In der Apotheke der Secoya-Indianer

Die westliche Zivilisation entdeckt
den Wert der Heilpflanzen des Urwalds


© 2003 Markus Kappeler
(erschienen in
«A. Vogel's Gesundheits-Nachrichten», Nr. 7/8, 2003)



Im tropischen Amazonas-Regenwald Ecuadors lebt das Indianervolk der Secoyas. Von alters her nutzen die Secoyas die Heilkräfte der lokalen Pflanzenwelt. Sie geben ihr Medizinalwissen von Generation zu Generation weiter. Auch Besuchern aus der westlichen Welt gewähren sie Einblick in ihre ganzheitliche Heilkunst.

 

Langsam und leise bewegen wir uns durch dieses immergrüne und immerfeuchte Universum aus uralten Baumriesen, Schling-, Kletter- und Aufsitzerpflanzen, Bambussen, Stauden und Kräutern jeglicher Art und Form. Nelson geht voran. Der 27-jährige Secoya-Indianer bewegt sich geschmeidig wie ein Jaguar. Nichts entgeht seinen Sinnen - keine Bewegung, kein Laut, kein Geruch und auch keine Tierspur. Nelson führt mich sachte durch seine Heimat - ein 2000 Hektaren grosses Urwaldstück, das ihm und seinem Clan vom Staat überlassen wurde.

Lange Zeit gaben die Machthaber Ecuadors die immens reichen Urwälder im tief liegenden Osten ihres Landes der Zerstörung preis: Grosse Bereiche wurden durch internationale Holzhandelsfirmen abgeholzt, andere durch Ölgesellschaften ausgebeutet und verseucht. Inzwischen scheint die Regierung erkannt zu haben, welch entscheidende Bedeutung den Amazonasregenwäldern längerfristig für das Wohlergehen der ecuadorianischen Bevölkerung zukommt. Aus diesem Grund hat sie den indigenen Völkern - darunter den Secoyas - zumindest Teile des angestammten Landes, das ihnen einst von den spanischen Eroberern entzogen worden war, zur pfleglichen Nutzung zurückgegeben. «Genug, um ein anständiges Leben als Selbstversorger zu führen», meint Nelson, dessen Volk hier seit Urzeiten verwurzelt ist und die Werte und Geheimnisse des örtlichen Urwalds kennt wie niemand sonst.


Üppig wuchert das Grün

Links und rechts des knapp fussbreiten Pfades, den Nelson vor ein paar Wochen in das Dickicht geschlagen hat, ragen mächtige Bäume bis über fünfzig Meter in die Höhe. Sie überragen tiefer gelegene Kronen, die sich so durch- und übereinander türmen, dass sie in gut dreissig Metern Höhe ein beinahe geschlossenes Blätterdach bilden. Durch die in dieser Decke noch verbleibenden Lücken winden sich Schlingpflanzen nach oben, umklammern die Stämme und ziehen sich von Baum zu Baum. Und überall haben sich grosse und kleine Aufsitzerpflanzen im Geäst eingenistet. Genauso vielfältig, dicht und scheinbar chaotisch präsentiert sich auch die Vegetation im «Erdgeschoss», durch das wir streifen.

Es herrscht eine fast andächtige Stille in diesem mächtigen Primärregenwald. Nur hin und wieder durchbricht das Gezwitscher eines Krallenaffentrupps in den Baumwipfeln die Stille. Gelegentlich ist das Krächzen von Papageien zu hören, die über das Kronendach hinweg flattern. Und manchmal vernimmt man das Brummen eines von Blüte zu Blüte eilenden Kolibris, noch bevor man den Winzling zu Gesicht bekommen hat.

Nicht zuletzt fallen auch immer wieder schwere Wassertropfen aus dem Blattwerk klatschend zu Boden. Sie stammen vom kurzen, aber heftigen Regenschauer, der über Mittag niederging. Auch an den Tagen und in den Nächten zuvor hatte es regelmässig - stets kurz, dafür strömend - geregnet. Der Urwald dampft feucht und warm. Kein Wunder wuchert das Grün derart üppig.


Alle paar Schritte ein Heilmittel

Ich bin völlig fasziniert von dieser tropischen Wildnis hier am Agua Rico, einem Quellfluss des Amazonas. Auf Schritt und Tritt streift mein Blick merkwürdige Gewächse, die ich nie zuvor gesehen habe. Doch Nelson sind sie nicht fremd. Alle paar Augenblicke zupft er irgendein Blättchen von einem Busch ab, liest eine Frucht vom Boden auf oder schneidet mit der Machete ein Stück Rinde von einem Baum - und erklärt mir dann, um welche Pflanze es sich handelt und welche Teile von ihr in welcher Form gegen welche Beschwerden als Heilmittel nutzbar sind: Aus der Rinde dieser Liane wird ein Aufguss gegen den Biss jener Schlange gebraut, die Beeren dieses Buschs als Paste auf die Haut gestrichen lindern jene Muskelschmerzen, die Luftwurzeln dieser Aufsitzerpflanze gekaut und ausgesaugt helfen gegen jenes Unwohlsein... Kein Zweifel: Die Natur bietet den Secoyas ein Medikamentenangebot wie bei uns der Apotheker - und sie wissen es dank ihres tradierten heilkundlichen Wissens umfassend zu nutzen.

Hunger brauchen die Secoyas bei ihrem «Apothekenbesuch» übrigens keinen zu leiden. Denn zwischen den zahllosen Arzneien bietet der Urwald ebenso viele Leckereien feil. Ich kaute jedenfalls ständig auf irgendeiner aromatischen Frucht, einer nussigen Wurzel, einem saftigen Stängel und zur Abwechslung sogar auf einer treffend benannten Zitronenameise herum.


Der «Westen» profitiert

Schon der bekannte Schweizer Naturarzt Alfred Vogel war auf seinen Reisen durch Südamerika von den Heiltraditionen der Naturvölker tief beeindruckt gewesen und hatte verschiedene ihrer Heilmittel bei uns eingeführt. Heute interessieren sich auch die grossen internationalen Pharmaunternehmen für das Medizinalwissen indigener Völker, um es für ihre Zwecke zu nutzen. Laufend «entdeckt» so die westliche Zivilisation Heilpflanzen, welche die «unzivilisierten» Naturvölker schon seit Urzeiten anzuwenden wissen. Leider jedoch werden sie für die Nutzniessung ihres uralten geistigen Eigentums kaum je angemessen honoriert.

Wie ich so nachdenklich hinter Nelson her schreite, entreisst er mich plötzlich aus meinen Gedanken und zeigt auf die Stammbasis eines unscheinbaren Strauchs: «Weisst Du, was das ist?» Natürlich habe ich keine Ahnung. Mit einem verschmitzten Lächeln erklärt er mir in seinem von der nasalen Muttersprache Paincoca geprägten Spanisch: «Das ist das Viagra des Secoya-Manns: Pene de Diablo (=Teufelspenis).» Erst jetzt, als ich mir das Gewächs genauer anschaue, fällt mir die eindeutige Form der frisch spriessenden Stützwurzeln des Strauchs auf und ich kann verstehen, warum ihnen eine aphrodisierende Wirkung zugeschrieben wird. Ob letztere tatsächlich besteht, sei hier dahingestellt. Klar ist aber, dass bereits mehrere Heilpflanzen der Secoyas in den westlichen Medikamentenschrank Einzug gehalten haben. Zwei weltweit anerkannte, die mir Nelson bei unseren gemeinsamen Streifzügen gezeigt hat, sollen hier kurz vorgestellt werden: Uña de Gato (=Katzenkralle) und Sangre de Drago (=Drachenblut).


Uña de Gato - Katzenkralle

Bei der Katzenkralle, mit wissenschaftlichem Namen Uncaria tomentosa, handelt sich um eine drei bis neun Zentimeter dicke Liane, deren Holz hellrot gefärbt ist. Sie gedeiht hauptsächlich in der Ufernähe von Flüssen.

Aus der Borke der Uña de Gato bereiten die Indianer im ecuadorianischen und peruanischen Amazonasgebiet einen Sud zu, den sie bei verschiedenen Krankheiten trinken.

Nachweislich vermag der Sud das menschliche Immunsystem zu stärken und hilft so gegen verschiedene durch Pilze, Bakterien und andere Mikroben hervorgerufene Krankheiten. Uña de Gato wirkt aber auch bei vielen anderen Krankheiten wie Arthritis oder Gastritis, und sogar bei Krebs soll sie helfen.

In einem Versuch mit Rauchern wurde ferner festgestellt, dass sich deren Atemluft nach der Einnahme von Katzenkrallen-Aufguss wesentlich verbesserte, weil die Krebs erzeugenden Substanzen grossenteils neutralisiert wurden.

Inzwischen hat selbst die Kosmetikindustrie Uña de Gato entdeckt, da die speziellen Alkaloide der «Wunderliane» offenbar den Säureschutzmantel der Haut stärken.


Sangre de Drago - Drachenblut

Zum Teil ähnliche Eigenschaften wie der Katzenkralle werden dem Drachenblut (Corton lechleri) zugeschrieben. Gewonnen wird dieses Heilmittel aus dem blutroten Rindensaft des Drachenbaums, eines Wolfsmilchgewächses mit einem Stammdurchmesser von bis zu dreissig Zentimetern.

Von Kolumbien über Ecuador bis Peru verwenden die ansässigen Indianer Sangre de Drago in erster Linie bei Hautverletzungen anstelle eines Heftpflasters. Sie streichen den dickflüssigen Rindensaft auf die offene Wunde. Nach kurzer Zeit ist er getrocknet und schützt einerseits die Wunde durch seine antiseptischen Wirkstoffe vor Infektionen, andererseits bewirkt ein seltenes Alkaloid (Taspin) eine rasche Wundheilung.

Weiter gilt Drachenblut, in geringen Mengen eingenommen, als hervorragendes Mittel gegen Magengeschwüre.

Inzwischen haben amerikanische Forscher aus Sangre de Drago auch ein Medikament entwickelt, welches Aids-Patienten bei Durchfallerkrankungen und Herpesvirenbefall helfen soll.


Lodge mitten im Urwald

Kurz vor Sonnenuntergang führt Nelson mich zum Fluss zurück. Dort erwartet mich der von der Westküste Ecuadors stammende Siedler Pedro, um mich mit dem Motoreinbaum auf die andere Flussseite zur Aramacao-Lodge zu bringen. In meinem von Secoya-Indianer Eduardo im lokalen Stil gebauten (dank WC und Dusche aber für Urwaldverhältnisse ungewöhnlich luxuriösen) Bungalow mache ich es mir erst einmal in der Hängematte bequem und genehmige mir einen frisch gepressten Jugo (=Fruchtsaft).

Wie schnell doch mein dreiwöchiger Aufenthalt hier zu Ende gegangen ist! Vor meinem geistigen Auge lasse ich nochmals meine vielfältigen Erlebnisse vorbei ziehen: all die ruhigen, bereichernden Streifzüge durch den Regenwald natürlich, aber auch das Piranha-Fischen am Aguas Negras, die Fotopirsch nach Glasflügelfaltern, Blattschneiderameisen und Stummelfussfröschen, die Paddelfahrt im kleinen Einbaum auf dem abgeschiedenen Rio Shushufindi, der Einblick in die Kakaoherstellung auf der benachbarten Finca, und nicht zuletzt - ja vor allem - die überaus offenen, warmherzigen Kontakte mit den in der Umgebung der Lodge lebenden Secoyas und Siedlern.

Das Schöne am Konzept des St. Galler Reiseunternehmers Martin Hug («Intertreck»), der die kleine, aber feine Aramacao-Lodge aufgebaut hat, ist es, dass man auch als Individualreisender dieses entlegende Primärwaldgebiet aufsuchen kann, ohne sich als Eindringling fühlen zu müssen. Das hat vor allem damit zu tun, dass die Einheimischen bei Bauten, Zulieferungen und Dienstleistungen vollständig in das Projekt einbezogen werden und so ihren Lebensstandard anheben können, ohne dass sie ihre traditionelle Lebensweise ändern müssen. Entsprechend wird man von ihnen als Besucher willkommen geheissen und nicht als Tourist geduldet. Auf die Aramacao-Lodge trifft für einmal das Modewort vom «sanften Tourismus» wirklich zu.


Von glücklichen Meerschweinchen

Für meinen letzten Abend haben sich das Gastgeberehepaar der Lodge, Marco und Monica, ein besonderes Festessen einfallen lassen: Cuy asanto - über dem Feuer gebratenes Meerschweinchen. «Wie schrecklich» mögen einige Leserinnen und Leser jetzt wohl denken. Aber Hand aufs Herz: Werden denn bei uns nicht auch Kaninchen verspeist? Ausserdem habe ich mich beim Züchter, Siedler Napa, davon überzeugen können, dass die Meerschweinchen ein artgerechtes, glückliches Leben führen können - ganz im Gegensatz zu den meisten Hauskaninchen bei uns, die zeitlebens in einem kleinen Käfig in Einzelhaft eingesperrt sind.

Alles hat - leider - ein Ende: Am nächsten Morgen führt mich eine vierstündige Fahrt im Motoreinbaum den Agua Rico hinauf zurück zum Städtchen Lago Agrio. Es folgt ein kurzer Flug nach Quito und anschliessend der Heimflug in die Schweiz. Geblieben sind einmalige, tiefe Eindrücke.



Kasten

Ist die Rede von Ecuador, denken die meisten von uns zuerst an die hoch in den Anden gelegene Hauptstadt Quito, an die bunten Indiomärkte, an die versunkenen Stätten der Inkas oder an die Galapagos-Inseln. Doch der südamerikanische Staat, der seinen Namen der Lage am Äquator verdankt, hat noch ein ganz anderes Gesicht: Im Osten des Landes, im Einzugsgebiet des Amazonas, wuchert üppiger tropischer Tieflandregenwald. Der Autor hat dort, im Bereich des Cuyabeno-Reservats, die Secoya-Indianer besucht.




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