Rifftriel

Esacus giganteus (vormals Esacus magnirostris)


© 2010 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)










Artwork © Owen Bell



Abgesehen davon, dass sie teils gigantische Körpergrössen aufwiesen, gehört zum Allgemeinwissen über die Dinosaurier, dass sie ausgestorben sind - genauer: dass sie ziemlich plötzlich gegen Ende der Kreidezeit, vor rund 65 Millionen Jahren, von der Erdoberfläche verschwanden, zusammen mit den riesigen meereslebenden Plesiosauriern, den flugfähigen Pterosauriern und einem ganzen Spektrum weiterer bemerkenswerter Kreaturen. Als Ursache für das damalige Massensterben der Saurier wird heute allgemein ein einziger Vorfall betrachtet: der Einschlag eines mehrere Kilometer grossen Meteoriten auf die Erdoberfläche im Bereich der heutigen mexikanischen Yukatan-Halbinsel. Dieser schuf nicht allein den 170 Kilometer breiten Chicxulub-Krater, sondern bewirkte auch eine gewaltige Explosion, durch welche enorme Mengen von Staubpartikeln in die Atmosphäre gelangten, was eine weltweite Beschattung mit anschliessender ökologischer Katastrophe zur Folge hatte.

Der Vorfall vermochte glücklicherweise nicht sämtliches Leben auf unserem Planeten auszulöschen. Es überlebten die Vorfahren aller heute lebenden Organismen, darunter erfreulicherweise die frühen Primaten, von denen wir Menschen abstammen, aber auch zahlreiche weitere urtümliche Säugetierformen. Ja selbst die Dinosaurier - und dies ist den meisten von uns nicht bewusst - starben damals nicht komplett aus. Eine kleine Sippe von Dinosauriern namens Therapoden, die sich zweibeinig fortbewegten, als agile Beutegreifer betätigten und mehrheitlich von relativ geringer Körpergrösse waren, fiel der Katastrophe nicht zum Opfer. Sie entwickelten sich weiter, passten sich viele Jahrmillionen lang den immer wieder wechselnden ökologischen Gegebenheiten an und leben heute in grosser Formenvielfalt mitten unter uns. Wir nennen sie Vögel.

Die Abstammung der Vögel von den Dinosauriern ist oberflächlich betrachtet bei einigen heutigen Vogelarten besser erahnbar als bei anderen. Recht gut erkennbar ist sie zum Beispiel beim Rifftriel (Esacus giganteus, vormals Esacus magnirostris), von dem hier berichtet werden soll. Hätte er ein Gebiss anstelle seines Schnabels und kleine Greifarme anstelle seiner Flügel, so könnte man ihn beim Anpirschen einer Krabbe in geduckter, nach vorn geneigter Haltung durchaus mit einem kleinen Velociraptor oder einem anderen seiner therapoden Dinosauriervorfahren verwechseln.


Ein Regenpfeiferverwandter

Die Familie der Triele (Burhinidae) umfasst weltweit 9 Arten in 2 Gattungen. Sie gehört innerhalb der Klasse der Vögel (Aves) zur Ordnung der Wat- und Möwenvögel (Charadriiformes), einer vielgestaltigen Gruppe von mehrheitlich küstenlebenden Vögeln. Die Wat- und Möwenvögel lassen sich in drei Unterordnungen gliedern: die Möwen und Verwandten (Lari), die Schnepfenvögel und Verwandten (Scolopaci) und die Regenpfeifer und Verwandten (Charadrii). Die Familie der Triele gehört zur Unterordnung der Regenpfeifer und Verwandten, welche ferner die Familien der Regenpfeifer (Charadriidae), der Kiebitze (Vanellidae), der Säbelschnäbler (Recurvirostridae), der Austernfischer (Haematopodidae), der Ibisschnäbel (Ibidorhynchidae), der Scheidenschnäbel (Chionididae) und der Magellanregenpfeifer (Pluvianellidae) umfasst. Neuere DNS-Analysen haben gezeigt, dass die Triele dort - entgegen der allgemeinen Meinung - nicht den Regenpfeifern und Kiebitzen verwandtschaftlich am nächsten stehen, sondern den sonderbaren, an plumpe Tauben erinnernden, in der Antarktis heimischen Scheidenschnäbeln.

Der Rifftriel ist das grösste Mitglied der Trielfamilie, knapp vor dem in Australiens Binnenland heimischen Langschwanztriel (Burhinus grallarius), der zwar wegen seines langen Schwanzes eine durchschnittlich etwas grössere Gesamtlänge aufweist, jedoch erheblich leichter gebaut ist. Erwachsene Rifftriele weisen eine Gesamtlänge von 53 bis 57 Zentimetern auf und können mehr als 1 Kilogramm wiegen. Es sind kräftig gebaute Vögel mit grossem Kopf, mächtigem, kahnförmigem Schnabel und verhältnismässig langen, robusten Beinen. Wie bei vielen am Boden lebenden «Schreitvögeln» sind letztere mit starken Fersengelenken und drei kräftigen, nach vorn gerichteten Zehen ausgestattet, während die Hinterzehe rückgebildet ist. Auffallend - und trieltypisch - ist im Übrigen das grosse gelbe Auge.


Krabben als Hauptspeise

Wie sein Name andeutet, ist der Rifftriel ein typischer Küstenvogel und kaum je im Binnenland anzutreffen. Er unterscheidet sich dadurch deutlich von seinem nächsten Verwandten, dem Krabbentriel (Esacus recurvirostris), der hauptsächlich an den Ufern von Seen und Flüssen im Binnenland vorkommt und seinerseits kaum je die Küsten besucht.

Der Rifftriel kommt in der Grenzregion zwischen dem Indischen und dem Pazifischen Ozean vor - von den Andamanen im Westen quer durch die südost- und australasiatische, politisch zu Thailand, Malaysia, Indonesien, den Philippinen und Papua-Neuguinea gehörende Inselwelt, ostwärts bis zu den melanesischen Inselgruppen der Salomonen sowie Vanuatu und Neukaledonien und südwärts bis zum nördlichen und östlichen Australien. Innerhalb dieses mehrheitlich tropischen Areals bewohnt er Sandstrandküsten aller Art, seien es kleinflächige, von Riffabschnitten unterteilte auf Atollen, kilometerlange mit starker Brandung an Festlandküsten oder sumpfig-sandige im Bereich grossflächiger, von Mangroven gesäumter Flussmündungen.

Zwar kann der Rifftriel öfter als seine Vettern auch am Tag beobachtet werden. Wie alle Triele ist er aber hauptsächlich dämmerungs- und nachtaktiv. Den Tag verbringt er gewöhnlich ruhend im Schatten von Felsen, Bäumen oder Büschen. Bei der Nahrungssuche schreitet er ruhig am Strand umher und hält vor allem im Gezeitenbereich in der Umgebung von Felsen Ausschau nach wirbellosen Kleintieren aller Art. Im Wasser watet er dabei selten. Auch fliegt er kaum je auf. Selbst bei Feindgefahr läuft er im Allgemeinen bloss weg. Erhebt er sich ausnahmsweise doch in die Luft, so fliegt er mit schnellen, flachen Flügelschlägen ähnlich wie ein Brachvogel (Numenius sp.) und mit weit nach hinten gestreckten Beinen dicht über dem Boden dahin. Seine langen, breiten Flügel sind für den schnellen, direkten Flug gut, für das Manövrieren in der Luft jedoch schlecht geeignet.

Hinsichtlich seiner Beutetiere zeigt der Rifftriel eine deutliche Vorliebe für Krabben. Wo diese in ausreichender Zahl vorhanden sind, ernährt er sich fast ausschliesslich von ihnen. Anderenfalls nimmt er ein breites Spektrum weiterer wirbelloser Küstentiere zu sich. Meistens erbeutet er ein beim Umherschreiten und -spähen entdecktes Beutetier in der Art eines Reihers: Er verharrt zunächst bewegungslos und fasst das Tier ins Auge. Dann pirscht er es mit gleitenden Bewegungen im Zeitlupentempo an und stösst schliesslich blitzschnell zu. Manchmal dreht er mit seinem kräftigen Schnabel auch Steine um oder stochert im Sand. Kleine Beutetiere verschluckt er im Ganzen; grössere Krabben und andere wirbellose Tiere mit Panzern oder Schalen zertrümmert er vor dem Verschlucken, indem er sie mehrfach kräftig auf den Boden schlägt.


1-Ei-Gelege

Die Tatsache, dass individuell bekannte Rifftrielpaare jahrelang denselben Küstenabschnitt bewohnen, lässt darauf schliessen, dass sie als erwachsene Vögel ein erstens sesshaftes und zweitens monogames Leben führen. Ganz im Süden des Verbreitungsgebiets, im klimatisch gemässigten australischen Bundesstaat New South Wales, schreiten sie jeweils im Frühling, von September bis November, zur Brut. Weiter nördlich, in den subtropischen Bereichen des Verbreitungsgebiets, dauert die Brutsaison länger und beginnt oft schon im Juli. Und noch weiter nördlich, in den Tropen, können Bruten das ganze Jahr über stattfinden.

Die Rifftrielpaare brüten zwar oft im Bereich von Kolonien der Zwergseeschwalbe (Sterna albifrons), doch halten sie stets grossen Abstand zu ihren Artgenossen. Dies deutet darauf hin, dass sie territorial veranlagt sind, ihren Küstenabschnitt also zur alleinigen Nutzung als Jagd- und Brutrevier beanspruchen. Darauf deuten ferner ihre lauten, klagenden Rufserien hin, die sie jeweils in der Abenddämmerung vernehmen lassen und die wohl ebenso der territorialen Manifestation dienen wie die Gesänge unserer Amseln am frühen Morgen. Die Dichte der Rifftriel-Brutbestände ist jedenfalls überall erheblich geringer als die der meisten anderen, vielfach in Kolonien brütenden Küstenvögel.

Wie die allermeisten Wat- und Möwenvögel sind die Rifftriele Bodenbrüter. Ihr Nest besteht aus einer schlichten, mit der Brust im Sand ausgeformten Mulde. Eine Auskleidung mit Pflanzenteilen erfolgt keine. Es werden aber manchmal einzelne Blätter und kleine Zweige rund um die Mulde herum gelegt. Das Nest befindet sich oft auf einer schwer zugänglichen Sandbank, nicht selten aber auch im küstenfernen Bereich eines breiten, einsamen Strands. Sichtschutz bieten manchmal angeschwemmtes Treibholz, die Büschel von Strandgräsern oder die Wurzeln von Mangrovenbäumen.

Im Unterschied zu anderen Trielen, bei denen die Gelege aus zwei oder drei Eiern bestehen, umfasst das Gelege beim Rifftriel stets nur ein einzelnes, etwa 6,5 auf 4,5 Zentimeter grosses Ei, das auf hellem Grund hellgrau und dunkelbraun gesprenkelt ist. Es scheint, dass sich beide Altvögel in das rund 30 Tage dauernde Bebrüten des Eis teilen, doch wissen wir es nicht sicher. Der nicht brütende Altvogel verweilt gewöhnlich in der Nähe und hält ebenso wie der brütende nach etwaigen Nesträubern wie Greifvögeln, Waranen, Hunden oder Hausschweinen Ausschau.

Wird ein möglicher Feind rechtzeitig entdeckt, so versucht der brütende Altvogel meistens, das Nest möglichst unauffällig zu verlassen, wohl in der Hoffnung, dass das Ei dank seiner Tarnfärbung unentdeckt bleibt. Taucht ein Fressfeind jedoch überraschend auf oder kommt er dem Nest zu nahe, dann versuchen beide Altvögel, ihn vom Nest wegzulenken, indem sie ein Stück davon entfernt auffällig mit ausgebreiteten Flügeln und laut rufend umherlaufen. Im äussersten Notfall verüben sie Scheinangriffe auf den Störenfried und versuchen so, ihn zu verscheuchen.

Das Junge ist ein Nestflüchter. Es schlüpft in weit fortgeschrittenem Zustand aus dem Ei - mit kräftigen Beinen, einem dicken Daunenkleid und sogleich sich öffnenden Augen. Innerhalb von 24 Stunden verlässt es unter der Führung seiner Eltern das Nest. Beide Elternteile behüten es und versorgen es mit Futter, doch macht es bald und mit stetig wachsendem Erfolg auch selbstständig Jagd auf kleine Beutetiere.

Warnt einer der Altvögel mittels eines weichen Alarmrufs vor einer Gefahr, so lässt sich das Junge augenblicklich auf den Boden fallen und drückt sich mit weit nach vorn gestrecktem Hals flach auf den Boden. In dieser Stellung ist es als Vogel kaum mehr wahrnehmbar. Das erste Federkleid beginnt im Alter von fünf Wochen zu wachsen, und im Alter von sieben Wochen sieht das Junge seinen Eltern bereits sehr ähnlich, wobei allerdings Reste des ursprünglichen Daunenkleids noch etwa fünf Wochen lang erkennbar bleiben.

Im Alter von 3 Monaten kann der Jungvogel bereits gut fliegen. Er löst sich aber erst im Alter von 7 bis 12 Monaten von seinen Eltern und macht sich auf die Suche nach einem eigenen Küstenabschnitt und einem Partner fürs Leben. Die jungen Rifftriele erweisen sich in dieser Phase als sehr mobil und können manchmal weit ausserhalb des üblichen Vorkommensgebiets verzeichnet werden. Wann sie das erste Mal selbst zur Fortpflanzung schreiten, wissen wird nicht. Bei anderen Trielarten tun sie es im Alter von zwei oder drei Jahren.


Strandurlauber stören

Der Rifftriel hat zwar ein überaus weites Verbreitungsgebiet, weist aber nirgendwo dichte Bestände auf und ist insgesamt kein häufiger Vogel. Nach Einschätzung von Fachleuten dürfte die Populationsgrösse bei 6000 bis 7000 Individuen liegen. Das Hauptvorkommen der Art befindet sich entlang der nördlichen und östlichen Küsten Australiens. Der dortige Bestand wird auf 1000 bis 2000 Brutpaare bzw. rund 5000 Individuen geschätzt. In den östlichen Bereichen des Verbreitungsgebiets - auf den Salomonen, Vanuatu und Neukaledonien - scheint der Rifftriel sehr selten zu sein. Es gibt dort allerdings ausgedehnte Gebiete mit geeignetem Lebensraum, welche schwer zugänglich sind und kaum je von Ornithologen besucht werden. Es ist darum denkbar, dass die örtlichen Bestände umfangreicher sind, als im Allgemeinen angenommen wird.

Die Hauptgefahr für den Fortbestand des Rifftriels scheint von den menschlichen Strandtouristen auszugehen. Auf Störungen durch Menschen in Nestnähe reagiert der Vogel nämlich sehr empfindlich und lässt schnell seine Brut im Stich. In weiten Bereichen des Artverbreitungsgebiets sind in den letzten Jahrzehnten jedoch gerade «seine» Sandstrandküsten für den Tourismus erschlossen worden. Dies dürfte zweifellos zum Rückgang oder gebietsweise sogar zum Verschwinden des Vogels geführt haben. Erfreulicherweise existieren aber weiterhin - insbesondere im nordwestlichen Australien - zahlreiche Strände, welche unberührt geblieben sind und vorerst auch bleiben, so dass der Fortbestand dieses «modernen Dinosauriers» derzeit nicht als gefährdet eingestuft werden muss.




Legenden

Der Rifftriel (Esacus giganteus) ist das grösste Mitglied der 9 Arten umfassenden Familie der Triele (Burhinidae), welche zur Ordnung der Wat- und Möwenvögel (Charadriiformes) gehört. Erwachsene Individuen weisen eine Länge um 55 Zentimeter auf und können über 1 Kilogramm wiegen.

Wie sein Name andeutet, ist der Rifftriel ein Küstenvogel und kaum je im Binnenland anzutreffen. Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich im Grenzbereich des Indischen und des Pazifischen Ozeans von den Andamanen im Westen bis nach Vanuatu im Osten und Australien im Süden. Seine Nahrung besteht hauptsächlich aus Krabben, umfasst aber auch andere wirbellose Küstenkleintiere.

Wie die allermeisten Küstenvögel ist der Rifftriel ein Bodenbrüter. Sein Nest besteht aus einer schlichten, mit der Brust im Sand ausgeformten Mulde. Das Gelege umfasst stets nur ein einzelnes Ei, das während rund 30 Tagen bebrütet wird. Es scheint, dass sich die beiden Altvögel beim Brutgeschäft abwechseln, doch wissen wir es nicht sicher.

Der junge Rifftriel ist ein typischer Nestflüchter, der in weit fortgeschrittenem Zustand aus dem Ei schlüpft und innerhalb von 24 Stunden unter der Führung seiner Eltern das Nest verlässt (kleines Bild oben). Schon im Alter von 3 Monaten kann der Jungvogel gut fliegen und sieht seinen Eltern zum Verwechseln ähnlich, doch löst er sich erst im Alter von 7 bis 12 Monaten von ihnen, um nach einem eigenen Küstenabschnitt und einem Partner zu suchen.

Der Rifftriel hat zwar ein überaus weites Verbreitungsgebiet, doch weist er nirgendwo dichte Bestände auf und ist insgesamt kein häufiger Vogel. Nach Einschätzung der Experten dürfte die Populationsgrösse bei lediglich 6000 bis 7000 Individuen liegen, von denen rund 5000 entlang der nördlichen und östlichen Küsten Australiens leben.




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