Saphirlori

Vini peruviana


© 2003 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)




Artwork © Owen Bell

Für den Nichtzoologen ist es oft schwer, einen Vogel auf Anhieb einer bestimmten Vogelfamilie zuzuordnen. Bei den rund 330 Mitgliedern der Papageienfamilie (Psittacidae) besteht diese Schwierigkeit in der Regel nicht. Deren Hauptkennzeichen, der «Krummschnabel», die «Kletterfüsse» und das bunte Gefieder, lassen kaum Zweifel über ihre Familienzugehörigkeit aufkommen. Dies gilt auch für den kornblumen- oder saphirfarbenen Saphirlori (Vini peruviana), der aufgrund des Orts, wo er 1776 für die Wissenschaft entdeckt wurde, auch Tahiti-Blaulori genannt wird.

 

Papageien des Südpazifiks

Innerhalb der Familie der Papageien gehört der Saphirlori zur Unterfamilie der Loris (Loriinae, ehemals Trichoglossinae), welche über weite Bereiche Australiens, Neuguineas und des Südpazifiks verbreitet ist und sich aus rund fünfzig kleinwüchsigen Arten zusammensetzt. Es scheint, dass sich die Sippe einst auf Neuguinea herausgebildet hatte, denn im Bereich dieser mächtigen Insel befindet sich noch heute der Schwerpunkt ihrer Formenvielfalt. Von Neuguinea aus haben sich die Loris dann offensichtlich im Laufe langer Zeiträume westwärts bis Bali und Sulawesi, südwärts über Australien bis Tasmanien und ostwärts über die ganze Inselwelt des Südpazifiks ausgebreitet.

Im Zuge dieser «Expansion» ist die aus fünf Arten bestehende Gattung der Maidloris (Vini), zu welcher der Saphirlori gehört, am weitesten nach Osten vorgedrungen. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich heute über weite Teile der polynesischen Inselwelt - von den Fidschi-Inseln, wo der Blaukappenlori (Vini australis) zu Hause ist, ostwärts bis zu den Pitcairn-Inseln, wo der Hendersonlori (Vini stepheni) heimisch ist.

Die Heimat des Saphirloris ist zur Hauptsache Französisch-Polynesien, das sich aus fünf Archipelen mit insgesamt mehr als 120 Inseln zusammensetzt: den Gesellschaftsinseln, den Tuamotu-Inseln, den Marquesas-Inseln, den Tubuai-Inseln und den Gambier-Inseln. Noch in historischer Zeit kam der Saphirlori auf allen 14 Gesellschaftsinseln vor, das heisst sowohl auf den neun schroff aus dem Meer aufragenden Vulkaninseln (darunter Tahiti und Moorea) als auch auf den fünf flachen Atollen (darunter Bora-Bora). Ferner war er auf 8 Atollen im Nordwesten der Tuamotu-Inseln heimisch (darunter Rangiroa). Leider ist er inzwischen auf mehreren dieser Inseln ausgestorben.

Weshalb der Saphirlori zusätzlich noch auf dem rund 600 Kilometer weiter westlich gelegenen, zu den Cook-Inseln gehörenden Aitutaki, also klar ausserhalb seiner eigentlichen Heimat, vorkommt, ist von alters her ein Rätsel. Eine Theorie besagt, dass er die Insel - möglicherweise während eines heftigen Wirbelsturms - durch eigene Kraft erreicht hat. Dann müsste er aber eigentlich im Laufe der Zeit auch die benachbarten, teils nur wenige Dutzend Kilometer entfernten Cook-Inseln zu besiedeln vermocht haben. Denn schliesslich war ihm das «Inselhüpfen» auch im Bereich Französisch-Polynesiens bestens gelungen.

Eine andere Theorie lautet, dass der Mensch die Hand im Spiel hatte. Gemeint sind für einmal nicht die Europäer, denn als diese 1789 Aitutaki entdeckten und alsbald besiedelten, war der Saphirlori bereits anwesend. Transporthelfer wären also eher die Polynesier gewesen, welche sich um 300 n.Chr. auf Französisch-Polynesien und um 500 n.Chr. - von Osten her kommend - auf Aitutaki und den übrigen Cook-Inseln niedergelassen hatten. Tatsächlich wird der Saphirlori von den Polynesiern von alters her gern als Ziervogel gehalten, und es ist gut denkbar, dass sie ihn seinerzeit auch auf ihren erstaunlichen Fernfahrten über den Pazifik mit sich führten. Aber auch hier lässt sich einwenden, dass sie ihn dann eigentlich auch auf die restlichen Cook-Inseln hätten bringen müssen.

Wie auch immer der Saphirlori nach Aitutaki gekommen sein mag: Tatsache ist, dass er auf dieser «Aussenstation» seit langem heimisch ist, ja dass sich heute sogar sein grösster Brutbestand an diesem entlegenen Ort findet.

 

Sie pinseln Nektar

Saphirloris sind überaus lebhafte Vögel. Sie scheinen ständig unterwegs zu sein, weshalb sie - im Gegensatz zu vielen anderen Landvogelarten der Pazifikinseln und trotz ihrer geringen Körpergrösse - recht augen- und ohrenfällig in Erscheinung treten: Immer wieder sieht man kleine Trupps von zwei bis sechs Saphirloris pfeilschnell vorüber fliegen, wobei das Schwirren ihrer kleinen Flügel und vor allem ihre schrillen Kontaktrufe deutlich zu vernehmen sind. Ihr «unstetes» Wesen hat, wie wir gleich sehen werden, mit ihrer speziellen Ernährung zu tun.

Wie die meisten Loris ernähren sich die Saphirloris zur Hauptsache von Nektar und Pollen diverser Bäume und Sträucher. Und wie alle Loris verfügen sie über eine für Papageien untypische pinselförmige Zunge, die ihnen bei der Aufnahme dieser Spezialkost sehr hilfreich ist. Gewissermassen als «Beikost» verzehren sie gerne auch Spinnen und Schmetterlingsraupen, denen sie bei der Futtersuche begegnen. Und mitunter naschen sie auch vom Fruchtfleisch weicher, süsser Früchte.

Aus einer Feldstudie über das Verhalten der in Australien heimischen Allfarbloris (Trichoglossus haematodus) wissen wir, dass diese Tag für Tag rund 5000 Blütenbesuche tätigen müssen, um ihren Nährstoff- und Energiebedarf ausreichend zu decken - und es ist anzunehmen, dass die Situation bei den Saphirloris ähnlich ist. Dieselbe Studie hat ferner ergeben, dass die zierlichen Papageien im Schnitt rund 30 Blüten je Minute zu «bepinseln» vermögen und also knappe drei Stunden je Tag für die Nahrungsaufnahme benötigen. Wer hieraus schliesst, dass die Loris offensichtlich über viel Freizeit verfügen, hat fälschlicherweise «Nahrungsaufnahme» mit «Nahrungserwerb» gleichgesetzt. In jedem von den Loris besuchten Baum oder Busch findet sich nämlich bloss eine beschränkte Anzahl nutzbarer Blüten, und ausserdem stehen die Blüten tragenden Bäume und Büsche in den Tropen gewöhnlich weit verstreut. Dies hat zur Folge, dass die Vögel zu ständigen Ortswechseln gezwungen sind, um auf ihre 5000 Blütenbesuche je Tag zu kommen - und solche kosten viel Zeit.

Tatsächlich scheinen die Saphirloris - wie erwähnt - ständig unterwegs zu sein, ja sie wirken fast ein wenig nervös, wenn sie von Baum zu Baum und von Blüte zu Blüte hasten. Ihr Leben scheint ein dauernder Wettkampf gegen die verfügbare Zeit zu sein. Entsprechend schwierig ist es, die Saphirloris auf ihren Heimatinseln beobachten zu wollen, denn ihr Erscheinen an einem bestimmten Ort ist kaum vorhersehbar. Sie tauchen jeweils unvermittelt auf und bewegen sich kurz in einem blühenden Baum oder Strauch umher - nur um ebenso plötzlich wieder «abzuschwirren» und dann für Tage nicht mehr an derselben Stelle aufzutauchen.

Dass das tagtägliche Auffinden und Auswerten von 5000 Blüten an der oberen Grenze des Machbaren für die Saphirloris liegt, zeigt sich übrigens nicht allein anhand ihrer «Hyperaktivität», sondern auch daran, dass sie hinsichtlich ihrer Futterpflanzen wenig wählerisch sind oder vielmehr sein dürfen. Sie besuchen natürliche Vegetationsformen wie Waldungen und Strauchdickichte ebenso wie vom Menschen angelegte Pflanzungen und Gärten. In der Tat spielen heute vom Menschen eingebürgerte Fruchtbäume und Ziergehölze für die Ernährung der Saphirloris eine bedeutende Rolle.

 

Baumhöhlenbrüter

Die Grundeinheit der Saphirlori-Gesellschaft ist das Paar. Bei den häufig zu beobachtenden engen Flugformationen von bis zu sechs Individuen dürfte es sich um Paare mit ihren Jungen aus den letzten ein oder zwei Bruten handeln, während grössere Ansammlungen, wie sie gelegentlich in Nahrungsbäumen zu beobachten sind, wahrscheinlich aus zufällig zusammentreffenden Paaren bzw. Kleinfamilien bestehen.

Über die Brutgewohnheiten der Saphirloris in der freien Wildbahn ist bislang bloss bekannt, dass das Weibchen seine Eier gewöhnlich in vorgefundene, mindestens zehn Meter über dem Boden liegende Baum- oder Asthöhlen legt, seltener auch in hohle, verrottende Kokosnüsse, welche an Palmen hängen geblieben sind.

Mehr Einzelheiten wissen wir aus der Zucht von Saphirloris in Menschenobhut: Das Gelege besteht in der Regel aus zwei Eiern, welche im Abstand von zwei Tagen gelegt werden. Die Eier sind weiss, fast kugelrund und mit ungefähr 1,9 auf 1,7 Zentimeter ziemlich klein. Männchen und Weibchen wechseln sich beim Bebrüten des Geleges ab, was für Papageien eher untypisch ist. Die Jungen schlüpfen nach einer Bebrütungszeit von etwa 25 Tagen aus den Eiern. Sie sind typische Nesthocker, also anfänglich nackt und blind. Erst nach etwa zehn Tagen ist ihnen eine dichte, fast pelzartige Daunenschicht gewachsen. In dieser Phase öffnen sich die Augen der Nestlinge. Die ersten Federspitzen erscheinen im Alter von etwa drei Wochen, und nach etwa sieben Wochen ist ihr Jugendgefieder komplett, so dass sie im Alter von rund zwei Monaten flugfähig die Nisthöhle verlassen können. Im Alter von ungefähr einem halben Jahr mausern die Jungvögel ihr Jugendkleid zum Erwachsenengefieder um.

 

Sind Hausratten die Übeltäter?

Wie weit verbreitet der Saphirlori vor der Ankunft zunächst der polynesischen und später der europäischen Menschen war, wissen wir nicht genau. Klar ist hingegen, dass sein Verbreitungsgebiet - und damit seine Bestandsgrösse - in historischer Zeit erheblich geschrumpft ist. Hier die Fakten:

1. Gesellschaftsinseln. Gemäss frühen Berichten kam der Saphirlori auf Tahiti wie auch auf Moorea als Brutvogel vor. Schon 1904 äusserte der amerikanische Ornithologe S.B. Wilson jedoch Zweifel daran, dass die Art auf Tahiti noch brüte, und tatsächlich scheint der Saphirlori ungefähr zu jener Zeit sowohl auf Tahiti als auch auf Moorea ausgestorben zu sein. Auf Bora-Bora wurde der Saphirlori noch in den 1920er Jahren als Brutvogel verzeichnet. In den 1970er Jahren war er dort ebenfalls ausgestorben. In den 1970er Jahren fanden sich grössere Brutpopulationen des Saphirloris nur noch auf Motu Iti («Motu One») und auf Manuae. Die Bestände wurden damals auf 250 Paare bzw. 350 bis 400 Paare geschätzt. Auf Maupihaa galt der Saphirlori seit längerer Zeit als ausgestorben. 1999 konnte er dort erfreulicherweise wieder beobachtet werden. Angaben zur Bestandsgrösse liegen aber keine vor.

2. Tuamotu-Archipel. Im Tuamotu-Archipel konnte der Saphirlori in jüngerer Zeit noch auf Tikehau, Rangiroa, Arutua und Tiamanu Motu (im Apataki-Atoll) beobachtet werden. Auf Tiamanu Motu wurde der Bestand 1989 auf mindestens 300 Individuen geschätzt.

3. Aitutaki. Hier bewohnt der Saphirlori sowohl die etwa 18 Quadratkilometer grosse und bis 124 Meter hohe vulkanische Hauptinsel, die sich in der nördlichen Hälfte der Lagune befindet, als auch die ungefähr 15 unbewohnten korallinen Riffinselchen («Motus»), die sich mehrheitlich auf der Ostseite der Lagune gebildet haben. Die Brutpopulation wird auf 1000 bis 2400 Individuen geschätzt und ist somit heute die grösste der Art.

Weshalb der Saphirlori auf einigen Inseln in der jüngeren Vergangenheit ausstarb, auf anderen hingegen gut gedeiht, ist nicht genau geklärt. Die meisten Experten sind jedoch der Meinung, dass die Hausratte (Rattus rattus), eine gewiefte und kletterfreudige Nestplünderin, welche als blinder Passagier auf europäischen Schiffen zahlreiche Südseeinseln erreicht hat, hierbei die Hauptrolle spielt. Anlass zu dieser Einschätzung geben Untersuchungen neueren Datums, welche belegen, dass die Hausratte auf Aitutaki nicht vorkommt, jedoch auf jenen Inseln weit verbreitet ist, wo der Saphirlori im Verlauf des 20. Jahrhunderts ausstarb.

 

Status: «verletzlich»

Im Bereich Französisch-Polynesiens schaut die Zukunft des Saphirloris derzeit eher düster aus. Damit sich die Situation des hübschen Kleinpapageis nicht weiter verschlimmert, sollte unbedingt dafür gesorgt werden, dass die Hausratten keine Chance erhalten, die wenigen Inseln, auf denen er noch in gesunden Beständen vorkommt, zu erreichen. Am sichersten wäre es, sie zu Schutzgebieten zu erklären, die für den normalen Südseetouristen nicht zugänglich sind.

Auf Aitutaki schaut die Zukunft des Saphirloris hingegen recht erfreulich aus. Dies hat nicht zuletzt damit zu tun, dass der kleine Papagei bei der einheimischen, vorwiegend polynesischen Bevölkerung gut bekannt und sehr beliebt ist. Dennoch muss der lokale Bestand des Saphirloris aufgrund seiner geringen Grösse und der beschränkten Lebensraumfläche als latent gefährdet betrachtet werden. Ein besonders schwerer Wirbelsturm könnte beispielsweise innerhalb kürzester Zeit nicht nur die allermeisten Saphirloris aufs offene Meer hinaus fegen, sondern gleichzeitig auch die Nahrungsgrundlage und die Nistmöglichkeiten für die überlebenden Individuen grösstenteils vernichten. In der Tat scheint ein solcher Sturm die Hauptursache für das Aussterben der Art auf Makatea im Tuamotu-Archipel gewesen zu sein.

Aitutaki ist im Übrigen zu einem überaus beliebten Touristenziel geworden. Der in diesem Zusammenhang massiv angewachsene Flugzeug- und Schiffsverkehr birgt die ständige Gefahr, dass Hausratten nach Aitutaki gelangen - was wohl das Ende für den Saphirlori als auch für zahlreiche andere heimische Tierarten auf dieser Südseeinsel bedeuten würde.

 

 

Legenden

Der Saphirlori oder Tahiti-Blaulori (Vini peruviana) ist mit einer Länge von ungefähr 18 Zentimetern und einem Gewicht von 30 bis 35 Gramm ein recht zierliches Mitglied der Papageienfamilie (Psittacidae). Männchen und Weibchen unterscheiden sich äusserlich nicht.

Zur Hauptsache ist der Saphirlori auf den Gesellschaftsinseln und den Tuamotu-Inseln beheimatet, zwei Archipelen im Südpazifik, welche zu Französisch-Polynesien gehören. Ausserdem kommt er auf Aitutaki vor, einem Atoll im Bereich der benachbarten, mit Neuseeland assoziierten Cook-Inseln. Der kleine Papagei ist keineswegs menschenscheu und bewohnt natürliche Vegetationsformen wie Waldungen und Strauchdickichte ebenso wie vom Menschen angelegte Pflanzungen und Gärten (Bild).

Nektar und Pollen diverser Bäume und Sträucher bilden die Hauptspeise des Saphirloris. Neben einheimischen Gewächsen besucht der Südseepapagei auch gern vom Menschen eingebürgerte Fruchtbäume und Ziergehölze. Hier tut er sich an der Blüte einer Bananenstaude gütlich.

Das obere Bild auf dieser Seite zeigt zwei etwa sechs Wochen alte, noch nicht flugfähige Nestlinge. Ihr Jugendgefieder ist demnächst komplett, so dass sie ihre Nisthöhle verlassen können. Anhand ihres schwarzen Schnabels und des fehlenden weissen «Brustlatzes» sind sie gut von den Erwachsenen unterscheidbar. Das untere Bild zeigt zwei etwa fünf Monate alte Jungvögel. Noch haben sie die Mauser vom Jugendkleid zum Erwachsenengefieder nicht ganz abgeschlossen, und noch ist ihr Schnabel nicht ganz orange.

Der Saphirlori ist auf mehreren seiner ehemaligen Heimatinseln in historischer Zeit ausgestorben. Eingeschleppte Hausratten - ihres Zeichens gewiefte und kletterfreudige Nestplünderer - dürften hierbei die Hauptrolle gespielt haben. Die grösste Brutpopulation des Kleinpapageis - mit geschätzten 1000 bis 2400 Individuen - findet sich heute auf Aitutaki. Auf der Roten Liste steht die Art in der Kategorie «verletzlich».




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