Gemeiner Riedbock

Redunca redunca


© 2012 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Als «Antilopen» bezeichnet man innerhalb der überaus artenreichen Paarhufersippe (Artiodactyla) die Mitglieder der Familie der Hornträger (Bovidae) mit Ausnahme der Wildrinder, Wildziegen und Wildschafe. Man gliedert die Antilopen in verschiedene Unterfamilien. Eine davon ist die der Ried- und Wasserböcke (Reduncinae), welche neun in Afrika heimische Arten umfasst, nämlich drei Riedböcke in der Gattung Redunca und fünf Wasserböcke in der Gattung Kobus, ferner als Aussenseiterin die Rehantilope (Pelea capreolus). Bei den drei Riedböcken handelt es sich um den Gemeinen Riedbock (Redunca redunca), den Grossen Riedbock (Redunca arundinum) und den Bergriedbock (Redunca fulvorufula). Vom Gemeinen Riedbock soll hier berichtet werden.


Weibchen ohne Hörner

Der Gemeine Riedbock ist eine mittelgrosse Antilope. Bei den erwachsenen Männchen beträgt die Kopfrumpflänge im Allgemeinen 125 bis 145 Zentimeter, die Schulterhöhe 75 bis 90 Zentimeter und das Gewicht 45 bis 65 Kilogramm. Die Weibchen sind mit einer Kopfrumpflänge von 115 bis 130 Zentimetern, einer Schulterhöhe von 65 bis 80 Zentimetern und einem Gewicht von 35 bis 45 Kilogramm deutlich kleiner und auch schlanker gebaut als die Männchen.

Wie bei den meisten Antilopenarten tragen nur die Männchen Hörner. Es sind verhältnismässig kleine, im unteren Bereich stark quer gerillte und nach hinten-oben gebogene, im oberen Bereich aber glatte und nach vorn-oben gekrümmte Gebilde, welche von vorn gesehen ein «V» bilden. Ihre Länge bemisst sich bei den ausgewachsenen Männchen gewöhnlich auf 25 bis 35 Zentimeter; der Längenrekord beträgt 42,5 Zentimeter.

Innerhalb des Verbreitungsgebiets des Gemeinen Riedbocks werden im Allgemeinen fünf bis sieben, manchmal sogar bis elf Unterarten unterschieden, die sich vor allem in der Form und Grösse der Hörner sowie der Färbung und Zeichnung des Fells unterscheiden. Die Unterart, welche in Ghana, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, vorkommt, ist der Nagor-Riedbock (Redunca redunca redunca). Sie ist durch besonders kurze, gedrungene Hörner gekennzeichnet; der Längenrekord liegt bei lediglich 30 Zentimetern.


Gräser als Hauptnahrung

Das Verbreitungsgebiet des Gemeinen Riedbocks erstreckt sich von Senegal, Gambia und Guinea-Bissau im Westen in einem breiten Band quer durch die Feuchtsavannenzone, die sich nördlich der äquatorialafrikanischen Regenwaldzone befindet, bis nach Äthiopien und wahrscheinlich auch Eritrea im Osten, und von da südwärts bis zum Tanganjikasee in Tansania. Insgesamt kommt die Art in 25 Ländern vor.

Innerhalb dieses weiten Areals ist der Gemeine Riedbock stets in der Nähe von Wasser anzutreffen. Typischerweise bewohnt er grasiges bis sumpfiges, mit Ried, Schilf oder Hochgras bewachsenes Gelände in tief gelegenen, welligen bis hügeligen Landschaften, namentlich Sumpfgebieten, Schwemmebenen und feuchten Grasländern. Mancherorts zeigt er kleinere saisonale Standortwechsel: Während er sich in der Regenzeit im offenen Grasland verteilt und sich dabei bis etwa acht Kilometer vom nächsten Gewässer entfernt, bleibt er in der Trockenzeit im unmittelbaren Bereich der allmählich schrumpfenden Gewässer und Sumpfgebiete.

Die Nahrung des Gemeinen Riedbocks besteht fast ausschliesslich aus kurzen bis mittellangen Halmen diverser feuchtigkeitsliebender Gräser. Blätter, Knospen und Triebe von Büschen oder Bäumen verzehrt er nur in geringen Mengen. Er unterscheidet dich hierin von zahlreichen anderen Antilopen, die sich mehrheitlich als «Browser» und weniger als «Grazer» betätigen. Nach Möglichkeit, das heisst bei lokal und saisonal gutem Nahrungsangebot, geht der Gemeine Riedbock vor allem während der kühleren Dämmerungs- und Nachtstunden dem Nahrungserwerb nach und ruht tagsüber, besonders während der Mittagshitze, im Schatten von Bäumen und Sträuchern. Ist das Nahrungsangebot hingegen spärlich, was vor allem gegen Ende der Trockenzeit der Fall ist, so muss er mehr Zeit für die Nahrungssuche aufwenden und ist darum auch tagsüber viel unterwegs.


Duftdrüse unterm Ohr

Die Grundeinheit der Riedbockgesellschaft besteht aus zumeist nur drei bis fünf Individuen umfassenden Kleingruppen, bei denen es sich um ein erwachsenes Weibchen und seine teils noch abhängigen, teils schon eigenständigen Jungen handelt. Diese Weibchenjungengruppen leben in überlappenden Streifgebieten von ein paar Hektaren Grösse.

Die kräftigsten unter den ausgewachsenen Männchen schliessen sich nicht etwa einer Weibchenjungengruppe an, sondern besetzen je einen grossflächigen Eigenbezirk, der sich typischerweise über 20 bis 30 Hektaren erstreckt und mehrere Streifgebiete von Weibchenjungengruppen umschliesst. Auf ihrem Grundstück dulden sie keine anderen geschlechtsreifen Männchen, zumindest nicht in der Nähe der Weibchen.

Um ihren territorialen Anspruch kundzutun, äussern die Grundstückbesitzer regelmässig helle Pfeiflaute. Auch sorgen sie durch lebhaftes «Ohrenspiel» dafür, dass der Duft, der aus den grossen, dunklen Drüsen unter ihren Ohransätzen ausströmt, gut verteilt wird - so wie unsere Haushunde ihren Duft durch angeregtes Schwanzwedeln verwehen. Solche akustischen und geruchlichen Signale sind im oft unübersichtlichen Lebensraum der Riedböcke wirksamer als optische. Bei Begegnungen mit Rivalen versuchen die territorialen Männchen dieselben aber auch mittels optischer Signale in Form von Drohgesten fernzuhalten - und notfalls halt mittels ritualisierter Horngefechte. Ihr Vorteil gegenüber den besitzlosen Männchen besteht darin, dass sie das Vorrecht zur Paarung mit den brünftigen Weibchen innerhalb ihres Reviers haben.

Nur diejenigen Männchen, welche im Alter zwischen etwa fünf und acht Jahren im Vollbesitz ihrer Kräfte sind, vermögen ein Territorium zu erobern und zu behaupten. Tatsächlich dürften es stets weniger als zehn Prozent aller Männchen sein, welche ein Territorium besetzt halten. Die «überschüssigen» Männchen leben mit ihresgleichen in kleinen, hierarchisch geordneten Junggesellentrupps zusammen, welche ausserhalb des territorialen Netzwerks der dominanten Männchen in qualitativ minderwertigen Lebensräumen umherstreifen, wo das Nahrungsangebot geringer und die Feindgefahr grösser ist. Kein Wunder ist das Männchen-Weibchen-Verhältnis in den Riedbockbeständen zumeist unausgeglichen. Bei einer Studie in Äthiopien beispielweise zeigte sich, dass im lokalen Bestand auf 45 Prozent erwachsene Weibchen nur 27 Prozent erwachsene Männchen kamen.

Gegen Ende der Trockenzeit sind die Gemeinen Riedböcke häufig gezwungen, ihre angestammten Streifgebiete und Territorien mangels Nahrung zu verlassen und sich bis zum Beginn der Regenzeit im Bereich der letzten verbleibenden Gewässer und Sumpfgebiete zu versammeln, wo das Nahrungsangebot noch ausreichend ist. Die Weibchenjungengruppen schliessen sich dann oftmals zu grösseren Verbänden von bis über fünfzig Individuen zusammen. Die dominanten Männchen schliessen sich vorübergehend einem Junggesellentrupp an oder ziehen einzelgängerisch umher.


Die Jungen liegen ab

In den meisten Bereichen des Verbreitungsgebiets des Gemeinen Riedbocks finden Paarungen und demzufolge Geburten mehr oder weniger über das ganze Jahr verteilt statt, wobei aber - wie bei so vielen Tieren der afrikanischen Grasländer - eine Zunahme der Geburten zu Beginn der lokalen Regenzeit feststellbar ist. Die Tragzeit dauert etwas über sieben Monate. Fast ausnahmslos kommt je Geburt ein einzelnes Junges zur Welt.

Kurz vor der Geburt zieht sich das trächtige Weibchen zurück, um sein Junges vor unerwünschten Blicken geschützt in einem Dickicht zur Welt zu bringen. Das Junge vermag zwar schon wenige Stunden nach der Geburt recht sicher auf seinen Beinchen zu stehen und zu gehen. Trotzdem begleitet es in seinen ersten Lebenswochen die Mutter nicht auf ihren Streifzügen, sondern legt sich gut versteckt in ein Gebüsch. Dort wartet es geduldig auf seine Mutter, welche - soweit wir wissen - nur ein Mal täglich für etwa eine halbe Stunde zum Säugen erscheint. Nach vier bis fünf Wochen beginnt das Junge zwar, seine Mutter ein Stück weit zu begleiten. Erst im Alter von rund zwei Monaten gibt es aber sein «Abliege»-Verhalten, das im Dienst der Feindvermeidung steht, vollständig auf. Dann erst wird es in die mütterliche Gruppe eingeführt und streift in der Folge mit dieser umher.

Die Entwöhnung von der Muttermilch erfolgt im Alter von etwa sechs Monaten. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt beginnen bei den jungen Männchen die Hörner zu spriessen. Von da an werden sie von den territorialen Männchen nicht mehr auf ihren Grundstücken geduldet und müssen darum die mütterliche Gruppe und auch ihr Geburtsgebiet verlassen. Sie schliessen sich einem örtlichen Junggesellentrupp an, nehmen dort zunächst den letzten Rang ein und beginnen ihre jahrelangen Bemühungen um den Aufstieg in der Hierarchie. Erst wenn sie im Alter von vier bis fünf Jahren einen der vordersten Ränge im Trupp einnehmen, beginnen sie, territoriale Männchen herauszufordern. Und erst wenn es ihnen im Alter von vielleicht fünf Jahren gelingt, ein Territorium zu erobern, erhalten sie die Gelegenheit, sich am Fortpflanzungsgeschehen zu beteiligen.

Die jungen Weibchen beginnen erheblich früher mit der Fortpflanzung. Sie bleiben nach der Geschlechtsreife, die im Alter von etwa fünfzehn Monaten eintritt, zunächst noch mit ihrer Mutter zusammen und sondern sich erst ab, wenn sie im Alter von ungefähr zwei Jahren ihr erstes Junges zur Welt bringen. Allmählich bauen sie danach ihr eigenes Streifgebiet in der unmittelbaren Umgebung von Mutter und Geschwistern auf. In der freien Wildbahn liegt die Lebenserwartung der Gemeinen Riedböcke typischerweise bei zehn bis zwölf Jahren.


Antilopenfleisch ist begehrt

Der Gemeine Riedbock kam innerhalb seines grossen Artverbreitungsgebiets einst vielerorts in grossen Beständen vor. Heute ist er in den meisten Bereichen desselben selten geworden und gebietsweise, besonders im Westen, sogar ganz verschwunden. In Togo und in der Elfenbeinküste dürfte die Art inzwischen landesweit ausgestorben sein.

Die Gesamtpopulation des Gemeinen Riedbocks wurde 1999 auf nur noch rund 100 000 Individuen geschätzt und hat in der Zwischenzeit ohne Zweifel weiter abgenommen. In guten Beständen kommt die Art heute einzig noch in ein paar grossflächigen, gut geführten Nationalparks in Ostafrika vor. Insgesamt dürften inzwischen mindestens drei Viertel aller Gemeinen Riedböcke in Schutzgebieten leben.

Ausserhalb von Schutzgebieten kommen die Gemeinen Riedböcke fast nur noch in abgeschiedenen Gegenden in nennenswerten Beständen vor, was darauf hinweist, dass die Bejagung durch den Menschen eine Hauptursache für den Bestandsrückgang bildet. Tatsächlich wird das zarte Fleisch der mittelgrossen Antilopen allgemein sehr geschätzt, weshalb sie auch in Ländern, in denen sie unter gesetzlichem Schutz stehen, sowie in den Randbereichen von Wildschutzgebieten weiterhin der Verfolgung durch Wilderer ausgesetzt sind.

Die andere Hauptursache für den Schwund der Riedbockbestände bildet die Zerstörung ihrer Lebensräume. Sumpfgebiete wurden und werden auch heute noch (und nicht nur in Afrika) von vielen Menschen als wirtschaftlich wertlose «Unländer» betrachtet und darum bedenkenlos trockengelegt, um neue Anbau- und Weideflächen zu gewinnen. Teils trocknen sie auch unabsichtlich aus, weil das Wasser ihrer Zuflüsse abgeleitet wird, um es anderweitig zu nutzen.

Noch wird der Gemeine Riedbock von der Weltnaturschutzunion (IUCN) nicht als gefährdet eingestuft. Halten die gegenwärtigen Bestandsentwicklungen an, dürfte die Art zwar in überlebensfähigen Beständen in den Nationalparks Ostafrikas überleben können. Ausserhalb derselben dürfte ihr Fortbestand jedoch schon bald in vielen Regionen gefährdet sein, da der Jagddruck auf die verbleibenden Restbestände immer weiter wächst. Der verstärkte Vollzug der bestehenden Jagdgesetze, die verbesserte Überwachung der vorhandenen Schutzgebiete und die Schaffung neuer Schutzgebiete im Bereich von Sumpfgebieten bilden die vordringlichsten Massnahmen, um der negativen Bestandsentwicklung des Gemeinen Riedbocks entgegenzuwirken.




Legenden

Der Gemeine Riedbock (Redunca redunca) ist eine mittelgrosse Antilope. Bei den erwachsenen Individuen beträgt die Kopfrumpflänge im Allgemeinen 115 bis 145 Zentimeter, die Schulterhöhe 65 bis 90 Zentimeter und das Gewicht 35 bis 65 Kilogramm, wobei die Weibchen im Durchschnitt deutlich kleiner sind als die Männchen. Wie bei den meisten Antilopenarten tragen nur die Männchen Hörner.

Der lateinische Begriff «reduncas», auf welchem der wissenschaftliche Gattungsname der Riedböcke beruht, bedeutet auf Deutsch «nach hinten gebogen» und bezieht sich zweifellos auf die Hornform. Auf den ersten Blick erscheint er zwar unzutreffend, da die Hornspitzen ja nach vorn weisen. Tatsächlich wachsen die Hörner aber auf charakteristische Weise in nach hinten gerichtetem Winkel aus dem Schädeldach.

Der Gemeine Riedbock ist in Afrika südlich der Sahara heimisch. Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Senegal im Westen quer durch die Savannenlandschaften, die sich nördlich der äquatorialen Regenwälder befinden, bis nach Äthiopien im Osten und von da südwärts bis nach Tansania. Innerhalb dieses weiten Areals bewohnt er - wie sein Name andeutet - typischerweise grasiges bis sumpfiges, mit Ried, Schilf oder Hochgras bewachsenes Gelände im Bereich von Still- und Fliessgewässern.

Der Gemeine Riedbock ernährt sich zur Hauptsache von den Halmen diverser feuchtigkeitsliebender Gräser. Blätter, Knospen und Triebe von Büschen oder Bäumen verzehrt er nur in geringen Mengen. Er unterscheidet dich hierin von zahlreichen anderen Antilopen, die sich mehrheitlich als «Browser» und weniger als «Grazer» betätigen.

Paarungen und demzufolge Geburten finden beim Gemeinen Riedbock meistenorts über das ganze Jahr verteilt statt, wobei aber eine Zunahme der Geburten zu Beginn der regionalen Regenzeit feststellbar ist. Die Tragzeit dauert etwas über sieben Monate. Fast ausnahmslos kommt je Geburt ein einzelnes Junges zur Welt. Das Bild zeigt ein kräftiges, territoriales Männchen und ein Jungtier im Maasai-Mara-Reservat in Kenia.

Lebensraumverlust und Bejagung haben dem Gemeinen Riedbock in der jüngeren Vergangenheit stark zugesetzt. Sein Gesamtbestand dürfte inzwischen auf unter 100000 Individuen gesunken sein. In guten Beständen kommt die mittelgrosse Antilope heute nur noch in ein paar grossflächigen, gut geführten Nationalparks in Ostafrika vor.

Die Hauptfressfeinde des erwachsenen Gemeinen Riedbocks sind Löwen, Leoparden und Tüpfelhyänen, den Jungtieren können zusätzlich Schakale, Pythons und Adler gefährlich werden. Bei Feindgefahr verbirgt sich der Riedbock im Allgemeinen in einem Dickicht, legt sich dort nicht selten sogar hin, und verharrt bewegungs- und lautlos, bis der Fressfeind - hoffentlich - vorübergezogen ist. Erst bei unmittelbarer Feindgefahr, oft in allerletzter Sekunde, schiesst er plötzlich aus seinem Versteck auf und eilt mit hohen Sprüngen davon, wobei er einen gellenden Pfeiflaut von sich gibt. Der dadurch verursachte kurze Schreckensmoment auf Seiten des Fressfeinds dürfte ihm häufig zu einem entscheidenden Vorsprung verhelfen und so das Leben retten.




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