Purpurreiher

Ardea purpurea


© 2004 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Der Familie der Reiher (Ardeidae), einer stammesgeschichtlich sehr alten Vogelsippe, gehören weltweit ungefähr sechzig Arten an. Die meisten von ihnen sind in den Tropen und Subtropen beheimatet, mehrere kommen aber auch in den gemässigten Klimazonen vor. Neun Arten brüten regelmässig in Europa. Zu ihnen gehört der Purpurreiher (Ardea purpurea), der mit dem bekannten Graureiher (Ardea cinerea) zwar nah verwandt ist, im Gegensatz zu diesem aber die Nähe des Menschen meidet und darum erheblich seltener ist. Brutkolonien des Purpurreihers finden sich verstreut über weite Bereiche Europas, so auch in Kroatien, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken.

 

In Europa ein Zugvogel

Der Purpurreiher ist ein recht grosser, schlank gebauter Vogel. Seine Standhöhe liegt zwischen 80 und 90 Zentimetern, seine Flügelspannweite zwischen 1,2 und 1,5 Metern und sein Gewicht zwischen 0,6 und 1,2 Kilogramm. Männchen und Weibchen unterscheiden sich weder in der Färbung noch in der Grösse.

Als Brutvogel ist der Purpurreiher in drei separaten Erdregionen heimisch: erstens in der westlichen Paläarktis (d.h. in Europa, Nordafrika und Westasien), zweitens in Afrika südlich der Sahara, und drittens in Süd- und Südostasien. In West- und Mitteleuropa ist sein Vorkommen fleckenhaft: Die nördlichsten Brutgebiete liegen in den Niederlanden. Weiter südlich finden sich Brutareale in Spanien, Portugal und Frankreich. Östlich hiervon brütet der Purpurreiher in Süddeutschland, der Schweiz und Österreich. Von da aus ost- und südwärts ist das Brutgebiet mehr oder weniger zusammenhängend und erstreckt sich über ganz Ost- und Südosteuropa bis nach Kasachstan und Afghanistan in Westasien. Es gibt ferner Brutbestände in Nordafrika.

Ausserhalb der westlichen Paläarktis ist der Purpurreiher im östlichen und südlichen Afrika weit verbreitet und kommt ausserdem auf Madagaskar vor. In Süd- und Südostasien ist er von Pakistan im Westen über den ganzen indischen Subkontinent sowie Ost- und Südostasien bis zu den indonesischen Inseln Java und Bali im Süden und zur Koreahalbinsel im Norden verbreitet.

In Afrika südlich der Sahara, auf dem indischen Subkontinent und in Südostasien sind die Purpurreiher Standvögel. Sie halten sich also das ganze Jahr über in ihren Brutgebieten auf. In den nördlichen Bereichen des Artverbreitungsgebiets, also in der westlichen Paläarktis und in Ostasien, sind die grossen Vögel hingegen Zugvögel, welche das Winterhalbjahr jeweils ausserhalb des Brutgebiets - in weiter südlich gelegenen, klimatisch milderen Quartieren - verbringen.

Ein kleiner Teil der europäischen Purpurreiher überwintert zwar im Mittelmeerraum und im Nahen Osten. Der überwiegende Teil der europäischen Population zieht jedoch ins östliche und südliche Afrika. Die Reise in den Süden findet grossenteils Ende September, Anfang Oktober statt. Die Vögel umfliegen das Mittelmeer sowohl an dessen östlichem als auch westlichem Ende. Wie wir aufgrund von Beobachtungen aus diversen Oasen wissen, überqueren sie hingegen die Sahara auf breiter Front. Während der Wanderung ruhen die Vögel gewöhnlich am Tag und ziehen in der Nacht. Meistens fliegen sie einzeln oder in kleinen Trupps, und manchmal vergesellschaften sie sich auf dem Zug mit Nachtreihern (Nycticorax nycticorax).

Die Rückreise in den Norden treten die Purpurreiher jeweils recht früh im Jahr an. Die ersten von ihnen erreichen ihre Brutgebiete in Europa bereits Anfang März, und der Hauptharst trifft im April ein. Wehen zu diesem Zeitpunkt warme Südwinde, so fliegen zahlreiche Individuen weit über ihre angestammten Brutgebiete hinweg, teils bis zu den Britischen Inseln und nach Dänemark.

 

Jäger aquatischer und amphibischer Kleintiere

In Europa bewohnt der Purpurreiher fast ausschliesslich natürliche Sümpfe und andere ungestörte Feuchtgebiete im Bereich stehender oder gemächlich fliessender Süssgewässer, und zwar hauptsächlich in tieferen, verhältnismässig warmen Lagen. Dort hält er sich vorzugsweise an seichten Stellen mit weichem Boden und dichtem, Sichtschutz bietendem Röhrichtbestand auf.

Ausserhalb Europas erweist sich der Purpurreiher hinsichtlich seiner Lebensraumwahl als weniger strikt. Sowohl überwinternde Zugvögel als auch heimische Standvögel bewohnen neben natürlichen Süsswasser-Feuchtgebieten durchaus auch Reisfelder, Stauseen und andere künstliche «Sümpfe», die Uferzone von Flüssen, ja sogar brackige Flussmündungsbereiche und Mangrovenbestände.

Wie die allermeisten seiner Vettern betätigt sich der Purpurreiher in den genannten Lebensräumen als Jäger aquatischer und amphibischer, im Seichtwasser lebender Tiere. Auf die Jagd geht er vor allem in der Morgen- und in der Abenddämmerung, manchmal zusätzlich auch am Tag. Normalerweise jagt jedes Individuum für sich allein, doch halten sich nicht selten mehrere Purpurreiher in einem recht kleinen, offensichtlich besonders günstigen Gebiet auf.

Bei der Jagd verhält sich der Purpurreiher meistens passiv: Bewegungslos und mit enormer Geduld steht er - getarnt im dichten Röhricht und mit leicht nach vorn unten gerichtetem Blick und Schnabel - im seichten Wasser oder am Gewässerrand. Gerät eine mögliche Beute in sein Blickfeld und seine Reichweite, so bewegt er zunächst seinen Kopf sachte nach links und rechts oder auch vor und zurück. Auf diese Weise vermag er die optische Abweichung, welche durch die Brechung des Lichts an der Wasseroberfläche entsteht, zu ermitteln und somit den Standort und die Entfernung der Beute abzuschätzen. Hernach packt er durch einen unvermittelten Vorstoss des pfeilförmigen Kopfes zielsicher zu.

Eher selten wendet der Purpurreiher eine aktivere Jagdtechnik an: Er schreitet dann langsam und umsichtig, mit tief gehaltenem Kopf, durch das seichte Wasser - und stösst sofort zu, wenn ein Wassertier durch seine Füsse aufgeschreckt wird.

Beutetiere des Purpurreihers sind vor allem Fische und Wasserinsekten sowie wasserlebende Insektenlarven. In Europa sind als häufige Beutefische zu nennen: Brachsen (Abramis brama), Karpfen (Cyprinus carpio), Flussbarsch (Perca fluviatilis), Zwergstichling (Pungitius pungitius), Plötze (Rutilus rutilus), Rotfeder (Scardinius erythrophthalmus), Hecht (Esox lucius) und Aal (Anguilla anguilla). Zumeist weisen die Beutefische eine Länge von 5 bis 15 Zentimetern auf. Dem Purpurreiher zum Opfer fallen ferner nicht selten Amphibien wie Frösche und Molche sowie kleine Nagetiere, insbesondere Schermäuse («Wasserratten»; Arvicola sp.). Hin und wieder erbeutet er zudem Schlangen, Eidechsen, Vögel, Krebstiere, Schnecken und Spinnen. Und auch landlebende Kleintiere verschmäht er keineswegs, wenn ihm solche unverhofft über den Weg laufen. Hinsichtlich seiner Beute ist der Purpurreiher also ein «Opportunist»: Er verzehrt, was immer sich zeigt und erwischen lässt.

 

Streitsüchtiger Nachwuchs

Verpaarung, Nistplatzwahl und Nestbau erfolgen gleich nach dem Eintreffen der Purpurreiher in ihren Brutgebieten. Ob die erwachsenen Individuen mehrjährige Paarbeziehungen eingehen, wissen wir nicht; gewiss ist einzig, dass der Paarbund jeweils eine Brutsaison lang hält.

In Europa befindet sich der Nistplatz fast immer in einem Schilfdickicht, und zwar stets in der Nähe einer offenen Wasserfläche, bis zu dreissig Meter vom Land entfernt und an einer Stelle, wo das Wasser ungefähr einen Meter tief ist. Das Nest selbst liegt erhöht auf einem Haufen abgestorbener Halme, gewöhnlich einen halben bis ganzen Meter über der Wasseroberfläche. Die Gefahr, dass es bei einem etwaigen Ansteigen des Wasserpegels überschwemmt wird, ist darum gering. Anderenorts im Artverbreitungsgebiet, wo sich Gehölzinseln im Schilfmeer finden, bauen die Purpurreiher ihre Nester manchmal auf Büschen, insbesondere auf Weiden, und gelegentlich sogar auf Bäumen.

Die Purpurreiher bauen jedes Jahr ein neues Nest. Es besteht aus einem lockeren Haufen abgestorbener Schilfhalme, weist einen Durchmesser von 50 bis 70 Zentimetern auf und hat eine Höhe von gewöhnlich 20 bis 25 Zentimetern. In der Nestmitte befindet sich eine etwa 5 bis 10 Zentimeter tiefe Mulde.

Für die Nistplatzwahl ist das Männchen zuständig. Den Nestbau übernehmen dann aber beide Partner und benötigen dazu etwa zehn Tage. Gewöhnlich wird gleich neben dem Nest noch eine Plattform errichtet, welche den Altvögeln als Ruheplatz dient und später auch als Fütterungsort der Jungvögel gute Dienste leistet.

Ausserhalb Europas bilden die Purpurreiher gebietsweise grosse Brutkolonien. So wurden an einer Stelle in Kenia nahezu tausend brütende Paare gezählt. In Europa findet man selten mehr als sieben bis acht Brutpaare beisammen. Häufig sind es nur zwei oder drei Paare, und oftmals brüten die Paare sogar einzeln.

Das Purpurreiher-Weibchen legt seine Eier in zwei oder dreitägigen Intervallen. Das Gelege besteht zumeist aus drei oder vier, manchmal auch aus bis zu acht Eiern. Beim Bebrüten wechseln sich die beiden Partner zwar regelmässig ab, doch sitzt das Weibchen insgesamt deutlich länger auf den Eiern als das Männchen. Mit dem Brüten beginnen die beiden, sobald das erste Ei gelegt ist, was zur Folge hat, dass die Jungvögel - nach einer Entwicklungsdauer von ungefähr 27 Tagen - gestaffelt aus ihren Eiern schlüpfen. Die Jungen wiegen beim Schlüpfen ungefähr 35 Gramm. Sie werden in der Folge von beiden Altvögeln gefüttert und betreut.

Die Rivalität zwischen den jungen Purpurreihern ist gross. Gierig verschlingt jedes von ihnen alle erreichbaren Bissen und gönnt seinen Geschwistern möglichst wenig. Das hat vielfach zur Folge, dass nur die stärksten - meistens die zuerst geschlüpften - die Nestlingsphase überleben, während die Nesthäkchen von den älteren und stärkeren Geschwistern stets zurückgedrängt und misshandelt werden und schliesslich oftmals an Entkräftung zugrunde gehen. Man kennt dieses gestaffelte Schlüpfen und die nachfolgende «natürliche Auslese» unter den Nestlingen von manchen anderen Vogelarten. Sie gewährleistet, dass auch in nahrungsarmen Gebieten oder Jahren statt einer ganzen Schar unterernährter, kaum überlebensfähiger «Kümmerlinge» wenigstens eine kleine Zahl kräftiger Jungvögel aufkommt.

Die jungen Purpurreiher wachsen rasch heran. Schon im Alter von acht bis zehn Tagen verlassen sie zeitweilig das Nest und kraxeln im benachbarten Röhricht oder Geäst umher. Mit drei Wochen verbringen sie die meiste Zeit ausserhalb des Nests, und mit vier Wochen kehren sie tagsüber nur noch zum Nest zurück, um von ihren Eltern gefüttert zu werden.

Werden die jungen Purpurreiher oder auch ihre Eltern im oder in der Nähe des Nests durch einen möglichen Feind beunruhigt, so ergreifen sie nicht die Flucht, sondern nehmen die so genannte «Pfahlstellung» ein, eine Tarnhaltung, die wir auch von anderen Mitgliedern der Reiherfamilie wie der Rohrdommel (Botaurus stellaris) her kennen. Dabei erstarrt der Vogel bewegungslos mit parallel zu den Schilfhalmen nach oben gerecktem Hals und Schnabel. Dadurch ist es schwierig, den Vogel im Einerlei des Röhrichts wahrzunehmen, zumal er lange Zeit in dieser Stellung verharren kann. Die ganze Zeit jedoch fixiert er den Feind aufmerksam mit seinen Augen. Kommt der Eindringling schliesslich doch zu nah heran, stürmt er halt notgedrungen im letzten Augenblick noch davon.

Flugfähig werden die jungen Purpurreiher im Alter von 45 bis 50 Tagen, und mit 55 bis 65 Tagen machen sie sich bereits selbstständig. Am Ende ihres ersten Lebensjahrs schreiten sie ihrerseits zur Fortpflanzung. Das Höchstalter liegt bei über zwanzig Jahren.

 

Schrumpfende Feuchtgebiete

Während der 1950er- und 1960er-Jahren vermochten die Purpurreiher in Europa ihr Verbreitungsgebiet überraschenderweise auszuweiten. In den letzten drei Jahrzehnten ist jedoch in vielen Ländern ein steter und beträchtlicher Rückgang ihrer Bestände zu verzeichnen. Nach Einschätzung der Fachleute ist dies vor allem auf die Zerstörung und Beeinträchtigung ihrer Lebensräume zurückzuführen. Natürliche und naturnahe, von Störungen durch den Menschen verschonte Süsswasser-Sümpfe und andere Feuchtgebiete werden in Europa immer seltener. Viele werden noch immer trockengelegt, um zusätzliche landwirtschaftliche Anbauflächen zu gewinnen. In anderen wird das Röhricht für verschiedene Verwendungszwecke geschnitten und dadurch den Purpurreihern die Nistgelegenheiten geraubt. Nochmals andere sind einem erheblichen Nutzungsdruck durch Erholungssuchende ausgesetzt.

In Kroatien schätzt man den Brutbestand der Purpurreiher gegenwärtig auf nur noch fünfzig bis hundert Paare, was einem markanten Rückgang in jüngerer Zeit entspricht. Brutkolonien finden sich noch beim Vransko-See in Dalmatien und in den etwa 75 Kilometer südöstlich von Zagreb gelegenen Feuchtgebieten Lonjsko Polje und Mokro Polje. Letzteres ist mit einer Fläche von mehr als 500 Quadratkilometern eines der grössten verbleibenden Feuchtgebiete Europas. Es beherbergt mehr als 120 Brutvogelarten, darunter insgesamt sechs Mitglieder der Reiherfamilie. Das Gebiet erlitt erhebliche Störungen und Schädigungen während des Balkankonflikts in den 1990er-Jahren, scheint aber jetzt wieder vor menschlichen Eingriffen verschont zu bleiben - und bildet deshalb für seine vielen gefiederten und anderen tierlichen Bewohner erneut ein wertvolles Brut- und Rückzugsgebiet.

 

 

 

Legenden

Der Purpurreiher (Ardea purpurea), einer von weltweit rund sechzig Vertretern der Reiherfamilie (Ardeidae), weist als erwachsener Vogel eine Standhöhe von 80 bis 90 Zentimetern und ein Gewicht von 0,6 bis 1,2 Kilogramm auf. Die Weibchen unterscheiden sich weder in ihrer Färbung noch in ihrer Grösse von den Männchen.

In den nördlichen Bereichen des Artverbreitungsgebiets, so auch in Europa, sind die Purpurreiher Langstrecken-Zugvögel. Jeweils im Herbst ziehen sie - einzeln oder in kleinen Trupps - von ihren Brutgebieten weg nach Süden, um den Winter in klimatisch günstigeren Regionen zu verbringen. Die Winterquartiere der europäischen Purpurreiher liegen grossenteils im östlichen und südlichen Afrika.

In Europa bewohnt der Purpurreiher fast ausschliesslich natürliche Sümpfe und andere ungestörte Feuchtgebiete im Bereich stehender oder gemächlich fliessender Süssgewässer. In anderen Teilen des Artverbreitungsgebiets ist er hinsichtlich seiner Lebensraumwahl weniger strikt und kommt auch in Reisfeldern, Uferzonen von Flüssen und sogar brackigen Mangrovenbeständen vor.

Auf die Jagd geht der Purpurreiher vor allem in der Morgen- und der Abenddämmerung, oftmals aber auch am Tag. Zum Opfer fallen ihm hauptsächlich Fische und Wasserinsekten, regelmässig aber auch Frösche, Molche, Mäuse, Schlangen, Eidechsen, Vögel, Krebse, Schnecken und Spinnen. Er verspeist sozusagen jedes Kleintier, das sich zeigt und erwischen lässt.

In Europa legt das Purpurreiher-Paar sein Nest im Allgemeinen vor Blicken gut geschützt in einem Schilfdickicht an. Das Gelege besteht meistens aus drei oder vier Eiern, aus denen nach einer 27-tägigen Brutdauer 35 Gramm schwere Jungvögel schlüpfen.

Die jungen Purpurreiher wachsen schnell heran: Flugfähig sind sie schon im Alter von sechs bis sieben Wochen, und mit acht bis neun Wochen machen sie sich bereits selbstständig. Das Bild zeigt einen praktisch ausgewachsenen Jungvogel im Jugendgefieder.




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