Mauritiussittich
Psittacula eques
(auch: Psittacula echo)
© 2003 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Die Tierwelt ozeanischer Inseln reagiert auf Veränderungen
ihres Lebensraums besonders empfindlich. Dies ist vor allem darauf
zurückzuführen, dass der vorhandene Lebensraum klar
begrenzt ist und die Artbestände entsprechend klein sind.
Wo und wann immer der Mensch in der Vergangenheit eine ozeanische
Insel besiedelt hat, sind deshalb über kurz oder lang verschiedene
lokale Tierarten aufgrund der ökologischen Umwandlungen
einerseits und der Bejagung andererseits ausgestorben.
Da Vögel aufgrund ihrer Flugfähigkeit ozeanische
Inseln einfacher und häufiger zu erreichen vermögen
als die Vertreter der meisten anderen landlebenden Tiersippen,
ist es nicht verwunderlich, dass sie stets einen Grossteil der
Fauna ozeanischer Inseln bilden - und dass jeweils besonders
viele Vogelarten von der erwähnten, durch den Menschen verursachten
Aussterbewelle betroffen waren.
Das Gesagte lässt sich am Beispiel der östlich
von Madagaskar im Indischen Ozean gelegenen Maskarenen musterhaft
aufzeigen. Diese vulkanische, nach dem portugiesischen Entdecker
Pedro de Mascaranhas benannte Inselgruppe umfasst die Hauptinseln
Mauritius, Rodrigues und La Réunion nebst ein paar kleineren
Eilanden. Bei ihrer Entdeckung im frühen 16. Jahrhundert
beherbergten die Maskarenen zahlreiche endemische, also nur dort
vorkommende Vogelarten. Mehrere von ihnen verschwanden alsbald
für immer. Zu nennen ist insbesondere der Dodo (Raphus
cucullatus) von der Insel Mauritius. Die flugunfähige,
truthahngrosse Taube war um 1670 ausgerottet. Insgesamt fielen
auf den Maskarenen 23 endemische Vogelarten den «Machenschaften»
des Menschen zum Opfer, nämlich 3 Eulen, 4 Reiher, 4 Rallen,
2 Enten, 1 Ibis, 4 Tauben und 5 Papageien.
Erfreulicherweise haben es ein paar endemische Vogelarten
der Maskarenen geschafft, den widrigen Umständen bis heute
zu trotzen. Auf Mauritius haben acht von ihnen überlebt,
wenn auch allesamt in stark verminderten Beständen. Der
seltenste von ihnen - und eine der am stärksten in ihrem
Fortbestand bedrohten Vogelarten weltweit - ist der Mauritiussittich
(Psittacula eques oder Psittacula echo), von dem
auf diesen Seiten die Rede sein soll.
Indischer Abstammung?
Der Mauritiussittich ist ein Mitglied der Papageienfamilie
(Psittacidae). Er ist mit dem in Indien (wie auch in Menschenobhut)
weit verbreiteten Kleinen Alexandersittich oder Halsbandsittich
(Psittacula krameri) nah verwandt und sieht diesem sehr
ähnlich. Tatsächlich geht man davon aus, dass der Mauritiussittich
der Nachfahre einiger Kleiner Alexandersittiche ist, die irgendwann
in grauer Vorzeit den weiten Weg von Indien über das Meer
nach Mauritius geschafft hatten.
Mit einer Gesamtlänge von knapp über 40
Zentimetern (wovon ungefähr die Hälfte auf den Schwanz
entfällt) ist der Mauritiussittich ein mittelgrosser Vertreter
der «Krummschnäbel». Männchen und Weibchen
lassen sich anhand ihrer Färbung leicht unterscheiden, was
bei Papageien ungewöhnlich ist. Augenfällig ist vor
allem die Tatsache, dass der Schnabel bei den Männchen oberseits
orangerot, bei den Weibchen hingegen schwarz gefärbt ist.
Auf den zweiten Blick lässt sich erkennen, dass den Weibchen
- im Unterschied zu den Männchen - der türkisblaue
Glanz der Nacken- und Schwanzfedern und das rosa Nackenband fehlen.
Die Mauritiussittiche leben gewöhnlich paarweise
oder in kleinen Trupps, sind aber tagsüber oft einzeln unterwegs.
Sie halten sich stets auf Bäumen auf, und zwar zumeist im
oberen Bereich der Baumkronen. Auf den Boden kommen sie so gut
wie nie. Die Nacht verbringen sie in kleinen Tälern und
an anderen windgeschützten Stellen in dichten Baumbeständen.
Nach Sonnenaufgang begeben sie sich auf die Fresswanderung. Tag
für Tag ziehen sie viele Kilometer weit umher und besuchen
dabei - je nach dem saisonalen Nahrungsangebot - immer wieder
andere Gegenden. Der Nahrungssuche widmen sie sich vor allem
in der ersten Hälfte des Vormittags und dann nochmals in
der zweiten Hälfte des Nachmittags. Während der Mittagsstunden
ruhen sie an einem sicheren Ort. Oft versammeln sich dann mehrere
Mauritiussittiche in der Krone eines besonders hohen Baums und
unterhalten soziale Kontakte, indem sie sich dicht zueinander
setzen und gegenseitig das Gefieder pflegen. Bei Sonnenuntergang,
nach der zweiten Fressphase, versammeln sie sich erneut und fliegen
gemeinsam und lauthals krächzend eine Weile über dem
gemeinsamen Schlafplatz umher. Rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit
lassen sie sich dann auf ihren Schlafbäumen nieder.
Siebenmonatige Kindheit
Die Nahrung des Mauritiussittichs setzt sich vor allem
aus den Früchten und Blüten endemischer Bäume
zusammen. In kleineren Mengen nimmt er aber auch Blätter,
Samen, Knospen, Triebe, Zweige und Rinde zu sich. Die beiden
wichtigsten Nahrungsdinge sind die Früchte verschiedener
Calophyllum-Bäume und - in der früchtearmen
Jahreszeit von August bis November - die Blätter des Bois
de Lait («Milchbaum»; Tabernaemontana mauritiana).
Letztere sondern einen milchigen, nährstoffreichen Saft
ab, dem der Baum seinen volkstümlichen Namen verdankt.
Die Fortpflanzungszeit der Mauritiussittiche beginnt
normalerweise im September oder Oktober. Paarweise besetzen die
Vögel dann Brutterritorien. Als Nistbaum wählen die
meisten Paare einen so genannten «Überständer»,
also einen besonders hohen Baum, der das restliche Kronendach
deutlich überragt. Das Nest befindet sich gewöhnlich
mehr als zehn Meter über dem Boden in der Höhlung eines
alten, mehr oder weniger waagrecht wachsenden Astes. Die Nestöffnung
ist zehn bis fünfzehn Zentimeter weit; die Nestkammer selbst
weist eine Breite von etwa zwanzig Zentimetern und eine Tiefe
von rund fünfzig Zentimetern auf. Nistmaterial tragen die
Mauritiussittiche keines ein. Das Weibchen legt seine zwei bis
drei Eier direkt auf den Boden der Asthöhlung. Die Brutzeit
dauert 22 bis 24 Tage, und die Schlüpflinge sind, wie alle
Papageienkinder, anfangs nackt, blind und völlig hilflos.
Verliert das erwachsene Paar sein Gelege zu Beginn der Brutsaison,
so unternimmt es in der Regel einen zweiten Brutversuch.
Während ihrer ersten drei Lebenswochen werden
die jungen Mauritiussittiche fast pausenlos vom Weibchen gehudert.
Das Männchen versorgt derweil die ganze Familie mit Nahrung.
Danach verlässt auch das Weibchen zeitweilig das Nest, um
für sich und seine Jungen Nahrung zu beschaffen. Die jungen
Mauritiussittiche verweilen vier bis fünf Monate lang in
ihrer sicheren Höhlung. Und auch nach dem Verlassen derselben
bleiben sie gewöhnlich noch während zwei bis drei Monaten
von der Zufütterung durch ihre Eltern abhängig.
Artbestand 1982: etwa 15 Individuen
In einem Bericht, der kurz nach der 1715 erfolgten
Besiedlung von Mauritius durch die Franzosen geschrieben wurde,
heisst es, die Insel sei «von einer unendlich grossen Zahl
von Papageien bewohnt». Mindestens drei Papageienarten
waren damals auf Mauritius heimisch. Zwei von ihnen sind längst
ausgestorben, nämlich um die Mitte des 17. Jahrhunderts
der Breitschnabel-Mauritiuspapagei (Lophopsittacus mauritianus)
und in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts der Graue
Mauritiuspapagei (Lophopsittacus bensoni). Wir wissen
zwar nicht, welchen Anteil die Mauritiussittiche an der gesamten
Papageienpopulation ausmachten, doch dürfen wir gewiss davon
ausgehen, dass sie einst weit verbreitet und zahlreich vorkamen.
Ein Jahrhundert später wurden sie nämlich noch immer
als «häufig» eingestuft. Erst in den 1870er-Jahren
hiess es, ihre Bestände seien «rückläufig»,
obschon sie weiterhin in namhaften Bereichen der Insel vorkamen:
in der nordöstlichen, tief gelegenen Flacq-Region ebenso
wie im Grande-Porte-Distrikt im Südosten und in den zentralen
und südwestlichen Inselteilen. Ab 1970, möglicherweise
sogar schon ab 1950, war die Art aber nur noch an ein paar entlegenen
Hängen eines Hochplateaus im Südwesten der Insel anzutreffen,
und zwar hauptsächlich beim so genannten Macabé-Rücken.
Mit dem Schrumpfen des Verbreitungsgebiets ging naturgemäss
ein Rückgang der Bestände einher. Wissenschaftliche
Erhebungen in den Jahren 1973 und 1974 ergaben, dass die Gesamtpopulation
auf dreissig bis vierzig Individuen abgesunken war. 1982 wurde
sie sogar auf nur noch etwa fünfzehn Individuen geschätzt.
Die Ursachen, welche zum Zerfall der Mauritiussittich-Population
geführt haben, sind nachträglich schwer zu ermitteln.
Als Hauptursache gilt aber die fast vollständige Vernichtung
der ursprünglichen mauritischen Pflanzendecke. Der Kahlschlag
weiter Inselbereiche begann 1756, als der Gouverneur der damals
französischen Besitzung aufgrund wirtschaftlicher Überlegungen
Rodungen uneingeschränkt guthiess. Denn die Urwälder
wurden damals vor allem zur Gewinnung landwirtschaftlicher Nutzfläche
abgeholzt, und angebaut wurde hauptsächlich Zuckerrohr,
eine der gewinnträchtigsten Kulturpflanzen des 18. und 19.
Jahrhunderts. Der Grossteil der mauritischen Urwälder wurde
zwar zu jener Zeit vernichtet. Einige Rodungen fanden aber noch
in jüngerer Zeit statt. So wurde noch in den Jahren 1971
bis 1974 ein knapp 30 Quadratkilometer grosser Urwaldrest in
eine Nadelholzpflanzung umgewandelt - und dies ausgerechnet im
Herzen des letzten Rückzugsgebiets der Mauritiussittiche.
Das ständig kleiner werdende Lebensraumangebot
und der - damit einhergehende - stetig schrumpfende Artbestand
dürften dazu geführt haben, dass die Mauritiussittiche
zusehends anfälliger auf weitere Schadfaktoren wurden. Zu
nennen ist zum Beispiel der Wettstreit um geeignete Nistplätze
mit anderen, vom Menschen eingeführten Vogelarten, darunter
dem Hirtenstar (Acridotheres tristis) und dem Kleinen
Alexandersittich. Auch Nahrungswettstreiter und Nestplünderer
wie die eingeschleppten Javaneraffen (Macaca fascicularis)
dürften eine Rolle gespielt haben.
Der Bejagung durch den Menschen fielen zu Beginn der
Kolonisierung der Insel zweifellos unzählige Mauritiussittiche
zum Opfer. Die Art geniesst jedoch seit geraumer Zeit gesetzlichen
Jagdschutz, weshalb nicht anzunehmen ist, dass sie in jüngerer
Zeit durch Abschüsse nennenswerten Schaden erlitt.
Zuchtprogramm zeitigt endlich Erfolge
Ernstliche Anstrengungen zur Erhaltung der Mauritiussittiche
begannen schon in den 1970er-Jahren. Eine der ersten Massnahmen
bestand in der Unterschutzstellung fast des gesamten verbleibenden
Rückzugsgebiets der Sittiche in Form des 36 Quadratkilometer
grossen Macabé/Bel-Ombre-Naturreservats im Jahr 1974.
(1994 erhielt das Gebiet den Status eines Nationalparks.)
Angesichts des überaus geringen Artbestands wurde
ferner in den 1970er-Jahren begonnen, einzelne Eier und Nestlinge
aus den Nisthöhlen der letzten brütenden Sittichpaare
zu entnehmen, um diese in Menschenobhut auszubrüten bzw.
aufzuziehen. Während vieler Jahre gelang die Aufzucht allerdings
nicht. Zu Beginn der 1990er-Jahre wurden dann die Aufzuchtmethoden
erheblich verändert. Vor allem wurden fortan wesentlich
mehr Früchte, Blätter und andere Teile endemischer
Pflanzenarten verfüttert. Der Erfolg liess nicht lange auf
sich warten: 1993 konnten die ersten beiden Jungvögel grossgezogen
werden, und seither kamen alljährlich mehrere junge Mauritiussittiche
in Menschenobhut auf. Heute werden jeweils zu Beginn der Fortpflanzungssaison
ausgewählte Gelege vollständig «geplündert»
- worauf die betroffenen Sittichpaare in aller Regel für
ein Zweitgelege sorgen. Während noch in den 1980er-Jahren
der Nachzuchterfolg der wild lebenden Mauritiussittiche durch
die alljährliche Entnahme einzelner Eier oder Nestlinge
geschwächt wurde, kann mit dieser neuen, scheinbar rigorosen
Methode die Nachzuchtrate nahezu verdoppelt werden.
Zwecks Aufstockung der wild lebenden Population werden
inzwischen in regelmässigen Intervallen ein paar der in
Menschenobhut aufgewachsenen Mauritiussittiche ausgewildert.
Beispielsweise wurden im südlichen Sommer 1999/2000 neunzehn
Individuen freigelassen. Erhebungen zeigen, dass der Sittichbestand
in der freien Wildbahn zwar langsam, aber stetig anwächst.
Inzwischen hat er sich auf ein paar Dutzend Individuen erholt.
Das Ziel des Rettungsprogramms sind mindestens 500 frei lebende
Mauritiussittiche in mehreren getrennten Beständen. Um dies
zu erreichen, soll gelegentlich versucht werden, separate Bestände
auf Rodriguez und La Réunion aufzubauen.
Der Schutz der mauritischen Flora und Fauna wurde
anfänglich vor allem durch internationale Organisationen
wie den Jersey Wildlife Preservation Trust (JWPT) und den Welt
Natur Fonds (WWF) vorangetrieben. 1984 wurde dann eine nationale,
nichtstaatliche Naturschutzorganisation namens Mauritian Wildlife
Appeal Fund gegründet, welche später in Mauritian Wildlife
Foundation umgetauft wurde. Sie kümmert sich heute eigenständig
vor allem um die Erhaltung der endemischen Pflanzen- und Tierwelt
und wird bei ihren Bemühungen von der mauritischen Regierung
offiziell unterstützt. Unter anderem hat die Mauritian Wildlife
Foundation massgeblich zur Rettung dreier bedrohter mauritischer
Vogelarten beigetragen: des Mauritiusfalken (Falco punctatus),
der Mauritiustaube (Columba mayeri) und des Mauritiussittichs.
Sie hat ferner zwei der mauritischen Küste vorgelagerte
Inselchen, Round Island und Ile aux Aigrettes, in ihren ursprünglichen
Zustand zurückversetzt und so der Natur zurückgegeben.
Die Mauritian Wildlife Foundation gehört zu der weltweit
wachsenden Gruppe nichtstaatlicher Naturschutzorganisationen,
welche sich der gewiss nicht einfachen, aber letztlich befriedigenden
Herausforderung stellen, den einheimischen Geschöpfen und
ihren Lebensräumen eine Überlebenschance zu geben -
und die bei ihren Bemühungen unsere volle Unterstützung
verdienen.
Legenden
Mit einer Gesamtlänge von knapp über 40
Zentimetern ist der Mauritiussittich (Psittacula eques
oder Psittacula echo) ein mittelgrosses Mitglied der Papageienfamilie.
Männchen (links) und Weibchen (rechts) lassen sich anhand
ihrer Färbung leicht unterscheiden, was bei Papageien selten
der Fall ist. Augenfällig ist vor allem die Tatsache, dass
der Oberschnabel bei den Männchen orangerot, bei den Weibchen
hingegen schwarz gefärbt ist.
Die Mauritiussittiche halten sich stets auf Bäumen
auf, und zwar zumeist im oberen Bereich der Baumkronen (links).
Sie ernähren sich vor allem von Früchten und Blüten,
nehmen aber in kleineren Mengen auch Blätter, Samen, Knospen,
Triebe, Zweige und Rinde zu sich (unten).
Im Rahmen eines aufwändigen Artenschutzprogramms
werden die Mauritiussittiche seit 1993 erfolgreich in Menschenobhut
gezüchtet und später zwecks Aufstockung der wild lebenden
Population ausgewildert. Auf den Seiten 4 und 5 sind Nestlinge
in vier Altersstadien zu sehen. Insgesamt dauert die Nestlingszeit
bei den Mauritiussittichen vier bis fünf Monate.
Der Mauritiussittich gehört zu den seltensten
Vogelarten der Welt. 1982 stand er mit einer Gesamtpopulation
von etwa fünfzehn Individuen kurz vor dem Aussterben. Dank
eines strikten gesetzlichen Jagd- und Fangverbots, der Unterschutzstellung
seines letzten Rückzugsgebiets in Form des Macabé/Bel-Ombre-Nationalparks
und der Auswilderung von in Gefangenschaft nachgezüchteten
Vögeln vermochte sich sein Bestand in der freien Wildbahn
inzwischen auf ein paar Dutzend Individuen zu erholen. Noch wird
die Art aber von der Weltnaturschutzunion (IUCN) als «kritisch
bedroht» eingestuft.
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