Seychellenfrösche

Familie Sooglossidae


© 2003 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



All die vielgestaltigen Inseln, welche aus den Meeren und Ozeanen unseres Planeten aufragen, lassen sich in zwei Grundtypen gliedern: erstens in die «kontinentalen Inseln», welche in der erdgeschichtlichen Vergangenheit zeitweilig Teil einer grösseren Landmasse waren, und zweitens in die «ozeanischen Inseln», welche jederzeit isolierte Landstückchen bildeten. Letztere sind fast ausnahmslos vulkanischen Ursprungs, stellen also grösstenteils die Spitzen untermeerischer Vulkane dar, und der Grossteil von ihnen befindet sich fern jeglicher kontinentalen Landmasse. Die Azoren im Atlantik und die polynesischen Inseln im Pazifik sind Musterbeispiele hierfür.

Im Gegensatz zu den ozeanischen Inseln liegen die kontinentalen Inseln häufig in der unmittelbaren Nähe eines Kontinents. Tatsächlich sind die meisten von ihnen echte Bestandteile einer kontinentalen Landmasse, doch wurden sie irgendwann in der Vergangenheit aufgrund des ansteigenden Meeresspiegels von dieser abgetrennt. Die Britischen Inseln in Europa und die Sundainseln in Südostasien sind Beispiele dieses Inseltyps. Sie waren zuletzt vor rund 15 000 Jahren - als gegen Ende der letzten Eiszeit die Eiskappen in den beiden Polargebieten besonders mächtig waren und der Meeresspiegel entsprechend tief lag - mit ihrem Nachbarkontinent fest verbunden und konnten trockenen Fusses erreicht werden. Noch heute sind sie bloss durch verhältnismässig untiefe Meeresstrassen von diesen getrennt.

Es gibt allerdings ein paar kontinentale Inseln, welche von ihrem Nachbarkontinent weit entfernt liegen und durch tiefe Meeresgräben sowie seit Urzeiten von diesem getrennt sind. Zu nennen sind beispielsweise Neuseeland und Neukaledonien. In ihrem konkreten Fall ist dies darauf zurückzuführen, dass sie - genauso wie ihr Nachbarkontinent Australien - Fragmente des «Superkontinents» Gondwanaland sind, der einst auf der Südhalbkugel existierte und dann vor vielen Millionen Jahren aufgrund gravierender Geschehnisse in der Erdkruste auseinanderbrach.

Umgekehrt gib es unter den abgeschiedenen ozeanischen Inseln ein paar Beispiele, die nicht so recht ins übliche «Vulkaninsel-Schema» passen. Zu diesen gehören die Seychellen im westlichen Bereich des Indischen Ozeans. Der kleine Archipel, der rund 1200 Kilometer von Afrikas Ostküste entfernt liegt und eine gesamte Landfläche von nur 454 Quadratkilometern aufweist, umfasst - nebst zahlreichen flachen Korallenbänken - etwa dreissig Inseln, welche aus sehr altem Granitgestein aufgebaut sind. Dies bedeutet, dass sie ihren Ursprung nicht dem Vulkanismus verdanken, sondern dass sie trotz ihrer Abgeschiedenheit einst Teil eines Kontinents gewesen sein müssen. Es fragt sich bloss welches Kontinents, denn zu Afrika passt ihr Gestein nicht.

Die Herkunft der Seychellen ist zwar nicht abschliessend geklärt. Man geht aber heute im Allgemeinen davon aus, dass der Archipel bis vor rund 75 Millionen Jahren eine Halbinsel Indiens war und sich danach selbstständig machte. Indien seinerseits hatte sich vor rund 125 Millionen Jahren von Gondwanaland abgespalten und befand sich zum Zeitpunkt der Loslösung der «Seychellen-Halbinsel» auf seinem weiten Weg von der Südhalbkugel auf die Nordhalbkugel, wo es schliesslich mit solcher Wucht auf den asiatischen Kontinent prallte, dass sich in der «Knautschzone» das höchste Gebirge der Welt, der Himalaja, aufwarf.

 

Amphibien sind schlechte Seefahrer

Hinweise darauf, dass die gewöhnlich als ozeanische Inseln eingestuften Seychellen kontinentaler Herkunft sind, geben nicht allein geologische, sondern auch biologische Studien. Unter anderem finden sich auf dem Archipel mehrere Amphibienarten, was für ozeanische Inseln höchst ungewöhnlich ist. Zu nennen ist vor allem eine endemische, also nur auf den Seychellen - genauer auf den beiden Inseln Mahé (155 km2) und Silhouette (20 km2) - heimische Froschfamilie: die Seychellenfrösche (Sooglossidae). Die Familie setzt sich aus vier Arten zusammen, von denen die drei kleineren, schlankeren der Gattung Sooglossus zugeordnet werden, während die grösste, etwas gedrungen wirkende in die Gattung Nesomantis gestellt wird.

Das Vorkommen von Amphibien auf den Seychellen gehört zu den wichtigsten Argumenten dafür, dass der Archipel einst Teil eines Kontinents gewesen sein muss. Denn Amphibien sind in aller Regel nicht in der Lage, Meeresinseln zu besiedeln. Dies ist darauf zurückzuführen, dass sie - mit Ausnahme des im Brackwasser lebenden Philippinen-Froschs (Rana cancrivora) - in allen Lebensphasen weder Salzwasser noch Austrocknung ertragen. Da das Eintauchen ins Meerwasser für sie tödlich ist, fällt das aktive Schwimmen zu Inseln ausser Betracht. Und auch eine Reise auf ins Meer gestürzten Bäumen und anderen natürlichen Flössen kommt für sie nicht in Frage, da sie dabei unweigerlich durch die Sonne ausgetrocknet und/oder durch Meerwasser benetzt werden.

 

Der Gardiner-Seychellenfrosch (Sooglossus gardineri)

Der Gardiner-Seychellenfrosch ist der kleinste der vier Seychellenfrösche und gehört zu den kleinsten Wirbeltieren der Welt. Erwachsene Individuen sind gewöhnlich weniger als einen Zentimeter lang.

Von allen Seychellenfröschen ist der Gardiner-Seychellenfrosch am weitesten verbreitet und hinsichtlich seines Lebensraums am anpassungsfähigsten. Er kommt auf Mahé und auf Silhouette vor, von einer Höhe von etwa 200 Metern ü.M. bis hinauf zum Gipfel des Morne Seychellois, dem mit 914 Metern ü.M. höchsten Berg der Seychellen (auf Mahé).

Wie seine Vettern bewohnt der Gardiner-Seychellenfrosch zur Hauptsache Waldungen, hält sich aber auch in verschiedenen offenen, teils vom Menschen veränderten Lebensräumen wie Gärten, Strassenböschungen und Plantagen auf. Stets ist er jedoch auf ein feuchtes Umfeld angewiesen und findet sich deshalb weder in Kokospalmenhainen noch im Tiefland. Er ist ein Bewohner der vermodernden Laubstreu am Boden, und es scheint, dass er sich vor allem von Termiten sowie kleinen Käfern und deren Larven ernährt.

Die Fortpflanzungszeit, während der sich die Männchen durch an Grillengezirpe erinnernde Rufe kundtun, erstreckt sich über das ganze Jahr, fällt aber schwergewichtig in die winterliche Regenzeit (November bis Februar). Das Weibchen legt seine zehn bis fünfzehn Eier in kleinen Gallerthäufchen unter Steinen oder zwischen Blättern ab. Es bewacht das Gelege, indem es sich darauf setzt, bis die Jungen schlüpfen. Interessanterweise entwickeln sich die Jungen im Gegensatz zu denen der meisten anderen Frösche vollständig in den Eiern, so dass aus letzteren schliesslich fertige, drei bis vier Millimeter lange Fröschchen schlüpfen. Durch das «Überspringen» der Kaulquappenphase haben sich die Gardiner-Seychellenfrösche vom offenen Wasser unabhängig gemacht und sind für ihr Wohlbefinden bloss noch auf die Feuchtigkeit aus den Niederschlägen angewiesen.

 

Der Palmen-Seychellenfrosch (Sooglossus pipilodryas)

In seiner Gestalt ist der Palmen-Seychellenfrosch dem Gardiner-Seychellenfrosch sehr ähnlich. Er ist aber etwas grösser und zudem sehr variabel gefärbt (vgl. Abbildungen). Ferner sind die Zehenballen seiner Vorder- und Hintergliedmassen anders geformt als bei seinen Vettern. Und auch der Ruf der Männchen unterscheidet sich deutlich: Er besteht nicht aus einem Einzelton, sondern aus einer Sequenz von sechs zirpenden Lauten, welche in rascher Abfolge (innerhalb einer halben Sekunde) geäussert werden.

Die Rufe der Männchen spielen bei der Fortpflanzung praktisch aller Frösche und Kröten eine bedeutsame Rolle und bilden ein wichtiges Artmerkmal. Die Weibchen lassen sich nämlich nur von einem ganz bestimmten Ruf anlocken und paaren sich einzig mit Männchen, die diesen Ruf äussern. Dass sich die Rufe des Palmen-Seychellenfroschs selbst für das menschliche Gehör deutlich von denjenigen des Gardiner-Seychellenfroschs unterscheiden, ist ein klarer Beweis dafür, dass es sich tatsächlich um eine eigenständige Froschart handelt.

Bislang konnte der Palmen-Seychellenfrosch einzig im Regenwald auf Silhouette in Höhen zwischen 250 und 550 Metern ü.M. beobachtet werden. Die meisten Individuen hielten sich in den Blattachseln der endemischen Palme Phoenicophorium borsigianum verborgen. Einzelne wurden aber auch in der Laubstreu am Boden gefunden.

Über die Fortpflanzungsbiologie des Palmen-Seychellenfroschs ist noch nichts bekannt.

 

Der Eigentliche Seychellenfrosch (Sooglossus sechellensis)

Der Eigentliche Seychellenfrosch ist der grösste der drei Sooglossus-Frösche, jedoch deutlich kleiner als der Nesomantis-Frosch. Auf Mahé wie auf Silhouette hält er sich vorzugsweise in der feuchten, zerfallenden Laubschicht am Boden des Regenwalds auf, und zwar in mittleren und höheren Lagen. Im Gegensatz zum Gardiner-Seychellenfrosch findet man ihn kaum in vom Menschen veränderten Lebensräumen.

Bei Gefahr hüpft der Eigentliche Seychellenfrosch im Unterschied zum Gardiner-Seychellenfrosch und zum Palmen-Seychellenfrosch nicht davon, sondern taucht gewöhnlich in die Laubschicht ein und verbirgt sich im bodennahen Gewirr aus Pilzfäden und Würzelchen. Wie seine Vettern scheint er sich von Termiten, Käferlarven und anderen kleinen Wirbellosen zu ernähren.

Die Fortpflanzungszeit des Eigentlichen Seychellenfroschs erstreckt sich über das ganze Jahr, denn er hat im Laufe seiner Stammesgeschichte eine ungewöhnliche Form der Brutfürsorge entwickelt: Bei der Paarung legt das Weibchen seine zehn bis fünfzehn Eier an einem sicheren Ort in Bodennähe ab. Der Laich wird in der Folge vom Männchen bewacht, bis - schon nach wenigen Tagen - die Jungen als Kaulquappen aus ihren Eiern schlüpfen. Sie kriechen sogleich auf den Rücken des Männchens und halten sich dort mit ihrem Bauch fest. Ihre gesamte Entwicklung bis zum fertigen Frosch vollziehen sie dann ohne Nahrungsaufnahme auf dem Rücken des Vaters, das heisst sie leben einzig von der Dottermasse, die ihnen die Mutter im Ei mitgegeben hat. Das Männchen bewegt sich derweil unbekümmert umher und geht auch wie üblich auf die Nahrungssuche. Wie die Gardiner-Seychellenfrösche haben sich die Eigentlichen Seychellenfrösche also vom offenen Wasser unabhängig gemacht, wenn auch mittels eines anderen «Tricks».

 

Der Thomasset-Seychellenfrosch (Nesomantis thomasseti)

Der Thomasset-Seychellenfrosch ist das grösste Mitglied der Seychellenfroschfamilie. Erwachsene Individuen weisen gewöhnlich eine Körperlänge von mehr als 3,5 Zentimetern auf.

Die Thomasset-Seychellenfrösche bewohnen die «Nebelwälder», das heisst die häufig in Wolken gehüllten Gebirgswälder im Bereich der höchsten Gipfel der beiden Inseln Mahé und Silhouette. Meistens begegnet man ihnen in Geröllfeldern und an Felshängen. Die Männchen äussern einen charakteristischen Ruf, der sich aus jeweils sieben Haupt- und sechs Nebentönen zusammensetzt. Anhand der Häufigkeit, mit der die männlichen Thomasset-Seychellenfrösche nachts in den Nebelwäldern rufen, lässt sich schliessen, dass diese Art innerhalb ihres begrenzten Lebensraums recht grosse Bestandsdichten aufweist.

Über die Lebensweise des Thomasset-Seychellenfroschs ist so gut wie nichts bekannt.

 

Sie bedürfen unserer Wachsamkeit

Obschon die Seychellenfrösche auf ihrem Heimatarchipel nicht gerade selten zu sein scheinen und obschon sie es offensichtlich geschafft haben, während vielen Jahrmillionen ihren Fortbestand in der Abgeschiedenheit zu sichern, gelten sie als potenziell gefährdet. Denn schon verhältnismässig geringe Eingriffe in ihren eng begrenzten Lebensraum könnten sie in arge Bedrängnis bringen.

Im Moment scheinen zwar - erfreulicherweise - keine unmittelbaren Gefahren für die kleinen Frösche zu bestehen. Ihre bevorzugten Lebensräume befinden sich in höheren Lagen mit steilen Hängen, welche für die landwirtschaftliche Nutzung ungeeignet und darum vor dem Zugriff durch den Menschen recht sicher sind. Potenzielle Gefahren bestehen aber dennoch: Zu nennen sind zum einen die allgemein befürchteten Veränderungen des globalen Klimas und zum anderen die mögliche Ausbreitung eingeschleppter Konkurrenten oder Fressfeinde.

In den vergangenen Jahren wurden jeweils im Hochsommer deutliche Trockenzeiten in den tiefer gelegenen Inselbereichen verzeichnet, obschon in dieser Jahreszeit die Niederschläge bloss etwas vermindert sein sollten. Es gibt Hinweise darauf, dass dies die dortigen Bestände des Eigentlichen Seychellenfroschs negativ beeinflusst hat. Noch ist nicht klar, ob die verstärkte Saisonalität der Regenfälle auf einem anhaltenden klimatischen Trend beruht. Sollte es tatsächlich so sein, dann würde die sommerliche Trockenzeit wohl zusehends auch in den höheren Lagen spürbar werden - mit möglicherweise verheerenden Folgen für die auf Feuchtigkeit angewiesenen Seychellenfrösche.

Durch eingeschleppte Tierarten scheinen die Seychellenfrösche bislang noch kaum beeinträchtigt worden zu sein. Die auf vielen anderen Inseln gemachten Erfahrungen zeigen aber, dass sich die Zustände überaus schnell ändern können: Eingeschleppte Fressfeinde, Wettstreiter oder Krankheitsträger können dermassen schnell die unwiderrufliche Ausrottung wehrloser Insellebewesen bewirken, dass überhaupt keine Zeit für schützende Gegenmassnahmen bleibt. Damit die faszinierenden Seychellenfrösche nicht von diesem tragischen Schicksal ereilt werden, bedarf es unserer ständigen Wachsamkeit.

 

 

Legenden

Der Gardiner-Seychellenfrosch (Sooglossus gardineri) gehört zu den kleinsten Wirbeltieren der Welt: Die erwachsenen Individuen sind gewöhnlich weniger als einen Zentimeter lang, und selbst die grössten Individuen messen maximal 1,7 Zentimeter (wobei die Weibchen im Durchschnitt eine Spur grösser sind als die Männchen). Typisch für die Art ist ein dunkles, auf dem Kopf stehendes V auf dem bronzefarbenen Rücken.

Wie seine Vettern ist der Gardiner-Seychellenfrosch zur Hauptsache ein Bewohner feuchter Waldungen. Seine Jungen entwickeln sich im Gegensatz zu denen der meisten anderen Frösche vollständig in den Eiern, so dass aus letzteren schliesslich fertige, drei bis vier Millimeter lange Fröschchen schlüpfen. Durch das «Überspringen» der Kaulquappenphase haben sich die Gardiner-Seychellenfrösche vom offenen Wasser unabhängig gemacht und sind für ihr Wohlbefinden bloss noch auf die Feuchtigkeit aus den Niederschlägen angewiesen.

Der Palmen-Seychellenfrosch (Sooglossus pipilodryas) wurde erst im Jahr 2000 entdeckt, und zwar durch den britischen Zoologen Justin Gerlach, der seit 1986 das Ökosystem der Seychellen erforscht. Auf Silhouette fing er an einer 500 Meter ü.M. liegenden Stelle namens Mon Plaisir einen Frosch, den er zunächst für einen grossen weiblichen Gardiner-Seychellenfrosch hielt. Bei der genaueren Untersuchung zeigte sich jedoch, dass es sich um eine andere, bislang unbekannte Art handeln musste. Er vermochte in der Folge weitere Individuen dieser neuen Art aufzuspüren. Mehrere davon hielt er ein Jahr lang in einem Terrarium, was ihm erlaubte, eine umfassende Beschreibung dieser neuen Froschart anzufertigen. Die Färbung der Palmen-Seychellenfrösche ist sehr variabel.

Der Eigentliche Seychellenfrosch (Sooglossus sechellensis) hüpft bei Gefahr nicht davon, sondern taucht gewöhnlich in die feuchte, vermodernde Laubschicht der von ihm bewohnten Wälder ein und verbirgt sich im bodennahen Gewirr aus Pilzfäden und Würzelchen. Wie seine Vettern scheint er sich von Termiten, Käferlarven und anderen kleinen Wirbeltieren zu ernähren.

Der Thomasset-Seychellenfrosch (Nesomantis thomasseti) ist das grösste Mitglied der Seychellenfroschfamilie: Erwachsene Individuen weisen gewöhnlich eine Körperlänge von mehr als 3,5 Zentimetern auf. Die Art bewohnt die «Nebelwälder», das heisst die häufig in Wolken gehüllten Gebirgswälder im Bereich der höchsten Gipfel der beiden Inseln Mahé und Silhouette.




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