Waldhund

Speothos venaticus


© 2012 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Numisbriefe Kollektion)




Artwork © Owen Bell



Entstanden ist die heute weltweit etwa 35 Arten umfassende Familie der Hunde (Canidae) vor 56 bis 34 Millionen Jahren in Nordamerika. Südamerika wurde erst verhältnismässig spät, nämlich vor 5,5 bis 2,5 Millionen Jahren, von Vertretern der Hundefamilie erreicht. Sie gelangten von Nordamerika her über die mittelamerikanische Landbrücke nach Südamerika und breiteten sich in der Folge über den gesamten Halbkontinent aus. Aus den frühen, fuchsartigen Einwanderern entwickelten sich mit der Zeit separate, den diversen ökologischen Bedingungen angepasste Formen. So entstanden schliesslich die heutigen zehn südamerikanischen Wildhundarten.

Eine Art, welche besonders stark vom Erscheinungsbild der frühen südamerikanischen Wildhunde abweicht, ist der kurzbeinige Waldhund (Speothos venaticus). In der Tat erinnert er mit seinen kurzen Beinen, den kleinen rundlichen Ohren, dem kurzen Stummelschwanz und dem gedrungenen Leib auf den ersten Blick weit mehr an einen kleinen Bären als an einen Fuchs. Bei einer Kopfrumpflänge von gewöhnlich 60 bis 70 Zentimetern und einem Gewicht von zumeist 5 bis 7 Kilogramm bemisst sich seine Schulterhöhe auf lediglich 25 bis 30 Zentimeter.

Das Verbreitungsgebiet des Waldhunds erstreckt sich über weite Bereiche Südamerikas - vom südlichen Panama bis zum nördlichen Argentinien. Zur Hauptsache bewohnt er waldrandähnliche Lebensräume in tiefen Lagen, und zwar vorzugsweise in der Nähe von Gewässern. Seine kompakte Körperform erlaubt es ihm, rasch und mühelos selbst durch üppigstes Dickicht an Fluss- und Seeufern zu schlüpfen. Schwimmhäute zwischen den Zehen erleichtern ihm ferner die Fortbewegung auf sumpfigem Grund.

Die Waldhunde führen ein tag- und dämmerungsaktives Leben. Sie sind zünftige Jäger, welche selbst Tiere angreifen und erlegen, die bedeutend grösser sind als sie selbst und überdies recht wehrhaft, darunter Tapire, Pekaris (Nabelschweine), Mazamas (Spiesshirsche), und Nandus (Laufvögel). Dies ist darum möglich, weil die kurzbeinigen Hunde stets in kleinen Verbänden von zumeist vier bis sechs Tieren jagen und dabei perfekt zusammenarbeiten. Angeführt wird jedes Waldhundrudel von einem Alphapaar. Bei den restlichen Rudelmitgliedern dürfte es sich um Söhne und Töchter desselben handeln.

Die häufigsten Beutetiere der Waldhunde sind in ihrer südamerikanischen Heimat allerdings vielerorts Pakas (Cuniculus paca) und Capybaras (Hydrochaeris hydrochaeris). Diese grossen Nagetiere kommen in Südamerika häufig vor, sind gute Schwimmer und nehmen darum oft im Wasser Zuflucht, wenn Gefahr droht. Sind allerdings Waldhunde hinter ihnen her, so nützt ihnen das wenig. Die stämmigen Jäger sind nämlich - im Gegensatz zu den meisten anderen Wildhunden - hervorragende Schwimmer und lassen ihren Opfern auch im Wasser kaum eine Chance.

Neueren Untersuchungen zufolge scheinen die Waldhundrudel kein festes Territorium zu haben, sondern ein halbnomadisches Leben innerhalb eines sehr ausgedehnten, möglicherweise bis 150 Quadratkilometer grossen Streifgebiets zu führen. Offensichtlich bleiben sie zunächst eine Weile an einem bestimmten Ort und verbringen die Nächte in einem gemeinsamen Bau, dann ziehen sie weiter und kehren wochen- bis monatelang nicht mehr zu diesem Ort zurück. Dies würde erklären, weshalb die Waldhunde im Freiland so selten und unregelmässig zu beobachten sind.

Bei jedem Waldhundrudel pflanzt sich stets nur das Alphapaar fort. Pro Wurf kommen gewöhnlich drei bis sechs Junge zur Welt, die bei der Geburt um 150 Gramm wiegen. Sie ernähren sich bis zum Alter von einem Monat einzig von Muttermilch. Dann beginnen sie, auch feste Nahrung zu sich zu nehmen. In Menschenobhut beträgt die Lebensdauer bis zu zehn Jahre.

Leider erscheint die Zukunft des Waldhunds keineswegs als gesichert, denn der Mensch macht ihm schwer zu schaffen. Da ist zum einen die direkte Verfolgung des Waldhunds durch den Menschen. Zwar wird der kurzbeinige Wildhund nirgendwo gezielt bejagt. Er fällt jedoch immer wieder Jägern zum Opfer, deren Weg er zufällig kreuzt. Bedeutend schwerer wiegt allerdings die Gefährdung des Waldhunds durch die Zerstörung seines natürlichen Lebensraums, da überall in Südamerika mehr und mehr Land für Siedlungen, landwirtschaftliche Kulturen und Viehweiden benötigt wird und zu diesem Zweck die Naturlandschaften immer weiter zurückgedrängt werden. Für den Waldhund bedeutet dies einen fortwährenden Verlust von Lebensraum. Zudem wächst die Gefahr, dass es wegen der Nähe zum Menschen zur Ansteckung mit Infektionskrankheiten wie Tollwut kommt, die von Haushunden übertragen werden.

Langfristig wird für das Überleben des kleinen Wildhunds entscheidend sein, dass es uns gelingt, innerhalb seines Verbreitungsgebiets genügend grosse und vielfältige Naturlandschaften unter Schutz zu stellen und in ihrer Ursprünglichkeit zu erhalten.




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