Weisshandgibbon

Hylobates lar


© 2008 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)








Artwork © Owen Bell



Die tropischen Regenwälder Südostasiens beherbergen eine der artenreichsten Tiergemeinschaften unseres Planeten. Sehr charakteristische Mitglieder derselben sind die Gibbons (Hylobatidae), welche auch als «Kleine Menschenaffen» bezeichnet werden, da sie den eigentlichen Menschenaffen (Pongidae) und uns Menschen verwandtschaftlich sehr nahe stehen. Tatsächlich werden die Gibbons innerhalb der Teilordnung der Altweltaffen (Catarrhini) zusammen mit den eigentlichen Menschenaffen und dem Menschen in die Überfamilie der Menschenartigen (Hominoidea) gestellt, während alle übrigen Primaten Afrikas und Asiens in der Überfamilie der Geschwänzten Altweltaffen (Cercopithecoidea) zusammengefasst werden. In Laos, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, kommen fünf Gibbonarten vor, darunter der Weisshandgibbon oder Lar (Hylobates lar), von dem hier berichtet werden soll.


Zwei Farbschläge

Wie viele Gibbonarten im südostasiatischen Raum vorkommen, ist in den Fachkreisen umstritten. Im Allgemeinen werden heute aber 14 Arten in vier Gattungen anerkannt. Es handelt sich um die Siamangs (Symphalangus) mit 1 Art, die Weissbrauengibbons (Bunopithecus oder Hoolock) mit 1 Art, die Schopfgibbons (Nomascus) mit 5 Arten und die Eigentlichen Gibbons (Hylobates) mit 7 Arten, darunter der Weisshandgibbon. Abgesehen vom Siamang (Symphalangus syndactylus), welcher nahezu doppelt so schwer ist wie seine Vettern, sind alle Gibbonarten von ähnlicher Grösse und Gestalt. Der Weisshandgibbon weist gewöhnlich eine Kopfrumpflänge von 45 bis 55 Zentimetern auf und wiegt zwischen 4,5 und 7 Kilogramm, wobei die Männchen im Durchschnitt eine Spur grösser und schwerer sind als die Weibchen.

Interessanterweise ist die Fellfärbung des Weisshandgibbons im Unterschied zu den anderen Gibbonarten nicht einheitlich. Es lassen sich, unabhängig vom Alter und vom Geschlecht, zwei Farbschläge unterscheiden, ein dunkelbrauner bis schwarzer und ein hellbeige- bis sandfarbener. Bei allen Weisshandgibbonbeständen, die bisher untersucht worden sind, treten die beiden Farbvarianten mit ungefähr gleicher Häufigkeit auf, und die erwachsenen Individuen haben etwa gleich häufig einen Partner des gleichen wie des anderen Farbschlags. Offensichtlich sind Überlebenschance und Fortpflanzungserfolg bei beiden Farbschlägen ähnlich, denn sonst würden zweifellos entweder die dunklen oder aber die hellen Individuen überwiegen.

Der Weisshandgibbon ist neben dem Schwarzhandgibbon (Hylobates agilis) die am weitesten verbreitete Gibbonart. Er kommt im nördlichen Sumatra, in den meisten Bereichen der Malaiischen Halbinsel, im Westen und Norden Thailands, im Süden und Osten Burmas sowie im Westen von Laos vor. Früher kam er auch ganz im Südwesten der südwestchinesischen Provinz Yunnan vor. Dort wurde er jedoch - im Nangunhe-Naturreservat - 1988 letztmals gesichtet und 1992 letztmals gehört. Eine kürzlich durchgeführte zweiwöchige Nachforschung verlief leider ergebnislos. Der Weisshandgibbon scheint also in China ausgestorben zu sein. In Laos ist die Art auf einen kleinen Bereich in der Sayaburi-Provinz im Nordwesten des Lands beschränkt und steht dort ebenfalls stark unter Druck.

Innerhalb seines weiten Verbreitungsgebiets kommt der Weisshandgibbon ausschliesslich in hochwüchsigen, immergrünen Regenwäldern vor, und innerhalb derselben hält er sich gewöhnlich zeitlebens im Kronendach auf. Er ist ein hoch spezialisierter Baumwipfelbewohner.


Schwinghangler

Wie bei allen Gibbonarten sind die dünnen Arme des Weisshandgibbons mehr als doppelt so lang wie sein Rumpf. Sie dienen seiner einzigartigen Fortbewegungsweise: Der Weisshandgibbon ist ein «Schwinghangler», der sich an seinen Armen hängend rasant durch das Astwerk des Walddachs bewegt. Auf dem Erdboden ist er hingegen sehr ungeschickt und steigt deshalb zeitlebens nicht freiwillig von den Bäumen.

Häufig wird das Schwinghangeln der Gibbons als «Pendeln» von einem Ast zum nächsten beschrieben. In Wirklichkeit ist diese Fortbewegungsweise weit spektakulärer: Mit dicht an den Rumpf gezogenen Beinen schwingen sich die Tiere unter einem Ast hindurch, lassen los, lange bevor sie einen neuen Griff gefunden haben, und fliegen dann frei durch den Raum bis zum nächsten Ast. Waagrecht und senkrecht schiessen sie so durchs Geäst, tippen kurz einen Stamm an, um die Richtung zu ändern, schleudern sich plötzlich viele Meter weit durch die Luft in die Krone des nächsten Baums, fassen dort schliesslich einen erhöhten Ast, ziehen elegant ihren Körper hoch und sitzen dann plötzlich auf dem Baum, so als seien sie nie in Bewegung gewesen. Gibbons sind die vollendetsten Akrobaten unter allen Affenarten. Ihre Fortbewegungsart, bei welcher sie Geschwindigkeiten von mehr als vierzig Kilometern je Stunde erreichen, kommt dem Flug schon sehr nah.

Aufgrund seiner bemerkenswerten Fortbewegungsweise ist der Weisshandgibbons nicht nur schneller in seinen Heimatwäldern unterwegs als jedes andere Säugetier. Er vermag auch eine Nahrungsnische zu nutzen, die keinem anderen Tier von vergleichbarer Körpergrösse zugänglich ist: Dank seiner «hängenden» Lebensweise, der grossen Reichweite seiner Arme und seines verhältnismässig geringen Gewichts kann er das äusserste, dünne Randgezweig der Baumkronen mühelos erreichen und von dort, wo der Baum das beste, nährstoffreichste Angebot bereithält, seine überwiegend vegetarische Nahrung beziehen: Mit einem Arm hält er sich an zwei oder drei Zweigen fest, diese biegen sich nach unten, und so kann er direkt vor seiner Nase die reifsten Früchte, schmackhaftesten Blüten, saftigsten Knospen und zartesten Blätter pflücken - und auch mal als «Beikost» eine leckere Raupe.


Monogam und melodiös

Wie alle Gibbons lebt der Weisshandgibbon in monogamen Familiengruppen - in Gruppen also, die sich aus einem erwachsenen, fürs ganze Leben verbundenen Paar und dessen unselbstständigen Nachkommen zusammensetzen. Da das Weibchen nur alle zwei bis drei Jahre ein einzelnes Kind zur Welt bringt und da die Jungen im Alter von etwa sieben Jahren, wenn sie die Pubertät hinter sich haben, ihre Eltern verlassen, besteht eine Weisshandgibbonfamilie stets aus höchstens fünf Tieren.

Jede Familiengruppe bewegt sich das ganze Jahr über in einem festen Wohngebiet von - je nach Waldqualität - fünfzehn bis fünfzig Hektar Fläche umher, in welchem sie keine fremden Artgenossen duldet. Ferngehalten von diesem Eigenbezirk oder «Territorium» werden umherstreifende Gibbons zur Hauptsache durch Gesänge. Fast täglich, zumeist kurz vor oder nach Sonnenaufgang, steigen die beiden erwachsenen Partner auf einen der mächtigen Rufbäume im Revier und stimmen ihren kilometerweit hörbaren Territorialgesang an. Es handelt sich um ein durchschnittlich etwa fünfzehn Minuten dauerndes Duett, mit welchem sie lauthals ihren Besitzanspruch auf das betreffende Waldstück kundtun und andere Gibbons davor warnen, hier einzudringen. Dieses akustische «Fernwarnsystem» klappt in der Regel ausgezeichnet, so dass kräftezehrende und verletzungsträchtige Kämpfe mit ungebetenen Eindringlingen kaum je erforderlich sind. Hinsichtlich ihrer Funktion sind die Gibbongesänge also mit Vogelgesängen vergleichbar.

Der «Alltag» einer Weisshandgibbonfamilie beginnt gewöhnlich schon im ersten Morgengrauen: Um etwa halb sechs Uhr kommt Bewegung in die langarmigen Affen, die auf einem ihrer Schlafbäume in kauernder Sitzhaltung die Nacht verbracht haben. Sie strecken sich, pflegen sich ein wenig, nehmen Kontakt mit den anderen Familienmitgliedern auf und begeben sich alsbald auf Esswanderung durch das ausgedehnte Revier. Langsam, aber stetig streifen sie umher und finden praktisch auf jedem Baum etwas Essbares. Dabei bewegen sie sich keineswegs als geschlossene Einheit vorwärts, sondern sind oft fünfzig oder gar hundert Meter voneinander entfernt. Vorübergehend findet die Gruppe zusammen, wenn sie auf einen Baum trifft, der ein reiches Angebot an beliebten Früchten trägt. Solche Bäume scheinen manchmal auch kurzfristig die Richtung des Umherwanderns zu bestimmen. Denn innerhalb ihres Territoriums kennt die Familie jeden Winkel und weiss deshalb stets, wo gerade schmackhafte Früchte zu finden sind. Fast den ganzen Tag lang - unterbrochen allerdings von mehreren kürzeren Ruhepausen - sind die Weisshandgibbons Tag für Tag in den Baumwipfeln unterwegs. Erst am späteren Nachmittag ziehen sie sich jeweils wieder in einen Schlafbaum zurück, um dort die Nacht zu verbringen.

Angesichts der Tatsache, dass die Weisshandgibbons üppigen tropischen Regenwald bewohnen, mag es auf den ersten Blick erstaunen, dass sie einen Grossteil ihrer Wachzeit für die Futtersuche verwenden. Man muss aber bedenken, dass in den immergrünen Tropenwäldern Südostasiens nicht alle Bäume gleichzeitig Früchte tragen, sondern dass die verschiedenen Baumarten, ja teils sogar die Individuen ein und derselben Baumart zu unterschiedlichen Zeiten blühen und fruchten. Auf einer bestimmten Fläche tragen deshalb stets nur einige wenige Bäume Früchte - und um diese herrscht dann zwischen den verschiedenen fruchtessenden Tieren des Regenwalds ein erheblicher Wettstreit. Diese natürliche «Futterknappheit» ist der Grund dafür, weshalb jede Weisshandgibbonfamilie ein ausgedehntes Streifgebiet für sich allein benötigt, weshalb die Tiere sich täglich viele Stunden lang der Futtersuche widmen, und weshalb auf ihrem Speisezettel viele Dutzend Arten von Gehölz-, Kletter- und Aufsitzerpflanzen stehen, sie also nicht wählerisch sein dürfen.


Altersrekord: 57 Jahre

Wie bei vielen Tropenwaldbewohnern besteht bei den Weisshandgibbons keine feste Fortpflanzungszeit. Geburten finden somit zu allen Jahreszeiten statt. Das Weibchen bringt nach einer Tragzeit von gut sieben Monaten jeweils ein einzelnes Kind zur Welt. Zwillingsgeburten sind höchst selten. Das Junge wiegt bei der Geburt um 300 Gramm, ist anfangs spärlich behaart und klammert sich ständig im wärmenden Bauchfell der Mutter fest. So wird es überallhin mitgetragen. Nach vier bis fünf Monaten beginnt es zu hangeln, bleibt aber weiterhin bei grösseren Ortsverschiebungen oder beim Springen über eine Walddachlücke auf die Hilfe seiner Mutter angewiesen. Erst ein Jahr später, wenn es ungefähr ein Kilogramm wiegt, beherrscht es das Schwinghangeln im Kronendach so weit, dass es eigenständig umherstreifen kann. Zu diesem Zeitpunkt erfolgt auch die Entwöhnung.

Im Alter von sechs bis sieben Jahren ist das Weisshandgibbonjunge ausgewachsen und geschlechtsreif und löst sich dann von den Eltern. Mitunter findet hierbei eine tatkräftige Vertreibung durch Letztere statt. In der Folge zieht das jungerwachsene Tier auf der Suche nach einem unbesetzten Waldstück oft längere Zeit umher. Findet es ein solches, so lässt es sich nieder und beginnt eifrig zu singen. Durch solche Solo-Gesänge werden andere «heimatlose» Gibbons aus der näheren Umgebung angelockt, von denen sich früher oder später einer als Partner bzw. Partnerin dem rufenden Tier anschliesst. Die Lebensdauer der Weisshandgibbons in der freien Wildbahn dürfte bei 25 bis 30 Jahren liegen. In Menschenobhut sind mehrere Individuen schon über 40 Jahre alt geworden; der Alterrekord liegt bei 57 Jahren.


Ihre Waldheimat wird abgeholzt

Die Weisshandgibbons haben kaum natürliche Feinde. Aufgrund ihres Lebens in den Baumwipfeln hoch über dem Urwaldboden sind sie vor Raubfeinden weitgehend sicher. Allerhöchstens fällt gelegentlich ein unerfahrenes Jungtier einem Nebelparder, einem Python oder einem Adler zum Opfer. Da die Kinder aber ständig fürsorglich von ihren Müttern behütet werden, ist selbst dies sehr unwahrscheinlich. Im Grunde genommen haben die akrobatischen Tiere nur einen Feind zu fürchten: den Menschen.

Hierbei spielt die direkte Verfolgung eine untergeordnete Rolle: Wirksame Handelsbeschränkungen auf internationaler Ebene, gute Zuchterfolge in den zoologischen Gärten sowie ein allgemein verbesserter Vollzug der Artenschutzgesetze im südostasiatischen Raum haben dazu geführt, dass den Weisshandgibbons heute durch Jagd und Fang keine übermässige Gefahr mehr droht.

Ungleich härter trifft sie die ständig weiter schreitende Abholzung ihrer Waldheimat. Überall in Südostasien wird Waldstück für Waldstück gerodet, um Edelhölzer sowie Bau- und Brennholz zu gewinnen und um Platz für immer neue Pflanzungen und Siedlungen zu schaffen. Nun wird den Weisshandgibbons ausgerechnet das zum Verhängnis, was sie im Lauf ihrer Stammesgeschichte erfunden und hoch entwickelt haben und was sie so einzigartig macht: ihr schwinghangelndes Dasein in der obersten Regenwaldetage. Dermassen stark haben sie sich spezialisiert, dass ihre Lebensbedürfnisse heute einzig und allein von immergrünen tropischen Regenwäldern mit einigermassen geschlossenem Kronendach gedeckt werden und dass es ausserhalb derselben für sie kein Überleben mehr gibt. In dem Mass, wie die Regenwälder innerhalb ihres Artverbreitungsgebiets schwinden, schrumpfen deshalb ihre Bestände.

Einigermassen zuverlässige Schätzungen der Grösse der heutigen Weisshandgibbon-Gesamtpopulation gibt es keine. Gewiss ist einzig, dass der Bestand stark zurückgegangen ist. Im Gegensatz zu mehreren anderen Gibbonarten werden die Weisshandgibbons dennoch nicht als in ihrem Fortbestand gefährdet eingestuft. Dies hat hauptsächlich mit der noch immer sehr weiten Artverbreitung zu tun, teils aber auch damit, dass sie in Wäldern, welche durch selektiven Holzeinschlag schonend genutzt werden, wie dies zunehmend der Fall ist, durchaus ein Auskommen finden können. Da mehr Lichteinfall oftmals mehr Früchteproduktion bedeutet, haben sie unter Umständen sogar einen Vorteil davon.

In Laos sieht die Lage für sie allerdings ungünstig aus. Das einzige laotische Schutzgebiet, in welchem Weisshandgibbons vorkommen, ist das 190 000 Hektar grosse Nam-Phoun-Biodiversitätsreservat an der Grenze zu Thailand. Der örtliche Weisshandgibbonbestand wird als ziemlich klein eingestuft, und das Gebiet steht unter starkem Nutzungsdruck seitens der rundherum lebenden, teils sogar ins Gebiet eingewanderten Landbevölkerung.




Legenden

Der Weisshandgibbon (Hylobates lar), ein schlanker, langarmiger, schwanzloser Affe aus der Überfamilie der Menschenartigen (Hominoidea), weist gewöhnlich eine Kopfrumpflänge von 45 bis 55 Zentimetern und ein Gewicht zwischen 4,5 und 7 Kilogramm auf. Er kommt - unabhängig vom Alter und vom Geschlecht - in zwei Farbvarianten vor, einer dunkelbraunen bis schwarzen und einer hellbeige- bis sandfarbenen. Bei beiden ist das Fell an Händen und Füssen weiss, daher der deutsche Artname.

Die Heimat des Weisshandgibbons sind weite Bereiche der tropischen Regenwaldgebiete Südostasiens. Er ist ein hoch spezialisierter Baumkronenbewohner, der sich schwinghangelnd - an seinen Armen hängend - fortbewegt und zeitlebens nicht freiwillig von den Bäumen steigt.

Der Weisshandgibbon ernährt sich hauptsächlich von reifen Früchten, nimmt aber auch Blüten, Knospen, junge Blätter und weitere Pflanzenteile sowie Insekten und deren Larven zu sich. Die Früchte von Feigenbäumen (Bild) gehören zu seinen Lieblingsspeisen.

Die Weisshandgibbonkinder kommen nach einer Tragzeit von gut sieben Monaten fast ausnahmslos einzeln zur Welt und wiegen dann etwa 300 Gramm. Bis sie das Schwinghangeln im Kronendach so gut beherrschen, dass sie eigenständig umherstreifen können, vergehen fast anderthalb Jahre.

Auch dieses etwa dreijährige Jungtier lebt noch mit seinen Eltern zusammen. Erst im Alter von sechs bis sieben Jahren wird es ausgewachsen und geschlechtsreif sein und dann eigene Wege gehen. Die Lebensdauer in der freien Wildbahn liegt wahrscheinlich bei 25 bis 35 Jahren, der Altersrekord von in Menschenobhut lebenden Weisshandgibbons bei über fünfzig Jahren.




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