Seekatze

Chimaera monstrosa


© 2012 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)








Artwork © Owen Bell



In der griechischen Mythologie ist die Chimäre ein feuerspeiendes Mischwesen mit dem Kopf eines Löwen, dem Leib einer Ziege und dem Schwanz einer Schlange. Sie ist die Tochter der beiden Ungeheuer Echidna und Typhon; ihre Geschwister sind die Sphinx, die Hydra und der Höllenhund Kerberos. Solche widernatürlichen, furchteinflössenden Mischwesen mit Tierkörpern und Tier- oder manchmal auch Menschenköpfen werden im archäologischen Sprachgebrauch von alters her als «Monster» bezeichnet.

Als der berühmte schwedische Naturforscher Carl von Linné («Linnaeus») um die Mitte des 18. Jahrhunderts seine damals revolutionären Anstrengungen unternahm, alle Mineralien, Pflanzen und Tiere zu beschreiben, zu benennen und gemäss ihrer Verwandtschaft in einem natürlichen System zu ordnen, da entsann er sich dieser altgriechischen Mischwesen, als er ein seltsames Meeresgeschöpf benennen sollte, das den grossäugigen Kopf eines Kaninchens, einen samthäutigen, geflügelten Leib und den langgezogenen Schwanz einer Echse aufwies und in keine seiner Kategorien passen wollte.

In der von ihm geschaffenen «binominalen Nomenklatur» besteht der Name eines jeden Tiers aus zwei Begriffen, nämlich erstens dem Gattungsnamen, den es gegebenenfalls mit anderen, ähnlichen Arten teilen kann, und zweitens dem Epitheton, einem Adjektiv, das von den Epitheta der anderen Tiere in derselben Gattung stets verschieden sein muss. Die zwei Begriffe zusammen, der Gattungsname und das Epitheton, bilden für jedes Tier den unverwechselbaren Artnamen.

Den Begriff «Chimaera» setzte Linné als Gattungsname ein. In diese Gattung stellte er zwei Arten, von denen die eine entlang der Küsten Europas im nordöstlichen Atlantik und im Mittelmeer lebte, die andere entlang der Küsten Südamerikas sowohl im Pazifik als auch im Atlantik. Um die Seltsamkeit der europäischen Art noch zu unterstreichen, verwendete er für sie als Epitheton den Begriff «monstrosa». Der Artname lautete also Chimaera monstrosa, die «monströse Chimäre» - eigentlich ein Pleonasmus. Die andere Art nannte er Chimaera callorynchus, also die «hartschnauzige Chimäre». Letztere wurde später von den Taxonomen aus der Gattung Chimaera herausgenommen und in eine separate Gattung, Callorhinchus, umgeteilt, behielt aber gemäss den internationalen nomenklatorischen Bestimmungen immerhin das Epitheton, das Linné für sie geschaffen hatte. Erstere hingegen gehört zu den verhältnismässig wenigen Arten, welche im modernen System der Tiere noch immer genau den Namen tragen, den ihnen Carl von Linné in seinem 1758 veröffentlichten Werk «Systema Naturae» verliehen hatte.

Auf Deutsch wird die bis zu 150 Zentimeter lange und 2,5 Kilogramm schwere Chimaera monstrosa als Seekatze bezeichnet, auf Englisch als Rabbitfish («Kaninchenfisch»).


Ein urtümlicher Knorpelfisch

Obschon die Seekatze auf den ersten Blick klar als Fisch angesprochen werden kann, sind bei genauerem Hinsehen ihre «monströsen» Eigentümlichkeiten deutlich erkennbar. Ein Grossteil der Körperlänge entfällt auf den langen Schwanz, der im Unterschied zu einem typischen Fischschwanz keine deutliche, endständige Schwanzflosse aufweist, sondern spitz zuläuft. Die Haut weist praktisch keine Schuppen auf und erinnert mehr an die Haut eines Froschs als an die eines typischen Fischs. Die vordere Rückenflosse ist kurz und hoch und kann willentlich aufgerichtet werden. An ihrem vorderen Ende befindet sich ein langer Stachel, der an seiner Basis Giftdrüsen besitzt und der Feindabwehr dient. Sein Stich ist für den Menschen sehr schmerzhaft, aber normalerweise nicht tödlich. Die riesigen Pupillen schimmern wie bei Katzen grünlich. Der Mund ist klein, befindet sich auf der Schnauzenunterseite weit zurückgesetzt und lässt nagetierähnliche Zähne erkennen.

Linné ordnete die Seekatze anfänglich nicht den Fischen zu, sondern den Amphibien. In diese Sippe stellte er alle heutigen Amphibien, ferner aber auch die heutigen Reptilien, und zudem spezielle Fische wie die Rochen, Haie, Neunaugen, Störe und Chimären, welche nicht so recht zu den «echten» Fischen (den heutigen Knochenfischen) passen wollten. Später revidierte er die uneinheitliche Sippe und fasste die genannten speziellen Fische zwar mit den «echten» Fischen zusammen, schuf aber für sie eine eigene Untersippe namens Chondropterygia, was so viel wie Knorpelkiemer bedeutet.

Aufgrund der modernen molekulargenetischen Untersuchungstechniken (DNS-Analysen) wissen wir heute, dass Linné sich - von den Stören abgesehen - abermals irrte. Die Haie, Rochen und Chimären, welche inzwischen als Knorpelfische (Chondrichthyes) zusammengefasst werden, wie auch die sonderbaren Neunaugen (Petromyzontida) sind mit den Knochenfischen (Osteichthyes) weniger nah verwandt als wir Menschen mit denselben. Sie haben sich nämlich vom Rest der urtümlichen Wirbeltiersippen abgetrennt, lange bevor sich die ersten Landwirbeltiere herausgebildet hatten. Bei den Neunaugen und den Chimären geschah dies vor deutlich mehr als 400 Millionen Jahren. Die beiden Sippen gehören damit zu den eigenständigsten Entwicklungszweigen unter allen heute noch existierenden Wirbeltiersippen.

Wir kennen heute erheblich mehr Arten von Chimären, als zu Linnés Zeiten bekannt waren. Insgesamt werden drei Familien mit rund 50 Arten unterschieden: erstens die Pflugnasenchimären (Callorhinchidae) mit 3 Arten, darunter Callorhinchus callorynchus, zweitens die Langnasenchimären (Rhinochimaeridae) mit 8 Arten, und drittens die Kurznasenchimären (Chimaeridae) mit etwa 37 Arten, darunter Chimaera monstrosa.


In dunklen Tiefen heimisch

Die Seekatze hat ein ziemlich klar begrenztes Verbreitungsgebiet. Sie bewohnt den nordöstlichen Atlantik von Norwegen südwärts bis Marokko und von den Küsten Europas westwärts bis zum Mittelatlantischen Rücken. Sie ist ferner im westlichen und zentralen Mittelmeer weit verbreitet, im östlichen Mittelmeer hingegen selten. Zwar konnte sie schon in sehr unterschiedlichen Wassertiefen verzeichnet werden, nämlich im Bereich von etwa 50 bis 1600 Metern. Ihr bevorzugter Lebensraum scheinen aber die Kontinentalabhänge im Tiefenbereich von 300 bis 800 Metern zu sein. Anzumerken ist, dass mancherorts während der Sommermonate vertikale Wanderbewegungen hin zu etwa 100 Meter tiefen, küstennäheren Gewässern festgestellt werden können, welche sehr wahrscheinlich mit dem Fortpflanzungsgeschehen zusammenhängen.

Hinsichtlich des Ernährungsverhaltens der Seekatze liegen bislang keine Beobachtungen vor. Aufgrund der Untersuchung des Mageninhalts frisch erlegter Individuen wissen wir aber, dass sie sich hauptsächlich von bodenlebenden Organismen ernährt, insbesondere von Wirbellosen, aber auch von kleinen Grundfischen. Bei einer Studie in portugiesischen Gewässern zeigte sich, dass die jüngeren, kleineren Individuen vor allem relativ weichschalige Flohkrebse (Amphipoda) erbeutet hatten, während die älteren, grösseren Individuen fast ausschliesslich hartschalige Zehnfusskrebse verzehrt hatten, darunter Krabben, Steingarnelen und Langusten. Anderenorts wurden Schlangensterne (Ophiuroidea), Seeigel (Echinoidea), Meerasseln (Isopoda) und Vielborstenwürmer (Polychaeta) als wichtige Beutetiere festgestellt.

Alle Schalen- und übrigen Beutetierfragmente, welche in den Mägen von Seekatzen gefunden wurden, waren überaus klein, selbst wenn sie von grossen Beutetieren stammten. Die Beutetiere waren vor dem Verschlucken offensichtlich zerkleinert worden. Tatsächlich sind die Mundwerkzeuge der Seekatze hierfür gut geeignet. Im Oberkiefer befinden sich vier Zähne, im Unterkiefer deren zwei. Sie ragen wie Nagetierzähne aus dem Mund hervor und haben wie diese scharfe Schneiden, welche ein Abbeissen erlauben. Die Oberkieferzähne sind an ihrer Basis stark verbreitert und bilden gerippte Platten, welche ebensolchen Platten im Unterkiefer gegenüberliegen. Es ist darum anzunehmen, dass die Seekatze zunächst Stücke aus ihren Beutetieren herausbeisst und die Bissen anschliessend im Mund zwischen den Zahnplatten zerreibt, bevor sie sie verschluckt.


Langsame Brüter

Das Fortpflanzungsgeschehen ist bei den Seekatzen saisonal geprägt. Eier werden jeweils im späteren Frühling und im Sommer abgelegt. Die Wanderungen in seichtere Gewässer zu dieser Jahreszeit dürften damit zusammenhängen.

Paarungen konnten bislang nie beobachtet werden. Bei der Gefleckten Seeratte (Hydrolagus colliei), einer mit der Seekatze vergleichbaren, im östlichen Pazifik vor der Küste Nordamerikas heimischen Kurznasenchimäre, konnte aber das Paarungsverhalten von in Aquarien gehaltenen Individuen gut verfolgt werden. Wie bei allen Knorpelfischen erfolgt die Besamung der Eier innerhalb des Körpers des Weibchens. Das Männchen verfügt zum Überführen der Samenzellen über zwei röhrenförmige Begattungsorgane, so genannte Klasper, welche aus den inneren Teilen seiner Bauchflossen hervorgegangen sind. Das Männchen besitzt ferner einen fingerförmigen, mit Hautzähnchen besetzten Stirnfortsatz, der beim Weibchen fehlt. Dieses so genannte Tentakulum ist ein Klammerorgan, das es dem Männchen erlaubt, sich bei der Begattung an einer der Brustflossen des Weibchens festzuhalten.

Das Weibchen vermag die Samenzellen nach der Paarung während mehrerer Wochen in seinem Körper befruchtungsfähig aufzubewahren, was ihm erlaubt, nach und nach über einen längeren Zeitraum hinweg einzelne befruchtete Eier zu erzeugen. Bei der Gefleckten Seeratte können die Weibchen 20 bis 30 Eier je Fortpflanzungsperiode ablegen; bei der Seekatze dürften es im Durchschnitt 6 Eier je Weibchen und Saison sein.

Die Eier der Chimären sind ähnlich wie bei zahlreichen Haien grosse, abgeflachte, von einer hornigen Hülle umschlossene Kapseln. Bei der Seekatze weisen sie eine Länge von etwa 17 Zentimetern und eine Breite von 2,5 bis 3 Zentimetern auf. Am spitzen, unteren Ende der Eikapsel befindet sich ein 3 bis 4 Zentimeter langer Faden, welcher der Verankerung am Boden dient. Die Entwicklung des Embryos im abgelegten Ei dauert mehrere Monate lang. Die frisch geschlüpften Seekatzen weisen eine Länge von etwa 10 Zentimetern auf und sehen von Anfang an ihren Eltern sehr ähnlich.

Das Alter der Seekatzen kann anhand ihres Rückenflossenstachels festgestellt werden, denn dieser besteht aus Dentin, also derselben Substanz, die sich in Säugetierzähnen findet. Unter dem Mikroskop lässt das Dentin des quergeschnittenen Stachels Jahresringe erkennen, ähnlich wie bei Bäumen, welche in klimatisch saisonal geprägten Lebensräumen wachsen. Entsprechende Untersuchungen haben ergeben, dass die Weibchen mit ungefähr 11 Jahren die Geschlechtsreife erlangen, die Männchen mit etwa 13. Die Weibchen weisen zu diesem Zeitpunkt eine Kopfrumpflänge von durchschnittlich 46 Zentimetern auf, die Männchen eine solche von 40. Ferner hat sich gezeigt, dass die Seekatzen im Freileben bis 30 Jahre alt werden können.


Zerstörerische Grundschleppnetzfischerei

Man sollte eigentlich annehmen, dass ein Meeresfisch, der sich die meiste Zeit seines Lebens mehrere hundert Meter unter der Meeresoberfläche umherbewegt, durch die umweltschädigenden Aktivitäten des Menschen wenig beeinträchtigt wird. In der Tat deuten Fangstatistiken wie auch wissenschaftliche Erhebungen darauf hin, dass die Seekatze in den meisten Bereichen ihres Verbreitungsgebiets noch recht häufig vorkommt.

Es ist jedoch zu befürchten, dass sich dies bald ändern wird. Denn nun gerät der Lebensraum, den die Seekatze bewohnt, zusehends unter Druck. Nachdem die oberflächennahen Wasserschichten sowohl des Nordostatlantiks als auch des Mittelmeers vielerorts praktisch leergefischt worden sind, wenden sich die Fischfangflotten mehr und mehr den tieferen Wasserschichten zu. Die Kontinentalabhänge, an denen die Seekatze hauptsächlich heimisch ist, sind inzwischen zu den bevorzugten Fanggebieten der Grundschleppnetzfischer, auch Trawler genannt, geworden. Zwar besteht derzeit keine Nachfrage nach Seekatzenprodukten; ihr Fleisch wird nicht geschätzt. Die Trawler fangen jedoch unterschieds- und rücksichtslos alles, was am Meeresboden lebt. Wo ihre riesigen Netze über den Meeresboden geschleift werden, bleibt so gut wie nichts zurück. Bis zu sechzig Prozent dessen, was abgefischt wurde, geht zwar als unnützer Beifang gleich wieder über Bord. Wie viel davon die Tortur überlebt, ist aber nicht bekannt. Es dürfte ein geringer Teil sein. Die Grundschleppnetzfischerei bildet einen gravierenden Frevel am marinen Ökosystem.

Tiere mit mehrjähriger Jugendentwicklung und geringer Fortpflanzungsrate - und zu diesen zählt die Seekatze - reagieren auf solch einschneidende Schadeinflüsse besonders empfindlich. Schon bei mässiger Befischung übersteigt die Sterblichkeitsrate rasch ihre natürliche Nachzuchtrate und bewirkt einen allmählichen Schwund der Bestände. Und bei starker Befischung können selbst gesunde Bestände innerhalb kurzer Zeit und gewissermassen ohne Vorwarnung kollabieren. Genau dies ist im Fall der Seekatze zu befürchten.

In manchen Gebieten, so auch im Bereich von Malta, sind zwar inzwischen Bestimmungen in Kraft getreten, welche das Ausmass des Tiefseetrawlens zum Schutz des Meeresökosystems einschränken. Sie gelten aber gegenwärtig nur für Gewässertiefen von mehr als 1000 Metern, weshalb sie den Seekatzenbeständen kaum den dringend erforderlichen Schutz bieten.



Legenden

Die Seekatze (Chimaera monstrosa) gehört innerhalb der Klasse der Knorpelfische (Chondrichthyes) zur Ordnung der Chimären (Chimaeriformes), welche rund 50 Arten umfasst. Sie ist also entfernt mit den Haien und Rochen verwandt. Die erwachsenen Individuen erreichen eine Länge von bis zu 1,5 Metern und ein Gewicht von bis zu 2,5 Kilogramm, wobei die Weibchen im Durchschnitt etwas grösser sind als die Männchen.

Die Seekatze ist im nordöstlichen Atlantik - von Norwegen südwärts bis Marokko und von den Küsten Europas westwärts bis zum Mittelatlantischen Rücken - sowie im westlichen und zentralen Mittelmeer heimisch. Ihr bevorzugter Lebensraum sind die Kontinentalabhänge im Tiefenbereich von 300 bis 800 Metern. Am Vorderende ihrer vorderen, hoch aufrichtbaren Rückenflosse befindet sich ein kräftiger Stachel, der an seiner Basis Giftdrüsen besitzt und der Feindabwehr dient. Sein Stich ist für den Menschen zwar sehr schmerzhaft, aber normalerweise nicht tödlich.

Die Seekatze ernährt sich hauptsächlich von bodenlebenden Organismen, insbesondere von Krebstieren, Schlangensternen, Seeigeln, Vielborstenwürmern und weiteren Wirbellosen, aber auch von kleinen Grundfischen. Mit ihren kräftigen Zähnen beisst sie zunächst Stücke aus ihren Beutetieren heraus und zerreibt diese anschliessend im Mund zwischen ihren Zahnplatten, bevor sie sie verschluckt.

Wie bei allen Knorpelfischen findet bei den Seekatzen eine echte Paarung statt. Das Männchen besitzt zum Überführen der Samenzellen in die Kloake des Weibchens zwei röhrenförmige Begattungsorgane («Klasper»), von denen im Bild eines hinter der Bauchflosse knapp erkennbar ist. Es verfügt ferner über einen fingerförmigen Stirnfortsatz («Tentakulum»), mit dem es sich bei der Begattung an einer der Brustflossen des Weibchens festzuhalten vermag.

Die Seekatze ist keine kräftige, geradlinige Schwimmerin, sondern hält sich viel am Meeresgrund auf und bewegt sich bei Bedarf mit weit ausgreifenden, simultanen Schlägen ihrer grossen Brustflossen «hüpfend» durch das Wasser. Die Geschlechtsreife erreichen die Weibchen mit ungefähr 11 Jahren, die Männchen mit etwa 13. Das Höchstalter der urtümlichen Fische liegt im Freileben bei etwa 30 Jahren.




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