Komoren-Flughund

Pteropus livingstonii


© 2010 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Numisbriefe Kollektion)



Der Komoren-Flughund (Pteropus livingstonii) gehört zu den grössten der weltweit rund 1100 Mitglieder der Ordnung der Fledertiere (Chiroptera). Erwachsene Individuen erreichen eine Kopfrumpflänge von bis zu 28 Zentimetern, eine Flügelspannweite von bis zu 1,5 Metern und im Durchschnitt ein Gewicht um 600 Gramm. Hinsichtlich der Körpergrösse und der Färbung bestehen zwischen Männchen und Weibchen keine deutlich erkennbaren Unterschiede.

Wie sein Name andeutet, kommt der Komoren-Flughund weltweit einzig auf dem Archipel der Komoren im westlichen Bereich des Indischen Ozeans vor, genauer auf den beiden zentral gelegenen Komoreninseln Anjouan (424 km2) und Mohéli (290 km2) vor. Dort bewohnt er fast ausschliesslich ungestörten Bergregenwald. Dieser bietet ihm sowohl ergiebige Nahrungsbäume als auch geeignete Schlafbäume. Bei Letzteren handelt es sich gewöhnlich um grosse, über das Kronendach des Walds hinausragende Bäume. Dort versammeln sich die Komoren-Flughunde alltäglich zum Schlafen. Die Grösse der Schlafgemeinschaften beträgt zwischen ein paar wenigen Individuen und mehreren Dutzend.

Der Komoren-Flughund ist grundsätzlich ein nachtaktives Tier. Dies zeigen unter anderem seine grossen, orangefarbenen «Nachtaugen». Oft verlässt er aber seinen Schlafplatz schon am frühen Nachmittag und erreicht seine Essplätze mehrere Stunden vor Einbruch der Dunkelheit. Dort angelangt begibt er sich dann aber keineswegs auf die Futtersuche, sondern ruht und wartet, bis es dunkel ist. Obschon er an seinen Schafplätzen teils kopfstarke Kolonien mit seinesgleichen bildet, erweist er sich auf den Futterbäumen seinen Artgenossen gegenüber als wenig verträglich: Er errichtet in einem Teil der Krone eines Futterbaums ein kleines «Essterritorium» und vertreibt aus ihm energisch sämtliche Eindringlinge.

Die Nahrung des Komoren-Flughunds setzt sich vor allem aus Früchten und Blüten (genauer: Blütennektar und Pollen) verschiedener Baumarten zusammen, umfasst aber auch junge, zarte Blätter.

Eine besondere Vorliebe zeigt er für die weichen Früchte von Wildfeigenbäumen (Ficus spp.). Wie die meisten Flughunde spielt er als Blütenbestäuber und Samenverbreiter eine wichtige ökologische Rolle.

Über die Gesellschaftsstruktur und das Fortpflanzungsverhalten des Komoren-Flughunds ist erst wenig bekannt. Unter den Männchen scheint eine komplizierte Rangordnung zu bestehen, wobei die ranghohen Männchen einen kleinen Harem aus erwachsenen Weibchen und deren abhängigen Jungen um sich versammeln, während die rangtiefen Männchen leer ausgehen.

Die Weibchen bringen ihre Jungen gewöhnlich zu Beginn der von Oktober bis April dauernden Regenzeit zur Welt, wenn das Nahrungsangebot besonders reichhaltig ist. Einzelkinder sind die Regel. Im Alter von ungefähr drei Monaten vermögen die jungen Komoren-Flughunde selbst zu fliegen und müssen nicht mehr von der Mutter transportiert werden. Sie beginnen alsbald, eigenständig Nahrung zu sich zu nehmen. Die Entwöhnung von der Muttermilch findet allerdings erst im Alter von etwa acht Monaten statt. Wie bei allen Pteropus-Flughunden dürfte die Lebenserwartung recht hoch sein. Individuen verschiedener Arten haben in Menschenobhut ein Alter von mehr als 40 Jahren erreicht.

Leider sind von der ursprünglichen Walddecke der Komoreninseln heute nur noch kümmerliche Reste übrig. Dies hat damit zu tun, dass die Union der Komoren zu den ärmsten Staaten Afrikas gehört. Die Inselbewohner leben grossenteils als Selbstversorger in bescheidenen Verhältnissen. Da ihre Zahl gross ist und weiter wächst, nimmt auch der Druck auf die letzten Waldstücke stetig zu. Immer höher steigen die Inselbewohner in die bergigen, steilen Lagen hinauf, um zusätzliche Nutzflächen zu schaffen. So verliert der Komoren-Flughund Schlafbaum um Schlafbaum und Futterbaum um Futterbaum. Die ihm zur Verfügung stehende Lebensraumfläche schrumpft unablässig, und leider steht kein Teil davon unter gesetzlichem Schutz. Inzwischen ist der Bestand des Komoren-Flughunds auf alarmierende 1000 bis 2000 Individuen gesunken. Anlässlich einer Erhebung im Jahr 2002 konnten insgesamt nur noch zwanzig Schlafkolonien festgestellt werden.

Um den Komoren-Flughund vor dem Aussterben zu bewahren, wurden Zuchtbestände in Menschenobhut aufgebaut, und zwar im Jersey Zoo auf der gleichnamigen Kanalinsel und im Bristol-Zoo in England. Diese gedeihen zwar gut, könnten aber gegebenenfalls niemals über den Verlust der Bestände in ihrer Inselheimat hinwegtrösten. Um diese zu erhalten - und mit ihnen eine einzigartige insuläre Tier- und Pflanzengemeinschaft -, müssten dringend die letzten Naturwaldstücke auf den Komoren unter strikten Naturschutz gestellt werden.




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