Grauer Riffhai - Carcharhinus amblyrhynchos

Schwarzspitzen-Riffhai - Carcharhinus melanopterus


© 2005 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)






Artwork © Owen Bell

Weltweit existieren knapp fünfhundert Haiarten. Das Spektrum reicht vom 25 Zentimeter langen Zwerghai (Squaliolus laticaudus) bis hin zum 16 Meter langen Walhai (Rhincodon typus), dem grössten aller Fische. Gemäss neuerer Systematik werden die zahlreichen Haiarten innerhalb der Klasse der Knorpelfische (Chondrichthyes) 10 Ordnungen, 44 Familien und über hundert Gattungen gegliedert, wobei die allermeisten Gattungen bloss ein paar wenige Arten umfassen. Eine bemerkenswerte Ausnahme bildet die Gattung der Braunhaie (Carcharhinus) innerhalb der Familie der Blauhaie (Carcharhinidae): Sie setzt sich aus rund dreissig Arten zusammen und ist damit die weitaus artenreichste aller Haigattungen. Zwei ihrer Mitglieder sind der Graue Riffhai (Carcharhinus amblyrhynchos) und der Schwarzspitzen-Riffhai (Carcharhinus melanopterus), von denen auf diesen Seiten berichtet werden soll.

 

Der Graue Riffhai

Der Graue Riffhai ist ein mittelgrosser Braunhai: Die Männchen erreichen eine Länge von bis zu 2,6 Metern, die Weibchen von bis zu 1,7 Metern. Der Gewichtsrekord liegt bei etwas mehr als 30 Kilogramm. Die Art ist gekennzeichnet durch eine oberseits graue Färbung, einen schwarzen Saum an der Schwanzflosse und eine einheitlich graue erste Rückenflosse.

Der Graue Riffhai ist schwergewichtig in tropischen und subtropischen Gewässern heimisch. Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich in einem ungefähr vom 25. nördlichen bis zum 32. südlichen Breitengrad reichenden Gürtel über den ganzen Indopazifik. Im westlichen Indischen Ozean kommt er im Bereich Madagaskars, der Maskarenen und der Seychellen sowie entlang der afrikanischen Ostküste von Südafrika nordwärts bis zum Roten Meer vor. (Diese Bestände werden allerdings von manchen Fachleuten einer separaten Art namens Schwarzschwanz-Riffhai (Carcharhinus wheeleri) zugeordnet.) Weiter östlich kann man ihm bei den Malediven, dem Chagos-Archipel und den Kokosinseln begegnen. Sodann ist er in den südostasiatischen und nordaustralischen Gewässern anzutreffen, und von da ostwärts bis zum Tuamotu-Archipel (Französisch-Polynesien) und bis nach Hawaii (USA).

Wie sein Name vermuten lässt ist der Graue Riffhai kein Hai des offenen Meers, sondern hält sich in der Regel in Küstennähe und dort im Bereich von Korallenriffen auf. Vorzugsweise bewegt er sich an deren Aussenrand umher, wo der Meeresboden in die Tiefe abfällt, ferner dort, wo Lücken im Korallenriff den Zugang zu einer Lagune erlauben. Die im östlichen Bereich des Indischen Ozeans gelegenen, politisch zu Australien gehörenden Kokosinseln, welche die vorliegenden Briefmarken verausgabt haben, stellen die Spitzen eines untermeerischen Vulkanmassivs dar, sind rundherum von prächtigen Korallengärten umgeben und bieten somit dem Grauen Riffhai viel günstigen Lebensraum.

Der Graue Riffhai ist ein tüchtiger Beutegreifer, der sich von einem breiten Spektrum von rifflebenden Fischen, Tintenfische und Krebstieren ernährt. Wie alle Haie verfügt er über eine ganze Reihe hoch entwickelter Sinne, um seine Umgebung wahrzunehmen und Beutetiere ausfindig zu machen. Seine verhältnismässig grossen Augen, deren Sehleistung ungefähr derjenigen des menschlichen Auges entspricht, vermitteln ihm eine ausgezeichnete Sicht unter Wasser - und zwar auch bei spärlichem Licht, denn eine reflektierende Gewebeschicht hinter der Netzhaut bewirkt, dass die Sinneszellen der Netzhaut von den einfallenden Lichtstrahlen jeweils noch ein zweites Mal, von hinten, gereizt werden. Die Helligkeit des auf der Netzhaut entstehenden Bilds wird dadurch verdoppelt.

Sein Gehör ist vor allem für Töne mit niedriger Frequenz empfindlich und scheint besonders geeignet, jene Geräusche wahrzunehmen, welche von Beutetieren bei der Fortbewegung im Wasser verursacht werden.

Überaus empfindliche Sinnesorgane sind sodann seine Riechgruben am Vorderende des Kopfs. Die Bedeutung des Geruchssinns zeigt sich darin, dass der für das Riechen zuständige Teil des Gehirns zwei Mal so gross ist wie der gesamte Rest. Tatsächlich können Haie Blut noch in einer Verdünnung von eins zu einer Million im Wasser feststellen.

Zu diesen uns vertrauten Sinnen kommen weitere, für uns eher überraschende Fähigkeiten der Wahrnehmung hinzu: Zu nennen ist zum einen das - bei allen Fischen vorhandene - Seitenlinienorgan. Dieses erstreckt sich beiderseits des Körpers vom Kopf bis zum Schwanz und besteht aus unter der Haut liegenden Kanälen, welche mit gallertartigem Schleim gefüllt sind und zahlreiche Sinneszellen enthalten. Hiermit vermag der Graue Riffhai kleinste Druckveränderungen im ihn umgebenden Wasser wahrzunehmen - solche, die von Hindernissen ausgehen, auf die er sich zu bewegt, wie auch solche, die durch die Bewegungen anderer Tiere in seiner Nähe verursacht werden.

Bemerkenswert sind zum anderen die so genannten Lorenzinischen Ampullen, welche einzig bei den Knorpelfischen vorkommen. Es handelt es sich um mehrere hundert, im Bereich der Schnauze verstreut unter der Haut liegende, durch Poren mit der Aussenwelt verbundene Sinnesgruben, welche elektrische Impulse wahrnehmen. Zusammen bilden sie das empfindlichste elektrosensitive Sinnesorgan, das bisher in der Tierwelt festgestellt worden ist. Die am Boden der mit Gallerte gefüllten Ampullen liegenden elektrosensitiven Zellen, welche aus Haarzellen hervorgegangen sind, können noch Stromspannungen von 1 Millionstel Volt im umgebenden Wasser wahrnehmen. Dies liegt unter den Spannungswerten, welche die Nerven eines Tierkörpers erzeugen. Haie sind deshalb in der Lage, Beutetiere allein aufgrund des sie umgebenden natürlichen elektrischen Felds zu orten.

Aufgrund seiner vielfältigen und leistungsfähigen Sinnesorgane vermag der Graue Riffhai - wie alle seine Vettern - durchaus auch bei Dunkelheit auf Beutefang zu gehen. Tatsächlich scheint er mehrheitlich nachts zu jagen. Allerdings ist er regelmässig auch tagsüber unterwegs. Eine für Haie untypische Angewohnheit des Grauen Riffhais ist es, gelegentlich tagsüber grosse Verbände zu bilden. Nachts lösen sich diese Schulen jeweils wieder auf. Die Gründe für diese ungewöhnliche Geselligkeit sind nicht bekannt. Es ist aber anzunehmen, dass sie mit der Fortpflanzung in Zusammenhang steht.

Wie bei den meisten Haien bringen die weiblichen Grauen Riffhaie lebende Junge zur Welt. Die Eier werden also nach der Befruchtung nicht abgelegt, sondern gelangen in gebärmutterartige Ausbuchtungen der beiden Eileiter und verbleiben dort, bis sich die Keimlinge vollständig entwickelt haben. Die hernach aus den Eiern schlüpfenden Jungen entwickeln sich sogar noch eine Weile im Mutterleib weiter. Ihr Dottersack ist zu einer Art Plazenta umgebildet, über die sie von der Mutter mit Nährstoffen versorgt werden. So können sie sich im Schutz des mütterlichen Leibs sehr weit entwickeln, bevor sie geboren werden, und haben dadurch einen erheblichen Überlebensvorteil.

Die Tragzeit dauert beim Grauen Riffhai insgesamt rund zwölf Monate. Je Wurf kommen ein bis sechs Junge zur Welt. Sie weisen bei der Geburt eine Länge von 45 bis 60 Zentimetern auf und können sogleich für sich selbst sorgen. Geschlechtsreif werden sie im Alter von etwa sieben Jahren, bei einer Länge von 130 bis 145 Zentimetern. Die Lebenserwartung liegt bei über 25 Jahren.

 

Der Schwarzspitzen-Riffhai

Der Schwarzspitzen-Riffhai ist deutlich kleiner als der Graue Riffhai: Er erreicht maximal eine Länge von etwa zwei Metern und ein Gewicht um 14 Kilogramm. In seiner Gestalt ist er dem Grauen Riffhai sehr ähnlich, doch ist er im Unterschied zu diesem oberseits graubraun gefärbt und seine erste Rückenflosse weist eine markante schwarze Spitze auf.

Das Verbreitungsgebiet des Schwarzspitzen-Riffhais ist dem des Grauen Riffhais ähnlich: Es erstreckt sich von der Ostküste Afrikas bis zum Tuamotu-Archipel und bis nach Hawaii quer durch den ganzen Indopazifik. Allerdings reicht es etwas weiter nach Norden, nämlich bis zum 36. nördlichen Breitengrad.

Interessanterweise hat sich der Schwarzspitzen-Riffhai in der jüngeren Vergangenheit auch im östlichen Mittelmeer niederzulassen vermocht. Offensichtlich ist es ihm gelungen, vom Roten Meer her durch den 1869 eröffneten Suez-Kanal dorthin zu gelangen. Er gehört somit zu den 400 bis 500 Meereslebewesen, welche diese 171 Kilometer lange Reise geschafft haben. Man nennt sie «Lesseps'sche Migranten», nach dem Französischen Ingenieur Ferdinand de Lesseps, dem die Leitung des gigantischen Bauwerks oblag. (Eine Wanderbewegung von Arten in der entgegen gesetzten Richtung fand hingegen kaum statt: «Antilesseps'sche Migranten» gibt es bloss eine Handvoll.)

Wie der Graue Riffhai hält sich der Schwarzspitzen-Riffhai gewöhnlich im Umfeld von Korallenriffen auf, bevorzugt aber etwas seichtere Bereiche: Er bewegt sich vielfach über dem Riff umher, ferner in der Gezeitenzone, wo die Wassertiefe manchmal weniger als einen Meter beträgt. Man kann ihm im Übrigen regelmässig in Mangrovengebieten begegnen. Und er ist nicht nur in der Lage, Brackwasser in Flussmündungsbereichen zu ertragen, sondern hält sich mitunter sogar für kurze Zeit im Süsswasser von Flussunterläufen auf. Seine Nahrung besteht in erster Linie aus Fischen. Gelegentlich erbeutet er aber auch Tintenfische und Krebstiere. Man begegnet dem Schwarzspitzen-Riffhai meistens einzeln oder in kleinen Rudeln. Grosse Verbände, wie sie beim Grauen Riffhai auftreten, scheinen bei ihm nicht vorzukommen.

Wie beim Grauen Riffhai sind die weiblichen Schwarzspitzen-Riffhaie lebendgebärend, und wie bei jenem verfügen die Keimlinge über eine Dottersack-Plazenta. Die Wurfgrösse beträgt zwei bis vier Junge. Die Junghaie weisen bei der Geburt eine Länge von 45 bis 50 Zentimetern auf. Die Geschlechtsreife tritt bei einer Länge von 95 bis 110 Zentimetern ein. Die Lebenserwartung dürfte bei mehr als 25 Jahren liegen.

 

Schwindende Bestände

Noch sind der Graue Riffhai und der Schwarzspitzen-Riffhai weit verbreitete Meerestiere, und noch kommen sie vielerorts in grösseren Beständen vor. Allerdings besteht kein Zweifel darüber, dass dieselben rückläufig sind. Beispielsweise ist im Bereich der Malediven der Bestand des Grauen Riffhais, der dort einst häufig war, merklich zurückgegangen.

Verantwortlich für den Bestandsschwund ist in erster Linie der übermässige Fang für den menschlichen Verzehr. Wie alle Haie werden die beiden vorgestellten Riffhaie ihres Fleisches wegen gefangen, das sowohl frisch als auch getrocknet, gesalzen, geräuchert und gefroren in den Handel kommt, ferner ihrer Flossen wegen, welche für sie Zubereitung von Haifischflossensuppe begehrt sind, und nicht zuletzt ihrer Leber wegen, aus denen vitaminreicher Lebertran gewonnen wird.

Jedes Jahr werden inzwischen weltweit zwischen 600 000 und 700 000 Tonnen Haie gefangen und geschlachtet. Da das Durchschnittsgewicht eines gefangenen Haies nur etwa 15 Kilogramm beträgt, ergibt dies rund 100 Millionen Haie pro Jahr. Das sind etwa 270 000 Haie je Tag, 11 000 je Stunde, 3 je Sekunde!

Da der Graue Riffhai und der Schwarzspitzen-Riffhai nicht frei im Meer umher schwimmen, sondern sich die meiste Zeit im Bereich von Korallenriffen, also in unmittelbarer Küstennähe, aufhalten, können sie verhältnismässig einfach - mit Netzen, Fallen und Speeren - erlegt werden. Die spät eintretende Geschlechtsreife, die geringe Wurfgrösse und die lange Tragzeit bewirken jedoch, dass ihre Nachzuchtrate gering ist und ihre Bestände somit schnell schwinden, wenn die Sterblichkeitsrate aufgrund menschlicher Einflüsse über das natürliche Mass ansteigt. Dieses Phänomen ist ja von den landlebenden Grossraubtieren her hinlänglich bekannt. Aus diesen Gründen wurden der Graue Riffhai und der Schwarzspitzen-Riffhai im Jahr 2000 von der Hai-Spezialistengruppe der Weltnaturschutzunion (IUCN) als «fast gefährdet» eingestuft. Ihre negative Bestandsentwicklung gibt also inzwischen offiziell zu Besorgnis Anlass.

Konkrete Massnahmen zum Schutz der vorgestellten wie auch anderer Riffhaie wurden bislang allerdings noch keine getroffen. Dies überrascht insofern, als sie zu den besonders attraktiven Tieren gehören, denen man als Taucher im Bereich von Korallenriffen begegnen kann. Sie stellen dementsprechend wichtige «Argumente» beim Werben um Tauchtouristen dar. Allein aufgrund ökonomischer Überlegungen wäre darum von den vielen kleinen Inselterritorien im Indopazifik, für welche der Tourismus grosse wirtschaftliche Bedeutung hat, zu erwarten, dass sie den heimischen Riffhaibeständen einen angemessenen Schutz zukommen lassen. Es ist zu hoffen, dass sich dieser Gedanke durchsetzt, bevor es zu spät ist.

 

 

 

 

Legenden

Der Graue Riffhai (Carcharhinus amblyrhynchos) ist ein mittelgrosse Mitglied der Blauhaifamilie (Carcharhinidae): Die Männchen erreichen eine Länge von bis zu 2,6 Metern, die Weibchen von bis zu 1,7 Metern. Die Nahrung des ausgeprägten Korallenriffbewohners setzt sich aus einem breiten Spektrum von Fischen, Tintenfischen und Krebstieren zusammen.

Eine für Haie untypische Angewohnheit des Grauen Riffhais ist es, tagsüber grosse Verbände zu bilden, die sich nachts jeweils wieder auflösen. Die Gründe für diese ungewöhnliche Geselligkeit sind nicht bekannt, dürften aber irgendwie mit der Fortpflanzung zu tun haben.

Der Schwarzspitzen-Riffhai (Carcharhinus melanopterus) ist deutlich kleiner als der Graue Riffhai: Erwachsene Individuen erreichen maximal eine Länge von etwa 2 Metern und ein Gewicht um 14 Kilogramm. Das Artverbreitungsgebiet erstreckt sich wie beim Grauen Riffhai von der Ostküste Afrikas im Westen bis zum Tuamotu-Archipel im Osten quer durch die tropischen und subtropischen Zonen des Indopazifiks.

Die weiblichen Schwarzspitzen-Riffhaie bringen nach einer Tragzeit von 12 bis 15 Monaten zwei bis vier Junge zur Welt. Diese weisen bei der Geburt eine Länge von 45 bis 50 Zentimetern auf und können sogleich für sich selbst sorgen.

Der Graue Riffhai wird wie der Schwarzspitzen-Riffhai erbarmungslos vom Menschen bejagt - seines Fleischs, seiner Flossen und seiner Leber wegen. Da die beiden Riffhaie nicht frei im Meere umher schwimmen, sondern sich die meiste Zeit im Bereich von Korallenriffen in unmittelbarer Küstennähe aufhalten, sind sie besonders stark von der Verfolgung durch den Menschen betroffen. Die negative Bestandsentwicklung hat dazu geführt, dass beide Arten im Jahr 2000 von der Weltnaturschutzunion (IUCN) als «fast gefährdet» eingestuft werden mussten.




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