Lederschildkröte

Dermochelys coriacea


© 2003 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Viele Kriechtiere (Klasse Reptilia), welche heute unseren Planeten bevölkern, sind gewandte Schwimmer. Manche von ihnen führen eine amphibische Lebensweise, einige sogar eine aquatische. Nur ganz wenige Reptilien sind jedoch an ein Leben auf hoher See angepasst. Dies scheint vor allem darauf zurückzuführen zu sein, dass die Reptiliennieren das im Meerwasser gelöste Salz nur in geringen Mengen zu verarbeiten vermögen. Die paar wenigen Reptilien, welche ein echtes marines Leben führen, gehören deshalb jenen vereinzelten Sippen an, denen es im Laufe ihrer Stammesgeschichte gelang, spezielle Salz ausscheidende Drüsen zu entwickeln.

Die vollendetsten Meeresbewohner unter den Reptilien sind zweifellos die rund dreissig Arten von Ruderschwanz-Seeschlangen, welche die Unterfamilie Hydrophiinae innerhalb der Familie der Giftnattern (Elapidae) bilden. Sie gebären voll entwickelte Jungtiere und haben sich somit vollständig vom Land zu lösen vermocht, von dem aus ihre Urahnen einst das Meer erobert hatten.

Ein paar andere Reptilien verbringen zwar einen Grossteil ihres Lebens im Meer, doch sind sie Eierleger geblieben, die für das Ausbrüten ihrer Gelege auf trockenen, gut besonnten Boden angewiesen sind und deshalb zum Nisten an Land steigen müssen. Hierzu gehören zum einen die rund zwanzig Arten von Plattschwanz-Seeschlangen (Unterfamilie Laticaudinae) innerhalb der Familie der Giftnattern und zum anderen die sieben Arten von Meeresschildkröten in den beiden Familien Cheloniidae und Dermochelyidae.

Auf diesen Seiten soll von der Lederschildkröte (Dermochelys coriacea), der grössten unter den Meeresschildkröten, berichtet werden.

 

Bis über 900 Kilogramm schwer

Die Lederschildkröte unterscheidet sich körperbaulich in vielerlei Hinsicht deutlich von den anderen sechs Meeresschildkrötenarten. Sie wird deshalb innerhalb der Ordnung der Schildkröten (Chelonia) in eine eigene Familie namens Lederschildkröten (Dermochelyidae) gestellt, während jene in der Familie der Eigentlichen Meeresschildkröten (Cheloniidae) zusammengefasst werden.

Ungewöhnlich ist vor allem der Bau der Aussenhaut: Im Gegensatz zu den übrigen Meeresschildkröten - und auch zu den meisten anderen Schildkröten - verfügt die Lederschildkröte nicht über einen starren Knochen- und Hornpanzer, sondern über eine dicke, lederartige Haut, in welche mosaikartig kleine Knochenplättchen eingebettet sind.

Unvergleichlich ist aber auch die Körpergrösse der Lederschildkröte: Das grösste Individuum, das jemals verlässlich vermessen worden ist, war ein Männchen, das im September 1988 tot an der walisischen Küste angeschwemmt wurde: Es wies eine Rumpflänge von 256 Zentimetern und ein Gewicht von 916 Kilogramm auf; die Spannweite der Vorderflossen betrug über drei Meter. Die meisten erwachsenen Lederschildkröten sind zwar deutlich kleiner als dieser Gigant: Im Durchschnitt bemisst sich die Rumpflänge der Weibchen, welche zum Eierlegen an Land steigen, auf etwa 155 Zentimeter, und ihr Gewicht liegt in der Regel zwischen 250 und 500 Kilogramm. Damit gehört die Lederschildkröte aber dennoch zu den mächtigsten neuzeitlichen Kriechtieren und übertrifft bei weitem nicht nur alle anderen Meeresschildkröten, sondern auch die Riesenschildkröten von den Galapagosinseln und den Seychellen. Jene bringen es nämlich maximal auf eine Panzerlänge von 130 Zentimetern und ein Gewicht von 270 Kilogramm.

 

Ein warmblütiges Reptil

Die Lederschildkröte ist eine echte Hochseebewohnerin, welche ausserhalb der Nistsaison selten in seichten, küstennahen Gewässern anzutreffen ist. Sie führt normalerweise ein einzelgängerisches Leben.

Dank ihres Riesenwuchses und ihrer dicken Unterhaut-Fettschicht vermag die Lederschildkröte eine Körpertemperatur aufrechtzuerhalten, welche deutlich höher ist als das Meerwasser, in welchem sie umherschwimmt. Man kann sie gewissermassen als Warmblüter bezeichnen, wie dies sonst in ihrer Umgebung nur auf die Delphine und anderen Meeressäuger sowie ein paar der grössten Knochenfische, insbesondere die Thunfische, zutrifft. Man spricht in diesen Fällen von «endothermen» Tieren - dies im Gegensatz zu den «exothermen» Tieren (darunter alle übrigen Reptilien), deren Körpertemperatur weit gehend von der Umgebungstemperatur bestimmt wird.

Ihre Warmblütigkeit erlaubt es der Lederschildkröte, sich auch in zehn bis zwanzig Grad kühlen Gewässern umherzubewegen. Bei solchen Wassertemperaturen würden die «normalen» Meeresschildkröten über kurz oder lang erstarren und in der Folge den Kältetod erleiden. Es überrascht deshalb nicht, dass die Lederschildkröte ein erheblich weiteres Verbreitungsgebiet hat als ihre sechs Schwestern: Im Atlantik wie im Indopazifik kommt sie nicht nur in der tropischen und der subtropischen Klimazone vor, sondern auch in der gemässigten. Auf der nördlichen Erdhalbkugel wurden Lederschildkröten schon in der Nordsee, Barentssee und Labradorsee gesichtet, ferner im Golf von Alaska und sogar im Beringmeer. Auf der südlichen Erdhalbkugel fand man sie schon im Bereich von Tasmanien, von Neuseeland und der Insel Chiloé (Südchile).

Als einzige Meeresschildkröte ernährt sich die Lederschildkröte fast ausschliesslich von Quallen (Klassen Hydrozoa, Cubozoa und Scyphozoa), Rippenquallen (Klasse Ctenophora), Salpen (Klasse Thaliacea) und anderen Wirbellosen, welche erstens einen weichen Körper aufweisen und zweitens frei schwimmend in den oberflächennahen Wasserschichten der Hochsee vorkommen. Sie ist gegenüber dem nesselnden Gift, das viele dieser Tiere beim Beutefang und bei der Feindabwehr einsetzen, immun: Von grösseren Individuen beisst sie mit ihrem mächtigen Hornschnabel unbekümmert Stücke ab; kleinere verschluckt sie ganz.

Die bevorzugten Beutetiere der Lederschildkröte kommen in grossen Beständen vor allem in Meeresgebieten vor, wo kühle Wassermassen aus der Tiefe aufsteigen und dabei Nährstoffe vom Meeresboden an die Oberfläche spülen. Solche Gebiete finden sich beispielsweise vor der Südwestküste Afrikas, wo der von Süden kommende Benguelastrom nach oben gelenkt wird, und vor der Westküste Südamerikas, wo mit dem Humboldtstrom dasselbe geschieht. An beiden Orten bietet sich einer ungeheuren Fülle mariner Lebewesen - von planktonischen Kleinstlebewesen über Quallen, Krebstiere, Tintenfische und Knochenfische bis hin zu Haien, Pinguinen, Robben und Waltieren - eine üppige Lebensgrundlage. Auch die Lederschildkröte findet in diesen kühlen Meeresbereichen einen reichlich gedeckten Tisch. Dank ihrer Kälteverträglichkeit vermag sie also Nahrungsquellen zu nutzen, welche für die übrigen Meeresschildkröten nicht zugänglich sind.

 

Bleiben sie ihrem Geburtsstrand treu?

Wie alle Meeresschildkröten verlassen die Lederschildkröten einzig zum Zweck der Fortpflanzung das Meer, und selbst dann sind es nur die Weibchen, welche für die Eiablage an Land steigen. Die Männchen verbringen nach dem Schlüpfen ihr ganzes Leben im Wasser.

Die Niststrände der Lederschildkröte befinden sich fast ausschliesslich innerhalb der tropischen Klimazone, ihre Nahrungsgründe hingegen vorwiegend in der gemässigten. Sie ist also gezwungen, regelmässig weite Wanderungen durchzuführen. Beispielsweise halten sich die meisten Lederschildkröten, deren Niststrände in der Karibik liegen, ausserhalb der Fortpflanzungszeit in den Gewässern vor der Ostküste der USA und Kanadas auf und kehren nur jeweils zwischen Februar und Juli für kurze Zeit zu ihrem «Heimathafen» zurück.

Wie bei den anderen Meeresschildkrötenarten schreitet das Lederschildkrötenweibchen nicht jedes Jahr zur Fortpflanzung, sondern unternimmt bloss alle zwei bis drei Jahre, jeweils zur Paarungszeit, die weite Reise von seinen Nahrungsgründen zu seinem angestammten Niststrand. Letzterem bleibt es während seines ganzen Erwachsenenlebens treu. Zwar gehen wir allgemein davon aus, dass es sich dabei um seinen Geburtsstrand handelt; der Nachweis hierfür konnte allerdings bis heute nicht sicher erbracht werden.

In der Nähe des Strands angelangt, paart sich das Weibchen mit einem oder mehreren der ebenfalls eingetroffenen Männchen. In einer der nächsten Nächte begibt es sich dann mit grösster Vorsicht an Land - bereit, sich bei der geringsten Störung wieder ins nasse Element zu retten. Langsam schleppt es sich mit seinen flossenförmigen Vorderbeinen den Sandstrand hinauf. Knapp oberhalb der Flutmarke gräbt es in mühseliger Arbeit mit seinen Hinterflossen eine röhrenförmige Grube von 40 bis 60 Zentimetern Tiefe in den Sand. Da hinein legt es seine kostbare Fracht von zumeist fünfzig bis hundertfünfzig kugelrunden weissen Eiern. Nach einer kurzen Verschnaufpause schaufelt es das Loch mit den Hinterflossen wieder zu. Und damit hat es seine «Schuldigkeit» getan: Die Brutpflege überlässt es dem schützenden Sand und der wärmenden Sonne. Nach ein- bis zweistündigem Landaufenthalt kehrt es erschöpft ins Meer zurück.

Dort, im küstennahen Flachwasser, verpaart es sich alsbald erneut mit einem der wartenden Männchen und geht dann in einer späteren Nacht nochmals an Land. Denn während einer Nistzeit setzt jedes Weibchen mehrere Gelege (in etwa zehntägigen Intervallen) ab. Meist sind es drei bis fünf, manchmal aber auch bis zu sieben. So macht es den zwei- oder dreijährigen Ausfall in seinem Fortpflanzungszyklus wieder wett.

Nach fünfzig bis siebzig Tagen - je nach Wetter - schlüpfen die nur sechs bis sieben Zentimeter langen und dreissig Gramm schweren Lederschildkrötenbabys aus den Eiern. Sie verlassen ihr Sandnest zumeist im Schutz der nächtlichen Dunkelheit und hasten sogleich dem Meer zu. Instinktiv wissen sie, dass es dieses so schnell wie möglich zu erreichen gilt, denn am Strand sind sie eine leichte Beute für Eulen, Krabben, Echsen, Schleichkatzen und andere Raubfeinde. Haben sie einmal das Meer erreicht und fallen in den nächsten Monaten nicht gleich einem hungrigen Raubfisch zum Opfer, so haben sie ein mehrere Dutzend Jahre langes Leben als Quallenjäger vor sich. Wo und wie sie ihre Jugendjahre verbringen, wissen wir zwar nicht, da höchst selten halbwüchsige Individuen aufgefunden wurden. Die jungen Lederschildkröten scheinen aber schneller heranzuwachsen als die Jungtiere der anderen Meeresschildkröten und im Allgemeinen schon nach weniger als zehn Jahren ihrerseits zur Fortpflanzung zu schreiten.

 

Durch Plastikbeutel gefährdet

Aus ihrer Spezialkost erwächst der Lederschildkröte leider mehr und mehr eine ernste Gefahr. Denn offensichtlich kann das grosse Reptil nur schwer unterscheiden zwischen Quallen und Plastikbeuteln, die der Mensch achtlos wegwirft und die heute in erschreckenden Mengen frei in allen Meeren treiben. Untersuchungen haben gezeigt, dass etwa die Hälfte aller Lederschildkröten Kunststoffabfälle in ihrem Magendarmtrakt haben. Diese dürften in vielen Fällen schwere Verdauungsstörungen, womöglich sogar den Tod der betroffenen Tiere hervorrufen.

Aber auch ganz direkt stellt der Mensch eine erhebliche Gefahr für den Fortbestand der Lederschildkröte dar. Zwar bejagt er die riesenhafte Schildkröte kaum ihres Fleischs wegen, da dieses wenig bekömmlich ist. Auch liefert ihr Panzer kein Schildpatt, und ihr Leder ist nicht gefragt. Jedoch plündert der Mensch weltweit ihre Gelege, weil Meeresschildkröteneier - roh gegessen - müde Männer munter machen sollen. Ausserdem verlieren ungezählte Individuen als unerwünschter «Beifang» ihr Leben, wenn sie sich in Fischernetzen verfangen oder nach den Ködern von Langleinen schnappen. Als Folge hiervon ist in allen Ozeanen ein merklicher Schwund der Lederschildkrötenbestände zu verzeichnen.

Niemand vermag abzuschätzen, wie viele Lederschildkröten weltweit noch durch die Meere streifen. Bekannt ist einzig, dass die Zahl der Eier legenden Weibchen an allen untersuchten Niststränden in den letzten Jahrzehnten auf mindestens ein Drittel des ursprünglichen Werts gefallen ist und dass viele ehemalige Niststrände sogar vollständig verwaist sind. So steigen im Bereich des kleinen Karibikstaats St. Vincent nur noch vereinzelte Individuen an Land. Auf der zu St. Vincent gehörenden Grenadineninsel Bequia, welche die vorliegenden Briefmarken verausgabt hat, ist in jüngerer Zeit sogar kein einziges Lederschildkrötenweibchen mehr verzeichnet worden. Die Besorgnis erregende Bestandsentwicklung hat die Weltnaturschutzunion (IUCN) dazu bewogen, die Lederschildkröte neu in der Kategorie «kritisch bedroht» auf der Roten Liste zu führen.

Die wichtigsten Niststrände der Lederschildkröte finden sich heute an der Pazifikküste Mexikos, der Nordostküste Malaysias und der Atlantikküste Französisch-Guyanas. Mit Unterstützung des Welt Natur Fonds (WWF) und zahlreicher anderer Arten-, Natur- und Umweltschutzorganisationen werden grosse Teile dieser traditionellen Eiablagestrände während der Fortpflanzungszeit Tag und Nacht überwacht. Zusätzlich werden Tausende von Eiern eingesammelt, in Aufzuchtstationen erbrütet, und die geschlüpften Jungen später an sicheren Stellen ausgesetzt. Auf diese Weise lassen sich zumindest die Verluste an Land vermindern. Konkrete Massnahmen gegen die hohe Sterblichkeit der Lederschildkröten auf hoher See existieren hingegen keine. Die Prognosen betreffend die Zukunft dieser mächtigen Reptilien fallen daher ziemlich pessimistisch aus.

 

 

 

Legenden

Die Lederschildkröte (Dermochelys coriacea) ist die grösste der sieben heutigen Meeresschildkröten: Die Rumpflänge der erwachsenen Weibchen, welche zum Eierlegen an Land steigen, bemisst sich im Durchschnitt auf etwa 155 Zentimeter, und ihr Gewicht liegt in der Regel zwischen 250 und 500 Kilogramm. In Ausnahmefällen können Lederschildkröten allerdings über 250 Zentimeter lang werden und bis über 900 Kilogramm auf die Waage bringen (vgl. Seite 6).

Leider gibt es heute nicht mehr viele Strände, an denen die weiblichen Lederschildkröten in grösserer Zahl ihre Nester anlegen. Dort aber, wo noch kopfstarke Bestände zur Fortpflanzung schreiten, gestalten sich die Landgänge der Weibchen als so genannte «Arribadas», also als «Massenankünfte», die in ein paar wenigen, ausgewählten Nächten stattfinden, wenn die Umweltbedingungen offensichtlich besonders günstig sind. Welche Faktoren hierbei eine Rolle spielen, ist noch immer Gegenstand von Untersuchungen.

Fünfzig bis hundertfünfzig kugelrunde weisse Eier legen die Lederschildkrötenweibchen je Strandbesuch ab. Die Brutpflege überlassen sie dem schützenden Sand und der wärmenden Sonne. Wie bei vielen anderen Reptilien hat die Temperatur während der Entwicklung der Keimlinge einen grossen Einfluss auf das Geschlecht derselben. Bei einer Temperatur von ungefähr 29 Grad Celsius, ist das Geschlechtsverhältnis bei den Schlüpflingen ziemlich ausgeglichen. Ist die Temperatur geringer, entwickeln sich vor allem Männchen, im umgekehrten Fall mehrheitlich Weibchen. Längst nicht alle Strände eignen sich darum als «Kinderstube» der Lederschildkröte.

Die jungen Lederschildkröten schlüpfen nach einer Entwicklungszeit von rund zwei Monaten aus ihren Eiern. Ihr Sandnest verlassen sie zumeist im Schutz der nächtlichen Dunkelheit und hasten sogleich dem Meer zu. Instinktiv wissen sie, dass es dieses so schnell wie möglich zu erreichen gilt, denn am Strand sind sie eine leichte Beute für diverse Fressfeinde.

Bei der grössten Lederschildkröte, die jemals verlässlich vermessen wurde, handelte es sich um ein Männchen, das im September 1988 tot an der walisischen Küste angeschwemmt worden war (Bild). Es wies eine Rumpflänge von 256 Zentimetern und ein Gewicht von 916 Kilogramm auf. Die Spannweite seiner Vorderflossen betrug mehr als drei Meter. Zwar hatte es schon früher Berichte über solch gigantische Lederschildkröten gegeben; der wissenschaftliche Nachweis hatte aber bis dahin gefehlt.




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