Rautenkrokodil

Crocodylus rhombifer


© 2004 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Krokodile sind die letzten Überlebenden der Grosssaurier (Archosauria), einer Reptiliensippe, welche während mehr als hundert Millionen Jahren sämtliches irdisches Leben sowohl auf dem Land als auch in der Luft und im Wasser dominierte. Die bestbekannten Grosssaurier sind gewiss die Dinosaurier (Ordnungen Saurischia und Ornithischia), aber die Sippe umfasste auch noch die Flugsaurier (Ordnung Pterosauria), eine primitive Sauriergruppe namens Urwurzelzähner (Ordnung Thecodontia) und wie gesagt die Krokodile (Ordnung Crocodylia).

Gegen Ende der Kreidezeit - vor etwa 65 Millionen Jahren - starben die Dinosaurier, Flugsaurier und Urwurzelzähner wie auch zahlreiche Gruppen von «Kleinsauriern» unvermittelt aus, wahrscheinlich wegen einer globalen Klimakatastrophe, welche durch den Einschlag eines riesenhaften Meteoriten hervorgerufen worden war. Den Krokodilen erging es nicht viel besser als ihren Vettern: Vier von insgesamt fünf Unterordnungen erloschen damals vollständig. Nur eine einzige Unterordnung, die so genannten Vollkrokodile (Eusuchia), schaffte es auf wundersame Weise, die grosse Aussterbewelle zu überleben.

Deren Nachfahren haben ihren Platz in der Tierwelt unseres Planeten bis zum heutigen Tag sehr erfolgreich zu behaupten vermocht. Mit bloss 23 Arten sind die heutigen Krokodile zwar nicht sonderlich vielgestaltig. Sie sind aber rund um den Erdball herum die beherrschenden Raubtiere der tropischen und subtropischen Binnengewässer. Trotz ihrer viele Millionen Jahre langen Stammesgeschichte sind sie nämlich keineswegs «altertümlich», sondern haben sich stetig weiterentwickelt und sind heute perfekt an ihre feuchten Lebensräume und ihr räuberisches «Handwerk» angepasst.

Leider sind die Krokodile vom Menschen intensiv verfolgt und niedergemetzelt worden. Dies vor allem im Verlauf des 20. Jahrhunderts, nachdem Krokodilleder ein begehrter Rohstoff für die Herstellung von Taschen, Schuhen und anderen Modeartikeln und die Krokodiljagd entsprechend lukrativ geworden war. Die meisten Krokodilarten sind deshalb heute in ihrem Fortbestand gefährdet. Zu den seltensten Arten gehört das Rautenkrokodil (Crocodylus rhombifer), das nur noch in zwei Sumpfgebieten Kubas vorkommt und von dem hier berichtet werden soll.

 

Selten länger als 2,5 Meter

Die heutigen Krokodile werden in drei Familien gegliedert: erstens die Familie der Alligatoren und Kaimane (Alligatoridae) mit 8 Arten, zweitens die Familie der Echten Krokodile (Crocodylidae) mit 14 Arten, und drittens die Familie der Gaviale (Gavialidae) mit dem auf dem indischen Subkontinent heimischen Ganges-Gavial (Gavialis gangeticus) als einziger Art.

Mit Ausnahme des China-Alligators (Alligator sinensis) kommen alle Mitglieder der Familie der Alligatoren und Kaimane in der Neuen Welt vor. Hingegen ist die Mehrzahl der Mitglieder der Familie der Echten Krokodile in der Alten Welt und in Australien beheimatet. Immerhin vier Echte Krokodile leben jedoch in der Neuen Welt: das Rautenkrokodil, das Spitzkrokodil (Crocodylus acutus), das Beulenkrokodil (Crocodylus moreletii) und das Orinoko-Krokodil (Crocodylus intermedius).

Wie das Rautenkrokodil haben das Orinoko-Krokodil und das Beulenkrokodil eine eng begrenzte Verbreitung: Ersteres kommt nur im Einzugsgebiet des Orinoko-Flusses in Venezuela und Kolumbien vor; letzteres lebt lediglich in Belize, Guatemala und Südmexiko, also in einem kleinen Bereich Mittelamerikas. Das Spitzkrokodil ist hingegen recht weit verbreitet: Es kommt von Mexiko südwärts über die ganze mittelamerikanische Landbrücke bis nach Peru im Westen und Venezuela im Osten des nördlichen Südamerikas vor. Darüber hinaus findet man es an Floridas Südspitze sowie auf den Antilleninseln Hispaniola, Jamaika und Kuba, wo sein Vorkommen mit dem des Rautenkrokodils überlappt.

Das Rautenkrokodil ist ein mittelgrosses Krokodil, im Durchschnitt kleiner als das Spitzkrokodil und das Orinoko-Krokodil, jedoch grösser als das Beulenkrokodil. Erwachsene Individuen weisen gewöhnlich eine Länge von 2 bis 2,5, in Ausnahmefällen bis 3,5 Metern auf. Gemäss historischen Berichten sollen einst Individuen mit Körperlängen von bis zu 5 Metern existiert haben. Solch grosse Tiere konnten jedoch seit vielen Jahrzehnten nicht mehr verzeichnet werden, was sehr wahrscheinlich das Resultat der Bejagung durch den Menschen ist, bei der vor allem die grossen Individuen als Beute begehrt waren.

 

Riesenfaultiere als Hauptspeise?

Wie eingangs erwähnt sind die heutigen Krokodile für das Leben im Wasser perfekt ausgerüstet. Hier ein paar der auffälligeren körperlichen Anpassungserscheinungen: Die Augen, Nasenöffnungen und Ohren liegen erhöht auf der Schädeloberseite, so dass die Krokodile - praktisch vollständig untergetaucht - ihre Umgebung über dem Wasserspiegel überwachen können, ohne selbst gesehen werden. Ihre Nasenöffnungen und Gehörgänge können beim Tauchen verschlossen werden. Die Augen verfügen über ein drittes, halb durchsichtiges Lid, die so genannte Nickhaut, die sich vom inneren Augenwinkel her über den Augapfel zieht; sie schützt das Auge unter Wasser, lässt aber die optische Orientierung im Raum weiterhin zu.

All dies gilt auch für das Rautenkrokodil. Im Unterschied zu den meisten seiner Vettern ist es jedoch nicht nur im Wasser, sondern auch an Land sehr wendig. So kann es seinen Leib wie das Australien-Krokodil (Crocodylus johnstoni) mühelos auf seinen vier Gliedmassen vom Boden abheben und dann, zumindest über kurze Strecken, überraschend schnell rennen. Es vermag auch in einer für Krokodile sehr ungewöhnlichen Weise Sprünge aus dem Stand zu vollführen, indem es sich mithilfe seiner langen, kräftigen Hinterbeine plötzlich nach vorn wirft. Interessanterweise sind ferner die Spannhäute zwischen seinen Zehen vergleichsweise wenig ausgebildet. Diese Fakten lassen die Fachleute vermuten, dass sich das Rautenkrokodil einst darauf spezialisiert hatte, Jagd auf die grossen bodenlebenden Säugetiere zu machen, welche ursprünglich auf Kuba und den anderen Grossen Antillen zahlreich vorkamen, nach der Ankunft des Menschen - genauer: der Arawak-Indianer - vor rund 6000 Jahren jedoch bald ausstarben. Unter diesen Säugern fanden sich bodenlebende Riesenfaultiere (Megalonychidae) sowie stattliche Nagetiere, welche mit den heutigen Baum- und Ferkelratten (Capromyidae) verwandt waren.

Heutzutage ernährt sich das Rautenkrokodil hauptsächlich von Fischen und Sumpfschildkröten. Die meisten Beutetiere erjagt es im Wasser. Es wurde allerdings schon dabei beobachtet, wie es unvermittelt hoch aus dem Wasser schnellte und nach Kuba-Baumratten (Capromys sp.) schnappte, die sich auf Ästen über dem Wasser aufhielten.

 

Eigruben oder Bruthügel?

Wie alle Krokodile vermehrt sich das Rautenkrokodil durch weisse, hartschalige Eier von Gänseei-Grösse. Die Gelege umfassen gewöhnlich dreissig bis vierzig Eier. In historischen Berichten ist zu lesen, dass die Rautenkrokodil-Weibchen für die Eiablage Gruben ausheben, wie dies beispielsweise beim Spitzkrokodil der Fall ist. In Menschenobhut legen die Weibchen jedoch Bruthügel aus lebenden und toten Pflanzenteilen an, wie wir dies zum Beispiel vom Leistenkrokodil (Crocodylus porosus) her kennen. Solche Bruthügel sind auch in der freien Wildbahn festgestellt worden. Möglicherweise waren die früheren Berichte also falsch. Vielleicht kennen die Rautenkrokodil-Weibchen aber auch Eigruben und Bruthügel - und richten sich bei der Nestgestaltung jeweils nach den örtlichen Gegebenheiten.

Die Entwicklungszeit der Keimlinge dauert sechzig bis hundert Tage. Ob das Rautenkrokodil-Weibchen in der freien Wildbahn die ganze Zeit über sein Gelege wacht und es vor etwaigen Nestplünderern schützt, wie dies die Weibchen anderer Krokodilarten tun, wissen wir nicht, da so gut wie keine Beobachtungen über das natürliche Brutverhalten vorliegen. Die Wahrscheinlichkeit ist aber gross.

Ebenfalls ist es sehr wahrscheinlich, dass das Rautenkrokodil-Weibchen seinem Nachwuchs nach dem Schlüpfen beisteht. Bei besser untersuchten Krokodilarten legen die Weibchen ihre Gelege frei, sobald die Jungen die Schalen ihrer Eier gesprengt haben und quäkende Laute von sich geben. Sie helfen manchmal sogar etwaigen «Nachzüglern» beim Schlüpfen, indem sie deren Eier sanft zwischen Zunge und Gaumen hin und her rollen, bis die Eischale zerspringt.

Beim Rautenkrokodil wiegen die frisch geschlüpften Krokodilkinder zwischen 45 und 70 Gramm und weisen eine Länge von ungefähr 27 Zentimetern auf.

 

Zwei Sümpfe als letzte Refugien

Aufgrund von «subfossilen», also ein paar tausend Jahre alten Knochenfunden wissen wir, dass das Rautenkrokodil einst nicht allein auf Kuba weit verbreitet war, sondern auch auf den Bahamas und den Caymaninseln vorkam. Heute ist es nurmehr in zwei Gebieten heimisch: einerseits im Zapata-Sumpf, einem ausgedehnten, auf einer Halbinsel an der Südwestküste Kubas gelegenen Feuchtgebiet, und andererseits im weit kleineren Lanier-Sumpf auf der Isla de la Juventud (früher «Isla de Pinos»), welche rund sechzig Kilometer südlich von Kuba liegt.

Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam das Rautenkrokodil auf Kuba nur noch in den beiden genannten Sumpfgebieten vor. In den restlichen Inselregionen war es ausgestorben. Die übermässige Bejagung führte dann in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einer erheblichen Ausdünnung des Bestands im Zapata-Sumpfgebiet und zur Ausrottung des Bestands im Lanier-Sumpfgebiet. In den Jahren 1959 und 1960 gab es sodann Pläne, den Zapata-Sumpf zu entwässern, um zusätzliche landwirtschaftliche Anbauflächen zu gewinnen. Dies hätte zweifellos zum Niedergang der dortigen, letzten Restpopulation des Rautenkrokodils geführt. In Kenntnis dieses Sachverhalts liess die kubanische Regierung damals mehrere hundert erwachsene Krokodile im Zapata-Sumpf einfangen und in eigens für sie geschaffene Zuchtfarmen überführen. Durch diese Aktion sollte einerseits der Fortbestand der kubanischen Krokodile gesichert und andererseits die Grundlage für eine wirtschaftliche Nutzung der Tiere geschaffen werden.

Fatalerweise - aus naturschützerischer Sicht - wurden die Rautenkrokodile mit den Spitzkrokodilen zusammen in denselben Gehegen untergebracht. Es kam in der Folge zu vielfachen Kreuzungen zwischen den beiden Arten und, da sich die Mischlinge als fruchtbar erwiesen, zu einer unkontrollierten Vermischung des Erbguts der beiden Arten. Erst seit 1976 werden die beiden Arten separat gehalten, und inzwischen konnten mehrere reinblütige Rautenkrokodil-Zuchtgruppen aufgebaut werden.

Die Pläne zur Entwässerung des Zapata-Sumpfgebiets gelangten zum Glück nie zur Ausführung. Heute ist dessen überragende Bedeutung als eines der grössten natürlichen Feuchtgebiete der Karibik allgemein anerkannt. Unter anderem beherbergt es eine ganze Reihe gefährdeter Tierarten. Neben dem als bedroht eingestuften Rautenkrokodil sind beispielsweise die kritisch bedrohte Zwergbaumratte (Mesocapromys nanus) und die drei bedrohten Vogelarten Kuba-Ralle (Cyanolimnas cerverai), Kuba-Zaunkönig (Ferminia cerverai) und Zapata-Ammer (Torreornis inexpectata) zu nennen. Im Übrigen brüten nicht weniger als zwanzig der dreiundzwanzig endemischen Vogelarten Kubas im Bereich des Sumpfgebiets. Der gesamte Zapata-Sumpf ist als UNESCO-Biosphärenreservat ausgewiesen, und fünf Teilbereiche sind zu nationalen Naturschutzgebieten erklärt worden, darunter der 500 Quadratkilometer grosse Ciénaga-de-Zapata-Nationalpark.

Die Situation des Rautenkrokodils stimmt heute wieder zuversichtlich: Die Population im Zapata-Sumpfgebiet scheint ziemlich stabil zu sein. Gemäss neueren Erhebungen leben allein in einem 300 Quadratkilometer grossen Bereich im Südwesten des Sumpfs zwischen 3000 und 6000 Individuen. Und im Lanier-Sumpfgebiet konnte die Art erfolgreich wieder eingebürgert werden. 1985 wurde auf der Isla de la Juventud eine Zuchtstation aufgebaut, 1987 wurden die ersten Jungtiere aufgezogen, und 1994 konnten die ersten nachgezüchteten Tiere in die Freiheit entlassen werden. Insgesamt 600 Individuen sind bis jetzt im Lanier-Sumpf freigesetzt worden, und Erhebungen haben unlängst gezeigt, dass sie sich gut eingelebt und auch schon fortgepflanzt haben.

Das Lanier-Sumpfgebiet ist allerdings mit einer Fläche von rund 100 Quadratkilometern verhältnismässig klein. Ausserdem beherbergt es eine kopfstarke Population von Nördlichen Krokodilkaimanen (Caiman crocodilus fuscus). Diese waren in den 1960er-Jahren für die Krokodilleder-Erzeugung aus Mittelamerika eingeführt worden - gewissermassen als Ersatz für die ausgerotteten Rautenkrokodile. Da befürchtet wird, dass die Rautenkrokodile den Krokodilkaimanen im Wettstreit um Nahrung und Brutplätze unterliegen, hat die kubanische Regierung beschlossen, den Bestand der Fremdlinge massiv zu vermindern, ja eventuell sogar ganz auszumerzen, was allerdings keine einfache Aufgabe sein wird.

Gemäss der Einschätzung der Fachleute kann man das Überleben des Rautenkrokodils dann als einigermassen gesichert betrachten, wenn zwei separate und sich selbst erhaltende Populationen von je ein paar tausend Individuen in der freien Wildbahn existieren. Noch ist dieses Ziel nicht ganz erreicht. Bis es soweit ist, stellen die Zuchtgruppen in Menschenobhut - auf Kuba wie in anderen Ländern - eine beruhigende «Rückversicherung» dar.

 

 

 

Legenden

Das Rautenkrokodil (Crocodylus rhombifer) ist ein mittelgrosses Mitglied seiner Sippe: Erwachsene Individuen weisen gewöhnlich eine Länge von 2 bis 2,5 Metern, in Ausnahmefällen eine solche von bis zu 3,5 Metern auf. Die Heimat des verhältnismässig kurzschnauzigen Krokodils ist die Karibikinsel Kuba.

Insgesamt 68 Zähne umfasst das Gebiss des Rautenkrokodils. Im vorderen Bereich des Munds sind die Zähne relativ dünn und spitz; sie eignen sich gut zum Packen von Beutetieren. Weiter hinten befinden sich robustere Zähne, die vor allem beim Knacken von harten Stoffen wie Schildkrötenpanzern und Knochen dienlich sind.

Wie alle Krokodile ist das Rautenkrokodil perfekt an das Leben im Wasser angepasst. Unter anderem liegen seine Augen, Nasenöffnungen und Ohren erhöht auf der Schädeloberseite, so dass es - praktisch vollständig untergetaucht - das Geschehen oberhalb des Wasserspiegels überwachen kann, ohne selbst gesehen zu werden.

Die meisten Rautenkrokodil-Weibchen legen ihre Eier in den Monaten Mai und Juni ab. Die Jungen schlüpfen 60 bis 100 Tage später und weisen dann eine Länge von etwa 27 Zentimetern und ein Gewicht um 60 Gramm auf.

Das Rautenkrokodil ist nicht nur im Wasser, sondern auch an Land sehr wendig. Es gehört zu den wenigen Krokodilarten, bei denen nicht nur die Jungtiere (Bild), sondern auch die Erwachsenen ihren Leib mühelos vom Boden abheben und dann überraschend schnell rennen können.

Wie alle Krokodile war das Rautenkrokodil in der Vergangenheit wegen seiner wertvollen Haut der massiven Verfolgung durch den Menschen ausgesetzt. In freier Wildbahn kommt es heute nur noch im Zapata-Sumpf an der Südwestküste Kubas und im Lanier-Sumpf auf der vorgelagerten Isla de la Juventud vor. Die Weltnaturschutzunion (IUCN) stuft das Rautenkrokodil als «bedroht» ein.




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