Weissbauch-Schuppentier

Phataginus tricuspis


© 2011 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Schuppentiere - der Name sagt es - sind insofern sonderbare Säugetiere, als sie anstelle eines Fells einen Panzer aus harten, dachziegelartig angeordneten Hornschuppen tragen. Anhand dieser «Hautanhangsgebilde», welche hinsichtlich ihres Gewebefeinbaus mit unseren Fingernägeln vergleichbar sind, lassen sie sich zweifelsfrei von allen anderen Säugetieren unterscheiden. Ungewöhnliche Säugetiere sind die Schuppentiere aber auch hinsichtlich ihrer Ernährung: Erstens setzt sich ihre Kost fast ausschliesslich aus Ameisen und Termiten zusammen, und zweitens wird der Chitinpanzer dieser Insekten nicht im Mund von Zähnen zerbissen, sondern im Magen durch Hornwände zerrieben.

Interessanterweise finden sich auf unserem Planeten noch zwei weitere Gruppen bizarrer Säugetiere, welche ebenfalls einen gepanzerten Leib aufweisen, sich ebenfalls von Ameisen und Termiten ernähren und ebenfalls zahnlos sind. Es handelt sich zum einen um die Schnabeligel aus Neuguinea und Australien, welche ein dichtes Stachelkleid tragen, und zum anderen um die Gürteltiere aus der Neuen Welt, welche über einen schildkrötenartigen Hautknochenpanzer verfügen.

Wir wissen seit langem, dass die Schnabeligel weder mit den Schuppentieren noch mit den Gürteltieren näher verwandt sind. Neuer ist hingegen die Erkenntnis, dass auch die Schuppentiere und die Gürteltiere keine nahen Verwandten sind. Während die Gürteltiere heute zur Ordnung der Nebengelenktiere (Xenarthra) gerechnet werden (zu denen ferner die ebenfalls neuweltlichen Ameisenbären und Faultiere gehören), stellt man die Schuppentiere jetzt in eine eigene Ordnung namens Pholidota, was auf deutsch «Schuppenträger» bedeutet. Die früher übliche Vereinigung der Schuppentiere und der Nebengelenktiere zur Ordnung der Zahnlosen (Edentata) hat sich als unrichtig erwiesen. Gemäss neueren molekulargenetischen Untersuchungen stehen die Schuppentiere innerhalb der Klasse der Säugetiere (Mammalia) den Raubtieren (Carnivora) am nächsten und den Nebengelenktieren ziemlich fern. Die Ähnlichkeiten zwischen den Schuppen- und den Gürteltieren beruhen also bloss auf Konvergenz - das heisst auf paralleler, gleichgerichteter stammesgeschichtlicher Entwicklung - und nicht auf Verwandtschaft.

Es gibt insgesamt acht Schuppentierarten, vier in Afrika südlich der Sahara und vier im südlichen und südöstlichen Asien. Sie sind alle dermassen eng miteinander verwandt, dass sie in einer einzigen Familie (Manidae) zusammengefasst werden. Lange Zeit wurden sie von den Fachleuten sogar in ein und dieselbe Gattung (Manis) gestellt. Aufgrund von modernen DNS-Analysen werden nun aber nur noch die vier asiatischen Arten in der Gattung Manis geführt: das Vorderindische Schuppentier (Manis crassicaudata), das Chinesische Schuppentier (Manis pentadactyla), das Malaiische Schuppentier (Manis javanica) und das erst seit kurzem von diesem abgetrennte und als eigene Art anerkannte Palawan-Schuppentier (Manis culionensis).

Die vier afrikanischen Schuppentiere werden hingegen in drei neue Gattungen gegliedert: Die beiden bodenlebenden Arten werden der Gattung Smutsia zugeordnet: das Riesenschuppentier (Smutsia gigantea) und das Steppenschuppentier (Smutsia temminckii). Von den beiden baumlebenden Arten wird das eine der Gattung Uromanis zugeteilt: das Langschwanz-Schuppentier (Uromanis tetradactyla). Das andere wird in die Gattung Phataginus gestellt: das Weissbauch-Schuppentier (Phataginus tricuspis). Von Letzterem soll auf diesen Seiten berichtet werden.


Schuppen mit drei Zacken

Das Weissbauch-Schuppentier gehört zu den kleineren Mitgliedern seiner Familie: Ausgewachsene Tiere weisen im Allgemeinen eine Kopfrumpflänge von 35 bis 45 Zentimetern, eine Schwanzlänge von 50 bis 60 Zentimetern und ein Gewicht zwischen 1,8 und 2,4 Kilogramm auf, wobei die Männchen ein bisschen grösser und schwerer sind als die Weibchen.

Die dachziegelartig übereinanderliegenden Hornschuppen des Weissbauch-Schuppentiers weisen nicht nur eine, sondern drei Spitzen auf, daher der wissenschaftliche Artname tricuspis. Die Spitzen sind allerdings bei älteren Individuen oft abgenutzt und nicht mehr deutlich erkennbar. Die Brust und der Bauch sowie die Innenseiten der Gliedmassen sind nicht beschuppt, sondern haben eine spärliche Behaarung. Haut und Haare  sind in diesen Bereichen nicht dunkel wie beim im gleichen Verbreitungsgebiet vorkommenden Langschwanz-Schuppentier, sondern grauweiss - daher der deutsche Artname.

Das Verbreitungsgebiet des Weissbauch-Schuppentiers erstreckt sich über die Regenwaldgebiete West- und Zentralafrikas - von Sierra Leone im Westen bis nach Westkenia im Osten und Nordsambia im Süden. Es ist damit fast deckungsgleich mit demjenigen des Langschwanz-Schuppentiers. Dass zwischen den beiden Nahrungsspezialisten kein Wettstreit besteht, ist darauf zurückzuführen, dass sie unterschiedliche Waldetagen nutzen: Während sich das Langschwanz-Schuppentier die meiste Zeit seines Lebens hoch oben im Kronendach des Regenwalds aufhält, bewegt sich das Weissbauch-Schuppentier fast ausschliesslich in den unteren Waldetagen oder sogar auf dem Boden umher.


Einzelgängerisch und nachtaktiv

Das Weissbauch-Schuppentier führt ein einzelgängerisches Leben. Den Tag verschläft es gewöhnlich in einer Baumhöhlung, in einem Lianenknäuel oder an einem anderen sicheren Ort. Manchmal gräbt es sich zum Schlafen auch eine Höhle in einem Termitenhügel. Bei Einbruch der Dunkelheit kriecht es jeweils hervor und streift in der Folge recht gemächlich in seinem Wohngebiet umher. Dabei durchquert es ohne zu zögern kleinere Fliessgewässer, denn es ist ein guter Schwimmer. Vor allem aber ist es ein tüchtiger Kletterer. Sein langer Schwanz ist dank seiner hohen Beweglichkeit und kräftigen Muskulatur ein greiffähiges, vielseitig einsetzbares Kletterorgan, welches beim Herumklettern im Geäst unschätzbare Dienste als «fünfte Gliedmasse» leistet.

Ungefähr 200 Gramm Ameisen und Termiten benötigt das Weissbauch-Schuppentier täglich als Nahrung, und hierzu reisst es mit seinen kräftigen Vorderkrallen die Boden- oder Baumnester von Ameisen- und Termitenvölkern auf, überfällt die Tierchen entlang ihrer «Aststrassen» oder streift die Rinde von toten Baumstämmen oder -ästen ab, um ihre darunter befindlichen Gänge freizulegen.

Um seine kleingewachsenen Beutetiere zu fangen und in den Mund zu befördern, verfügt das Weissbauch-Schuppentier über eine sehr ungewöhnliche, wurmförmige Zunge. Sie ist gegen 20 Zentimeter lang und wird in der Ruhelage in eine Scheide zurückgezogen, die bis in die Brusthöhle hinein reicht. Riesige Speicheldrüsen sind eine weitere Anpassung an die spezielle Ernährungsweise: Sie versorgen die Zunge mit reichlich klebrigem Speichel, an dem die Termiten und Ameisen haften bleiben. Bei der Nahrungsaufnahme schnellt die Zunge fortwährend vor und zurück, sticht gezielt in die Gänge und Kammern der Ameisen- und Termitennester und leckt die Insekten auf.

Wie bei seinen Vettern - und wie eingangs erwähnt - sind beim Weissbauch-Schuppentier die Kiefer zahnlos, und die Kiefermuskulatur ist stark rückgebildet. Tatsächlich zerkaut das Schuppentier seine Nahrung nicht im Mund, sondern zerkleinert sie in seinem mit verhornten Wänden ausgestatteten «Muskelmagen». Zwecks Steigerung von dessen Mahlwirkung verschluckt es immer wieder Sand und kleine Steinchen, welche dann gewissermassen die Funktion von Zähnen übernehmen.


Ein Gewohnheitstier

Das Weissbauch-Schuppentier ist ein sesshaftes Gewohnheitstier, das sich möglichst sein ganzes Erwachsenenleben lang in einem klar begrenzten Wohngebiet aufhält, in welchem es sich gut auskennt und regelmässig dieselben Wechsel benützt. Die weiblichen Weissbauch-Schuppentiere haben recht kleine Wohngebiete mit einer Ausdehnung von etwa 3 bis 4 Hektaren, während die Streifgebiete der Männchen im Allgemeinen 15 bis 30 Hektaren gross sind und mit den Wohngebieten mehrere Weibchen überlappen. Die Weibchen legen in einer Nacht etwa 400 bis 600 Meter zurück, die Männchen gewöhnlich um 700 Meter. In gewissen Nächten können die Männchen aber auch die zwei- bis dreifache Strecke zurücklegen - dann nämlich, wenn sie einem paarungsbereiten Weibchen nachlaufen.

Auf ihren Streifzügen kennzeichnen die Weissbauch-Schuppentiere ihre Wechsel immer wieder mit Harn und mit Analdrüsensekret. Sie verleihen dadurch ihrem Wohngebiet eine «persönliche Duftnote». Dies vermittelt den mit einem ausgezeichneten Geruchssinn ausgestatteten Tieren zum einen ein Gefühl der Geborgenheit und informiert zum anderen alle Artgenossen darüber, dass das betreffende Waldstück besetzt ist. So vermögen sie «unliebsame» Begegnungen untereinander auf einfache Weise zu vermeiden. Benachbarte Weissbauch-Schuppentiere können einander zweifellos anhand dieser Geruchsspuren individuell erkennen, und die Männchen können auf diese Weise auch festzustellen, wann die ortsansässigen Weibchen paarungsbereit sind.

Die Fortpflanzungszeit ist in den meisten Regionen des Artverbreitungsgebiets nicht an eine bestimmte Saison gebunden. Geburten können darum zu allen Jahreszeiten erfolgen. Das weibliche Weissbauch-Schuppentier zieht sich nach einer Tragzeit von ungefähr fünf Monaten für die Geburt in eine Baumhöhle zurück und bringt dort jeweils ein einzelnes Junges zur Welt. Dieses wiegt bei der Geburt 100 bis 150 Gramm, hat eine Gesamtlänge von 30 bis 35 Zentimetern und trägt bereits ein weiches Schuppenkleid. Während der ersten Lebenswoche bleibt es ständig in seinem sicheren Versteck, auch wenn die Mutter auf Nahrungssuche geht. Danach klammert es sich auf dem Schwanz der Mutter fest und begleitet sie so auf ihren Streifzügen durch das Wohngebiet.

Schon im Alter von einem Monat nimmt das Junge selbst Ameisen und Termiten zu sich. Die Entwöhnung von der Muttermilch findet aber erst im Alter von etwa drei Monaten statt. Ungefähr einen Monat später löst sich das Junge von der Mutter und streift eigenständig in deren Wohngebiet umher, bis es im Alter von sieben bis acht Monaten von ihr nicht mehr geduldet wird und sich auf die Suche nach einem eigenen Wohngebiet machen muss. In dieser Lebensphase scheinen die jugendlichen Weissbauch-Schuppentiere besonders anfällig auf Feinde zu sein, da sie sich in unbekannte Regionen vorwagen und auch häufig ohne den Schutz einer Baumhöhle auskommen müssen.


Speise, Medizin und Zaubermittel

Das Weissbauch-Schuppentier leidet zwar zweifellos unter der Rodung der äquatorialafrikanischen Regenwälder und damit der Verminderung seines Lebensraums. Weit mehr zu schaffen macht ihm aber die direkte Verfolgung durch den Menschen. Die Weltnaturschutzunion (IUCN) stuft die Art als «Potenziell Gefährdet» ein, weil man davon ausgeht, dass die Bestände allein im Verlauf der vergangenen zwei Jahrzehnte um etwa einen Viertel zurückgegangen sind.

Nachgestellt wird dem Weissbauch-Schuppentier zum einen wegen seines wohlschmeckenden Fleischs. Zum anderen werden ihm vielerorts magische Kräfte zugeschrieben, weshalb die meisten seiner Körperteile als Medizin, Talisman und Zaubermittel sehr begehrt sind. Beispielsweise werden jugendliche Schuppentiere, welche nie dem Sonnenlicht ausgesetzt waren, für Mittel benötigt, welche Unsichtbarkeit verleihen. Die Behandlung von Unfruchtbarkeit bei Frauen erfordert trächtige weibliche Schuppentiere. Schuppentieraugen können Kleptomanie heilen, Schuppentierköpfe wenden Pech ab, Schuppentierfüsse gewährleisten bei Kindern einen normalen Wuchs, und Schuppentierschuppen helfen beispielsweise bei Hautleiden, Geschlechtskrankheiten und Magenbeschwerden.

Zwar ist es sehr schwer, die Bestandssituation des Weissbauch-Schuppentiers realistisch einzuschätzen, da es als einzelgängerischer, nachtaktiver Regenwaldbewohner in der freien Wildbahn kaum je zu sehen ist. Es gibt immerhin Hinweise darauf, dass es deutlich häufiger ist als das Langschwanz-Schuppentier, denn es scheint im Unterschied zu jenem nicht auf unberührten, hochwüchsigen Primärwald mit geschlossenem Kronendach als Lebensraum angewiesen zu sein, sondern auch in gestörtem Regenwald, ja sogar in Sekundärwald und in Plantagen ein Auskommen zu finden - sofern man es in Ruhe leben lässt.

Genau dies ist aber kaum irgendwo der Fall. Tatsächlich zeichnen die Zahlen, welche bei Studien zum Thema Buschfleisch bekannt geworden sind, ein erschreckendes Bild. Beispielsweise ergab eine Untersuchung der Buschfleischmärkte in einem lediglich 35 000 Quadratkilometer grossen Gebiet in Nigeria und Kamerun (Deutschland: 357 112 km2), dass innerhalb eines einzigen Jahres hochgerechnet 44 000 Weissbauch-Schuppentiere gehandelt worden waren. Man mag sich die Anzahl der auf sämtlichen Märkten innerhalb des Artverbreitungsgebiets gehandelten Individuen gar nicht vorstellen.

Wie lange die Weissbauch-Schuppentierbestände diesem immensen Jagddruck standzuhalten vermögen, bevor sie zusammenbrechen, ist schwer zu sagen. Ewig wird es aber gewiss nicht sein. Gelingt es uns nicht bald, die masslose und oft illegale Bejagung der äquatorialafrikanischen Wildtiere auf ein verträgliches Mass zu reduzieren, dann sieht die Zukunft des Weissbauch-Schuppentiers und seiner zahlreichen Leidensgenossen düster aus.




Legenden

Das Weissbauch-Schuppentier (Phataginus tricuspis) gehört zu den kleineren Mitgliedern der Schuppentierfamilie (Manidae): Ausgewachsene Tiere weisen im Allgemeinen eine Kopfrumpflänge von 35 bis 45 Zentimetern, eine Schwanzlänge von 50 bis 60 Zentimetern und ein Gewicht zwischen 1,8 und 2,4 Kilogramm auf (links). Bei Gefahr rollt sich das Weissbauch-Schuppentier kugelförmig zusammen, so dass rundherum nur die gezackten, scharfkantigen Schuppen zu sehen sind. Die meisten Raubtiere wissen mit einer solchen «Schuppenkugel» nichts anzufangen (unten).

Das Verbreitungsgebiet des Weissbauch-Schuppentiers erstreckt sich über die äquatorialen Regenwaldgebiete West- und Zentralafrikas - von Sierra Leone im Westen bis nach Westkenia im Osten und Nordsambia im Süden. Die meiste Zeit bewegt es sich in den unteren Waldetagen umher und erweist sich dort als ein sehr wendiger, wenn auch nicht sonderlich schneller Kletterer. Sein langer Schwanz ist dank seiner hohen Beweglichkeit und kräftigen Muskulatur ein greiffähiges, vielseitig einsetzbares Kletterorgan, welches bei der Fortbewegung im Geäst unschätzbare Dienste als «fünfte Gliedmasse» leistet.

Das Weissbauch-Schuppentier ernährt sich fast ausschliesslich von erwachsenen Ameisen und Termiten. Auf dem Bild links überfällt es gerade ein Ameisenvolk in dessen Baumnest. Auf dem Bild rechts ist seine lange, mit klebrigem Speichel benetzte Zunge zu sehen, an welcher die kleinen Insekten wie an einer Leimrute haften bleiben und in den Mund befördert werden können. Ungefähr 200 Gramm Ameisen und Termiten benötigt das Weissbauch-Schuppentier täglich als Nahrung.

Das junge Weissbauch-Schuppentier kommt nach einer Tragzeit von ungefähr fünf Monaten als Einzelkind zur Welt. Bei der Geburt wiegt es 100 bis 150 Gramm, hat eine Gesamtlänge von 30 bis 35 Zentimetern und trägt bereits ein weiches Schuppenkleid (oben). Während der ersten Lebenswoche bleibt es ständig in seiner sicheren Geburtshöhle, auch wenn die Mutter auf Nahrungssuche geht. Danach klammert es sich auf dem Schwanz der Mutter fest und begleitet sie so auf ihren Streifzügen durch das Wohngebiet (links).

Die Bestände des Weissbauch-Schuppentiers sind im ganzen Verbreitungsgebiet rückläufig, weil ihm der Mensch eifrig nachstellt. Zum einen hat er es auf sein wohlschmeckendes Fleisch abgesehen, zum anderen werden seinen Schuppen und weiteren Körperteilen magische Kräfte zugeschrieben, weshalb sie als Talisman und Zaubermittel sehr begehrt sind.




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