Vierzehen-Landschildkröte

Testudo horsfieldii


© 2008 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)




Artwork © Owen Bell



Die heutigen Kriechtiere (Klasse Reptilia) gliedern sich in vier verschiedene Ordnungen: erstens die Ordnung der Schnabelköpfe (Rhynchocephalia) mit 2 Arten von Brückenechsen (Sphenodon punctatus und guentheri), zweitens die Ordnung der Krokodile (Crocodilia) mit ungefähr 22 Arten, drittens die Ordnung der Schildkröten (Chelonia) mit etwa 260 Arten und viertens die Ordnung der Eigentlichen Schuppenkriechtiere (Squamata) mit gegen 8000 Arten von Schlangen, Echsen und Doppelschleichen.


Langsam, aber sicher

Die Familie der Landschildkröten (Testudinidae), eine von zwölf Familien innerhalb der Ordnung der Schildkröten, umfasst rund vierzig verschiedene Arten. Hinsichtlich der Körpergrösse reicht das Spektrum von der winzigen, im südlichen Afrika heimischen Gesägten Flachschildkröte (Homopus signatus), welche eine Panzerlänge von maximal 9,5 Zentimetern und ein Höchstgewicht von 140 Gramm erreicht, bis hin zu den kolossalen Seychellen- und Galapagos-Riesenschildkröten (Geochelone gigantea und elephantopus), welche im Alter eine Panzerlänge von bis zu 120 Zentimetern und ein Gewicht von über 200 Kilogramm aufweisen.

Trotz der erheblichen Grössenunterschiede sind die Landschildkröten allesamt unschwer als Mitglieder ihrer Familie erkennbar, und zwar anhand ihres Panzers. Es handelt sich um ein starres, aus Knochenplatten zusammengesetztes und mit Hornschildern bedecktes Gebilde. Man unterscheidet den nach oben gewölbten Rückenpanzer («Carapax») einerseits und den flachen oder leicht nach innen gewölbten Bauchpanzer («Plastron») andererseits. Die beiden Panzerteile sind seitlich durch die «Brücke» miteinander verbunden.

Die Wirbelsäule wie auch die Rippen der Landschildkröten sind zurückgebildet und mit der Innenseite des Rückenpanzers verwachsen. Die Lungen liegen unmittelbar unter dem Rückenpanzer und können nicht wie bei den «normalen» Wirbeltieren durch das Weiten des Brustkorbs gedehnt werden. Um trotzdem atmen zu können, besitzen die Landschildkröten besondere Lungenmuskeln, welche den Druck auf die Lungen verändern und so für das Füllen und Entleeren des Atmungsorgans sorgen.

Der Panzer der Landschildkröten umschliesst den Leib der Tiere so vollständig, dass im entspannten Zustand nur der Kopf, die Gliedmassen und der Schwanz herausragen. Bei Gefahr können die Tiere zudem ihren Kopf durch eine s-förmige Krümmung des Halses unter den Panzer ziehen. Zu diesem Zweck wurden die Halswirbel im Verlauf der Stammesgeschichte stark umgeformt. Eine Verkürzung des Halses konnte dadurch umgangen werden, denn ein genügend langer Hals ist insbesondere für die Nahrungsaufnahme sehr wichtig. Bei den Gliedmassen  kam aufgrund der geringen Anzahl Gelenke eine vergleichbare Umformung nicht in Frage. Damit sie trotzdem rückziehbar sind, wurden sie möglichst stark verkürzt und bilden heute stämmige Säulenbeine mit «Klumpfüssen», aus denen einzig noch die Krallen herausragen.

Der schwere Knochenpanzer und die dicken, kurzen Beine machen aus den Landschildkröten keine «leichtfüssigen» Wesen, sondern im Gegenteil sprichwörtlich langsame, schwerfällige Kriechtiere. Zwar mögen die Einschränkungen, welche die Landschildkröten bezüglich ihrer Beweglichkeit hinnehmen müssen, gross erscheinen; der knöcherne Panzer, in den sie sich bei Gefahr jederzeit retten können, macht die Nachteile aber offensichtlich wett, denn er hat sich während langer erdgeschichtlicher Zeiträume bewährt: Schildkröten gibt es seit nunmehr rund 200 Millionen Jahren auf unserem Planeten, wobei schon die ältesten «Urschildkröten», die wir von Fossilfunden her kennen, kaum anders aussahen als ihre heutigen, «modernen» Nachfahren.


Vorn wie hinten vier bekrallte Zehen

Vor mehr als 200 Jahren fassten die Gelehrten die wenigen damals bekannten Schildkrötenarten in der Gattung Testudo zusammen. Als später immer mehr Arten entdeckt wurden und körperbauliche Untersuchungen erhebliche Unterschiede zwischen denselben aufzeigten, da wurden zahlreiche neue Gattungen geschaffen - und verschiedentlich Arten aus Testudo ausgegliedert und solchen zugeordnet. Übrig blieben in der Gattung Testudo letztlich mehrere Schildkrötenarten, welche nicht eindeutig einer der neu geschaffenen Gattungen angegliedert werden konnten, die aber auch nicht unbedingt näher miteinander verwandt waren.

Diese unbefriedigende Situation wurde 1957 insofern geklärt, als in der Gattung Testudo nur noch jene gut bekannten Landschildkrötenarten belassen wurden, welche im Mittelmeerraum vorkommen und untereinander eng verwandt sind, während alle «Zweifelsfälle» in eine neue Gattung, Geochelone, gestellt wurden. (Inzwischen haben neue Erkenntnisse dazu geführt, dass mehrere derselben aus Geochelone entfernt und jeweils eigenen Gattungen zugewiesen werden konnten.) Die meisten Wissenschaftler anerkennen heute sechs Testudo-Arten, nämlich 1. die Maurische Landschildkröte (Testudo graeca), welche rund um das Mittelmeer herum vorkommt, 2. die Griechische Landschildkröte (Testudo hermanni) aus dem südlichen Europa, 3. die Ägyptische Landschildkröte (Testudo kleinmanni), die in Ägypten leider ausgestorben ist und nur noch in Libyen vorkommt, 4. die Negev-Landschildkröte (Testudo werneri) aus Israel, 5. die Breitrandschildkröte (Testudo marginata) aus Griechenland und 6. die Vierzehen-Landschildkröte (Testudo horsfieldii) aus Zentralasien.

Die Vierzehen-Landschildkröte ist ein eher kleines Mitglied ihrer Familie. Ihr abgeflachter, von oben gesehen fast kreisrunder Panzer weist bei den ausgewachsenen Männchen eine Länge von gewöhnlich 13 bis 17, bei den Weibchen von 15 bis 20 Zentimetern auf. Der Rekord liegt bei 28,6 Zentimetern. Das Gewicht mittelgrosser Männchen beträgt 600 bis 1000, dasjenige mittelgrosser Weibchen 800 bis 1300 Gramm. Abgesehen von der Grösse unterscheiden sich die Männchen von den Weibchen äusserlich dadurch, dass ihr Bauchpanzer nicht flach, sondern leicht nach innen gewölbt ist und dass ihr Schwanz erheblich länger ist als derjenige der Weibchen. Beides sind körperbauliche Anpassungen zur Minderung der Schwierigkeiten, denen die gepanzerten Tiere bei der Paarung begegnen.

Der volkstümliche Name der Vierzehen-Landschildkröte weist darauf hin, dass sie sowohl an den Vorder- wie an den Hintergliedmassen bloss vier bekrallte Zehen hat, während alle anderen Landschildkröten an den Vordergliedmassen fünf haben. Der wissenschaftliche Name wurde der Art 1844 vom britischen Zoologen John Edward Gray, seines Zeichens Kurator der Zoologieabteilung des Britischen Museums in London, zu Ehren seines Freundes, des amerikanischen Arztes und Naturforschers Thomas Horsfield (1773-1859) gegeben. Letzterer war von 1819 bis zu einem Tod Kurator des Museums der Britischen Ostindien-Kompanie in London gewesen und hatte in den Beständen desselben die vierzehige Landschildkröte entdeckt.


In Zentralasien beheimatet

Die Vierzehen-Landschildkröte ist im zentralasiatischen Raum heimisch. Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Iran, Afghanistan, Pakistan und Westchina im Süden bis nach Armenien und Aserbaidschan im Nordwesten und über Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan und Kirgisistan bis nach Kasachstan und Russland im Nordosten.

Innerhalb dieses sehr weiten Areals bewohnt die Vierzehen-Landschildkröte vornehmlich dürre, karge Gebiete in steinigen, sandigen und lehmigen Steppenregionen, und zwar in Höhen zwischen 300 und 2400 Metern ü.M. In solchen Gebieten sind die klimatischen Bedingungen extrem, weshalb die Vierzehen-Landschildkröte die meiste Zeit ihres Lebens damit verbringt, Hitze, Dürre und Kälte auszuweichen. Tatsächlich ist sie nur drei bis fünf Monate im Jahr aktiv, im Allgemeinen zwischen März und Juli. Die restlichen Monate, aber auch die Nächte im Frühling, verbringt sie in einem zumeist selbst gegrabenen, bis zwei Meter langen Erdgang, an dessen Ende sich - dreissig bis fünfzig Zentimeter unter dem Boden - eine etwas erweiterte Schlafkammer befindet.

Die Vierzehen-Landschildkröte ernährt sich ausschliesslich von pflanzlichen Stoffen. In ihrer kargen Heimat darf sie nicht wählerisch sein, weshalb sie praktisch alles an Futter nützt, was das örtliche Angebot hergibt, und dabei auch Pflanzenarten wie Mohn (Papaver spp.) verzehrt, welche für manche anderen Tiere giftig sind. Ihren Wasserbedarf vermag sie allein über ihre Nahrung zu decken. Dennoch leckt sie nach einem Regen gern Wasser von Blättern und Steinen.

Eine im südlichen Usbekistan durchgeführte Feldstudie hat ergeben, dass die Vierzehen-Landschildkröte selbst während den klimatisch günstigeren Monaten des Jahrs durchschnittlich nur knappe zwei Stunden am Tag umherstreift, davon nur ungefähr eine Viertelstunde für die Nahrungsaufnahme verwendet - und in dieser kurzen Zeit jährlich bloss 400 bis 700 Gramm Nahrung zu sich nimmt. Dies zeigt, mit wie wenig pflanzlicher Energie sie auskommen muss und tatsächlich auch auszukommen vermag. Ein Leben auf solch kleiner «Sparflamme» ist nur wechselwarmen Tieren, insbesondere Reptilien, möglich, doch selbst unter diesen stellt die Vierzehen-Landschildkröte eine Extremistin dar.


Beschwichtigendes Kopfnicken

Die Vierzehen-Landschildkröten führen ein einzelgängerisches Leben. Die Männchen halten Territorien besetzt, in welchen sie keine Geschlechtsgenossen dulden. Treffen zwei Männchen aufeinander, so kommt es zu heftigen Kämpfen, bei denen die Rivalen einander beissen, mit dem Panzer rammen und auf den Rücken zu drehen versuchen. Interessanterweise sind die Territorien der Männchen deutlich kleiner als die typischerweise um dreissig Hektar grossen Wohngebiete der Weibchen. Letztere streifen weit umher, besonders wenn sie paarungswillig sind. Dies erlaubt ihnen, aus mehreren Männchen ein ihnen besonders geeignet erscheinendes als Vater für ihren Nachwuchs auswählen.

Begegnet ein Männchen einem Weibchen in seinem Territorium, so umkreist es dieses zunächst und beisst nach seinen Beinen, um es auf diese Weise vom Weglaufen abzuhalten. Immer wieder nickt das Männchen aber auch beschwichtigend mit seinem weit aus dem Panzer hervorgestreckten Kopf. Anschliessend versucht es, das Weibchen zu besteigen. Ist dieses paarungswillig, so verhält es sich passiv und erlaubt dem Männchen das Aufreiten. Letzteres gestaltet sich nicht ganz einfach, da das Männchen eine fast senkrechte Stellung hinter dem Weibchen einnehmen muss und oftmals vom glatten Panzer seiner Partnerin abrutscht.

Zwei bis vier Wochen nach der Paarung vergräbt das Weibchen seine befruchteten Eier oberflächennah im Boden. Ein Gelege besteht gewöhnlich aus nur zwei bis vier Eiern, jedoch erzeugt jedes Weibchen zwei oder drei Gelege je Frühling. Die oval geformten Eier sind mit einer Länge von 35 bis 40 Millimetern und einem Gewicht um 20 Gramm erstaunlich gross.

Die Entwicklungszeit der Keimlinge dauert zweieinhalb bis drei Monate. Wenn die jungen Vierzehen-Landschildkröten schliesslich aus ihren Eiern schlüpfen, weisen sie eine Panzerlänge von 40 bis 50 Millimetern auf, wiegen knappe 20 Gramm und haben einen deutlichen Mittelkiel auf dem Rückenpanzer. Manchmal erscheinen sie (wie übrigens auch die erwachsenen Individuen) im Herbst für ein paar Wochen an der Erdoberfläche; manchmal entsteigen sie ihrem Erdnest erst im folgenden Frühling. Die Geschlechtsreife erreichen sie in der freien Wildbahn im Alter von zehn bis zwölf Jahren. Ausgewachsen sind sie mit zwanzig bis dreissig Jahren. Die Lebenserwartung liegt bei ungefähr sechzig Jahren.


Heimtier und Delikatesse

Auf der Roten Liste der IUCN steht die Vierzehen-Landschildkröte in der Kategorie «Verletzlich». Zwar geht man davon aus, dass innerhalb des weiten Artverbreitungsgebiets noch mehrere Millionen Individuen existieren. Allerdings sind die Bestände stark rückläufig. Dafür verantwortlich ist allein der Mensch: Zum einen stellt die im Artverbreitungsgebiet ansässige Bevölkerung den Vierzehen-Landschildkröten für den eigenen Verzehr nach. Vor allem aber fängt sie dieselben in riesiger Zahl, um sie als Heimtiere und für den Verzehr zu exportieren.

Beispielsweise wurden zwischen 1976 und 1999 durchschnittlich 30 000 Individuen im Jahr nach Europa ausgeführt. 1999 wurde der Import von aus der freien Wildbahn stammenden Vierzehen-Landschildkröten in die Europäische Union erfreulicherweise verboten. Der Export aus den Herkunftsländern nach China, Russland, Japan und in die USA geht jedoch auf hohem Niveau weiter. Von 1997 bis 2007 wurden allein aus Usbekistan, Tadschikistan und Kasachstan 493 150 Individuen legal exportiert. Halten der Fang und die darauf zurückzuführende negative Bestandsentwicklung im heutigen hohen Ausmass an, so sieht die Zukunft der Vierzehen-Landschildkröte leider düster aus.




Legenden

Die Vierzehen-Landschildkröte (Testudo horsfieldii) ist ein eher kleines Mitglied der rund vierzig Arten umfassenden Familie der Landschildkröten (Testudinidae). Ihr abgeflachter, von oben betrachtet fast kreisrunder Panzer weist bei den Männchen im Allgemeinen eine Länge von 13 bis 17 und bei den Weibchen von 15 bis 20 Zentimetern auf.

Die Vierzehen-Landschildkröte ist in weiten Bereichen Zentralasiens heimisch. Sie bewohnt vornehmlich dürre, karge Gebiete in steinigen, sandigen und lehmigen Steppenregionen und ernährt sich von dem spärlichen Angebot an Pflanzen, welche dort zu gedeihen vermögen.

Die Vierzehen-Landschildkröten führen ein einzelgängerisches Leben. Einzig zum Zweck der Fortpflanzung kommen Männchen und Weibchen jeweils kurzfristig zusammen. Zwei bis vier Wochen nach der Paarung vergräbt das Weibchen seine befruchteten Eier oberflächennah im Boden. Eine Betreuung des Nachwuchses findet nicht statt.

Wenn die jungen Vierzehen-Landschildkröten nach einer embryonalen Entwicklungszeit von zweieinhalb bis drei Monaten aus den Eiern schlüpfen, weisen sie eine Panzerlänge von 4 bis 5 Zentimetern auf. Die Geschlechtsreife erlangen sie im Alter von 10 bis 12 Jahren; die Lebenserwartung liegt bei ungefähr 60 Jahren.

Der volkstümliche Name der Vierzehen-Landschildkröte weist darauf hin, dass sie sowohl an den Vorder- wie an den Hintergliedmassen bloss vier bekrallte Zehen aufweist, während alle anderen Landschildkröten an den Vordergliedmassen deren fünf haben.




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