Vierzehen-Landschildkröte

Testudo horsfieldii


© 2008 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Numisbriefe Kollektion)



Die Vierzehen-Landschildkröte (Testudo horsfieldii) ist ein eher kleines Mitglied der rund vierzig Arten umfassenden Familie der Landschildkröten (Testudinidae). Ihr abgeflachter, von oben gesehen fast kreisrunder Panzer weist bei den erwachsenen Männchen eine Länge von gewöhnlich 13 bis 17, bei den Weibchen von 15 bis 20 Zentimetern auf. Der Rekord liegt bei 28,6 Zentimetern. Wie der volkstümliche Name besagt, hat die Vierzehen-Landschildkröte sowohl an den Vorder- wie an den Hintergliedmassen bloss vier bekrallte Zehen, während alle anderen Landschildkröten an den Vordergliedmassen fünf haben.

Die Vierzehen-Landschildkröte ist im zentralasiatischen Raum heimisch. Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Iran, Afghanistan, Pakistan und Westchina im Süden bis nach Armenien und Aserbaidschan im Nordwesten und über Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan und Kirgisistan bis nach Kasachstan und Russland im Nordosten.

Innerhalb dieses sehr weiten Areals bewohnt die Vierzehen-Landschildkröte vornehmlich dürre, karge Gebiete in steinigen, sandigen und lehmigen Steppenregionen, und zwar in Höhen zwischen 300 und 2400 Metern ü.M. In solchen Gebieten sind die klimatischen Bedingungen extrem, weshalb die Vierzehen-Landschildkröte die meiste Zeit ihres Lebens damit verbringt, Hitze, Dürre und Kälte auszuweichen. Tatsächlich ist sie nur drei bis fünf Monate im Jahr aktiv, gewöhnlich zwischen März und Juli. Die restlichen Monate, aber auch die Nächte im Frühling, verbringt sie in einem selbst gegrabenen, bis zwei Meter langen Erdgang, an dessen Ende sich - dreissig bis fünfzig Zentimeter unter dem Boden - eine etwas erweiterte Schlafkammer befindet.

Die Vierzehen-Landschildkröte ernährt sich ausschliesslich von pflanzlichen Stoffen. In ihrer kargen Heimat darf sie nicht wählerisch sein, weshalb sie praktisch alles an Futter nützt, was das örtliche Angebot hergibt, und dabei auch Pflanzenarten wie Mohn (Papaver spp.) verzehrt, welche für manche anderen Tiere giftig sind. Ihren Wasserbedarf vermag sie allein über ihre Nahrung zu decken. Dennoch leckt sie nach einem Regen gern Wasser von Blättern und Steinen.

Die Vierzehen-Landschildkröte führt ein einzelgängerisches Leben. Die Männchen halten Territorien besetzt, in welchen sie keine Geschlechtsgenossen dulden. Treffen zwei Männchen aufeinander, so kommt es zu heftigen Kämpfen, bei denen die Rivalen einander beissen, mit dem Panzer rammen und auf den Rücken zu drehen versuchen. Interessanterweise sind die Territorien der Männchen weit kleiner als die bis dreissig Hektaren grossen Wohngebiete der Weibchen. Letztere streifen weit umher, besonders wenn sie paarungswillig sind. Dies erlaubt ihnen, aus mehreren Männchen ein ihnen besonders geeignet erscheinendes als Vater für ihren Nachwuchs auswählen.

Zwei bis vier Wochen nach der Paarung vergräbt das Weibchen seine befruchteten Eier oberflächennah im Boden. Ein Gelege besteht gewöhnlich aus nur zwei bis vier Eiern, jedoch erzeugt jedes Weibchen zwei oder drei Gelege je Frühling. Die oval geformten Eier sind mit einer Länge von 35 bis 40 Millimetern und einem Gewicht um 20 Gramm erstaunlich gross.

Die Entwicklungszeit der Keimlinge dauert zweieinhalb bis drei Monate. Wenn die jungen Vierzehen-Landschildkröten schliesslich aus ihren Eiern schlüpfen, weisen sie eine Panzerlänge von 40 bis 50 Millimetern auf, wiegen um 20 Gramm und haben einen deutlichen Mittelkiel auf dem Rückenpanzer. Manchmal erscheinen sie (wie übrigens auch die erwachsenen Individuen) im Herbst für ein paar Wochen an der Erdoberfläche; manchmal entsteigen sie ihrem Nest erst im folgenden Frühling. Die Geschlechtsreife erreichen sie im Alter von sieben bis zehn Jahren.

Auf der Roten Liste der IUCN steht die Vierzehen-Landschildkröte in der Kategorie «Verletzlich». Zwar geht man davon aus, dass innerhalb des weiten Artverbreitungsgebiets noch mehrere Millionen Individuen existieren. Allerdings sind die Bestände stark rückläufig. Dafür verantwortlich ist allein der Mensch: Zum einen stellt die im Artverbreitungsgebiet ansässige Bevölkerung den Vierzehen-Landschildkröten für den eigenen Verzehr nach. Vor allem aber fängt sie dieselben in riesiger Zahl, um sie als Heimtiere und für den Verzehr zu exportieren.

Beispielsweise wurden zwischen 1976 und 1999 durchschnittlich 30 000 Individuen im Jahr nach Europa ausgeführt. 1999 wurde der Import von aus der freien Wildbahn stammenden Vierzehen-Landschildkröten in die Europäische Union erfreulicherweise verboten. Der Export nach China, Russland, Japan und in die USA geht jedoch auf hohem Niveau weiter. Von 1997 bis 2007 wurden allein aus Usbekistan, Tadschikistan und Kasachstan 493 150 Individuen legal exportiert. Halten der Fang und die darauf zurückzuführende negative Bestandsentwicklung im heutigen hohen Ausmass an, so sieht die Zukunft der Vierzehen-Landschildkröte leider düster aus.




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