Subantarktischer Seebär

Arctocephalus tropicalis


© 2005 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Der Umgang mit dem Wasser ist bei den weltweit rund 4700 Mitgliedern der Klasse der Säugetiere (Mammalia) sehr unterschiedlich. Einzelne wissen mit dem nassen Medium überhaupt nichts anzufangen. Die südostasiatischen Gibbons oder Langarmaffen (Familie Hylobatidae) beispielsweise, welche ihr ganzes Leben im Kronendach des Regenwalds verbringen, gehen einfach unter und ertrinken, wenn sie ins Wasser fallen. Andere, wie die Delfine (Familie Delphinidae), haben sich im Laufe ihrer Stammesgeschichte vollständig vom Land gelöst und verbringen ihr gesamtes Leben im Wasser.

Zwischen diesen beiden Extremen finden sich sämtliche Übergänge - von ausgesprochen «bodenständigen» Säugetieren, die bei Bedarf dennoch leidlich schwimmen können, über solche, die ein halbaquatisches Leben an Gewässerrändern führen und zum Beispiel dank Schwimmhäuten gut an dieses angepasst sind, bis hin zu Arten, welche einzig für die Geburt und Aufzucht ihrer Jungen noch das Land betreten und sich dort eher schwer tun mit der Fortbewegung.

Zu letzteren gehören die Robbenartigen (Pinnipedia). Diese werden von manchen Fachleuten als eine eigene Ordnung eingestuft, von anderen hingegen als eine Unterordnung in die Ordnung der Raubtiere (Carnivora) gestellt und darum auch als «Wasserraubtiere» bezeichnet. Wir wollen uns hier nicht in den Streit der Gelehrten einmischen. So oder so lassen sich die insgesamt 34 Arten von Robbenartigen in drei Familien gliedern: die Hundsrobben (Phocidae) mit 19 Arten, die Ohrenrobben (Otariidae) mit 14 Arten und die Walrosse (Odobenidae) mit 1 Art. Zur Familie der Ohrenrobben gehört der Subantarktische Seebär (Arctocephalus tropicalis), von dem hier berichtet werden soll.

 

Seebär mit Gesichtsmaske

Insgesamt, als Sippe, haben die Robbenartigen eine überaus weite Verbreitung. Man kann ihnen in den meisten Ozeanen und Meeren rund um den Globus herum und sogar in zwei grossen Binnenseen, dem Kaspischen Meer und dem Baikalsee, begegnen. Während bei den meisten anderen Säugetiersippen die Artenvielfalt äquatorwärts zunimmt und in den Tropenregionen am grössten ist, haben die Robbenartigen ihren Verbreitungsschwerpunkt in den kühlen, äquatorfernen Zonen des hohen Nordens und - insbesondere - des «tiefen» Südens. Diese ungewöhnliche geografische Verteilung gilt exemplarisch für die Familie der Ohrenrobben: Bei ihnen gibt es eine einzige echte Tropenart, nämlich den Galapagos-Seebären (Arctocephalus galapagoensis), sodann vier Arten, welche in den kühlen bis kalten Gewässern der nördlichen Erdhalbkugel heimisch sind, und schliesslich neun Arten, welche in den kühlen bis kalten Meeresbereichen der südlichen Erdhalbkugel vorkommen, darunter der Subantarktische Seebär.

Der Subantarktische Seebär ist einer von acht Südlichen Seebären, welche in der Gattung Arctocephalus zusammengefasst werden und alle einander sehr ähnlich sehen. Wie bei allen Ohrenrobben ist der Geschlechtsdimorphismus, also die «Zweigestaltigkeit» der Männchen und der Weibchen, bei ihm sehr ausgeprägt. Zwar sind die erwachsenen Männchen mit einer Körperlänge von normalerweise etwa 180 Zentimetern nicht wesentlich grösser als die ungefähr 150 Zentimeter langen Weibchen. Sie sind aber beträchtlich massiger gebaut und weisen deshalb im Mittel das zweieinhalbfache Gewicht der erwachsenen Weibchen auf: Durchschnittlich wiegen sie 130 (maximal 165) Kilogramm, während die Weibchen bloss 50 bis 55 Kilogramm auf die Waage bringen. Der Eindruck der Dickleibigkeit wird durch das zottige Fell, das den Halsbereich der Männchen ziert (und von dem die «Bären der See» ihren Namen haben), noch verstärkt.

Von den anderen Südlichen Seebären unterscheidet sich der Subantarktische Seebär durch eine recht deutliche Fellzeichnung: Die helle Brust und die helle Gesichtsmaske, welche bis über die Augen reicht, heben sich deutlich vom dunkel gefärbten Rest des Körpers ab.

 

Stützpunkte auf subantarktischen Inseln

Bei allen Seebärenarten versammeln sich die erwachsenen Tiere zur Fortpflanzungszeit in oft grosser Zahl an ihren traditionellen Geburts- und Paarungsstränden. Einzelne dieser Lagerplätze finden sich zwar an den Festlandküsten Südamerikas, Afrikas und Australiens; mehrheitlich und vorzugsweise liegen sie aber im Küstenbereich abgeschiedener Inseln, vermutlich weil dort keine Landraubtiere vorkommen, die den Neugeborenen gefährlich werden können.

Der Subantarktische Seebär gehört zu denjenigen Arten, die sich ausschliesslich auf Inseln fortpflanzen. Wie sein Artname andeutet, befinden sich die Lagerplätze in seinem Fall auf Inseln, welche in der subantarktischen Zone liegen, genauer in den kühlen gemässigten Bereichen des Atlantischen und des Indischen Ozeans. Die umfangreichste Kolonie befindet sich auf der Insel Gough, welche zur britischen Tristan-da-Cunha-Inselgruppe gehört und im Südatlantik bei ungefähr 37 Grad südlicher Breite liegt. Weitere bedeutende Bestände gibt es auf der Insel Neu-Amsterdam, einem französischen Territorium im zentralen Bereich des Indischen Ozeans bei ebenfalls etwa 37 Grad südlicher Breite, und auf den Prinz-Edward-Inseln, einem politisch zu Südafrika gehörenden Inselpaar, das zwischen dem Kap der Guten Hoffnung und Antarktika bei ungefähr 46 Grad südlicher Breite liegt.

Innerhalb der Tristan-da-Cunha-Inselgruppe schreitet der Subantarktische Seebär neuerdings auch auf Tristan da Cunha selbst zur Fortpflanzung. Und auch auf weiteren subantarktischen Inseln haben sich in jüngerer Zeit Kolonien gebildet, so auf St. Paul (im Indischen Ozean; französisch), auf den Crozet-Inseln (im Indischen Ozean; französisch) und auf der Macquarie-Insel (südlich von Australien; australisch).

Ausserhalb der Fortpflanzungszeit wandern die Subantarktischen Seebären weit umher und besuchen Meeresgebiete, welche Hunderte oder sogar Tausende von Kilometern von ihrem «Heimathafen» entfernt liegen. In der Regel verlassen sie dabei die subantarktischen Bereiche des Atlantischen und des Indischen Ozeans nicht. Einzelne vagabundierende Individuen, hauptsächlich junge Männchen, wurden jedoch im Atlantik nordwärts schon bis Brasilien und Angola verzeichnet, im Indischen Ozean bis zu den Komoren. Und selbst im Pazifik, beispielsweise bei den Juan-Fernandez-Inseln vor der zentralchilenischen Küste und bei Neuseeland, wurden solche «Streuner» schon gesichtet.

Zur Fortpflanzung schreiten die Subantarktischen Seebären jeweils von November bis Januar, also im südlichen Sommer. Die erwachsenen Männchen erscheinen jeweils als erste an ihren traditionellen Lagerplätzen und beginnen sofort, den betreffenden Küstenabschnitt untereinander in Territorien aufzuteilen. Jedes wählt sich einen möglichst günstigen Platz, den es fortan als sein Eigentum betrachtet und in den nächsten ein bis zwei Monaten freiwillig nicht wieder verlässt, auch nicht zur Nahrungsaufnahme.

Bald treffen auch die Weibchen ein. Sie bringen zunächst - oft schon am ersten Tag ihres Landgangs - ihre Jungen zur Welt. Und nur fünf oder sechs Tage später sind sie paarungswillig und lassen sich von den anwesenden Männchen begatten. Die Trächtigkeit der Seebärenweibchen dauert also rund ein Jahr. Allerdings nisten sich die befruchteten Eier erst nach einer ungefähr dreimonatigen Verzögerung in der Gebärmutter ein, so dass erst dann die Embryonalentwicklung ihren Lauf nimmt.

Die Männchen versuchen, möglichst viele der ankommenden Weibchen auf ihr Grundstück zu locken und um sich zu scharen, bis diese paarungsbereit sind. Es ist für sie eine anstrengende Zeit, in welcher sie ständig damit beschäftigt sind, die Weibchen vom Abwandern abzuhalten und gleichzeitig das Territorium gegenüber den Nachbarn zu verteidigen. In den meisten Kolonien bestehen die Harems der Männchen deshalb aus höchstens einem Dutzend Weibchen; meistens sind es sogar deutlich weniger.

 

Fische bilden die Hauptspeise

Die jungen Subantarktischen Seebären kommen als Einzelkinder in weit entwickeltem Zustand mit offenen Augen zur Welt. Sie weisen bei der Geburt eine Länge von ungefähr 65 Zentimetern auf, wiegen 4 bis 5 Kilogramm und tragen ein weiches schwarzes Haarkleid.

Ungefähr fünf Tage lang bleiben die Mütter bei ihren Jungen und säugen sie in dieser Zeit ausgiebig. Dann, nachdem sie sich gepaart haben, verlassen sie die Kinderstube und gehen im Meer auf Nahrungssuche. Gewöhnlich sind sie mindestens fünf Tage lang unterwegs und können sich dabei weit von ihrer Kolonie entfernen. Während dieser Zeit zehren die Jungen von den Reserven, die sie dank der nährreichen Muttermilch - deren Fettgehalt den von Kuhmilch um das Zwölffache übertrifft - während der anfänglichen Säugephase anlegen konnten.

Kehren die Weibchen schliesslich zum Küstenabschnitt zurück, an dem sie ihre Jungen zurückgelassen haben, so äussern sie einen charakteristischen Kontaktruf. Die Jungen erkennen die Stimme ihrer Mutter und antworten ihrerseits mit einem besonderen Laut, den wiederum die Weibchen zu identifizieren vermögen. So finden diese ihre Jungen mit unfehlbarer Sicherheit unter den oftmals vielen hundert Robbenkindern, welche über den Küstenabschnitt verstreut herumliegen. Die Weibchen bleiben hernach während zwei bis vier Tagen bei ihren Jungen, säugen sie wiederum intensiv und tauchen dann erneut für mehrere Tage ins Meer ein. So geht das während der nächsten Monate weiter.

Die Jungen wechseln ihr schwarzes Kinderkleid im Alter von ungefähr drei Monaten gegen ein wasserfestes Jugendkleid ein. Sie sind schon bald recht unternehmungslustig und spielen mit ihresgleichen an Land wie im Wasser, indem sie auf Felsen herumrutschen oder sich gegenseitig jagen. Entwöhnt werden sie allerdings erst im September oder Oktober, im Alter von etwa neun Monaten. Dann löst sich der Bund zwischen den Müttern und ihren Kindern auf, und alle gehen in der Folge unabhängig voneinander im Meer auf Nahrungssuche. Schon im südlichen Herbst haben die Männchen ihre mühsam erkämpften Plätze verlassen. Nun, im südlichen Frühling, verlassen auch die Mütter und die Jungen die Küste, sodass sich der Lagerplatz mehr und mehr entvölkert - bis dann im November die neue Fortpflanzungszeit beginnt.

Geschlechtsreif werden die Weibchen mit vier bis sechs, die Männchen mit vier bis acht Jahren. Letztere können allerdings erst im Alter von etwa zehn Jahren ins Fortpflanzungsgeschehen eingreifen, wenn sie genügend Kraft besitzen, um ein eigenes Territorium zu erobern und zu halten. Die Lebenserwartung liegt bei ungefähr 18 bis 23 Jahren.

Wie alle Robbenartigen nehmen die Subantarktischen Seebären ausschliesslich tierliche Nahrung zu sich. Ihre Kost umfasst ein breites Spektrum meereslebender Tiere, insbesondere Fische, aber auch Tintenfische, Krebstiere und - selten - Pinguine. Im Allgemeinen gehen sie in den oberflächennahen Wasserschichten auf Beutefang, und zwar vorwiegend nachts, da dann viele Meerestiere, die den Tag in dunkler, sicherer Tiefe verbracht haben, an die sauerstoff- und nährstoffreiche Meeresoberfläche aufsteigen. Die Seebären können ihrerseits Haien und Schwertwalen (Orcinus orca) zum Opfer fallen.

 

Seebären sind «Pelzrobben»

Bis zum 19. Jahrhundert wiesen die Subantarktischen Seebären sehr umfangreiche Bestände auf. Weil ihr Fell wie bei allen Seebären unter dem strähnigen Oberhaar eine überaus dichte, gut isolierende Unterwolle aufweist und darum einen wertvollen Pelz abgibt, und auch weil sich ihr Unterhautfett («Blubber») zu einem erstklassigen Lampenöl einkochen lässt, wurden sie im Verlauf des 19. Jahrhunderts jedoch in ihrem ganzen Verbreitungsgebiet massiv bejagt. An ihren traditionellen Lagerplätzen, wo sie sich jeweils zur Fortpflanzungszeit versammeln, wurden die grossen Robben eine leichte Beute des Menschen. Unbarmherzig, zu Abertausenden, wurden sie hingeschlachtet, bis ihre Bestände schliesslich dermassen ausgedünnt waren, dass der Fang von den Robbenjägern aufgegeben wurde, weil er sich nicht mehr lohnte.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Subantarktische Seebär wie die meisten seiner Vettern als stark bedroht eingestuft. Zwei Arten, der Juan-Fernandez-Seebär (Arctocephalus philippii) und der Guadelupe-Seebär (Arctocephalus townsendi), galten damals sogar als vollständig ausgerottet, was sich später - erfreulicherweise - als Irrtum erwies. Nun endlich erhielten die Seebären den nötigen gesetzlichen Schutz, und dies hat es ihren Beständen erlaubt, sich zu erholen. Einigen Arten geht es inzwischen wieder überraschend gut. So auch dem Subantarktischen Seebären, dessen Kolonien in der jüngeren Vergangenheit mit einer Rate von 12 bis 15 Prozent im Jahr angewachsen sind und der inzwischen wie erwähnt verwaiste Lagerplätze wiederzubesiedeln vermocht hat. Der Gesamtbestand wird gegenwärtig auf 280 000 bis 360 000 Individuen geschätzt, die Zahl der Neugeborenen im Jahr auf 80 000.

So lässt sich die erfreuliche Feststellung machen, dass der Fortbestand der Art vorerst als gesichert erscheint. Dies umso mehr, als die Insel Gough, wo ungefähr sechzig Prozent aller Subantarktischen Seebären ihren Heimathafen haben, aufgrund ihrer grossen Bedeutung für die Tierwelt des Südatlantiks in das UNESCO-Verzeichnis des Weltnaturerbes aufgenommen worden ist und somit über einen besonders guten Schutzstatus verfügt.

 

 

 

 

Legenden

Beim Subantarktischen Seebären (Arctocephalus tropicalis) sind die Männchen mit einem Gewicht von durchschnittlich 130 Kilogramm und einer Länge von normalerweise etwa 180 Zentimetern grösser und vor allem massiger als die Weibchen, welche bloss 50 bis 55 Kilogramm wiegen und ungefähr 150 Zentimeter in der Länge messen. Der Eindruck der Dickleibigkeit wird bei den Männchen durch das zottige Fell im Halsbereich, dem die «Bären der See» ihren Namen verdanken, noch verstärkt.

Wie alle Ohrenrobben (Familie Otariidae) - aber im Unterschied zu den Hundsrobben (Familie Phocidae) - vermögen die Subantarktischen Seebären ihre Hinterflossen nach vorn zu kehren und sich darum an Land nicht bloss «robbend», sondern auf allen vier Gliedmassen schreitend umherzubewegen (oben). Wirklich in ihrem Element sind sie allerdings im Meer (links). Dort setzen sie beim Schwimmen vor allem die Vorderflossen ein und fliegen förmlich durch das Wasser, wie dies auch die Pinguine und die Meeresschildkröten tun.

Das Verbreitungsgebiet des Subantarktischen Seebären erstreckt sich über die kühlen subantarktischen Bereiche des Atlantischen und des Indischen Ozeans. Seine Geburts- und Paarungsplätze befinden sich weit verstreut auf den hier und dort aus dem Meer ragenden, zumeist kleinflächigen Inseln innerhalb dieses Areals. Die umfangreichsten Kolonien befinden sich auf der britischen Insel Gough, auf der französischen Insel Neu-Amsterdam und auf dem südafrikanischen Prinz-Edward-Inselpaar.

Jeweils von November bis Januar, also im südlichen Sommer, versammeln sich die erwachsenen Subantarktischen Seebären an ihren traditionellen Lagerplätzen, um sich der Fortpflanzung zu widmen. Die Weibchen bringen zunächst ihre Jungen zur Welt, dann, wenige Tage später, paaren sie sich mit den Männchen. Ihre Trächtigkeit dauert also fast exakt ein Jahr.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stand der Subantarktische Seebär am Rand der Ausrottung, nachdem er im Verlauf des 19. Jahrhunderts - vor allem wegen seines begehrten Pelzes - an allen seinen Lagerplätzen unbarmherzig abgeschlachtet worden war. Heute, nach rund hundert Jahren des gesetzlichen Schutzes, geht es ihm wieder überraschend gut. Sein Gesamtbestand wird auf 280 000 bis 360 000 Individuen geschätzt.




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