengen in seine küstennahen Nahrungsgewässer, lagerte sich an deren Boden ab und wurde vom Kleinen Löffler via seine mehrheitlich am und im Gewässergrund lebenden Beutetiere in gesundheitsschädigender Dosis eingenommen. Bei den Ibisvögeln bewirkt DDT unter anderem, dass die Weibchen Eier mit zu dünner Schale erzeugen, so dass diese beim Bebrüten häufig zerbrechen und der Fortpflanzungserfolg stark zurückgeht.

Ein dritter Faktor, der den Kleinen Löfflern vor allem in den letzten Jahrzehnten zu schaffen macht, heisst Lebensraumzerstörung. Die küstennahen Sumpf- und anderen Feuchtgebiete, die sie beim Nahrungserwerb nutzen, werden von der in Ostasien sich mächtig ausbreitenden menschlichen Bevölkerung eines um das andere für ihre Zwecke umgewandelt. Beispielsweise sollen im Bereich des Winterquartiers bei Macao, wo inzwischen rund zwei Prozent der Löfflerpopulation überwintern, Spielkasino-Neubauten errichtet werden, und im Bereich des wichtigsten Winterquartiers des Kleinen Löfflers bei Tainan auf Taiwan sollen ein Universitätsgelände und ein internationaler Flughafen entstehen. Vielerorts entlang der chinesischen Festlandküste werden im Übrigen Sumpfgebiete in Zuchtbecken für Speisefische und Garnelen umgewandelt.

Immerhin bilden in den meisten Ländern, in denen der Kleine Löffler vorkommt, direkte Nachstellungen seitens des Menschen keine Gefahr. Unter striktem gesetzlichem Schutz steht die Art inzwischen in China (einschliesslich Hongkong und Macao), Taiwan, Nord- und Südkorea sowie Japan. Ferner sind verschiedene Brutinseln, darunter Dokdo, und mehrere Winterquartiere, darunter Tien Hai und Xuan Thuy im Mündungsbereich des Roten Flusses in Vietnam, als Vogel- oder Naturschutzgebiete ausgewiesen.

Tatsächlich sieht die Zukunft für den Kleinen Löffler heute nicht mehr allzu düster aus. 2010 wurde von den ostasiatischen Partnerorganisationen von BirdLife International ein neuer Aktionsplan zugunsten der Art veröffentlicht, der einerseits von zahlreichen erfolgreichen Projekten berichtet, andererseits diverse neue Projekte für eine weitere Verbesserung der Bestandssituation vorstellt - und der nicht zuletzt das Ergebnis der 2008 in den Winterquartieren durchgeführten Bestandserhebung nennt: Es konnten wieder mehr als 2000 - exakt 2065 - Kleine Löffler gezählt werden!




Legenden

Der Kleine Löffler (Platalea minor) gehört innerhalb der Ordnung der Schreitvögel (Ciconiiformes) zur Familie der Ibisvögel (Threskiornithidae), welche 21 Ibisse, 5 Sichler und 6 Löffler umfasst. Erwachsene Individuen weisen eine Standhöhe von etwa 76 Zentimetern und ein Gewicht um 1700 Gramm auf. Anders als bei den Erwachsenen (links) ist bei den jugendlichen Individuen (unten) der Schnabel graurosa, ferner haben die Handschwingen schwarze Spitzen, und es fehlen die gelben Voraugenflecke.

Die Kleinen Löffler sind an den Küsten Ostasiens heimisch. Ihre Brutgebiete befinden sich hauptsächlich im Bereich des Gelben Meers, die Winterquartiere mehrheitlich im Bereich des Südchinesischen Meers. Das Bild zeigt einen Trupp überwinternder Kleiner Löffler im Mai-Po-Reservat in der Shenzhen-Bucht bei Hongkong.

Bei der Nahrungssuche schreitet der Kleine Löffler in einem seichten Gewässer umher, taucht seinen Schnabel bis zum Gewässergrund ins Wasser ein, öffnet ihn ein paar Zentimeter und schwingt dann den Kopf halbkreisförmig hin und her. Sobald ein am Grund des Gewässers lebendes Tier den verbreiterten Teil seines tastempfindlichen Löffelschnabels berührt, schnappt dieser reflexartig zu. Zum Opfer fallen dem Kleinen Löffler auf diese Weise Wassertiere aller Art, darunter auch Fische bis zu einer Länge von etwa 20 Zentimetern.

Die Brutplätze des Kleinen Löfflers befinden sich häufig auf küstennahen Felsinselchen. Dort bauen die Brutpaare ihr wenig kunstvolles Nest gewöhnlich auf unzugänglichen Absätzen in steilen Klippen. Die Jungen schlüpfen nach einer Brutzeit von etwa 3,5 Wochen aus den Eiern und sind etwa 7,5 Wochen später flugfähig. Auf dem kleinen Bild oben ist gut erkennbar, dass die Erwachsenen im Brutgefieder einen gelblichen Federschopf am Nacken und einen gelben Fleck auf der Brust aufweisen.

Eine Bestandserhebung im Jahr 1988 ergab, dass die Population des Kleinen Löfflers auf unter 300 Individuen gesunken war. Dank vielfältiger Artenschutzmassnahmen, welche daraufhin im Rahmen eines länderübergreifenden Programms zur Rettung der Art in den Brutgebieten, Winterquartieren und Rastplätzen ergriffen worden sind, hat sich der Artbestand inzwischen wieder auf über 2000 Individuen erholen können.




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