Weisshandgibbon

Hylobates lar


© 2009 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Numisbriefe Kollektion)



Der Weisshandgibbon (Hylobates lar) ist ein langarmiger, schwanzloser Affe aus der Überfamilie der Menschenartigen (Hominoidea). Er weist gewöhnlich eine Kopfrumpflänge von 45 bis 55 Zentimetern und ein Gewicht zwischen 4,5 und 7 Kilogramm auf, wobei die Männchen im Durchschnitt eine Spur grösser und schwerer sind als die Weibchen. Interessanterweise kommt der Weisshandgibbon - unabhängig vom Alter und vom Geschlecht - in zwei Farbvarianten vor, einer dunkelbraunen bis schwarzen und einer hellbeige- bis sandfarbenen. Bei beiden ist das Fell an Händen und Füssen jedoch weiss, daher der deutsche Artname.

Der Weisshandgibbon ist im nördlichen Sumatra, in den meisten Bereichen der Malaiischen Halbinsel, im Westen und Norden Thailands, im Süden und Osten Burmas sowie im Westen von Laos heimisch. Innerhalb seines weiten Verbreitungsgebiets bewohnt er ausschliesslich hochwüchsige, immergrüne Regenwälder, und innerhalb derselben hält er sich fast ausschliesslich im Kronendach auf. Er ist ein hoch spezialisierter Baumwipfelbewohner, der sich «schwinghangelnd» - an seinen Armen hängend - fortbewegt und zeitlebens nicht freiwillig von den Bäumen steigt. Seine Nahrung setzt sich hauptsächlich aus reifen Früchten zusammen, umfasst aber auch Blüten, Knospen, junge Blätter und weitere Pflanzenteile sowie Insekten und deren Larven.

Wie alle Gibbons lebt der Weisshandgibbon in monogamen Familiengruppen - in Gruppen also, die sich aus einem erwachsenen, fürs ganze Leben verbundenen Paar und dessen unselbstständigen Nachkommen zusammensetzen. Da das Weibchen nur alle zwei bis drei Jahre ein einzelnes Kind zur Welt bringt und da die Jungen im Alter von etwa sieben Jahren, wenn sie die Pubertät hinter sich haben, ihre Eltern verlassen, besteht eine Weisshandgibbonfamilie stets aus höchstens fünf Individuen.

Jede Familiengruppe bewegt sich das ganze Jahr über in einem festen Wohngebiet von - je nach Waldqualität - fünfzehn bis fünfzig Hektar Fläche umher, in welchem sie keine fremden Artgenossen duldet. Von diesem Territorium ferngehalten werden umherstreifende Gibbons zur Hauptsache durch Gesänge. Es handelt sich um durchschnittlich etwa fünfzehn Minuten dauernde, kilometerweit hörbare, mit reiner Stimme vorgetragene Duette, mittels welchen Männchen und Weibchen gemeinsam ihren Besitzanspruch auf das betreffende Waldstück kundtun und andere Gibbons davor warnen, hier einzudringen. Dieses akustische «Fernwarnsystem» funktioniert in der Regel ausgezeichnet, so dass verletzungsträchtige Kämpfe mit ungebetenen Eindringlingen kaum je erforderlich sind.

Wie bei vielen Tropenwaldbewohnern besteht bei den Weisshandgibbons keine feste Fortpflanzungszeit; Geburten finden zu allen Jahreszeiten statt. Nach einer Tragzeit von gut sieben Monaten kommen die Weisshandgibbonkinder fast ausnahmslos einzeln zur Welt und wiegen anfänglich etwa 300 Gramm. Bis sie das Schwinghangeln im Kronendach so gut beherrschen, dass sie eigenständig umherstreifen können, vergehen fast anderthalb Jahre. Erst im Alter von sechs bis sieben Jahren sind sie ausgewachsen und geschlechtsreif und gehen dann eigene Wege. Die Lebensdauer in der freien Wildbahn liegt wahrscheinlich bei 25 bis 35 Jahren, der Altersrekord in Menschenobhut bei über fünfzig Jahren.

Die Weisshandgibbons haben aufgrund ihres Lebens in den Baumwipfeln kaum natürliche Feinde zu fürchten. Zu schaffen macht ihnen jedoch der Mensch. Hierbei spielt die direkte Verfolgung eine untergeordnete Rolle: Wirksame Handelsbeschränkungen auf internationaler Ebene, gute Zuchterfolge in den zoologischen Gärten sowie ein allgemein verbesserter Vollzug der Natur- und Artenschutzgesetze im südostasiatischen Raum haben dazu geführt, dass den Weisshandgibbons heute durch Jagd und Fang keine übermässige Gefahr mehr droht.

Ungleich härter trifft sie die ständig weiterschreitende Abholzung ihrer Waldheimat. Überall in Südostasien wird Waldstück für Waldstück gerodet, um Edelhölzer sowie Bau- und Brennholz zu gewinnen und um Platz für immer neue Pflanzungen und Siedlungen zu schaffen. In dem Mass, wie die Regenwälder innerhalb des Artverbreitungsgebiets schwinden, schrumpfen die Weisshandgibbonbestände.

Einigermassen zuverlässige Einschätzungen der Grösse der heutigen Weisshandgibbon-Gesamtpopulation gibt es keine. Gewiss ist einzig, dass der Artbestand stark zurückgegangen ist. Im Gegensatz zu mehreren anderen Gibbonarten werden die Weisshandgibbons dennoch nicht als in ihrem Fortbestand gefährdet eingestuft. Dies hat hauptsächlich mit ihrer noch immer sehr weiten Verbreitung zu tun, teils aber auch damit, dass sie in Wäldern, welche durch selektiven Holzeinschlag schonend genutzt werden, wie dies zunehmend der Fall ist, durchaus ein Auskommen finden können. Da mehr Lichteinfall oftmals mehr Früchteproduktion bedeutet, haben sie unter Umständen sogar einen Vorteil daraus.




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