Krabbenesser

Lobodon carcinophaga


© 2010 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Lange Zeit wurden die an Land lebenden Raubtiere allgemein in sieben Familien gegliedert: die Katzen (Felidae), die Hunde (Canidae), die Bären (Ursidae), die Kleinbären (Procyonidae), die Marder (Mustelidae), die Hyänen (Hyaenidae) und die Schleichkatzen (Viverridae). Die im Wasser lebenden Raubtiere wurden ihrerseits in drei Familien gegliedert: die Walrosse (Odobenidae), die Ohrenrobben (Otariidae) und die Hundsrobben (Phocidae). Uneinigkeit herrschte allerdings darüber, wie nah verwandt diese beiden Raubtiergruppen miteinander sind: Manche Fachleute fassten die Landraubtiere und die Wasserraubtiere in der Ordnung der Raubtiere (Carnivora) zusammen und gaben ihnen den Status von Unterordnungen. Andere trennten die Wasserraubtiere in einer eigenen Ordnung namens Robbenartige (Pinnipedia) von der Ordnung der an Land lebenden, «eigentlichen» Raubtiere ab.

In jüngerer Zeit haben molekulargenetische Untersuchungen unser Wissen über die verwandtschaftlichen Verhältnisse unter den Raubtieren erheblich verbessert. Unter anderem hat sich gezeigt, dass die Wasserraubtiere klar mit den Landraubtieren zusammen in dieselbe Ordnung zu stellen sind und dass die Raubtiere in die beiden Unterordnungen der Hundeartigen (Canoidea; Hunde, Bären, Kleinbären, Marder, Robben) und der Katzenartigen (Feloidea; Katzen, Schleichkatzen, Hyänen) zu gliedern sind. Die Untersuchungen liessen nämlich keinen Zweifel daran, dass die stammesgeschichtliche Abspaltung der Hundeartigen von den Katzenartigen deutlich früher erfolgte als die Abspaltung der Robben von den Hundeartigen. Die Hunde, Bären, Kleinbären und Marder sind also näher mit den Robben verwandt als mit den Katzen, Schleichkatzen und Hyänen. Ein recht überraschender Befund!

34 Robbenarten gibt es weltweit. 6 davon sind in der Antarktis zu Hause: der Kerguelen-Seebär (Arctocephalus gazella), der Südliche See-Elefant (Mirounga leonina), die Weddell-Robbe (Leptonychotes weddelli), die Ross-Robbe (Ommatophoca rossi), der Seeleopard (Hydrurga leptonyx) und der Krabbenesser (Lobodon carcinophaga). Von letzterem soll hier berichtet werden.


Ein Krillesser, kein Krabbenesser

Der Krabbenesser ist ein stattlicher Meeressäuger. Als erwachsenes Tier erreicht er im Allgemeinen eine Körperlänge zwischen 210 und 240 Zentimetern und ein Gewicht um 200 Kilogramm, wobei die Weibchen im Durchschnitt eine Spur grösser - genauer: etwa 5 Zentimeter länger und 8 Kilogramm schwerer - sind als die Männchen. Die bisher verzeichneten Höchstlängen sind 277 Zentimeter bei den Weibchen und 264 Zentimeter bei den Männchen.

Bemerkenswert ist das Gebiss des Krabbenessers, das im wissenschaftlichen Gattungsnamen beschrieben wird: Lobodon setzt sich aus dem lateinischen Begriff lobus für Lappen und dem griechischen Begriff odont für Zahn zusammen und weist auf die auffallend gelappte Gestalt der Backen- und Vorbackenzähne hin. Schliesst der Krabbenesser seinen Mund, so greifen die Zahnreihen im Ober- und im Unterkiefer so ineinander, dass sie eine Art Sieb bilden, wobei die Lücken zwischen den Zähnen maximal etwa 2,5 Millimeter betragen.

Das Gebiss lässt erkennen, dass der Krabbenesser kein Beutegreifer ist wie die meisten seiner Vettern. Tatsächlich ist er ein friedfertiger «Planktonfilterer». Zu einem grossen Teil ernährt er sich von Antarktischem Krill (Euphausia superba), einem garnelenartigen, ein bis zwei Gramm schweren Krebschen aus der Ordnung der Leuchtkrebse (Euphausiacea), das in den antarktischen Gewässern in riesigen, wolkenartigen Schwärmen vorkommt. Ähnlich wie die Bartenwale schwimmt er beim Nahrungserwerb jeweils mit weit geöffnetem Mund in einen Krillschwarm hinein, nimmt einen grossen Schluck «Krillsuppe» in seinen Rachen auf, schliesst dann die Kiefer und presst das Salzwasser durch sein «Zahnsieb» hindurch aus dem Mund, so dass auf der Gebissinnenseite allein die Krebschen zurückbleiben und er diese praktisch trocken hinunterschlucken kann.

Die Untersuchung des Mageninhalts erlegter Krabbenesser hat gezeigt, dass sich die stattliche Robbe zu rund neunzig Prozent von Krill ernährt. Die restlichen zehn Prozent der Kost setzen sich aus Tintenfischen (Kalmaren), Fischen (bis etwa zehn Zentimeter Länge) und weiteren Krebstieren (z.B. Flohkrebse, Schwebegarnelen) zusammen. Krabben hingegen fehlen, weil es in den antarktischen Gewässern keine solchen gibt. Der deutsche Name ist also genau genommen nicht zutreffend.

Auf Nahrungserwerb geht der Krabbenesser vor allem nachts. Typischerweise bewegt er sich jeweils etwa 16 Stunden lang im Wasser umher und ruht dann tagsüber rund 8 Stunden lang auf einer Eisscholle. Um seine leicht verfügbare Nahrung zu erreichen, muss er nicht sonderlich tief tauchen, denn nachts steigen die Krillkrebswolken in oberflächennahe Wasserschichten auf, um sich dort ihrerseits von Kleinstplankton zu ernähren. Seine Tauchgänge führen ihn meistens in Tiefen von weniger als zehn Metern, selten von bis zu fünfzig Metern. Normalerweise bleibt er drei bis sechs Minuten unter Wasser und hält sich danach eine halbe bis eine Minute an der Wasseroberfläche auf, um zu atmen und sich für den nächsten Tauchgang zu erholen.


Zufällige Gruppierungen

Der Krabbenesser ist im Bereich der Antarktis rund um den Erdball herum verbreitet. Im südlichen Sommer besiedelt er zur Hauptsache den Grenzbereich zwischen dem ringförmig den antarktischen Kontinent umgebenden Packeisgürtel und dem nördlich davon befindlichen Treibeisgürtel. Im südlichen Winter wandert er weit umher und gelangt dann mit Treibeis bis an die Küsten verschiedener antarktischer Inseln. Bei noch weiter nördlich auftauchenden Krabbenessern handelt es sich gewöhnlich um streunende Jungtiere. Solche «Irrgäste» wurden schon an den südlichen Küsten Australiens, Neuseelands, Südafrikas und Südamerikas gesehen.

Wenn die Krabbenesser sich auf Eisschollen ausruhen, trifft man sie gewöhnlich einzeln oder in kleinen Gruppen an. Im südlichen Sommer machen einzelgängerische Individuen rund 55 Prozent aller Sichtungen aus und Kleingruppen von zwei bis fünf Individuen etwa 41 Prozent. Im Wasser können zwar zur selben Jahreszeit im Bereich ergiebiger Krillwolken Gruppen von mehreren Dutzend Individuen beobachtet werden. Auf dem Eis wie im Wasser handelt es sich aber stets um zufällige, zeitweilige Gruppierungen, deren Mitglieder keine Beziehungen zueinander pflegen. Die Krabbenesser führen also eine im Wesentlichen einzelgängerische Lebensweise. Die einzigen, aber jeweils ebenfalls auf wenige Wochen beschränkten Beziehungen bestehen zwischen Mutter und Kind während der Aufzuchtzeit und zwischen Männchen und Weibchen während der Paarungszeit.


Werfen, dann paaren

Die Wurfzeit ist bei den Krabbenessern stark synchronisiert. Sie dauert lediglich vier bis sechs Wochen und erreicht ihren Höhepunkt Anfang bis Mitte Oktober. Zu Beginn der Wurfzeit wählt das trächtige Weibchen eine geeignete Eisscholle als Geburtsstätte und Kinderstube. Diese bietet gewöhnlich nur gerade Platz für das Weibchen und sein Kind sowie, überraschenderweise, für ein Männchen. Wenige Tage später bringt das Weibchen ein einzelnes Junges zur Welt. Dieses ist bei der Geburt etwa 130 Zentimeter lang und um 30 Kilogramm schwer. Dank des hohen Fettgehalts der mütterlichen Milch wächst es rasch heran. Je grösser und dicker es wird, desto mehr nimmt seine Mutter ab, denn sie verlässt die Eisscholle während der ganzen Säugezeit nicht, sondern zehrt einzig von ihren Fettreserven. Tag für Tag trinkt das Junge ungefähr fünf Liter Milch und legt etwa 4,2 Kilogramm an Gewicht zu, während die Mutter etwa 5,6 Kilogramm abnimmt.

Wenn das Junge nach etwa zweieinhalb Wochen eine Länge von rund 150 Zentimetern und ein Gewicht zwischen 80 und 110 Kilogramm erreicht hat, erfolgt die Entwöhnung. Es verlässt dann die mütterliche Eisscholle und sorgt fortan für sich selbst. Schon im Alter von vier Monaten ist es nur noch wenig kleiner als die Erwachsenen.

Die jungen Weibchen erreichen die Geschlechtsreife im Allgemeinen im Alter von 2,5 bis 3,5 Jahren. Die Lebenserwartung der erwachsenen Tiere beträgt typischerweise um 25, das nachgewiesene Höchstalter 39 Jahre. Allerdings erreichen nur wenige Jungtiere das Erwachsenenalter, denn die Sterblichkeit im ersten Lebensjahr ist mit ungefähr achtzig Prozent überaus hoch. Für die meisten Todesfälle ist der Seeleopard verantwortlich. Ihm fallen zahlreiche unerfahrene Jungtiere sowohl auf dem Eis als auch im Wasser zum Opfer. Erst im Alter von ungefähr einem Jahr sind sie vor diesem mächtigen Meeresraubtier sicher.

Wenige Tage nach der Geburt des Jungtiers gesellt sich in der Regel ein Männchen zum säugenden Weibchen. Es verweilt die ganze Zeit zwei bis vier Meter von Mutter und Kind entfernt und wartet geduldig darauf, dass das Weibchen brünstig wird, was stets kurz nach der Entwöhnung des Jungtiers der Fall ist. Das Männchen wehrt aus Eigeninteresse nicht nur fremde Männchen ab, sondern auch Seeleoparden und gegebenenfalls Menschen, welche Mutter und Kind gefährlich werden könnten. Seine Sorge gilt allerdings nicht dem Jungtier, das ja mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht sein eigenes ist, sondern allein dem bald paarungsbereiten Weibchen. Der Schutz, den das Junge durch das Männchen geniesst, ist schlicht ein Nebeneffekt des Schutzes, den das Männchen dem Weibchen zukommen lässt.

Nachdem sich das Junge selbstständig gemacht hat, bleiben das Weibchen und das Männchen noch ein bis zwei Wochen auf der Eisscholle beisammen. Sie liegen meistens Rücken an Rücken, und wahrscheinlich finden auch die Paarungen auf der Eisscholle statt, doch wurden sie bisher noch nie beobachtet.


Schutz dank Antarktisvertrag

Es ist schwierig, die Grösse der Krabbenesserpopulation einigermassen verlässlich einzuschätzen, da die Tiere rund um die gesamte antarktische Packeiszone verstreut leben und Bestandserhebungen in dieser unwirtlichen und schwer zugänglichen Weltgegend überaus schwierig durchzuführen sind. Die neuste, 1990 veröffentlichte Studie schlägt einen Krabbenesser-Gesamtbestand von 11 bis 12 Millionen Individuen vor. Frühere Publikationen nannten Zahlen zwischen 2 und 75 Millionen Individuen. Wie hoch auch immer die genaue Zahl sein mag: Der Krabbenesser gilt als die häufigste Robbenart der Welt, und da es keinerlei Hinweise auf eine negative Bestandsentwicklung gibt, wird er von der Weltnaturschutzunion (IUCN) als nicht gefährdet eingestuft.

Die Bestandsentwicklung war in der jüngeren Vergangenheit sogar im Gegenteil stark positiv: In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wuchsen die Krabbenesserbestände massiv an, und zwar als Folge der gnadenlosen Abschlachtung der Bartenwale in den antarktischen Gewässern zwischen dem 2. Weltkrieg und den 1980er-Jahren. In dem Mass, wie die Bestände dieser mehrheitlich Krill verspeisenden Kolosse schwanden, nahmen die Krillbestände zu. Sie boten fortan eine überaus reiche Nahrungsquelle für viele kleinere Krillesser, darunter Fische, Pinguine und der Krabbenesser, sodass deren Bestände ebenfalls stark anwachsen konnten.

Trotz dieser erfreulichen Situation sind die Krillesser nicht unverwundbar. Würde nämlich die seit vielen Jahren von verschiedenen Seiten geplante Ausbeutung der antarktischen Krillbestände im grossen Stil einsetzen (vor allem für die Futtermittelproduktion), könnte das Nahrungsnetz in den antarktischen Gewässern empfindlich gestört werden und unter Umständen zu einem schnellen Schwund der Krillesserbestände führen.

Glücklicherweise ist diese Gefahr vorderhand gering, denn der international anerkannte Antarktisvertrag, der 1961 in Kraft trat und mindestens bis 2041 allgemeine Gültigkeit hat, schützt die Antarktis als «ein dem Frieden und der Wissenschaft gewidmetes Naturreservat» wirkungsvoll vor den direkten Einflüssen des Menschen. Übereinkommen, die den Antarktisvertrag flankieren, sind unter anderem: die Konvention zur Erhaltung der antarktischen Fauna und Flora durch Schutzzonen und Artenschutz (in Kraft seit 1964), die Konvention zur Erhaltung der antarktischen Robben (seit 1978) und die Konvention zur Erhaltung der lebenden antarktischen Meeresschätze - insbesondere Krill und Fisch - durch Nutzungsbeschränkungen (seit 1982).

Dieses international einmalige Vertragswerk hat wesentlich dazu beigetragen, die Antarktis vor der Habgier des Menschen zu schützen und sie zu einer der letzten grossen Wildnisse unseres Planeten werden zu lassen. Leider ist es aber keineswegs selbstverständlich, dass der Antarktisvertrag langfristig Bestand haben wird, denn in dem Mass, wie die übrigen Bereiche der Weltmeere leergefischt werden, nimmt die Gier nach den marinen Ressourcen der Antarktis zu. Aus diesem Grund gilt es, wachsam zu sein und frühzeitig gegen etwaig geplante Lockerungen der im Antarktisvertragswerk festgehaltenen Bestimmungen vorzugehen.




Legenden

Der Krabbenesser (Lobodon carcinophaga) ist ein stattliches Mitglied der 18 Arten umfassenden Familie der Hundsrobben (Phocidae). Als erwachsenes Tier erreicht er eine Körperlänge zwischen 210 und 240 Zentimetern und ein Gewicht um 200 Kilogramm, wobei die Weibchen durchschnittlich etwas grösser sind als die Männchen. Wenn der Krabbenesser mit kraftvollen, rückwärts gerichteten Schlägen seiner vier Flossen über das Eis gleitet, erreicht er kurzfristig Geschwindigkeiten um 20 Kilometer je Stunde und ist damit eine der schnellsten Robben der Welt.

Die Krabbenesser sind im Bereich der antarktischen Packeis- und Treibeiszone rund um den Erdball herum verbreitet. Wenn sie sich auf Eisschollen ausruhen, trifft man sie im Allgemeinen einzeln oder in Kleingruppen von meistens zwei bis fünf Individuen an. Bei Letzteren handelt es sich aber stets um zufällige, temporäre Gruppierungen, deren Mitglieder keine Beziehungen zueinander pflegen. Die Krabbenesser führen eine im Wesentlichen einzelgängerische Lebensweise.

Der Krabbenesser ist kein Beutegreifer wie die meisten seiner Vettern, sondern ein «Planktonfilterer»: Zu rund 90 Prozent ernährt er sich von Antarktischem Krill (Euphausia superba), einem garnelenartigen Krebschen, das in den antarktischen Gewässern in riesigen, wolkenartigen Schwärmen vorkommt und das er mit Hilfe seines Gebisses, das in geschlossenem Zustand eine Art Sieb bildet, aus dem Meerwasser seiht. Die restlichen 10 Prozent der Kost setzen sich aus kleinen Tintenfischen, Fischen und weiteren Krebstieren zusammen. Krabben allerdings fehlen, weil es in den antarktischen Gewässern keine solchen gibt.

Auf Nahrungserwerb geht der Krabbenesser vor allem nachts. Typischerweise bewegt er sich jeweils etwa 16 Stunden lang im Wasser umher und ruht dann tagsüber ungefähr 8 Stunden lang auf einer Eisscholle. Seine Tauchgänge führen ihn meistens in Tiefen von weniger als 10 Metern und dauern normalerweise 3 bis 6 Minuten. Die grösste nachgewiesene Tauchtiefe beträgt allerdings überraschende 528 Meter, die längste nachgewiesene Tauchdauer 11,8 Minuten.

Die zuletzt (1990) veröffentliche Bestandserhebung schlägt einen Krabbenesser-Gesamtbestand von 11 bis 12 Millionen Individuen vor. Frühere Publikationen nannten Zahlen zwischen 2 und 75 Millionen Individuen. Wie hoch auch immer die genaue Zahl sein mag: Der Krabbenesser gilt als die häufigste Robbenart der Welt und wird gegenwärtig nicht als in seinem Fortbestand gefährdet eingestuft. Aufdringliche Touristen stören zwar hin und wieder einzelne Krabbenesser beim Ruhen, dürften aber kaum einen negativen Einfluss auf die Population als Ganzes haben.




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