Europäische Wildkatze

Felis silvestris silvestris


© 2003 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Es gibt weltweit gewiss nicht viele Leute, denen unsere Hauskatze (Felis f. catus) nicht bekannt ist, denn sie gehört nicht nur zu den weitestverbreiteten aller Tiere, sondern fühlt sich zudem in der unmittelbaren Nähe des Menschen sehr wohl. Ganz anders verhält es sich mit der Stammform unserer Hauskatze: Nur sehr wenige Leute wissen mit Gewissheit, wie sie heisst, wo sie vorkommt und wie sie ausschaut. Und noch geringer ist die Zahl derjenigen, die sie jemals in der freien Wildbahn zu Gesicht bekommen haben. Die Rede ist von der Wildkatze (Felis silvestris), einem der kleineren Mitglieder der Katzenfamilie (Felidae).

 

Nachfahrin der Martelli-Katze

Die Systematik der Katzenfamilie, also das verwandtschaftliche Beziehungsgeflecht innerhalb der Sippe, konnte erst vor wenigen Jahren aufgrund von vergleichenden DNS-Unter-suchungen verlässlich geklärt werden. Zuvor wurde von den meisten Wissenschaftlern die Grosszahl der weltweit 36 Katzen-formen in einer einzigen Gattung, Felis, zusammengefasst. Nur ein paar «Sonderfälle» - darunter der Gepard (Acinonyx jubatus), der Nebelparder (Neofelis nebulosa) und die so genannten «Grosskatzen» wie der Löwe (Panthera leo), der Tiger (Panthera tigris) und der Leopard (Panthera pardus) - wurden separaten Gattungen zugeordnet. Heute werden aufgrund der genannten Studie nicht weniger als 17 Katzengattungen unterschieden.

Noch immer ist zwar Felis die artenreichste Gattung, doch umfasst sie jetzt nur noch fünf, ausnahmslos altweltliche Arten. Es handelt sich um die in Ostasien beheimatete Graukatze (Felis bieti), die vom Kaukasus bis nach Hinterindien verbreitete Rohrkatze (Felis chaus), die im nördlichen Afrika und im Nahen Osten vorkommende Sandkatze (Felis margarita), die im südlichen Afrika lebende Schwarzfusskatze (Felis nigripes) und - nicht zuletzt - die in weiten Bereichen Afrikas, Asiens und Europas heimische Wildkatze.

Innerhalb ihres riesenhaften Verbreitungsgebiets wird die Wildkatze im Allgemeinen in drei geografische Unterarten gegliedert: erstens die Afrikanische Wildkatze oder «Falbkatze» (Felis silvestris lybica) in Afrika und im Nahen Osten, zweitens die Asiatische Wildkatze oder «Steppenkatze» (Felis silvestris ornata) im Mittleren Osten und in Zentralasien und drittens die Europäische Wildkatze oder «Waldkatze» (Felis silvestris silvestris) in Europa und in Kleinasien.

Aufgrund von Fossilfunden wissen wir, dass alle Wildkatzenformen in Europa, Asien und Afrika von der (ausgestorbenen) Martelli-Katze (Felis lunensis) abstammen, welche vor rund 250 000 Jahren im zentralen Europa lebte. Ihr Verbreitungsgebiet scheint sie erst sehr spät südwärts nach Afrika und ostwärts nach Asien ausgeweitet zu haben. DNS-Analysen wie auch Fossilfunde deuten jedenfalls darauf hin, dass die afrikanischen Wildkatzenbestände erst vor rund 20 000 Jahren aus den europäischen hervorgegangen sind. Erdgeschichtlich betrachtet könnte man die Wildkatze darum für Afrika als «Novität» bezeichnen.

Überraschenderweise stammt unsere Hauskatze keineswegs von den «alten» europäischen Wildkatzenbeständen ab, sondern von den «jungen» afrikanischen: Vor rund 7000 Jahren scheinen sich Afrikanische Wildkatzen in Ägypten dem Menschen angeschlossen zu haben - und zwar offensichtlich aus freien Stücken. Vermutlich konnten sie den vielen Mäusen, die sich in den Getreidespeichern der Ägypter gütlich taten, nicht widerstehen und legten allmählich ihre Scheu vor den «Zweibeinern» ab. Nach Europa fanden die ersten Hauskatzen - den grossen Handelsstrassen entlang - dann erst vor rund 2000 Jahren.

 

Laubwälder bevorzugt

Die Europäische Wildkatze, von der auf diesen Seiten die Rede sein soll, bewohnt - wie ihr Zweitname «Waldkatze» besagt - vorzugsweise Waldlebensräume. Hohe Bestandsdichten weist sie vor allem in Laub- und Laubmischwäldern auf. In geringerer Dichte findet man sie aber auch in kleinflächigen Nadelwäldern, in Galeriewäldern, welche entlang von Flüssen durch das Offenland führen, in Buschwäldern wie den mediterranen Macchien und in Strauchdickichten an den Rändern von Sümpfen. Kaum anzutreffen ist die Europäische Wildkatze hingegen in land- und forstwirtschaftlich intensiv genutzten Gegenden und in stark zersiedelten Landschaften. Auch im Gebirge und in nordischen Regionen mit langen, harten Wintern kommt sie nicht vor.

Soweit wir wissen, hatte die Europäische Wildkatze einst die meisten Bereiche Europas ausser Skandinavien besiedelt gehabt. Der durch den Menschen herbeigeführte Landschaftswandel, insbesondere die Rodung der Wälder zwecks Gewinnung von Anbauflächen, hat dann aber über die Jahrhunderte hinweg ihre Bestände meistenorts stark schrumpfen, ja gebietsweise gar vollständig verschwinden lassen. Auch die Bejagung, der die Wildkatze wie alle Raubtiere von alters her ausgesetzt war, dürfte ihren Teil zu diesem Schwund beigetragen haben.

Den Tiefpunkt der negativen Bestandsentwicklung scheint die Europäische Wildkatze in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts durchlebt zu haben. Seither ging es mit ihr mancherorts wieder etwas aufwärts. Weil der moderne Mensch immer weniger auf Holz als Brennstoff zurückgreift, hat der Waldbestand europaweit erheblich zugenommen. Dadurch konnten sich die Wildkatzenbestände etwas erholen, umso mehr als die Art gleichzeitig in manchen Ländern unter Jagdschutz gestellt wurde. Neuere Untersuchungen zeigen allerdings, dass die positive Bestandsentwicklung inzwischen stark abgeflacht ist, wobei vermutlich die intensive Nutzung der Wälder für diverse Freizeitaktivitäten seitens der angewachsenen menschlichen Bevölkerung, möglicherweise aber auch durch Hauskatzen übertragene Infektionskrankheiten eine wichtige Rolle spielen.

Im westlichen Europa kommt die Europäische Wildkatze heute nur noch im nördlichen Schottland, in Teilen der Iberischen Halbinsel und im Osten Frankreichs in grösseren Beständen vor. Kleinere Populationen finden sich in den an das östliche Frankreich angrenzenden Regionen Belgiens, Deutschlands und der Schweiz. Ferner ist die Art in verstreuten Beständen in Italien zu finden. Im südöstlichen Europa, von der Slowakei, Ungarn und Slowenien ostwärts, ist das Verbreitungsgebiet der Europäischen Wildkatze hingegen noch recht ausgedehnt und sind die Bestände entsprechend umfangreich. Auch in Teilen Griechenlands, im südlichen Bulgarien und in der Türkei existiert noch eine grössere Wildkatzenpopulation. Kleinere Wildkatzenbestände finden sich im Übrigen auf mehreren Mittelmeerinseln, darunter Korsika, Sardinien, Sizilien und Kreta, wobei vermutet wird, dass diese einst vom Menschen dort angesiedelt wurden.

 

Einzelgängerische Pirschjägerin

Wie fast alle Katzenarten führt die Europäische Wildkatze ein vornehmlich einzelgängerisches Leben, und wie alle ihre Verwandten ist sie sehr ortstreu. Jedes Individuum bewegt sich ganzjährig in seinem «privaten» Wohngebiet umher.

Die Grösse der Wohngebiete richtet sich nach der Qualität des Lebensraums im Allgemeinen und nach dem «Angebot» an Beutetieren im Speziellen - und kann deshalb je nach Gegend sehr unterschiedlich sein. In optimalen Lebensräumen bemessen sich die Wohngebiete auf nur zwei bis drei Quadratkilometer. In weniger günstigen Lebensräumen können sie aber auch neun und mehr Quadratkilometer umfassen.

Innerhalb ihres Wohngebiets kennt die Europäische Wildkatze jeden Winkel. Sie weiss, wo ihre Beutetiere am ehesten zu finden sind, wo man sich bei Gefahr am schnellsten in Sicherheit bringt und wo man ungestört ruhen kann. So gestaltet sich ihr Leben wesentlich einfacher, als wenn sie ziellos durch die Gegend streifen würde und nie wüsste, wo sie Beute suchen, wo sie sich verstecken und wo sie bei einem Gewitter unterkriechen soll.

Ebenfalls wie alle Katzen ist die Europäische Wildkatze eine ausgeprägte Fleischesserin. Nur sehr selten nimmt sie Grashalme und andere pflanzliche Stoffe zu sich, wobei wir annehmen, dass diese nicht primär ihrer Ernährung dienen, sondern vor allem als Brechmittel wirken und es ihr ermöglichen, Haarbällchen und andere unbekömmliche Gegenstände wieder auszuscheiden. Zur Hauptsache ernährt sich die Europäische Wildkatze von kleinen Säugetieren, insbesondere Nagetieren und Hasentieren. Gelegentlich erbeutet sie aber auch Vögel, Amphibien und Reptilien. Die grösste Beute, die sie in Mitteleuropa zu überwältigen vermag, ist der Europäische Feldhase (Lepus europaeus).

Die Europäische Wildkatze ist eine meisterhafte Jägerin, und zwar eine Pirschjägerin, die ihre Beute unbemerkt anschleicht und durch einen Überraschungsangriff erlegt. Langsam und lautlos bewegt sie sich durch ihr Revier. Aufmerksam äugt und lauscht sie nach auffälligen Bewegungen und Geräuschen. Manchmal lauert sie auch lange Zeit geduldig an einem Platz, von dem sie weiss, dass gelegentlich Beutetiere dort erscheinen. Nimmt sie ein mögliches Opfer wahr, so nähert sie sich ihm ganz vorsichtig. Sie nutzt jede Deckung aus, duckt sich, lauert und schleicht - bis sie schliesslich so nahe ist, dass sie das Beutetier mit einem einzigen Sprung fassen kann.

Für das Opfer erfolgt der Ansprung in der Regel wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Meist bleibt ihm überhaupt keine Zeit mehr für eine Flucht- oder Abwehrbewegung. Ehe es sich versieht, hat die Wildkatze es mit den scharfen Krallen ihrer Vorderpfoten gepackt und - im Falle kleinerer Tiere - mit einem kräftigen Biss in die Nackenwirbel und den Hinterkopf getötet. Bei grösseren Beutetieren erfolgt der Biss vielfach in die Kehle, so dass das Opfer den Erstickungstod stirbt.

Die Paarungszeit fällt bei der Europäischen Wildkatze gewöhnlich in die Monate Januar bis März. In dieser aufregenden Zeit finden sich stets mehrere Männchen in der Nähe eines paarungsbereiten Weibchens ein. Sie stimmen dann ihr rauhes Heulkonzert an, mit dem sie ihr Verlangen nach dem Weibchen ausdrücken, und nicht selten kommt es zu hitzigen Kämpfen unter ihnen.

Nach einer Tragzeit von etwa neun Wochen bringt das Weibchen in einem sicheren Versteck zumeist zwei bis vier Junge zur Welt. Die Kätzchen wiegen bei der Geburt um hundert Gramm und sind anfangs blind und völlig hilflos. Am neunten oder zehnten Tag öffnen sich ihre Augen. Die Entwöhnung von der Muttermilch erfolgt im Alter von etwa einem Monat. Von da an beginnt die Mutter ihre Jungen im Jägerhandwerk zu unterrichten, indem sie nicht nur tote, sondern auch lebende Beutetiere herbei trägt und diese vor ihnen springen lässt. Im Alter von etwa drei Monaten beginnen die Jungen, mit ihrer Mutter umherzuziehen. Allmählich lernen sie von ihr die verschiedenen Beutetiere und Jagdtechniken kennen.

Im Alter von etwa sechs Monaten sind die Jungkatzen in der Lage, sich selbstständig durchzuschlagen. Sie verlassen in der Folge das Wohngebiet ihrer Mutter und machen sich auf die Suche nach einem eigenen. Die Sterblichkeit unter den jugendlichen Wildkatzen ist hoch, da sie beim Durchstreifen fremden Geländes zahlreichen Gefahren ausgesetzt sind. Unter anderem fallen viele von ihnen dem Strassenverkehr zum Opfer. Diejenigen, die überleben, schreiten gewöhnlich schon im nächsten Jahr selbst zur Fortpflanzung. Ihre Lebenserwartung liegt unter natürlichen Bedingungen bei zwölf bis fünfzehn Jahren.

 

Durch Hauskatzenkrankheiten gefährdet?

In vielen Teilen ihres Verbreitungsgebiets steht die Europäische Wildkatze heute unter striktem Jagdschutz. Mancherorts gilt sie aber weiterhin als Jagdwild. So beispielsweise in der Slowakei, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, wo sie vom 1. Dezember bis zum 28. Februar bejagt werden darf.

Neben den vom Menschen direkt ausgehenden Gefahren (Bejagung, Strassenverkehr) machen der Europäischen Wildkatze noch weitere, weniger offensichtliche Faktoren zu schaffen. Genannt wird in diesem Zusammenhang immer wieder die Vermischung mit verwilderten Hauskatzen. In welchem Umfang eine solche Bastardierung stattfindet, ist in der Fachwelt allerdings umstritten. Die meisten verwilderten Hauskatzen bleiben nämlich in der unmittelbaren Nachbarschaft menschlicher Siedlungen, während die Wildkatzen solche in der Regel meiden. In ländlichen Gegenden kann zwar zweifellos eine Überlappungszone zwischen den Streifgebieten der Hauskatzen und denjenigen der Wildkatzen bestehen. Allerdings dürften sich die Hauskater kaum je mit einer Wildkatze zu paaren vermögen, da die deutlich kräftigeren Wildkater dies gewiss zu verhindern wissen. Das Umgekehrte - dass sich Wildkater mit Hauskatzen paaren - dürfte zwar eher geschehen, doch hat dies auf die Wildkatzenpopulation keinen Einfluss. Untersuchungen des Erbguts von Hauskatzen und Wildkatzen in Schottland haben in der Tat gezeigt, dass Mischlinge im unmittelbaren Bereich von Siedlungen keineswegs selten sind, dass daneben aber durchaus eine reinblütige Wildkatzenpopulation existiert. Die Vorstellung, dass die genetische Eigenständigkeit der Europäischen Wildkatze allmählich verloren geht, ist somit zwar eine alte, aber höchstwahrscheinlich eine irrige.

Eine reale und potenziell weit schlimmere Gefahr stellt demgegenüber die mögliche Übertragung infektiöser Hauskatzenkrankheiten - darunter die «modernen» Virusinfektionen Panleucopenie («Katzenseuche»), FeLV (Katzenleukämie), FIV («Katzenaids») und FIP (Katzenperitonitis) - auf die Wildbestände dar. Noch fehlen zwar zu diesem Thema aussagekräftige Untersuchungen. Nachdenklich stimmt aber, dass beispielsweise die Population der Europäischen Wildkatze in der Slowakei in den vergangenen zwanzig Jahren deutlich zurückgegangen ist, ohne dass wir die Ursachen kennen. Hauskatzenkrankheiten könnten hierbei durchaus eine Rolle spielen.

 

 

Legenden

Auf den ersten Blick schaut die Europäische Wildkatze (Felis silvestris silvestris) einer gross gewachsenen getigerten Hauskatze sehr ähnlich. Vergleichsweise hat sie jedoch einen etwas breiteren Schädel, etwas längere Beine und einen etwas kürzeren Schwanz. Ihr Schwanz unterscheidet sich im Übrigen von dem der allermeisten Hauskatzen durch sein stumpfes, stets schwarz gefärbtes Ende. Die Männchen sind mit einem durchschnittlichen Gewicht von rund 5 Kilogramm grösser und kräftiger gebaut als die Weibchen, welche um 3,5 Kilogramm wiegen.

Als Lebensraum bevorzugt die Europäische Wildkatze Waldungen aller Art. Hohe Bestandsdichten weist sie vor allem in Laub- und Laubmischwäldern in mittleren Lagen auf. Im Gebirge und in anderen Regionen mit langen, harten Wintern kommt sie nicht vor. Als Faustregel gilt, dass sie in solchen Gebieten nicht zu überleben vermag, in denen während mehr als hundert Tagen im Jahr eine Schneedecke von mehr als zwanzig Zentimetern Höhe liegt.

Zur Hauptsache ernährt sich die Europäische Wildkatze von kleinen Säugetieren, insbesondere Nagetieren und Hasentieren. Gelegentlich erbeutet sie aber auch Vögel, Amphibien und Reptilien. Die grösste Beute, die sie in Mitteleuropa zu überwältigen vermag, ist der Europäische Feldhase (Lepus europaeus).

Nach einer Tragzeit von etwa neun Wochen bringt die weibliche Europäische Wildkatze zwischen März und Mai zumeist zwei bis vier, gelegentlich aber auch bis acht Junge zur Welt. Im Alter von etwa drei Monaten beginnen die Kätzchen, mit ihrer Mutter umherzuziehen, und lernen in der Folge von ihr die verschiedenen Beutetiere und Jagdtechniken kennen.

Im Alter von etwa sechs Monaten sind die Jungkatzen in der Lage, sich selbstständig durchzuschlagen. Sie verlassen das Wohngebiet ihrer Mutter und machen sich auf die Suche nach einem eigenen. Für das abgebildete, vielleicht vier Monate alte Kätzchen ist es für diesen Schritt noch zu früh.

An den meisten Orten ist die Europäische Wildkatze dämmerungs- und nachtaktiv. In abgeschiedenen Gegenden, wo die Störungen durch den Menschen und dessen Hunde minimal sind, geht sie aber durchaus auch tagsüber auf Pirsch.




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