Vielfrass

Gulo gulo


© 2004 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Der Vielfrass (Gulo gulo) ist das grösste landlebende Mitglied der Familie der Marder (Mustelidae), welche neben den eigentlichen Mardern die Wiesel, Nerze, Iltisse, Dachse, Skunks, Otter und weitere Formen umfasst. Lediglich zwei wasserlebende Mitglieder der Familie sind noch grösser, nämlich der südamerikanische Riesenotter (Pteronura brasiliensis) und der hauptsächlich im Bereich des Beringmeers heimische Seeotter (Enhydra lutris). Erwachsene männliche Vielfrasse weisen eine Schulterhöhe von etwa 40 Zentimetern, eine Kopfrumpflänge von gewöhnlich 70 bis 85 Zentimetern, eine Schwanzlänge von ungefähr 20 Zentimetern und ein Gewicht von zumeist zwischen 10 und 17 Kilogramm auf. Die Weibchen sind im Durchschnitt etwas kleiner und wiegen gewöhnlich um 9 Kilogramm.

Im Unterschied zu den meisten anderen Mitgliedern der Marderfamilie hat der Vielfrass einen gedrungen gebauten, beinahe bärenartigen Körper, weshalb er mitunter auch «Bärenmarder» genannt wird. Seine Beine sind verhältnismässig kurz, seine Tatzen hingegen gross und breit und tragen je fünf robuste Krallen. Mächtig ist auch sein Gebiss. Tatsächlich verfügt der Vielfrass für seine Grösse über enorme Kräfte. Es ist schon beobachtet worden, wie ein Vielfrass einen Luchs auf einen Baum jagte, ihm nachkletterte und ihn dann buchstäblich vom Ast herunterriss und ihm den Garaus machte.

 

Taigabewohner mit «Stinkwaffe»

Der Vielfrass kommt rund um den Erdball herum schwergewichtig in der so genannten «Taiga» vor, also in jenem ausgedehnten Nadelwaldgürtel, der sich in Nordeuropa, Nordasien und Nordamerika zwischen der offenen, von Zwergsträuchern geprägten Tundra im Norden und der Laubwaldzone im Süden erstreckt. In Eurasien begegnet man dem Vielfrass in Skandinavien, in Russland und in der Mongolei, südwärts bis maximal zum 50. nördlichen Breitengrad. Aus dem Baltikum und dem nordöstlichen Polen wurde er in historischer Zeit durch den Menschen verdrängt. In Nordamerika fand er sich einst von der West- bis zur Ostküste, südwärts gebietsweise bis zum 37. nördlichen Breitengrad. Heute überlebt die Art in grösseren Beständen nur noch in Alaska und im nördlichen sowie westlichen Kanada.

Innerhalb seines Verbreitungsgebiets hält sich der Vielfrass vorzugsweise in baumbestandenem Gelände auf, besucht aber durchaus auch offenere Moorlandschaften und andere tundraartige Landstriche. Er zeigt im Übrigen eine klare Vorliebe für Gegenden, welche im Winter eine dicke Schneedecke aufweisen.

Wie die meisten anderen Grossraubtiere führt der Vielfrass die meiste Zeit des Jahres ein einzelgängerisches Leben. Und wie bei vielen anderen Grossraubtieren beansprucht jedes Individuum einen sehr grossen Eigenbezirk für sich allein. Bei Studien in Nordamerika wie auch in Skandinavien wurden Vielfrassterritorien von teils mehr als 1500 Quadratkilometern Grösse festgestellt. Die Ausdehnung der Eigenbezirke ist allerdings sehr unterschiedlich und hängt zweifellos stark vom lokalen Nahrungsangebot ab. Bei den Weibchen spielt wohl zusätzlich das Angebot an Wurfplätzen eine Rolle.

Stets halten die Männchen grössere Territorien besetzt als die Weibchen. Die kleinsten registrierten Eigenbezirke männlicher Tiere bemassen sich auf etwa 400 Quadratkilometer, die kleinsten für Weibchen festgestellten hingegen auf nur ungefähr 100 Quadratkilometer. Wie stark die Tiere ihre Territorien - oder Teile davon - gegenüber ihren Artgenossen verteidigen, ist nicht genau geklärt. Es gibt aber Hinweise darauf, dass das Mass der Unduldsamkeit je nach Bereich des Eigenbezirks und auch je nach Jahreszeit schwankt.

Anlässlich ihrer Streifzüge durch das Territorium setzen die Vielfrasse immer wieder Duftmarken. Dadurch bekunden sie einerseits gegenüber allen anderen Artgenossen - Nachbarn wie Durchzüglern - ihre Anwesenheit im betreffenden Gebiet und ihren Anspruch auf das Grundstück oder zumindest das Wohnrecht darin. Gleichzeitig geben sie Auskunft über ihren physischen Zustand, insbesondere über ihr Geschlecht, ihr Alter und ihre Gesundheit, im Fall der Weibchen auch über ihre Paarungsbereitschaft.

Als Duftstoffe dienen neben Harn und Kot die Ausscheidungen spezieller Bauch- und Analdrüsen. Als Duftträger kommt zumeist ein kleinerer Baum zum Einsatz: Der Vielfrass umklammert denselben, reibt seinen Bauch gegen den Stamm und verbeisst sich gleichzeitig in dessen Rinde. Jedes Individuum besucht bei seinen Streifzügen vorzugsweise immer wieder dieselben Markierstellen. Bei einem mit einem Senderhalsband versehenen Individuum in Finnland wurden bis zu 26 «Markierstopps» je Nacht gezählt.

Die gelblichgrüne, stinkende Flüssigkeit seiner Analdrüsen vermag der Vielfrass im Übrigen nicht nur zwecks Markierung abzusondern, sondern kann sie bei Bedarf auch bis drei Meter weit ausspritzen, wie wir das von den Skunks her kennen. Gegenüber Jagdhunden beispielsweise setzt er dieses Sekret als - überaus wirksame - Abwehrwaffe ein. Die Tatsache, dass ihm selbst körperlich überlegene Bären ihre Beute überlassen, lässt vermuten, dass er sie ferner als Angriffswaffe anzuwenden weiss.

 

Hirsche als Hauptspeise

Vielerorts ist der Vielfrass in der Nacht rege und schläft am Tag. Dieser Aktivitätsrhythmus scheint jedoch keineswegs ursprünglich, sondern die Reaktion auf die Verfolgung durch den Menschen zu sein. Wo der Vielfrass ungestört ist, geht er nämlich sowohl am Tag als auch in der Nacht auf die Nahrungssuche, wobei er typischerweise abwechselnd drei bis vier Stunden wacht und schläft.

Anlässlich seiner Beutezüge durchstreift der Vielfrass mit kurzen, charakteristischen Mardersprüngen sein Revier und legt dabei an einem einzigen Tag bis über fünfzig Kilometer zurück. Was immer er findet oder fangen kann, verschlingt er gierig. Gerne macht er sich über die Beute anderer Raubtiere her, und auch Aas verschmäht er keineswegs. Oft plündert er Fallen und bricht in Blockhütten ein, um sich an den vorhandenen Nahrungsmitteln gütlich zu tun. Sein Ruf ist daher in manchen Regionen nicht der beste.

Untersuchungen in Nordamerika wie auch in Nordeurasien haben gezeigt, dass sich der Vielfrass in erster Linie von tierlichen Stoffen ernährt. Überall bilden Mitglieder der Hirschfamilie (Cervidae) - namentlich Reh (Capreolus spp.), Rentier (Rangifer tarandus) und Elch (Alces alces) - die wichtigsten Beutetiere. Bei der Untersuchung der Lebensweise von Vielfrassen in Norwegen ergab sich hinsichtlich der wichtigsten Nahrungsdinge die folgende «Rangliste»: 1. Rentiere, 2. Elche, 3. Rehe, 4. Rotfüchse (Vulpes vulpes), 5. Hasen (Lepus spp.), 6. Nagetiere, 7. Vögel, 8. pflanzliche Stoffe (v.a. Beeren). Als vereinzelt verzehrte Nahrungsdinge wurden ferner festgestellt: Schafe, Eier, Wespenlarven, Fische und Frösche.

Solche Auflistungen sind allerdings etwas trügerisch, da sie keine Auskunft über die Kostzusammensetzung im Jahresverlauf geben. Tatsächlich sind die saisonalen Unterschiede erheblich. Da der Vielfrass seine Opfer weder belauert noch anpirscht noch schnellfüssig zu Tode hetzt, sondern sich im Sommer ungeachtet knackender Äste, raschelnden Laubs und platschenden Wassers, also mit erheblichem Krach, durch das Gelände bewegt, kann er sich während der in seiner Heimat kurzen schneefreien Zeit nur von Tieren ernähren, die wenig flüchtig sind - vor allem aber von unbeweglichen Stoffen. Tierleichen bilden dann seine Hauptnahrung. Daneben verzehrt er Eier bodenbrütender Vögel, Wespenlarven und Wühlmäuse; er reisst Elch- und Rentierkälber, die allein in ihrem Lager liegen; und er verspeist Beeren, Knospen und Triebe. Im Sommer ist der Vielfrass also keineswegs ein «zünftiger Jäger».

Anders ist die Situation zur Winterzeit: Erstens kann sich der Vielfrass auf Schnee geräuschlos fortbewegen. Zweitens ist er anderen grossen Säugern, die leicht im Schnee einsinken, dank seiner breiten Fusssohlen klar überlegen. Er vermag dann Füchse, Rentiere und sogar Elche zu erjagen. In dieser Zeit erbeutet er auch Schneehasen und Schneehühner, ferner verzehrt er Fallwild und eignet sich die Beute anderer Raubtiere an.

Kleine Tiere tötet der Vielfrass durch einen Nackenbiss und verzehrt sie sofort. Grösseren Tieren springt er auf den Rücken, hält sich mit seinen Krallen fest und «reitet» so lange auf dem Opfer, das er ständig in den Nacken beisst, bis dieses fällt. Von grossen Beutetieren isst er jeweils nur Teile; den Rest trägt er in eine selbst gefertigte Grube, die er sorgfältig mit Zweigen oder Schneeklumpen abdeckt. Manchmal verstaut er Beutereste auch - ähnlich wie der Leopard (Panthera pardus) - im Geäst eines Baums. Nach Stunden oder Tagen kehrt er dann zu seinem «Vorrat» zurück und stillt daran seinen Hunger.

 

Einnistung verzögert, Tragzeit verlängert

Die Paarungszeit der Vielfrasse fällt in die Monate Mai bis Juli. Männchen und Weibchen leben dann einige Tage zusammen, wobei man davon ausgeht, dass sich die «Grundbesitzer» unter den Männchen je Saison mit mehreren Weibchen aus ihrer Nachbarschaft paaren.

Obschon die Entwicklung der Vielfrass-Embryos nur etwa sechs Wochen dauert, bringt das Weibchen seine Jungen jeweils erst nach ungefähr neun Monaten, zwischen Februar und April, zur Welt. Man spricht von einer «verlängerten Tragzeit», die auch bei anderen Raubtierformen vorkommt und auf eine verzögerte Einnistung der befruchteten Eier in die Gebärmutterwand zurückzuführen ist.

Bei den meisten Säugetieren entwickeln sich die Eier kurz nach ihrer Befruchtung durch mehrmalige Zellteilungen zu so genannten Blastozysten («Keimbläschen»). Diese nisten sich in die Wand der Gebärmutter ein, worauf sich eine Plazenta bildet und die Embryonalentwicklung ohne Verzug weiterläuft. Beim Vielfrass und einigen anderen Raubtieren entwickeln sich die befruchteten Eier zunächst zwar ebenfalls zu Blastozysten, doch dann geschieht vorerst nichts mehr. Die frühembryonalen «Keimbläschen» ruhen einfach in der Gebärmutter, ohne sich in deren Wand einzunisten. Dieser Schritt erfolgt erst irgendwann zwischen Dezember und März, worauf die restliche Embryonalentwicklung mit «normaler» Geschwindigkeit und ohne weitere Unterbrüche stattfindet.

Der Vorteil der verlängerten Tragzeit liegt darin, dass sich die Tiere im Sommer und nicht im Winter der aufregenden, Kräfte zehrenden Partnerfindung und Paarbeziehung widmen können. Ferner ist anzunehmen, dass das Weibchen den Zeitpunkt der Einnistung in einem gewissen Ausmass steuern und so seine körperliche Verfassung wie auch die Witterungsbedingungen berücksichtigen kann.

Seine gewöhnlich zwei oder drei Jungen bringt das Vielfrass-Weibchen zumeist in einer Schneehöhle, gelegentlich aber auch in einer Baum- oder Erdhöhle oder in einer Felsspalte zur Welt. Bei der Geburt sind die Jungtiere zwölf bis fünfzehn Zentimeter lang, wiegen um neunzig Gramm und tragen zwar bereits ein Fell, sind aber blind, taub und zahnlos und somit völlig hilflos. Mit vier Wochen öffnen sie ihre Augen und mit rund zehn Wochen werden sie entwöhnt. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt verlassen sie im Gefolge ihrer Mutter den Wurfplatz und ziehen von da an mit ihr zusammen im Territorium umher.

Im Herbst sind die jungen Vielfrasse bereits so gross wie ihre Mutter, aber gewöhnlich erst im Herbst des zweiten Lebensjahrs lösen sie sich aus ihrer Obhut und machen sich selbstständig. Die meisten jungerwachsenen Weibchen nehmen im Alter von etwa 26 Monaten erstmals am Fortpflanzungsgeschehen teil, die Männchen gewöhnlich ein Jahr später. In der freien Wildbahn werden die wenigsten Vielfrasse älter als acht bis zehn Jahre; in Menschenobhut können sie ein Alter von bis zu sechzehn Jahren erreichen.

 

Begehrtes Vielfrassfell

Der Vielfrass ist ein ungewöhnlich kräftiges und wehrhaftes Tier. In seiner Heimat hat er praktisch nur Wölfe im Rudel zu fürchten. Verfolgt wird er allerdings von alters her vom Menschen, weil er sich über dessen Ren- und andere Nutztiere hermacht, weil er sich an Elchen und anderem Jagdwild «vergreift», und weil er Fallen plündert und in Hütten einbricht. Auch seines Fells wegen wird er bejagt. Bei der im hohen Norden Amerikas wie Eurasiens heimischen Bevölkerung wird das Vielfrass-Fell sehr geschätzt, weil es selbst bei starker Kälte nicht frosthart wird. Es ist insbesondere als Gesichtsschutz beliebt, weil seine Wollhaare nicht verfilzen, sodass sich Eiskristalle leicht abschütteln lassen.

Wie bei zahlreichen anderen Grossraubtieren, welche an der Spitze der Nahrungspyramide ihres Lebensraums stehen, sind die Vielfrasspopulationen von Natur aus ziemlich dünn, da jedes Individuum ein grosses Territorium für sich beansprucht. Schon ein geringer bis mittelmässiger Jagddruck genügt deshalb, um regionale Bestände zusammenbrechen zu lassen. Dies umso mehr, als die Nachzuchtrate - wie bei Grossraubtieren ebenfalls üblich - gering ist. Noch existieren zwar vor allem in der schier endlosen Taiga Russlands umfangreiche und gesunde Vielfrassbestände. Dennoch wird die Art von der Weltnaturschutzunion (IUCN) als «verwundbar» eingestuft.

 

 

 

Legenden

Der Vielfrass (Gulo gulo) ist das grösste landlebende Mitglied der Marderfamilie. Die Männchen weisen gewöhnlich eine Kopfrumpflänge von 70 bis 85 Zentimetern und ein Gewicht zwischen 10 und 20 Kilogramm auf; die Weibchen sind im Durchschnitt etwas kleiner und leichter. Mit seinem gedrungen gebauten, muskulösen Körper, seinen grossen, krallenbewehrten Tatzen und seinem mächtigen Gebiss ist der Vielfrass ein tüchtiges Raubtier, dem selbst Elche und Luchse zum Opfer fallen können.

Das Verbreitungsgebiet des Vielfrasses erstreckt sich über weite Bereiche des nördlichen Nordamerikas und des nördlichen Eurasiens. Schwergewichtig deckt es sich mit der «Taiga», jenem vor allem von Nadelbäumen, aber auch Birken, Erlen und Weiden geprägten Waldgürtel zwischen der baumlosen Tundra im Norden und der Laubwaldzone im Süden.

Von Weibchen mit Nachwuchs abgesehen führt der Vielfrass die meiste Zeit des Jahres ein einzelgängerisches Leben. Jedes Individuum hält ein grossflächiges Territorium besetzt. Dieses durchstreift es bei der Beutesuche ausdauernd mit kurzen, charakteristischen Mardersprüngen und legt dabei täglich Dutzende von Kilometern zurück.

Vielerorts ist der Vielfrass in der Nacht rege und schläft am Tag. Dieser Aktivitätsrhythmus scheint jedoch keineswegs ursprünglich, sondern die Reaktion auf die Bejagung durch den Menschen zu sein. Wo der Vielfrass ungestört ist, geht er nämlich sowohl am Tag als auch in der Nacht auf die Nahrungssuche, wobei er typischerweise abwechselnd drei bis vier Stunden wacht und schläft.

Die Paarungszeit der Vielfrasse fällt in die Monate Mai bis Juli. Neun Monate später, zwischen Februar und April, bringt das Weibchen gewöhnlich zwei oder drei Jungtiere zur Welt. Diese sind zwar schon im Herbst so gross wie ihre Mutter, bleiben aber gewöhnlich noch ein weiteres Jahr mit ihr zusammen. Das Bild zeigt ein vier Monate altes, halbwüchsiges Tier.

Seinen deutschen Namen verdankt der Vielfrass einer Verballhornung - vermutlich durch hansische Pelzhändler des 15. Jahrhunderts - seines alten norwegischen Namens «Fjellfross», was soviel wie «Kater des weiten skandinavischen Hochlands» bedeutet. Ganz unzutreffend ist die Bezeichnung zwar nicht, denn der Vielfrass überwältigt und verschlingt gierig alles, was ihm über den Weg läuft und ihm nicht durch Flucht zu entkommen vermag. Allerdings trifft dies auch für die meisten anderen Raubtiere karger Regionen zu.




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