Sitatunga

Tragelaphus spekii


© 2005 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



In Afrika sind über siebzig verschiedene Antilopenarten heimisch. Dass alle diese eng miteinander verwandten Huftiere nebeneinander existieren können, ist nur darum möglich, weil sie es im Laufe ihrer Stammesgeschichte geschafft haben, sich in Körperbau und Verhalten in sehr unterschiedliche Lebensräume einzupassen. Das Spektrum reicht von Trockenwüstenbewohnern wie der Mendesantilope (Addax nasomaculatus) über Gebirgsbewohner wie den Bergnyala (Tragelaphus buxtoni) bis hin zu Regenwaldbewohnern wie dem Zebraducker (Cephalophus zebra). Mehrere Antilopenarten sind ferner hervorragend an das Leben in Sumpflandschaften angepasst. Zu ihnen gehört die Sitatunga oder Sumpfantilope (Tragelaphus spekii), von der auf diesen Seiten berichtet werden soll.

 

Ein Drehhorn

Innerhalb der Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla) gehört die Sitatunga zur Familie der Hornträger (Bovidae), welcher neben den vielgestaltigen Antilopen auch die Wildschafe, Wildziegen und Wildrinder angehören. Die Familie umfasst insgesamt etwa 135 Arten, welche über weite Bereiche Eurasiens, Afrikas und Nordamerikas verbreitet sind.

Innerhalb der Hornträgerfamilie gehört die Sitatunga zur Gattung der Drehhörner (Tragelaphus), welche sieben Arten umfasst, darunter den Buschbock (Tragelaphus scriptus), eine der am weitesten verbreiteten und anpassungsfähigsten Antilopen Afrikas, und den Grossen Kudu (Tragelaphus strepsiceros), eine der stattlichsten und eindrucksvollsten unter den afrikanischen Antilopen. Alle Drehhörner sind Bewohner von Gegenden mit einer dichten Pflanzendecke und meiden gewöhnlich die offenen Grasländer, doch ist einzig die Sitatunga ausserdem ans Wasser gebunden.

Die Sitatunga gehört zwar zu den kleineren Mitgliedern der Drehhörner-Gattung, doch ist sie keineswegs eine kleine Antilope: Die Männchen weisen eine Schulterhöhe von 85 bis 125 Zentimetern, eine Kopfrumpflänge von 125 bis 170 Zentimetern und ein Gewicht von 70 bis 120 Kilogramm auf. Bei den Weibchen bemisst sich die Schulterhöhe auf 75 bis 105 Zentimeter und die Schulterhöhe auf 115 bis 150 Zentimeter, während das Gewicht bei 40 bis 100 Kilogramm liegt. Wie bei den meisten Antilopenarten tragen nur die Männchen Hörner. Es sind schraubig nach hinten-oben gewundene Gebilde, welche bis zu anderthalb Längswindungen und eine Länge von 92 Zentimetern erreichen können.

Hinsichtlich des Körperbaus der Sitatunga sind vor allem die stark verlängerten und weit spreizba-ren Hufe erwähnenswert: Die beiden Haupthufe können bei den Männchen vorne bis 18 Zentimeter und hinten bis 16 Zentimeter lang sein. Auch die beiden Nebenhufe sind mit einer Länge von zwei bis drei Zentimetern erheblich grösser als bei anderen Hornträgern. Es handelt sich hierbei um eine Anpassung an das Leben in Sümpfen, denn dank des speziellen Baus der Füsse verteilt sich das Körpergewicht auf eine verhältnismässig grosse Fläche, was die Tiere dazu befähigt, morastigen Untergrund zu begehen, ohne stark einzusinken.

 

Bei akuter Gefahr tauchen sie weg

Die Sitatunga hat zwar ein weites Verbreitungsgebiet, doch kommt sie darin nur fleckenweise, in weit verstreuten Beständen, vor. Das hat vor allem damit zu tun, dass Sumpfgebiete, welche ihren Lebensraumansprüchen genügen, von Natur aus nicht sonderlich häufig sind - und dass dieselben aufgrund der Machenschaften des Menschen immer seltener werden. Kommt hinzu, dass die Sitatunga infolge übermässiger Bejagung aus manchen Sumpfgebieten verschwunden ist.

In Westafrika findet man die Art in kleineren Beständen in Senegal, Gambia und Guinea-Bissau, ferner in Benin, Nigeria und Tschad (vor allem beim Tschad-See). Im zentralen Afrika existieren grössere Bestände in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik, Äquatorialguinea, Gabun, Kongo-Brazzaville und Kongo-Kinshasa. In Ostafrika kommen grössere Bestände im südlichen Sudan sowie in Uganda und Tansania vor; kleinere Bestände gibt es in Kenia, Ruanda und Burundi. Im südlichen Afrika finden sich nennenswerte Bestände in Sambia (vor allem im Bangweulu-Sumpfgebiet) und in Botsuana (im Okavango-Delta und im Linyanti-Chobe-Sumpfgebiet); kleinere Beständen leben in Angola, Namibia, Mosambik und Simbabwe.

In Burundi, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, kam die Sitatunga ursprünglich recht weit verbreitet vor. Heute überleben jedoch nur noch kleine Bestände in ein paar schwer zugänglichen Regionen, insbesondere im Ruvubu-Nationalpark und im Rusizi-Reservat. Letzteres um-schliesst das Delta, welches der Rusizi-Fluss beim Einmünden in den Tanganjika-See bildet.

Die Sitatunga verbringt in den meisten Bereichen ihres Verbreitungsgebiets den Grossteil ihres Lebens in durchschnittlich etwa ein Meter tiefem Wasser, und zwar inmitten von dichten Beständen von Papyrus (Cyperus papyrus), Schilf (Phragmites spp.) und Rohrkolben (Typha spp.). Da diese Pflanzen bis zu fünf Meter über den Wasserspiegel aufragen, ist die Sitatunga im Freiland sehr schwer zu beobachten.

Hierzu trägt ferner bei, dass sie sehr scheu ist und auf Störungen sehr empfindlich reagiert. Jedes ungewöhnliche Geräusch, das sie mit ihrem empfindlichen Gehör im Röhricht wahrnimmt, hat zur Folge, dass sie Reissaus nimmt: In weiten, kraftvollen Sprüngen, welche das Wasser hoch aufspritzen lassen, flüchtet sie zunächst etwa fünfzig bis hundert Meter weit. Danach verharrt sie bewegungs- und lautlos an Ort und überwacht aufmerksam die Lage. Erst wenn sich jetzt erweist, dass eine reale Gefahr besteht, setzt sie ihre Flucht über eine grössere Distanz fort. Anderenfalls geht sie wieder zur Tagesordnung über. Mit dieser Strategie vermeidet sie einerseits jegliches unnötige Risiko, verschwendet aber andererseits nicht unnötig Energie.

Dank ihrer kräftigen Hinterbeine, welche länger sind als die Vorderbeine, vermag sich die Sitatunga mit erstaunlicher Leichtigkeit und Geschwindigkeit im Wasser fortzubewegen. Bei realer Gefahr flüchtet sie deshalb stets ins Wasser hinein, weil sie dort ihre Verfolger in aller Regel abzuschütteln vermag. Sollte sie in «bodenloses» Wasser geraten, ist dies kein Problem, denn sie schwimmt auch ausgezeichnet. In grosser Bedrängnis soll sie sogar so wegtauchen, dass nur noch ihre Nasenöffnungen aus dem Wasser ragen. Für einen Hornträger ist dies recht ungewöhnlich.

 

Von Haremsdamen und Junggesellen

Interessanterweise meidet die Sitatunga in entspannter Situation offene Wasserflächen nach Mög-lichkeit, da dort stets die Gefahr besteht, von Nilkrokodilen (Crocodylus niloticus) angefallen zu werden. Selbst die breiten Wasserkanäle, welche im afrikanischen Röhricht vielerorts existieren und von Generationen von Flusspferden (Hippopotamus amphibius) geschaffen worden sind, meidet sie, da diese ebenfalls von Krokodilen besucht werden. Sie bewegt sich vorzugsweise in engen «Gassen» umher, welche in der Regel von ihr selbst angelegt worden sind, und springt jeweils elegant über Flusspferdekanäle hinweg, wenn sie auf solche trifft.

Dem Nahrungserwerb geht die Sitatunga vor allem während der kühleren Tageszeiten nach. Vielfach ragen dabei bloss ihr Kopf, Hals und Rücken aus dem Wasser. Als Nahrung dienen ihr diverse Wasser-, Sumpf- und Uferpflanzen. Zu nennen sind hauptsächlich die zarten Sprossen von Papyrus, Schilf und Rohrkolben sowie Wasserfarne (Bolbitis spp.). Während der mittäglichen Hitze ruht sie, und zwar vorzugsweise oberhalb des Wasserspiegels auf plattformartigen, aus umgeknickten Papyrus- oder Schilfhalmen bestehenden «Matten». Solche Matten legt sie bei Bedarf selbst an, indem sie Papyrus- oder Schilfhalme umknickt und niedertritt.

Die Sitatungas sind standorttreue Tiere. Die meisten von ihnen leben in «Haremsgruppen», welche aus ein paar erwachsenen Weibchen und deren Jungen bestehen und von einem erwachsenen Männchen angeführt werden. Die «überschüssigen» Männchen leben einzelgängerisch oder bilden mit ihresgleichen kleine «Junggesellentrupps». In ungestörtem Zustand verteilen sich die Mitglieder der Haremsgruppen jeweils über ein grösseres Gebiet und gehen unabhängig voneinander dem Nahrungserwerb nach. Beim geringsten Anzeichen einer Gefahr versammeln sich die Tiere jedoch sofort und flüchten dann als Einheit.

Kleine Feuchtgebiete vermögen oftmals nur eine einzige Haremsgruppe ausreichend zu ernähren, während grossflächige Sumpflandschaften im Allgemeinen zahlreichen Gruppen eine Lebensgrundlage bieten. In letzterem Fall versuchen die erwachsenen Männchen immer wieder, ihren Harem zu vergrössern, indem sie den Nachbarn Weibchen abspenstig machen. Es kommt deshalb häufig zu Kämpfen zwischen den rivalisierenden Männchen. Da es sich um ritualisierte Horn- und Halskämpfe handelt, haben diese allerdings kaum je ernsthafte Verletzungen zur Folge.

 

Geburtsgewicht: 4 Kilogramm

Die Sitatungas kennen keine feste Fortpflanzungszeit. Junge werden zu jeder Jahreszeit geboren, und dementsprechend finden sich in den Haremsgruppen Jungtiere aller Altersstufen. Die Tragzeit dauert etwa acht Monate. Zwillinge kommen zwar ausnahmsweise vor; Einzelkinder sind jedoch die Regel. Die Sitatungakinder wiegen bei der Geburt etwa vier Kilogramm und sind typische «Ablieger»: Sie begleiten in den ersten drei bis vier Lebenswochen ihre Mutter nicht bei deren Streifzügen, sondern legen sich gut versteckt auf eine über dem Wasserspiegel liegende Matte aus Papyrus- oder Schilfhalmen. Dort warten sie geduldig auf ihre Mutter, welche regelmässig zum Säugen erscheint. Meistens dauert das Säugen fünf bis zehn Minuten.

Insgesamt vier bis sechs Monate lang werden die jungen Sitatungas gesäugt. Danach vermögen sie sich selbstständig zu ernähren. Sie verlassen alsbald die elterliche Gruppe und streifen umher. Die jungen Weibchen schliessen sich meist schon nach kurzer Zeit einer fremden Haremsgruppe an und pflanzen sich gewöhnlich in ihrem zweiten Lebensjahr erstmals fort. Dahingegen streifen die jungen Männchen zumeist mehrere Jahre lang einzelgängerisch oder in Junggesellentrupps umher. Dann erst sind sie kräftig genug, um ältere Haremsbesitzer zum Kampf herausfordern, gelegentlich siegreich aus einem solchen Kampf hervorgehen und sich den betreffenden Harem aneignen zu können.

In Menschenobhut werden die Sitatungas oftmals über zwanzig Jahre alt. In der freien Wildbahn dürfte die durchschnittliche Lebenserwartung wesentlich geringer sein. Vom Menschen abgesehen scheinen Nilkrokodile für die meisten Todesfälle verantwortlich zu sein, aber vermutlich spielen auch Felsenpythons (Python sebae), Leoparden (Panthera pardus) und Löwen (Panthera leo) als natürliche Feinde eine Rolle.

 

Schwindende Bestände

Aufgrund des heimlichen Lebens, das die Sitatungas in ihren unzugänglichen und kaum einsehbaren Lebensräumen führen, ist es nicht möglich, einigermassen verlässliche Informationen über die Grösse ihrer Bestände zu erhalten. Tatsächlich vermutet man, dass bei Erhebungen per Flugzeug die Bestandsgrössen bis fünfzig Mal zu gering eingeschätzt werden, wenn man die üblichen Hochrechnungsmethoden anwendet. Erhebungen per Boot erweisen sich als ebenso unzuverlässig, da sich nur die offeneren Teile der von den Sitatungas bewohnten Sumpfgebiete befahren lassen, was ebenfalls zu erheblichen Fehlern bei der Hochrechnung führen dürfte.

Wir können darum bloss eine grobe Einschätzung betreffend die Bestandssituation der Sitatunga vornehmen. Gewiss ist, dass die Sumpfantilope noch immer sehr weit verbreitet ist - vom westlichen über das zentrale bis zum östlichen und südlichen Afrika. Sicher ist ferner, dass sie innerhalb dieses Areals in mehreren grossflächigen und verhältnismässig gut geschützten Sumpflandschaften, beispielsweise im Okavango-Delta in Botsuana, in gesunden Beständen vorkommt. Insgesamt, als Art, gilt sie deshalb nicht als in ihrem Fortbestand gefährdet.

Kein Zweifel besteht andererseits darüber, dass die Sitatunga in den allermeisten Bereichen ihres Verbreitungsgebiets unter erheblichem Druck steht - einerseits durch die Jagd, andererseits durch die Umwandlung von Sumpfgebieten in Kulturland und somit den Verlust ihres Lebensraums. Praktisch überall ist sie darum selten geworden, gebietsweise - etwa in Guinea, Ghana, Togo und Niger - sogar bereits ausgestorben. Denn leider ist die Sitatunga leicht zu bejagen, entweder mittels Drahtschlingen, die man in ihren Gängen im Röhricht auslegt, oder aber mittels Hunden, die man ins Röhricht hetzt. Wenn die Sumpfantilopen dann ins Wasser flüchten, können sie von Booten aus bequem abgeschossen werden.

Gerade weil es sehr schwierig ist, die Bestandsentwicklung der Sitatunga einigermassen zuverlässig zu verfolgen, bedarf sie unserer besonderen Aufmerksamkeit. Die Weltnaturschutzunion (IUCN) hat die Art deshalb vor ein paar Jahren in der Kategorie «beinahe gefährdet» in ihre berüchtigte Rote Liste aufgenommen.

 

 

 

 

Legenden

Bei der Sitatunga oder Sumpfantilope (Tragelaphus spekii) sind die Männchen (links) mit einer Schulterhöhe von 85 bis 125 Zentimetern und einem Gewicht von 70 bis 120 Kilogramm deutlich grösser als die Weibchen (rechts), welche eine Schulterhöhe von 75 bis 105 Zentimetern und ein Gewicht von 40 bis 100 Kilogramm aufweisen. Die Männchen unterscheiden sich ferner von den Weibchen durch den Besitz eines imposanten Gehörns und durch eine dunklere Fellfarbe.

Das Verbreitungsgebiet der Sitatunga erstreckt sich über die meisten Bereiche Afrikas südlich der Sahara. Allerdings kommt sie innerhalb dieses Areals nur fleckenhaft, in weit verstreuten Beständen, vor, denn sie bewohnt ausschliesslich Sumpflandschaften. Ihre stark verlängerten und weit spreizbaren Hufe sind eine Anpassung an das Leben im Sumpf: Mit ihnen vermag sie morastigen Boden zu begehen, ohne stark einzusinken.

Die Sitatunga verbringt den Grossteil ihres Lebens in etwa ein Meter tiefem Wasser, und zwar inmitten von dichten Beständen von Papyrus, Schilf und Rohrkolben. Als Nahrung dienen ihr diverse Wasser-, Sumpf- und Uferpflanzen.

Die Grundeinheit der Sitatungagesellschaft bilden Haremsgruppen, die sich aus ein paar erwachsenen Weibchen, deren Jungen in verschiedenen Altersstufen und einem erwachsenen Männchen zusammensetzen. Eine feste Fortpflanzungszeit kennen die Sitatungas nicht: Paarungen und Ge-burten finden zu jeder Jahreszeit statt.

Die Sitatungakälber kommen in der Regel als Einzelkinder nach einer Tragzeit von etwa acht Monaten zur Welt. Während der ersten drei bis vier Lebenswochen ruhen sie die ganze Zeit gut versteckt in einem Lager aus Papyrus- oder Schilfhalmen und werden dort regelmässig von ihrer Mutter zum Säugen besucht. Erst hernach begleiten sie sie auf ihren Streifzügen.




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