Schwarznacken-Kronenkranich

Balearica pavonina


© 2007 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)




Artwork © Owen Bell

Die Familie der Kraniche (Gruidae) ist keine grosse Vogelfamilie. Sie umfasst bloss zwei Gattungen mit zusammen 15 Arten, nämlich Grus mit 13 und Balearica mit 2 Arten. Alle Kraniche sind leicht als solche erkennbar, denn hinsichtlich des Körperbaus sind sie einander sehr ähnlich. Zudem sind sie auffallend grosse bis sehr grosse Vögel. Der auf dem indischen Subkontinent und in Südostasien heimische Sarus-Kranich (Grus antigone) kann eine Standhöhe von 175 Zentimetern erreichen und ist damit der «höchste» aller flugfähigen Vögel.

Insgesamt haben die Kraniche - ihrer geringen Artenzahl zum Trotz - eine sehr weite Verbreitung. Abgesehen von Antarktika und Südamerika brüten Mitglieder der Kranichfamilie auf allen Kontinenten. Die grösste Artenvielfalt weist mit acht Arten Asien auf. An zweiter Stelle folgt Afrika mit sechs Arten, wovon zwei überwinternde Gäste aus Eurasien und vier bodenständige Brutvögel sind. Bei den beiden nicht in Afrika brütenden Arten handelt es sich um den Grauen oder Eurasischen Kranich (Grus grus) und den Jungfernkranich (Grus virgo), bei den vier brütenden um den Klunkerkranich (Grus carunculatus), den Paradieskranich (Grus paradisea) und die beiden Mitglieder der Gattung Balearica. Von letzteren kommt der Graunacken-Kronenkranich (Balearica regulorum) in weiten Bereichen des östlichen und südlichen Afrikas vor, während der Schwarznacken-Kronenkranich (Balearica pavonina) im Bereich der Sahelzone quer durch den Kontinent verbreitet ist.

Die Kronenkraniche gehören zwar zu den kleinsten Mitgliedern der Familie, sind aber dennoch stattliche Vögel: Die erwachsenen Individuen weisen im Allgemeinen eine Gesamtlänge von 95 bis 105 Zentimetern und ein Gewicht von 3 bis 4 Kilogramm auf. Ihren Namen verdanken sie dem auffälligen Büschel aus goldfarbenen Federchen, welcher ihren Hinterkopf ziert. Diesen Kopfschmuck tragen die Männchen wie die Weibchen, und auch sonst unterscheiden sich die beiden Geschlechter nicht im Aussehen. Allerdings sind die Männchen durchschnittlich eine Spur grösser als die Weibchen.

Zwischen den Schwarznacken-Kronenkranichen im Westen des weiten Artverbreitungsgebiets und denjenigen im Osten bestehen gewisse Unterschiede im Körperbau und Aussehen. Die Art wird darum in zwei Unterarten gegliedert: den Westlichen Schwarznacken-Kronenkranich (Balearica pavonina pavonina) und den Östlichen oder Sudanesischen Schwarznacken-Kronenkranich (Balearica pavonina ceciliae). Ebenfalls werden die Bestände des Graunacken-Kronenkranichs in zwei geografische Unterarten gegliedert, nämlich den Südlichen Graunacken-Kronenkranich (Balearica regulorum regulorum) und den Östlichen Graunacken-Kronenkranich (Balearica regulorum gibbericeps).

 

Mit urtümlichem Greiffuss

Wie alle Kranicharten sind die Kronenkraniche bodenlebende Vögel, die sich die meiste Zeit im Bereich von Grasländern und seichter Gewässer aufhalten. Sie unterscheiden sich jedoch von ihren Vettern in der Gattung Grus darin, dass sie «aufbaumen», das heisst beim Ruhen und Schlafen auch viel Zeit auf Bäumen verbringen. Dies fällt ihnen leicht, da sie im Gegensatz zu jenen über je eine lange, gut entwickelte Hinterzehe an ihren Füssen verfügen, was letztere greiffähig macht und den Vögeln erlaubt, sich auf Ästen festzuhalten. Aufgrund des Vorhandenseins dieser Greiffüsse sowie einiger weiterer körperbaulicher Besonderheiten - etwa im Bau der Luftröhre - werden die Kronenkraniche nicht nur in eine eigene Gattung gestellt, sondern zudem auch in eine separate Unterfamilie namens Kronenkraniche (Balearicinae), während die restlichen Kranicharten, welche in der Gattung Grus vereint sind, in die Unterfamilie der Echten Kraniche (Gruinae) gestellt werden.

Insgesamt gilt der Körperbau der Kronenkraniche als der urtümlichere. Diese Einschätzung wird vor allem durch Fossilfunde gestützt: Den Kronenkranichen ähnliche Kranicharten lebten bereits im Eozän, vor 54 bis 37 Millionen Jahren, den Echten Kranichen ähnliche Arten jedoch erst im Miozän, vor 24 bis 5 Millionen Jahren. Aber auch die Tatsache, dass die Kronenkraniche einst erheblich artenreicher und weiter verbreitet waren, als sie es heute sind - allein aus Nordamerika und Europa sind elf fossile Kronenkranicharten bekannt - deutet in diese Richtung: Die Echten Kraniche haben die Kronenkraniche offensichtlich meistenorts aus deren ökologischen Nischen zu verdrängen vermocht, wohl weil sie für den Wettstreit besser ausgerüstet und anpassungsfähiger - eben «moderner» - gewesen waren als ihre urtümlicheren Vettern.

Immerhin sind die Kronenkraniche innerhalb Afrikas sehr weit verbreitete Vögel geblieben. Tatsächlich sind ihre Bestände bis heute weit umfangreicher als die der beiden in Afrika brütenden Echten Kraniche.

 

Sie scheuchen Heuschrecken auf

Der Schwarznacken-Kronenkranich verbringt die Nacht gewöhnlich auf einem Baum, er baut sein Nest in unzugänglichen Feuchtgebieten, und er geht in offenen Grasländern auf die Nahrungssuche. Aus seinen ökologischen Ansprüchen folgt, dass er dort optimale Lebensräume findet, wo ein abwechslungsreiches Mosaik aus Feuchtgebieten und Grasländern mit eingestreuten Baumgruppen oder Einzelbäumen existiert. Solche Verhältnisse findet er in der Sahelzone vor allem in saisonal überschwemmten Tiefländern.

Im Unterschied zu den Kranichen, welche in der gemässigten Klimazone Eurasiens und Nordamerikas zur Brut schreiten, sind die Schwarznacken-Kronenkraniche keine Zugvögel, unternehmen also keine Fernwanderungen. In manchen Gebieten sind sie das ganze Jahr über sesshaft. Vielerorts unternehmen sie jedoch gewisse jahreszeitlich bedingte Wanderbewegungen: Während der Trockenzeit, ausserhalb der Brutzeit, bilden sie Trupps im Bereich grosser, nicht austrocknender Feuchtgebiete und streifen halbnomadisch umher; zu Beginn der Regenzeit suchen sie dann kleinere, nur saisonal bestehende Feuchtgebiete auf und verteilen sich paarweise, um sich der Nachzucht zu widmen. Im Übrigen legen sie oftmals Tag für Tag mehrere Kilometer zurück, wenn sie zwischen ihren Übernachtungs- oder Brutplätzen und ihren Nahrungsgründen hin und her pendeln.

Die Schwarznacken-Kronenkraniche sind Allesesser. Ihre Kost setzt sich aus einem breiten Spektrum pflanzlicher wie tierlicher Stoffe zusammen. Zu nennen sind Samen, Blätter, Nüsse, Wurzeln, Knollen, Insekten und andere Wirbellose, Frösche, Schlangen, kleine Echsen, Kleinsäuger und Jungvögel. Tierliche Bissen scheinen ihnen besonders zu munden, denn sie verbringen bei der Nahrungssuche viel Zeit damit, langsam und mit angespannten Sinnen in Kurzgrasgebieten umherzuschreiten und nach Insekten und anderen Kleintieren Ausschau zu halten. Manchmal stampfen sie dabei kurz mit den Füssen auf den Boden, um beispielsweise Heuschrecken aufzuscheuchen und diese dann blitzschnell mit ihrem verhältnismässig kurzen, kräftigen Schnabel zu packen.

 

Tanzen und Singen

Die Kraniche sind bekannt für ihre Treue zum Partner, und die Schwarznacken-Kronenkraniche scheinen diesbezüglich keine Ausnahme zu bilden. Man glaubt, dass der Paarbund, den die jungerwachsenen Individuen in ihrem zweiten oder dritten Lebensjahr mit dem Geschlechtspartner ihrer Wahl eingehen, in der Regel ein Leben lang hält. Wie bei anderen Vogelarten, welche diesbezüglich genauer untersucht worden sind, dürfte es allerdings auch bei ihnen mitunter zu «Scheidungen» kommen, und zwar vornehmlich dann, wenn ein Paar mehrfach erfolglos zu Brüten versucht hat. In diesem Fall nämlich macht die Auflösung des Paarbunds biologisch Sinn.

Die Kraniche sind ferner bekannt für ihre sehenswerten «Tänze», welche aus eleganten Schrittfolgen und anmutigen Flugsprüngen bestehen. Auch die Schwarznacken-Kronenkraniche vollführen solche Tänze. Deren hauptsächliche Funktion scheint die Bekräftigung und Festigung des Paarbunds zu Beginn der Brutsaison zu sein. Das Tanzen hat jedoch keineswegs immer mit der Paarbindung und dem Brüten zu tun. Denn zum einen tanzen alle Individuen, selbst sehr junge, unverpaarte. Zum anderen tanzen die Vögel oft auch ausserhalb der Brutsaison, besonders wenn sie aus irgendeinem Grund nervös sind. Oftmals breitet sich dann das Tanzen wie ein Lauffeuer durch einen ganzen Trupp aufgeregter Kronenkraniche hindurch.

Neben den Tänzen, welchen optische Signalwirkung zukommt, äussern die Schwarznacken-Kronenkraniche auch akustische Signale in Form lauter Rufe. Bemerkenswert sind vor allem die Duette («Unison Calls»). Es handelt sich um lange Ruffolgen, zu welchen die beiden Partner der «verheirateten» Paare alternierend einsilbige Laute beitragen. Sie senken dabei den Kopf auf Schulterhöhe, blähen ihren roten Kehlsack und äussern eigenartig tiefe, dumpfe Rufe, wie sie von keiner Echten Kranichart erzeugt werden. Letztere lassen mehrheitlich hohe und extrem laute «Trompetentöne» vernehmen, wobei ihre verlängerte, in Windungen gelegte Luftröhre als eine Art Verstärker dient.

Die Fortpflanzungsperiode dauert bei den Schwarznacken-Kronenkranichen im Westen des Verbreitungsgebiets von Mai bis Dezember, im Osten von Juli bis Januar. Die Hauptbrutzeit fällt in Westafrika auf die Monate Juli, August und September. Zu Beginn der Fortpflanzungszeit besetzt jedes Paar ein Brutterritorium von gewöhnlich einem halben bis einem Quadratkilometer Grösse und verteidigt dieses in der Folge unnachgiebig gegenüber sämtlichen Artgenossen.

In den zentralen Bereichen seines Eigenbezirks errichtet das Paar anschliessend sein Nest: Dort, wo das Schilf am höchsten ist, trampeln die Vögel zunächst im knietiefen Wasser auf einer Fläche von mehreren Quadratmetern die Pflanzen nieder. Dann tragen sie einen 30 bis 40 Zentimeter über die Wasseroberfläche ragenden Haufen aus Halmen zusammen. Im Durchmesser misst das plattformartige, in der Mitte zu einer sanften Mulde ausgesessene Nest bis zu anderthalb Meter.

Das Gelege umfasst gewöhnlich drei, seltener zwei oder vier Eier. Mit dem Brüten beginnt das Paar erst, wenn das Gelege vollständig ist, weshalb am Ende der 28- bis 31-tägigen Brutzeit alle Jungvögel gleichzeitig aus den Eiern schlüpfen. Die beiden Altvögel wechseln einander beim Brüten partnerschaftlich ab. Beim Schichtwechsel landen sie jeweils einige Dutzend Meter vom Nest entfernt und legen die letzte Strecke - aus Gründen der Tarnung - zu Fuss zurück. Da sie immer genau an denselben Plätzen landen und auch starten, entstehen bloss ein oder zwei unauffällige, schmale Pfade durchs schützende Schilf, mehr nicht.

Auch zur Versorgung der Jungen mit Futter tragen die beiden Altvögel gleichermassen bei. Als ausgesprochene Nestflüchter können diese schon am ersten Lebenstag laufen und notfalls auch schwimmen. Bald verlassen sie unter Führung ihrer Eltern den Brutplatz. Bis sie ihr Jugendgefieder ausgebildet haben und flugfähig sind, verstreichen zweieinhalb Monate. Sie gehen nicht sogleich eigene Wege, sondern bleiben noch bis zum Beginn der nächsten Fortpflanzungsperiode mit ihren Eltern zusammen. Schwarznacken-Kronenkraniche sind langlebige Vögel, welche mehrere Jahrzehnte alt werden können.

 

Eine schwindende Art

Noch in historischer Zeit war der Schwarznacken-Kronenkranich nicht nur ein weit verbreiteter, sondern auch ein häufiger Vogel. Er kam in gesunden Beständen in mindestens 27 Ländern vor, von Senegal und Gambia im Westen bis Äthiopien und Nordkenia im Osten. In der jüngeren Vergangenheit wurde er jedoch in weiten Bereichen seines Verbreitungsgebiets stark zurückgedrängt, so dass seine einst mehr oder weniger zusammenhängende Population nunmehr in viele kleine, voneinander getrennte Bestände zerfallen ist.

In den Jahren 2001 und 2002 wurde die Bestandssituation des Schwarznacken-Kronenkranichs genauer abgeklärt. Die Erhebung bestätigte, dass die Art fast überall in Westafrika massiv geschwunden war. In Nigeria beispielsweise, welches den Kronenkranich zum Nationalvogel erklärt hat, war der Bestand von über 15 000 Individuen in den frühen 1970er-Jahren auf ein paar wenige Dutzend gesunken. Erfreulicherweise fanden sich aber in Teilen des Tschad und Kameruns noch kopfstarke Bestände. Insgesamt wurde die Zahl der Kronenkraniche in Westafrika auf ungefähr 15 000 Individuen geschätzt.

Der Bestand im Osten des Verbreitungsgebiets wurde gegenüber demjenigen in Westafrika als erheblich grösser eingeschätzt. Eine Zahl liess sich allerdings nicht nennen, da Informationen für den Sudan, wo der Grossteil der östlichen Population zu Hause ist, aufgrund der anhaltenden Bürgerkriegswirren nicht zu beschaffen waren. (Die Fachleute gehen heute davon aus, dass allein im südlichen Sudan noch zwischen 25 000 und 55 000 Schwarznacken-Kronenkraniche leben.)

Der Rückgang des Schwarznacken-Kronenkranichs ist, zumindest in Westafrika, hauptsächlich auf die Trockenlegung und anderweitige Umwandlung von Feuchtgebieten zwecks Gewinnung von Kulturland zurückzuführen. Dadurch wird die Art ihrer Brutplätze beraubt. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen aber auch der Verlust geeigneter Schlafbäume, die direkte Verfolgung (Kronenkraniche fallen gern in Getreidefelder ein und gelten darum mancherorts als Ernteschädlinge) und der Fang für den Tierhandel (Kronenkraniche gehören zu den beliebtesten in Tiergärten frei herumlaufenden Vögeln). Sollen die Schwarznacken-Kronenkraniche längerfristig eine Überlebenschance haben, so gilt es dringend, zum einen möglichst viele ihrer verbleibenden Rückzugsgebiete unter Schutz zu stellen und zum anderen den Vollzug der vorhandenen Schutzgesetze zu verbessern.

 

 

 

 

Legenden

Der Schwarznacken-Kronenkranich (Balearica pavonina), auch Dunkler oder Schwarzer Kronenkranich genannt, gehört zwar zu den kleineren Mitgliedern der Kranichfamilie, ist aber dennoch ein stattlicher Vogel: Die erwachsenen Individuen weisen im Allgemeinen eine Länge um 100 Zentimeter und ein Gewicht von 3 bis 4 Kilogramm auf, wobei die Männchen durchschnittlich eine Spur grösser und schwerer sind als die Weibchen.

Die beiden in Afrika heimischen Kronenkranicharten lassen sich anhand des nackten Wangenflecks gut voneinander unterscheiden: Beim Schwarznacken-Kronenkranich (links) ist dessen unterer Teil rot gefärbt und der obere weiss; beim Graunacken-Kronenkranich (Balearica regulorum; rechts) ist es genau umgekehrt. Sehr verschieden ist ferner die Grösse des Kehlsacks.

Die Schwarznacken-Kronenkraniche sind im Bereich der Sahelzone quer durch Afrika verbreitet - von Senegal und Gambia im Westen bis Äthiopien und Nordkenia im Osten. Während der Trockenzeit, ausserhalb der Brutzeit, streifen die eleganten Vögel halbnomadisch in Trupps umher (oben; in Äthiopien); während der Regenzeit besetzen sie paarweise Territorien in Feuchtgebieten, um sich dem Brutgeschäft zu widmen (unten; in Gambia).

Die jungen Schwarznacken-Kronenkraniche kommen nach einer Brutzeit von etwa einem Monat zur Welt. Als ausgesprochene Nestflüchter können sie schon am ersten Lebenstag laufen und notfalls auch schwimmen. Bis sie ihr Jugendgefieder ausgebildet haben und flugfähig sind, vergehen zweieinhalb Monate.

Gambia, das Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, beherbergt derzeit noch zwischen 200 und 300 Schwarznacken-Kronenkraniche. Sie kommen vor allem in saisonal überschwemmten Niederungen entlang des Gambia-Flusses vor. Der grösste Bestand, mit 50 bis 100 Individuen, lebt im Bereich des Bambali-Sumpfgebiets und scheint stabil zu sein. Die übrigen, kleineren Bestände, ungefähr 15 an der Zahl, gelten als schwindend.




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