Schwarzspecht

Dryocopus martius


© 2008 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Familie der Spechte (Picidae) gehört innerhalb der Klasse der Vögel (Aves) zur Ordnung der Spechtvögel (Piciformes), welche ausserdem die Familien der Glanzvögel (Galbulidae), der Faulvögel (Bucconidae), der Bartvögel (Capitonidae), der Tukane (Ramphastidae) und der Honiganzeiger (Indicatoridae) umfasst. Insgesamt gibt es rund 400 Spechtvogelarten. Zwar sind sie bezüglich ihrer äusseren Erscheinung wie auch ihrer Lebensweise recht uneinheitlich, doch haben sie hinsichtlich ihres Skeletts und ihres Federkleids viele versteckte körperbauliche Gemeinsamkeiten, weshalb sie von den Ornithologen zu einer Ordnung zusammengefasst werden. Ein augenfälliges gemeinsames Merkmal bilden immerhin ihre «Kletterfüsse», bei welchen - wie bei den Papageien (Psittacidae) - zwei Zehen (Nummer zwei und drei) nach vorn und zwei (Nummer eins und vier) nach hinten gerichtet sind.

Die Familie der Spechte ist die artenreichste innerhalb der Ordnung der Spechtvögel. Sie umfasst rund 185 Arten von Echten Spechten (Unterfamilie Picinae), 30 Arten von Zwergspechten (Unterfamilie Picumninae) und 2 Arten von Wendehälsen (Unterfamilie Jynginae). Mitgliedern der Spechtfamilie kann man in praktisch allen Regionen der Erde begegnen, wobei die Artenvielfalt in den tropischen Bereichen Mittel- und Südamerikas einerseits und Südostasiens andererseits am grössten ist. Spechte fehlen nur in Australien, auf Neuguinea und den umliegenden Inseln, auf Neuseeland, auf Madagaskar, in den zentralen Bereichen der grossen Trockenwüsten und natürlich in den Polargebieten.

 

Zweitgrösster Specht der Welt

Der Schwarzspecht (Dryocopus martius) ist eine von sieben vorwiegend schwarz gefärbten Arten in der Gattung Dryocopus. Bei den anderen handelt es sich um den Helmspecht (D. pileatus) aus Nordamerika, den Wellenohrspecht (D. galeatus) sowie den Linien- oder Streifenkehlspecht (D. lineatus) und den Schwarzbauchspecht (D. schulzi) aus Mittel- und Südamerika, den Andamanenspecht (D. hodgei) von der gleichnamigen indischen Inselgruppe und den Weissbauchspecht (D. javensis), der von Indien bis Korea und zu den Philippinen verbreitet ist.

Der Schwarzspecht ist der grösste Specht Europas und nach dem in Süd- und Südostasien heimischen Puderspecht (Mulleripicus pulverulentus) der zweitgrösste Specht der Welt. Mit einer Gesamtlänge von 45 bis 50 Zentimetern, einer Flügelspannweite von 67 bis 73 Zentimetern und einem Gewicht zwischen 250 und 350 Gramm ist er ungefähr so gross wie eine Rabenkrähe (Corvus corone). Männchen und Weibchen unterscheiden sich auf den ersten Blick kaum: Die Männchen sind im Durchschnitt nur unwesentlich grösser als die Weibchen, und beide Geschlechter tragen - wie der Artname besagt - ein überwiegend schwarzes Federkleid. Auf den zweiten Blick zeigt sich jedoch, dass die roten Gefiederpartien am Kopf unterschiedlich ausgeprägt sind: Bei den Männchen ist der ganze Scheitel rot, bei den Weibchen nur der Hinterkopf. Die jugendlichen Individuen sehen den erwachsenen sehr ähnlich, doch ist ihr Federkleid deutlich matter und stellenweise mehr graubraun als schwarz. Interessanterweise lässt sich das Geschlecht der jugendlichen Vögel bestimmen, noch bevor sie flügge sind, und zwar anhand der roten «Abzeichen» am Kopf. Diese sind zwar ebenfalls blasser, jedoch bereits so angeordnet wie bei den erwachsenen Tieren.

Der Schnabel ist bei den erwachsenen Schwarzspechten fünf bis sechs Zentimeter lang. Wie bei allen Echten Spechten ist er überaus robust entwickelt, mit einer breiten Basis und einer sehr harten Hornscheide. Tatsächlich bildet er ein bedeutsames Werkzeug: Er wird zum Zimmern der Schlaf- und Nisthöhlen benutzt; er dient dazu, Nahrung im Holz mit wuchtigen Schlägen freizulegen; und er ist unentbehrlich für das «Trommeln», jener für die Spechte so typischen Form der akustischen Lautgebung. Komplexe Einrichtungen im Bau der Schädelknochen wie auch der Kopf-Hals-Muskulatur bewirken, dass der harte Stoss beim Schnabelaufschlag gedämpft wird und dadurch weder Schädel noch Hirn Schaden nehmen.

Der Schwarzspecht ist nicht nur optisch, aufgrund seiner Grösse, sondern auch akustisch ein recht auffälliger Vogel. Im Flug lässt er immer wieder ein hohes, durchdringendes «Ripripriprip...» vernehmen, und wenn er an einem Stamm sitzt, ruft er häufig ein melodisches «Kliööök». Beide Rufe sind für den Menschen mehr als einen Kilometer weit hörbar und werden das ganze Jahr über geäussert. Vor allem zu Beginn der Fortpflanzungszeit ruft der Schwarzspecht ferner oft ein immer schneller werdendes «Kwick-kwick-kwick-...» und trommelt eifrig, um seinen territorialen Anspruch kundzutun. Jeder «Trommelwirbel» besteht aus ungefähr 40 Einzelschlägen und dauert, bei einer durchschnittlichen Frequenz von 17 Schlägen je Sekunde, etwa zweieinhalb Sekunden lang. Beide Geschlechter trommeln, die Weibchen jedoch seltener und meistens auch etwas langsamer, kürzer und leiser als die Männchen.

 

Ameisen als Hauptspeise

Ausser in Serbien, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, kommt der Schwarzspecht noch in mehr als vierzig Ländern vor. Er ist über die meisten Bereiche Europas verbreitet und von hier über die nördliche Hälfte Asiens ostwärts bis nach Japan. Im späten 19. und im Verlauf des 20. Jahrhunderts hat er sein Verbreitungsgebiet in West- und Mitteleuropa erheblich auszudehnen vermocht. Dabei scheint es sich allerdings nicht um eine echte Arealerweiterung gehandelt zu haben, sondern um die Wiederbesiedlung vormals verlorener Lebensräume aufgrund forstwirtschaftlicher Umstellungen. Zu nennen sind vor allem die weiträumige Umwandlung von Nieder- und Mittelwäldern in artenreiche Hochwälder sowie grossflächige Aufforstungen, weil der Nutzungsdruck auf die Wälder seitens des Menschen nachliess.

Der Schwarzspecht ist zwar ein strikter Waldbewohner. Hinsichtlich des Waldtyps ist er jedoch sehr flexibel. Er kommt in urtümlichen wie durchforsteten, zusammenhängenden wie zerstückelten Laub-, Nadel- und Mischwäldern von Meereshöhe bis zur Baumgrenze vor. Wesentlich für sein Wohlbefinden scheinen bloss zwei Dinge zu sein: erstens ein ganzjährig ausreichendes Nahrungsangebot in Form von Ameisenkolonien und zweitens ältere, hochstämmige, möglichst freistehende Bäume, die sich für den Bau von geräumigen Schlaf- und Bruthöhlen eignen.

Wie alle Echten Spechte ist der Schwarzspecht ein vorzüglicher Klettervogel, der dank seiner steigeisenartigen, gekrümmten, nadelspitzen Krallen selbst an glatten Rinden mühelos Halt findet. Seinen Körper hält er stets ziemlich weit vom Stamm weg, wobei er sich auf seinem hartfedrigen Schwanz abstützt. So steigt er in ruckartigen Klettersprüngen stammauf- und -abwärts.

Zur Hauptsache ernährt sich der Schwarzspecht von Ameisen, welche in lebenden oder toten Bäumen ihre Bauten anlegen. Die Löcher, die er beim Aufhacken von deren Gängen und Nestern hinterlässt, sind typischerweise oval und können sehr tief ins Holz hinein reichen. Gerne entrindet er auch kranke Bäume, manchmal auf der ganzen Länge ihres Stamms, um an darunter verborgen lebende Insekten zu gelangen. Nicht selten sucht er ferner die grossen Haufen bodenlebender Ameisen auf und gräbt mit seinem Schnabel tiefe, trichterförmige Löcher hinein.

Wie alle Echten Spechte verfügt der Schwarzspecht über einen komplexen Zungenapparat, der es ihm erlaubt, seine wurmförmige, mit klebrigem Speichel überzogene Zunge mehr als zehn Zentimeter aus seinem Schnabel fahren zu lassen und mit ihrer Hilfe, wie mit einer Leimrute, die Beutetiere aus deren Gängen im Holz bzw. aus der Tiefe ihrer Haufen hervorzuholen.

Die Ameisenbeute kann, jahreszeitlich schwankend, über neunzig Prozent der Schwarzspechtkost ausmachen. In vielen Gebieten bilden die Larven, Puppen und erwachsenen Individuen der Rossameisen (Camponotus spp.) die häufigsten Beutetiere. Diese Ameisen leben vor allem im Holz gesunder Nadelbäume und bilden darin umfangreiche Kolonien. Aber auch Waldameisen (Formica spp.), Wegameisen (Lasius spp.) und Knotenameisen (v.a. Myrmica spp.) spielen eine wichtige Rolle.

Neben Ameisen umfasst der Speisezettel des Schwarzspechts vor allem noch verschiedene Holz bewohnende Käfer und deren Larven, darunter Borkenkäfer (Scolytidae), Bockkäfer (Cerambycidae) und Rüsselkäfer (Curculionidae), ferner die Larven von Holzwespen (Siricidae). Der Anteil pflanzlicher Nahrung ist unbedeutend; gelegentlich werden aber einzelne Früchte oder Beeren sowie Nadelbaumsamen verspeist.

 

Ein territorialer Höhlenbrüter...

Die Schwarzspechte sind in ihrem ganzen Verbreitungsgebiet standorttreue Vögel, welche selbst in schneereichen Wintern in ihrem Brutgebiet auszuharren versuchen und nur im Notfall, wenn die Ernährung nicht mehr gewährleistet ist, vorübergehend in günstigere Regionen ausweichen. Aus diesem Grund sind die Eigenbezirke der Schwarzspechtpaare recht gross: In Mitteleuropa bemessen sie sich gewöhnlich auf 200 bis 800 Hektar.

Jeweils im Frühling führen die Schwarzspechte eine monogame «Saisonehe», wobei häufig dieselben Partner zusammenfinden wie im Vorjahr. Tatsächlich scheint eine lose Partnerschaft auch ausserhalb der Brutzeit erhalten zu bleiben. Die Reviere werden zu Beginn der Fortpflanzungszeit durch Trommelwirbel und «Kwick»-Rufreihen neu definiert. Die eigentlichen Brutvorbereitungen beginnen im Februar oder März, die Eiablage erfolgt gewöhnlich im April.

Eine alte Bruthöhle, welche das Jahr über als Schlafhöhle dient, kann durchaus mehrfach zur Aufzucht der Nachkommen gewählt werden. In der Regel wird aber alljährlich eine neue Bruthöhle angelegt. Aus Sicherheitsgründen befindet sie sich vorzugsweise in zehn bis zwanzig Metern Höhe im glatten, mindestens 40 Zentimeter dicken Stamm eines mehr oder weniger frei stehenden, gesunden Baums unterhalb des erstens Asts. Im westlichen Europa wird für den Höhlenbau häufig die Rotbuche (Fagus sylvatica) gewählt, im nördlichen Europa die Gemeine Kiefer (Pinus sylvestris). In anderen Regionen können es die Espe (Populus tremula), die Weisstanne (Abies alba) oder Eichen (Quercus spp.) sein.

Ein Höhlenneubau kann bis zu vier Wochen dauern, wobei Männchen und Weibchen abwechselnd daran arbeiten. Das ovale Flugloch hat einen Durchmesser von 10 bis 12 Zentimetern; die Brutkammer ist 30 bis 60 Zentimeter tief und mindestens 25 Zentimeter weit. Nistmaterial wird keines eingetragen.

Das Gelege besteht meistens aus vier Eiern, aber auch Gelege mit drei bis sechs Eiern kommen vor. Die Eier sind glänzend weiss und haben im Durchschnitt eine Grösse von 26 auf 35 Millimeter. Während der zwölf bis vierzehn Tage dauernden Bebrütungszeit lösen die Partner einander in Abständen von ein bis drei Stunden ab. Die Nachtschicht übernimmt, wie bei fast allen Spechten, stets das Männchen.

Nach dem Schlüpfen werden die Jungen von ihren beiden Eltern mit einem nahrhaften Brei aus Ameisen und Ameisenlarven gefüttert. Im Alter von 24 bis 28 Tagen sind sie flugfähig und verlassen wenige Tage später das Nest. Nach dem Ausfliegen teilt sich der Familienverband meistens in zwei Gruppen, und jeder Elternteil führt ein bis drei Junge bis in den August oder September hinein. Sofern es ihnen gelingt, ihrem hauptsächlichen natürlichen Feind, dem Habicht (Accipiter gentilis), auszuweichen, können sie in der freien Wildbahn ein Alter von mindestens zwölf Jahren erreichen.

 

...und unentbehrlicher Höhlenlieferant

25 Mitglieder der Spechtfamilie stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Vogelarten. Der Schwarzspecht gehört zum Glück nicht dazu. Allein in Europa, welches flächenmässig weniger als die Hälfte des Artverbreitungsgebiets ausmacht, wird seine Population auf 1,5 bis 2,9 Millionen Individuen geschätzt. Zwar waren die Bestände zwischen 1990 und 2000 in ein paar europäischen Ländern, darunter in Albanien und den Niederlanden, rückläufig. In den übrigen Ländern, so auch in Serbien, waren sie hingegen stabil oder sogar leicht anwachsend.

Dies ist insofern erfreulich, als die geräumigen Schwarzspechthöhlen wertvolle Unterkünfte für erstaunlich viele andere Tierarten bilden, welche nicht in der Lage sind, solche selbst zu zimmern. In Europa sind bislang 58 Tierarten verzeichnet, welche regelmässig Schwarzspechthöhlen entweder als Nachnutzer oder als Wettstreiter verwenden. Unter den Vögeln sind vor allem Hohltaube, Dohle und Star sowie verschiedene Eulenarten zu nennen, unter den Säugetieren verschiedene Fledermäuse, verschiedene Bilche, Eichhörnchen und Baummarder, unter den Insekten Hornissen, Wespen, Bienen und Hummeln. Für sie alle ist der Schwarzspecht ein unentbehrlicher Höhlenlieferant und damit ein wichtiges Glied im komplexen ökologischen System der europäischen und nordasiatischen Waldungen.

Die Tatsache, dass der Schwarzspecht in der jüngeren Vergangenheit sein Vorkommen in West- und Mitteleuropa auszuweiten vermocht hat, zeigt im Übrigen, dass die Forstwirtschaft hier auf dem richtigen Weg ist: weg von der reinen Holzproduktion, hin zu naturnahen Wäldern. Denn nur in solchen findet sich, was der Schwarzspecht braucht: ein grosser Ameisenreichtum und Bäume mit starken Stämmen. Der optisch wie akustisch auffällige Vogel eignet sich darum hervorragend als Indikator für gesunde Waldökosysteme. Deswegen - und ausnahmsweise nicht der Seltenheit wegen - ist er für den Naturschutz von grossem Interesse.

 

 

 

 

Legenden

Der Schwarzspecht (Dryocopus martius) ist mit einer Länge von 45 bis 50 Zentimetern und einem Gewicht zwischen 250 und 350 Gramm nach dem Puderspecht (Mulleripicus pulverulentus) das zweitgrösste der insgesamt rund 220 Mitglieder der Spechtfamilie (Picidae). Männchen und Weibchen lassen sich anhand der roten Gefiederpartien am Kopf gut unterscheiden: Beim Männchen (links) ist der ganze Scheitel rot, beim Weibchen (rechts) nur der Hinterkopf.

Das Verbreitungsgebiet des Schwarzspechts erstreckt sich über die meisten Bereiche Europas und der nördlichen Hälfte Asiens. Zwar ist der grosse Klettervogel ein strikter Waldbewohner. Bezüglich des Waldtyps erweist er sich aber als sehr flexibel und kommt in ursprünglichen wie durchforsteten Laub-, Nadel- und Mischwäldern von Meereshöhe bis zur Baumgrenze vor.

Zur Hauptsache ernährt sich der Schwarzspecht von Ameisen, welche ihre Kolonien in lebenden und toten Bäumen anlegen. Wenn er mit wuchtigen Schlägen deren Gänge und Nester aufhackt, entstehen Löcher, welche tief ins Holz hinein reichen, und entsprechend viele Späne.

Seine Nachkommen zieht das Schwarzspechtpaar jeweils im Frühling in einer gemeinsam angefertigten Bruthöhle auf. Die gewöhnlich drei oder vier Jungen schlüpfen nach einer Brutzeit von etwa zwei Wochen aus den Eiern und sind nach einer Nestlingszeit von ungefähr vier Wochen flugfähig.

Der Schwarzspecht ist ein schneller und ausdauernder Flieger, der in seinem zumeist mehrere hundert Hektar grossen Revier täglich weit umherstreift. Sein Flug ist nicht wellenförmig wie bei vielen anderen Spechten, sondern ziemlich geradlinig.




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