Leopardnatter

Elaphe situla


© 2002 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Ungiftig und wenig bissig

Wie kaum bei einer anderen Tiergruppe empfindet der Mensch gegenüber den Schlangen eine fast instinktive Furcht. Dies ist insofern verständlich, als zahlreiche Schlangen über ein tödliches Gift verfügen und Jahr für Jahr zahlreiche Todesfälle verursachen. In aller Regel handelt es sich hierbei jedoch um Unfälle, denn es gibt keine einzige Giftschlange, die den Menschen als Beutetier betrachtet, das heisst ihm absichtlich auflauert, um ihn mit ihrem Gift zu töten und ihn hernach zu verspeisen. Nur wenn der grosse Zweibeiner überraschend den Weg einer Giftschlange kreuzt und diese sich bedrängt fühlt, wehrt sie sich unter Umständen mit einem Biss. Unfälle mit Giftschlangen sind also stets auf eine Notwehrreaktion der Tiere zurückzuführen und nicht auf ihre Angriffslust.

Wir dürfen also die Schlangen im Allgemeinen und die Giftschlangen im Besonderen nicht als eine spezielle Kategorie böser Tieren ansehen. Aber eine gesunde Vorsicht ihnen gegenüber ist sicher angebracht, und dies ist wohl auch der Sinn unserer «instinktiven» Furcht. («Instinktiv» steht hier deshalb in Anführungszeichen, weil uns Menschen eine echte Schlangenfurcht nicht wirklich angeboren ist. Kleinkinder haben bis zum Alter von zwei bis drei Jahren keinerlei Angst vor Schlangen. Sie spielen harmlos mit ihnen. Erst später entwickelt sich die Furcht, entweder durch einen natürlichen Reifungsprozess oder weil dem Beispiel der Erwachsenen gefolgt wird.)

In den meisten Teilen der Welt sind die ungiftigen Schlangen im Übrigen den giftigen an Zahl weit überlegen. Tatsächlich ist nur knapp ein Drittel der weltweit rund 2400 Schlangenarten so giftig, dass ihr Biss beim Menschen eine unangenehme bis lebensgefährliche Wirkung haben kann. Das gilt auch für Europa: Von den insgesamt 27 Schlangenarten, die westlich des 36. östlichen Längengrads vorkommen, sind 17 ungiftig, 3 schwach giftig und 7 stark giftig.

Bei den 3 schwach giftigen Schlangen Europas handelt es sich anatomisch betrachtet um so genannte Furchenzähner (Opisthoglypha). Systematisch gesehen gehören sie der Familie der Nattern (Colubridae) an, wo sie als Trugnattern (Boiginae) in eine eigene Unterfamilie gestellt werden. Diese Schlangen verfügen über ein ziemlich schwaches Gift, das von den Giftdrüsen über je eine Rinne in den hintersten ihrer zahlreichen Oberkieferzähne in die Bisswunde fliesst. Sie sind für den Menschen ungefährlich, zum einen weil ihre weit hinten im Rachen sitzenden Giftzähne den Menschen gar nicht zu erreichen vermögen, und zum anderen weil die Giftwirkung nicht sehr stark ist.

Die 7 stark giftigen Schlangen Europas sind anatomisch gesehen Röhrenzähner (Solenoglypha). Verwandtschaftlich gehören sie der Familie der Vipern (Viperidae) an. Bei ihnen befinden sich die Giftzähne - als einzige Zähne im Oberkiefer - weit vorn im Mund und stellen «Kanülen» dar, die ein Einspritzen des Gifts in die Bisswunde gestatten. Sie sind ausserdem beweglich und können aus der Mundhöhle direkt nach vorn gerichtet werden, ermöglichen also den gefürchteten blitzschnellen «Giftstich».

Von den 17 ungiftigen Schlangen Europas gehört 1 zur Familie der Blindschlangen (Typhlopidae), 1 zur Familie der Boa-Schlangen (Boidae), und 15 gehören der Familie der Nattern (Colubridae) an.

Unter den 15 ungiftigen Nattern Europas befindet sich eine Art, welche zum einen als «wenig bissig» und zum anderen als die schönste Schlange Europas gilt. Die Rede ist von der Leopardnatter (Elaphe situla), der wir uns auf diesen Seiten widmen wollen.

 

Von Sizilien bis zur Krim heimisch

Die Leopardnatter ist eine verhältnismässig kleine und ziemlich schlanke Schlange. Wie bei vielen Nattern sind die Weibchen durchschnittlich etwas grösser als die Männchen: Erstere können eine Länge von bis zu 120 Zentimetern erreichen, während letztere maximal 100 Zentimeter lang werden. Die allermeisten weiblichen wie männlichen Individuen bleiben in der Länge allerdings zeitlebens deutlich unter einem Meter.

Verhältnismässig klein ist auch das Verbreitungsgebiet der Leopardnatter: Man findet die Art in Süditalien und auf Sizilien sowie Malta, entlang der Adriaküste der Balkanhalbinsel nordwärts bis Kroatien, in ganz Griechenland und auf Kreta sowie auf mehreren Ägäischen Inseln, im Süden Bulgariens, im ganzen europäischen und kleinasiatischen Bereich der Türkei, an verstreuten Stellen im Kaukasus und schliesslich - abgesondert - auf der im Norden des Schwarzen Meers gelegenen, zur Ukraine gehörenden Halbinsel Krim.

Innerhalb ihres Verbreitungsgebiets bevorzugt die Leopardnatter als Lebensraum trockene, gut besonnte Gegenden in tiefen Lagen. Tatsächlich kommt sie fast überall nur unterhalb der 600-Meter-Höhenlinie vor. Auf dem Peloponnes wurden einzelne Individuen allerdings schon in Höhen von bis zu 1400 Metern ü.M. gesichtet.

Auf der Krim besiedelt die Leopardnatter ein geografisch eng begrenztes Gebiet ganz im Süden der Halbinsel, zwischen Sevastopol im Westen und Sudak im Osten. Man geht davon aus, dass dieser isolierte Bestand einstmals mit den weiter südlich gelegenen Beständen verbunden war, dann aber durch die Entstehung des Schwarzen Meers vor knapp 10 000 Jahren vom Rest der Population abgeschnitten wurde.

 

Lebten die Vorfahren unterirdisch?

Obschon die Fossilfunde keineswegs lückenlos sind, gehen die Zoologen heute allgemein davon aus, dass die Schlangen von urtümlichen, den heutigen Waranen ähnlichen Echsen abstammen, welche - zwecks Erschliessung eines neuen Lebensraums - zu einer grabenden, unterirdischen Lebensweise übergegangen waren. Im Laufe langer Zeiträume - so die heutige Auffassung - passten diese Echsen ihren Körperbau immer mehr der unterirdischen Lebensweise an, bis sie schliesslich zu Schlangen geworden waren. Für diese Einschätzung gibt es verschiedene stichhaltige Argumente, von denen wir hier drei nennen wollen:

1. Die Rückbildung aller Körperanhänge einschliesslich der Gliedmassen und die Ausbildung einer lang gestreckten, zylindrischen - «wurmartigen» - Körperform sind ideal für das Leben im Untergrund.

2. Mehrere Mitglieder der beiden Riesenschlangenfamilien Boidae und Pythonidae führen eine unterirdische Lebensweise, und bei den beiden Blindschlangenfamilien Typhlopidae und Leptotyphlopidae sind es sogar sämtliche Mitglieder. Diese vier Familien gehören bezeichnenderweise zu den urtümlichsten aller heutigen Schlangen.

3. Den Schlangen fehlen bewegliche Augenlider, weshalb wir ihren Blick als seltsam starr empfinden. Das obere und das untere Augenlid sind miteinander verwachsen, durchsichtig und hart; sie bilden zusammen einen uhrglasartigen Deckel über dem Auge. Bei einem Tier, das sich «kopfvoran» durch das Erdreich bewegt, stellt dies einen idealen Schutz für die Augen dar. (Gegen dieses Argument lässt sich zwar einwenden, dass Tiere, welche ständig unterirdisch leben, überhaupt keine Augen benötigen. Man vermutet aber, dass die frühen Schlangen ihre Augen nie ganz verloren, sondern bloss stark zurückgebildet hatten, so dass später, als die Schlangen das Erdreich wieder verliessen, die Augen allmählich wieder herausgebildet werden konnten.)

Wie die meisten modernen Schlangen ist die Leopardnatter ein oberirdisch kriechendes Reptil und nimmt einzig zum Schutz vor Wind und Wetter sowie vor Fressfeinden Zuflucht unter Steinen oder Wurzelstöcken. Und wie alle Schlangen ist sie eine zünftige Beutegreiferin mit guten Augen und einem ausgezeichneten Geruchssinn. Zum Opfer fallen ihr hauptsächlich kleine Säugetiere, insbesondere Nagetiere, ferner Kleinvögel (vor allem nestjunge) und mitunter auch kleine Echsen. Im Allgemeinen geht sie tagsüber und am Boden auf Jagd. Nicht selten klettert sie aber auch geschickt auf Büschen und Bruchsteinmauern umher und sucht dort nach den Nestern brütender Vögel.

 

Eine Würgerin

Ihre Opfer tötet die Leopardnatter wie die meisten Mitglieder der Gattung Elaphe nach Riesenschlangenmanier durch Erwürgen. Typischerweise packt sie ihr Beutetier zunächst mit den Kiefern nach einem blitzschnellen Vorstoss. Dann wirft sie sogleich ihren Kopf zur Seite, um das überraschte Tier an ihre Flanke zu drücken und es mit zwei oder drei Schlingen ihres Körpers zu umwickeln. Das Opfer wird auf diese Weise sofort unbeweglich gemacht, gewissermassen «gefesselt», und anschliessend durch Festziehen der Körperschlingen erstickt. Danach kann es in aller Ruhe verzehrt werden.

Schlangen - und das gilt auch für die Leopardnatter - zerteilen ihre Opfer nicht vor dem Verzehr, sondern verschlucken sie stets im Ganzen, selbst wenn deren Umfang die Grösse ihrer Mundöffnung deutlich übersteigt. Dieses scheinbar unmögliche Unterfangen ist deshalb durchführbar, weil die Schlangen erstens ihren Unterkiefer aus der Verankerung im Kiefergelenk lösen können, so dass er nur noch mit elastischen Bändern und mit Muskeln am Schädel befestigt ist, und weil zweitens ihre Kopfhaut überaus dehnbar ist. Dank dieser beiden Einrichtungen lässt sich der Mund enorm weit aufreissen. Beim Verschlingen eines Beutetiers wird der Unterkiefer jeweils ein Stück weit nach vorn über das Beutetier geschoben und sogleich wieder zurückgezogen. Dabei haken sich die nach hinten gerichteten Zähne fest und ziehen den «Bissen» mit. So gleitet die Beute langsam aber unaufhaltsam in den Schlund. Im Rachen trägt dann die kräftige Halsmuskulatur dazu bei, den «Bissen» weiter in Richtung Magen zu befördern.

Nach dem Mahl ziehen sich die Schlangen gewöhnlich für eine Weile in einen sicheren Unterschlupf zurück, um dort ihre Nahrung in Ruhe zu verdauen. Dehnbar ist ihr Körper nämlich nur bis und mit Magen. Der Darm hingegen ist so eng, dass die Beute zuerst durch die Magensäfte aufgelöst werden muss, bevor die eigentliche Verdauung einsetzen kann.

Riesenschlangen benötigen bekanntlich für die Verdauung eines grossen Beutetiers mehrere Wochen. Bei kleineren Schlangen wie der Leopardnatter, welche eine vergleichsweise höhere Stoffwechselrate haben und vergleichsweise kleinere Beutetiere verspeisen, dauert der Prozess zwar bloss ein paar Tage. Dennoch verbringen auch sie einen Grossteil ihres Lebens untätig in einem Versteck und gehen nur zwischendurch auf die Jagd.

Der Anteil der Inaktivität im Leben der Leopardnatter wird noch dadurch erheblich vergrössert, dass die hübsche Schlange meistenorts mehr als sechs Monate - etwa von Mitte Oktober bis Ende April - im Winterschlaf verbringt. Im Mai oder Juni finden die Paarungen statt, und im Juli oder August legt das Weibchen seine Eier an einem gut besonnten Ort - oft im Schutz von Steinen - ins lockere Erdreich. Die Gelege sind mit zwei bis fünf (selten bis sieben) Eiern zwar klein, dafür sind die Eier mit einer Länge von ungefähr fünf Zentimetern und einer Dicke von etwa zwei Zentimetern überraschend gross. Eine Brutfürsorge findet nicht statt.

Die Entwicklungszeit der Keimlinge beträgt im Allgemeinen rund sechs Wochen. Die Jungen weisen beim Schlüpfen eine Länge von 30 bis 35 Zentimetern auf und sind als typische Nestflüchter von Anfang an auf sich selbst gestellt. Gleich nach dem Verlassen der Eihülle gehen sie auf die Jagd und sind bestrebt, möglichst rasch genügend Fettreserven aufzubauen, um den bevorstehenden Winter heil zu überdauern.

 

Rückläufige Bestände

Die Leopardnatter ist als Art gegenwärtig nicht in ihrem Fortbestand gefährdet. In einigen Bereichen ihres Verbreitungsgebiets kommt sie sogar noch recht häufig vor und scheint unter den Aktivitäten des Menschen wenig gelitten zu werden. So kann man ihr in Griechenland oft in Gärten und bei Gebäuden begegnen, was in ihrem volkstümlichen griechischen Namen «Spitophido» (=Hausschlange) zum Ausdruck kommt.

Mancherorts, so in Italien, Kroatien und Bulgarien, weist die Leopardnatter jedoch nur noch verstreute, inselartige Vorkommen auf. Ihre Bestände scheinen hier wegen diverser Beeinträchtigungen durch den Menschen sowie durch dessen Haus- und Nutztiere seit geraumer Zeit rückläufig zu sein.

Auf der Krim weist die Leopardnatter von alters her ein beschränktes Verbreitungsgebiet und einen geringen Bestand auf. Ausserdem scheint die kleine Population weiter zu schrumpfen, weil sie zum einen aus immer mehr Bereichen ihres angestammten Lebensraums verdrängt und zum anderen für den Tierhandel gefangen wird. Sie steht deshalb heute auf der ukrainischen Roten Liste der gefährdeten Tierarten.

 

 

 

Legenden

Die Leopardnatter (Elaphe situla), eine ungiftige, wenig bissige Schlange aus der artenreichen Natternfamilie (Colubridae), gilt als die schönste Schlange Europas. Die Weibchen sind durchschnittlich etwas grösser als die Männchen: Erstere können eine Länge von bis zu 120 Zentimetern erreichen, während letztere maximal 100 Zentimeter lang werden. Die allermeisten Individuen bleiben in der Länge allerdings zeitlebens deutlich unter einem Meter.

Hinsichtlich ihrer Gestalt und ihrer Färbung unterscheiden sich die männlichen Leopardnattern nicht von den weiblichen. Interessanterweise gibt es aber in der Natur zwei verschiedene Zeichnungsformen: Während die «übliche» Form auf hellem Grund eine regelmässige Reihe rotbrauner, schwarz umrandeter «Leopardenflecken» auf dem Rücken trägt (links), fliessen bei der «unüblichen» Form die Flecken der Länge nach zusammen und bilden zwei rotbraune, schwarz gesäumte Längsstreifen (unten).

Das Verbreitungsgebiet der Leopardnatter erstreckt sich von Sizilien im Westen quer durch Südosteuropa und Kleinasien bis zum Kaukasus im Osten. Ein isolierter kleiner Bestand findet sich ferner auf der Halbinsel Krim im Norden des Schwarzen Meers. Die hübsche Natter ist eine überwiegend tagaktive Beutegreiferin, die vor allem Nagetieren, Singvögeln und kleinen Echsen nachstellt. Ihre Opfer tötet sie gewöhnlich nach Riesenschlangenmanier durch Erwürgen.

Im Allgemeinen geht die Leopardnatter am Boden auf die Jagd (Bild Seite 4). Nicht selten klettert sie aber auch geschickt auf Büschen und Sträuchern umher und sucht dort nach den Nestern - bzw. den Nestlingen - brütender Kleinvögel (oben).

Die Paarungen der Leopardnattern finden nicht überall im Artverbreitungsgebiet zur selben Zeit statt, ereignen sich aber meistenorts in den Monaten Mai oder Juni. Rund zwei Monate später legt das Weibchen seine gewöhnlich zwei bis fünf Eier an einer gut besonnten Stelle und oft im Schutz von Steinen ins lockere Erdreich. Eine Brutpflege findet nicht statt.




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