Riesenmondfisch

Mola mola


© 2003 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)




Artwork © Owen Bell

Von den fünf grossen Wirbeltiersippen - den Säugetieren, den Vögeln, den Reptilien, den Amphibien und den Fischen - weisen letztere die weitaus grösste Artenvielfalt auf: Fast die Hälfte der weltweit rund 54 000 bekannten Wirbeltiere sind Fische.

Von einigen urtümlichen Geschöpfen wie den Neunaugen (Petromyzonidae) abgesehen werden die Fische in zwei Hauptgruppen gegliedert: erstens die Knorpelfische (Chondrichthyes), zu welchen rund 1000 Arten von Haien, Rochen und Seedrachen gehören, und zweitens die Knochenfische (Osteichthyes), welche aus ungefähr 23 000 Arten bestehen.

Zwar sind die Knorpelfische deutlich artenärmer als die Knochenfische. Mit dem Walhai (Rhincodon typus), der eine Länge von bis zu 16 Metern und ein Gewicht von bis zu 40 Tonnen erreicht, und dem Riesenhai (Cetorhinus maximus), der bis 10 Meter lang und 4 Tonnen schwer wird, gehören ihnen jedoch die mächtigsten aller Fische an.

Auch unter den Knochenfischen gibt es allerdings ein paar höchst eindrucksvolle Arten. Den «Meistertitel im Schwergewicht» hält der Riesenmondfisch (Mola mola), der in den tropischen, subtropischen und warmen gemässigten Zonen sämtlicher Ozeane und Meere unseres Planeten vorkommt. Von ihm soll auf diesen Seiten die Rede sein.

 

3 Meter lang, 4 Meter hoch

Der Riesenmondfisch ist eines von nur drei Mitgliedern der Familie der Mondfische (Molidae). Diese gehört - zusammen mit den Familien der Drückerfische (Balistidae), der Kofferfische (Ostraciontidae), der Kugelfische (Tetraodontidae), der Igelfische (Diodontidae), der Dreizähner (Triodontidae) und der Dreistachler (Triacanthidae) - der Ordnung der Kugelfischverwandten (Tetraodontiformes) an.

Bei den beiden anderen Mitgliedern der Mondfischfamilie handelt es sich um den Spitzschwanz-Mondfisch (Masturus lanceolatus) und den Schwimmenden Kopf (Ranzania laevis). Der Riesenmondfisch und der Spitzschwanz-Mondfisch sind ähnlich gross und ähnlich geformt. Letzterer besitzt aber im Unterschied zum Riesenmondfisch einen in der Mitte spitz auslaufenden Schwanzflossensaum. Von diesem Kennzeichen hat er seinen Namen. Der Schwimmende Kopf unterscheidet sich von seinen beiden Vettern durch seine verhältnismässig lang gestreckte Form und durch seine hübsche Färbung, ausserdem ist er mit einer maximalen Länge von etwa sechzig Zentimetern deutlich kleiner als diese.

Von der Schnauzenspitze bis zum Schwanzflossenende weisen erwachsene Riesenmondfische im Durchschnitt eine Länge von etwa 1,8 Metern und von der Spitze der Rückenflosse bis zur Spitze der Afterflosse eine Höhe von ungefähr 2,4 Metern auf. Ihr Gewicht beträgt typischerweise etwa eine Tonne. Einzelne Exemplare können jedoch weit grösser und schwerer werden. Den Grössenrekord hält ein Individuum, das 1908 in den Gewässern vor Australiens Ostküste, in der Nähe von Sydney, mit einem Boot kollidierte: Dieser Gigant wog 2,2 Tonnen, war 3,1 Meter lang und 4,26 Meter hoch. Er ist der schwerste Knochenfisch, der jemals in Menschenhand gelangte.

Marinbiologen haben den Riesenmondfisch von Unterseebooten aus schon in Tiefen von bis zu 700 Metern beobachten können, und er vermag wahrscheinlich noch viel tiefer zu tauchen. Meistens hält er sich jedoch im oberflächennahen Wasser auf. Oft ragt dabei seine Rückenflosse wie bei einem Hai gut sichtbar aus dem Meer auf.

Nicht selten kann man den Riesenmondfisch auch, auf der Seite liegend, an der Meeresoberfläche treiben sehen, so als würde er sich sonnen. Dieser Angewohnheit verdankt er seinen englischen Namen «Ocean Sunfish». Weshalb er das macht, ist nicht abschliessend geklärt. Es deutet aber manches darauf hin, dass es mit den Hautschmarotzern zu tun hat, von denen der Riesenmondfisch besonders stark befallen wird. Den meisten wild lebenden Tieren machen - im Körperinnern wie auf der Körperoberfläche - zahlreiche Parasiten zu schaffen. Nur wenige weisen jedoch ein solch breites «Sortiment» auf wie der Riesenmondfisch: Rund vierzig verschiedene Parasitengattungen sind bislang in und an ihm festgestellt worden.

Wie manch anderer grosser Meeresfisch scheint sich der Riesenmondfisch auf tierliche Helfer abzustützen, um seine lästigen Hautparasiten loszuwerden. Wohlbekannt sind die «Putzerstationen» im Bereich tropischer Korallenriffe, welche von Zackenbarschen und anderen grösseren Rifffischen aufgesucht werden, um sich dort von spezialisierten Putzerfischen - darunter der Meerschwalbe (Labroides dimidiatus) aus der Familie der Lippfische (Labridae) - die Haut und die Kiemen säubern zu lassen. Der Riesenmondfisch scheint sich zu diesem Zweck an eine eher ungewöhnliche «Putzmannschaft» zu wenden: an meereslebende Möwen. Wiederholt konnte jedenfalls beobachtet werden, dass sich auf den an der Oberfläche treibenden Riesenmondfischen Möwen niederlassen, die dann eifrig nach den «leckeren» Hautparasiten picken. Das «Sonnenbaden» scheint also durchaus dem Wohlbefinden des Riesenmondfischs zu dienen - wenn auch in einer anderen Form, als man dies einst dachte.

Dass dem Riesenmondfisch die Entfernung der Hautparasiten ein grosses Bedürfnis ist, beweist die Tatsache, dass er auch die guten Dienste der «üblichen» Putzerfische in Anspruch nimmt. Vor der Küste Kaliforniens beispielsweise hält sich der grosse Fisch oft in der Nähe treibender Tangbündel auf, welche den aufs Putzen spezialisierten Señoritas (Oxyjulis californica) aus der Lippfischfamilie als «Station» dienen, und lässt sich von diesen säubern. Auch die Angewohnheit des Riesenmondfischs, sich mitunter bis zu drei Meter hoch aus dem Wasser zu schleudern, nur um mit grosser Wucht auf die Meeresoberfläche zurückzuklatschen, könnte dem Verlangen entspringen, juckende Hautschmarotzer loszuwerden.

 

Vom Fressen und Gefressenwerden

Der Riesenmondfisch ernährt sich von einem breiten Spektrum mariner Lebewesen. Vorzugsweise scheint er Quallen, Salpen und andere Wirbellose zu erbeuten, welche einen weichen Körper aufweisen und in den oberflächennahen Wasserschichten der Ozeane vorkommen. Magenuntersuchungen haben jedoch gezeigt, dass er auch Tintenfische, Schwämme, Flügelschnecken, Krebstiere und sogar kleine Fische verzehrt. Der Riesenmondfisch ist offensichtlich ein «Generalist», der sich beim Beutefang erstens von der Meeresoberfläche bis zum Meeresboden umherbewegt und zweitens nach ziemlich allem schnappt, was ihm über den Weg kriecht oder schwimmt. Um grössere Beutetiere zu zerkleinern, saugt der Riesenmondfisch sie so lange durch seinen stets offenen Mund ein und spuckt sie hernach wieder aus, bis sie dank der krallenartigen Zähne in seinem Schlund stark zerfetzt sind und er sie zu verschlucken vermag.

Seinem Riesenwuchs und seiner derben Haut zum Trotz fällt auch der Riesenmondfisch mitunter Beutegreifern zum Opfer. Schwertwale (Orcinus orca) wurden ebenso schon beim Erbeuten von Riesenmondfischen beobachtet wie Kalifornische Seelöwen (Zalophus californianus). Vor allem aber dürften Haie eine Gefahr für den Riesenmondfisch darstellen. Zwar fehlen diesbezügliche Beobachtungen, doch es gibt ein eindeutiges Indiz: Unter den zahlreichen Parasiten, von denen der Riesenmondfisch geplagt wird, findet sich die Larve eines Haibandwurms. Damit der junge Bandwurm seinen Lebenszyklus vollenden kann, muss er gelegentlich von seinem Zwischenwirt (Riesenmondfisch) in seinen Endwirt (Hai) gelangen - und dies kann eigentlich nur dann geschehen, wenn ein Hai den befallenen Riesenmondfisch mitsamt der Bandwurmlarve verspeist.

 

Rekordhalter in Sachen Kindersegen

Der Riesenmondfisch ist nicht nur der schwerste aller Knochenfische, sondern er hält auch den Rekord hinsichtlich Fruchtbarkeit. Im Eierstock eines 1,4 Meter langen, also verhältnismässig kleinen Weibchens wurden einst (hochgerechnet) 300 Millionen reife Eier festgestellt. Das ist die grösste Anzahl Eier, die jemals in einem Wirbeltier gefunden wurde - und sie dürfte bei gross gewachsenen Riesenmondfischweibchen noch deutlich höher liegen.

Über das Fortpflanzungsverhalten der Riesenmondfische im freien Meer wissen wir kaum etwas. In Aquarien konnte immerhin schon die Entwicklung von Jungfischen beobachtet werden. Nach dem Schlüpfen sind die jungen Riesenmondfische etwa zwei Millimeter lang und haben zunächst eine «normale» Fischgestalt. Alsbald wachsen ihnen jedoch Stacheln am ganzen Körper. In diesem Stadium sehen sie aus wie winzige Kugel- oder Igelfische, was ein Hinweis auf ihre enge Verwandtschaft mit diesen ebenfalls recht eigentümlichen Tieren ist. Mit zunehmender Grösse der Jungfische werden die Stacheln allmählich immer kürzer und verschwinden schliesslich ganz. Nun nehmen die jungen Riesenmondfische zusehends eine scheibenförmige Gestalt an, wobei ihre Körperlänge die Körperhöhe aber noch übertrifft, bis sie gut zwei Zentimeter lang sind.

Wie lange es dauert, bis solche Winzlinge im freien Meer zu fortpflanzungsfähigen Kolossen herangewachsen sind, wissen wir nicht. In einem Aquarium in Kalifornien legte allerdings ein dort geschlüpftes Junges innerhalb von 14 Monaten 350 Kilogramm Gewicht zu - worauf der halbwüchsige Riesenmondfisch mittels eines Helikopters aus seinem zu eng gewordenen Becken befreit und im nahen Pazifik ausgesetzt werden musste.

Die aussergewöhnlich hohe Nachzuchtrate der Riesenmondfische lässt darauf schliessen, dass auch die Sterblichkeitsrate unter den Jungfischen enorm hoch ist. Denn die beiden Raten müssen sich in der Natur stets die Waage halten, sonst schwillt der Artbestand entweder an oder er bricht zusammen. (Hierzu gibt es ja die berühmte Rechnung des amerikanischen Insektenforschers L.O. Howard, wonach ein einziges Stubenfliegenweibchen, das am 15. April mit der Eiablage beginnt, am 10. September des gleichen Jahres 5,6 Billionen Nachkommen mit einem Gesamtgewicht von 80 000 Tonnen hätte - wäre ihnen allen eine ungestörte Entwicklung beschieden.) Von den Nachkommen, die ein Weibchen im Laufe seines Lebens erzeugt, und seien es auch Abermillionen, schaffen es also aufgrund des Feinddrucks im langjährigen Durchschnitt stets nur ein paar wenige bis zur Geschlechtsreife, um dann ihrerseits für die Erhaltung des Artbestands zu sorgen. Berücksichtigt man dann noch die Sterblichkeitsrate unter den erwachsenen Tieren, so sind es mehr oder weniger exakt eine Tochter und ein Sohn, welche beim Hinschied eines erwachsenen Weibchens übrig bleiben.

 

«Beifang» - ein grosses Ärgernis

Noch ist der Riesenmondfisch weit verbreitet, und er scheint in seinem Fortbestand nicht unmittelbar gefährdet zu sein. Allerdings gibt es verschiedene Hinweise darauf, dass seine Bestände weltweit schwinden, regional sogar massiv. Es ist der Mensch, der einen Strich durch die oben genannte «Rechnung» macht.

In den meisten Bereichen seines Verbreitungsgebiets ist der Riesenmondfisch kein begehrter Fang, da sein Fleisch als minderwertig gilt. Einzig in Taiwan und in Japan wird er als Speisefisch geschätzt. Verwertet werden dort praktisch seine sämtlichen Körperteile, so auch die Haut, die Flossen, die Wirbelsäule und der Darm. Letzterer wird in Taiwan sogar als besondere Delikatesse unter der Bezeichnung «Drachendarm» serviert. Global gesehen dürfte die direkte Befischung dem Riesenmondfisch jedoch kaum nennenswerten Schaden zufügen.

Weit schlimmer wirkt sich aus, dass Tausende der mächtigen Fische ihr Leben in Netzen verlieren, welche für den Fang anderer Fischarten gesetzt wurden. So schätzt man, dass sich allein vor der Küste Kaliforniens alljährlich rund 25 000 Riesenmondfische als wertloser «Beifang» in den oft viele Kilometer langen, wandartigen Treibnetzen der Schwertfischfänger verheddern. Bei den spanischen Schwertfischfängern, welche ihre Treibnetze östlich der Strasse von Gibraltar im Mittelmeer auslegen, machen die Riesenmondfische in gewissen Jahren sogar mehr als neunzig Prozent des gesamten Fangs aus - was nicht nur die Verletzbarkeit der Riesenmondfische durch die Treibnetzfischerei aufzeigt, sondern auch die erschreckende Übernutzung der lokalen Schwertfischbestände. Obschon die Riesenmondfische in manchen Fällen lebend ins Meer zurückgeworfen werden, sind viele von ihnen zu diesem Zeitpunkt entkräftet oder gar verletzt und haben wohl nur geringe Überlebenschancen.

Zwar werden sämtliche Fischereinationen durch den 1995 von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) erarbeiteten und verabschiedeten «Verhaltenskodex für verantwortungsvolle Fischerei» längst dazu verpflichtet, Methoden zur Verminderung des Beifangs von Riesenmondfischen, Delphinen, Meeresschildkröten, Albatrossen, Haien usw. zu entwickeln und anzuwenden. In Artikel 6, Absatz 6, heisst es klar: «Die Staaten und Nutzer aquatischer Ökosysteme sollen [...] den Fang von Nichtzielarten, wobei es sich sowohl um Fisch- als auch Nichtfischarten handeln kann, [...] auf ein Mindestmass beschränken.» Wirklich greifbare Ergebnisse fehlen jedoch bis heute.

Es mangelt diesbezüglich eindeutig am Willen der Fischereinationen, da weder die Entwicklung noch die Anwendung solcher Massnahmen gratis ist und deshalb der Profit (ein klein wenig) geschmälert wird. Ohne wirkliche Anstrengungen seitens dieser Nationen - und dazu bräuchte es den politischen Druck der internationalen Staatengemeinschaft ebenso wie den Druck der Konsumentenorganisationen (Stichwort: Dolphin safe) - sieht die Zukunft des Riesenmondfischs und seiner zahlreichen Mitleidensgenossen düster aus.

 

 

Legenden

Der Riesenmondfisch (Mola mola), ein naher Verwandter der Kugelfische und der Igelfische, ist mit einem Gewicht von bis zu 2,2 Tonnen der schwerste unter den weltweit rund 23 000 Knochenfischen. Durchschnittlich grosse Individuen bringen - bei einer Gesamtlänge von ungefähr 1,8 Metern und einer Gesamthöhe von etwa 2,4 Metern - rund eine Tonne auf die Waage. Der wissenschaftliche Gattungsname Mola stammt aus dem Lateinischen und bedeutet «Mühlstein».

Der Riesenmondfisch ist ein sehr gemächlicher Schwimmer. Für den Antrieb sorgen allein die Rückenflosse und die Afterflosse, welche stets gleichzeitig nach links oder rechts bewegt werden. Die seitlichen Brustflossen sind zwar ständig in Bewegung, dienen aber bloss dazu, die aufrechte Haltung des Fischs im Wasser zu gewährleisten. Und die kurze, saumartige Schwanzflosse wirkt einzig als Steuerruder. Um eine rasche Wendung im Wasser zu vollziehen, stösst der Riesenmondfisch einen kräftigen, gut gerichteten Wasserstrahl aus seinem Mund aus.

Die Haut des erwachsenen Riesenmondfischs ist schuppenlos und sehr derb. Sie weist eine hellgraue bis braungraue Färbung auf, schimmert nachts silbern (deshalb der deutsche Artname) und kann mit hellen und dunklen Flecken übersät sein.

Nicht selten lässt sich der Riesenmondfisch, auf der Seite liegend, an der Meeresoberfläche treiben, so als würde er sich sonnen. In Wirklichkeit scheint sich der Koloss, der stark von Hautschmarotzern heimgesucht wird, Möwen als «Rast- und Verpflegungsstätte» anzubieten. Jedenfalls konnte wiederholt beobachtet werden, dass sich Möwen bereitwillig auf solchen an der Oberfläche treibenden Riesenmondfischen niederlassen und dann eifrig nach deren «leckeren» Hautparasiten picken.

Wie alt die Riesenmondfische werden können, wissen wir nicht, denn zum einen existiert bislang keine verlässliche Methode zur Altersbestimmung frei lebender Individuen und zum anderen scheiterte bisher die Langzeithaltung der Kolosse in Menschenobhut an ihrer Körpergrösse. Das Bild zeigt zwei jugendliche Individuen im Ostpazifik westlich Kaliforniens.




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