Zwergscharbe

Phalacrocorax pygmeus


© 2012 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Kormorane und Scharben bilden eine sehr einheitliche und darum leicht erkennbare Gruppe von Wasservögeln. Tatsächlich werden sie nicht nur alle in ein und derselben Familie namens Kormorane (Phalacrocoracidae) zusammenfasst, sondern sogar in ein und dieselbe Gattung (Phalacrocorax) gestellt.

Weltweit gibt es 43 Kormoranarten. Sie alle bewohnen die Ränder von Binnengewässern und/oder Meeren. In Europa kommen drei Arten vor, nämlich der Gemeine Kormoran (Phalacrocorax carbo), die Krähenscharbe (Phalacrocorax aristotelis) und die Zwergscharbe (Phalacrocorax pygmeus). Von Letzterer soll hier berichtet werden.


Ein Zwerg unter den Kormoranen

Wie der deutsche und der wissenschaftliche Artname andeuten, gehört die Zwergscharbe zu den kleinsten Mitgliedern der Kormoranfamilie. Dies macht sie aber nicht zwangsläufig zu einem besonders kleinen Vogel, da alle Kormorane stattliche Wasservögel sind. Die Zwergscharbe erreicht immerhin eine Länge von 45 bis 55 Zentimetern, eine Flügelspannweite von 80 bis 90 Zentimetern und ein Gewicht zwischen 600 und 800 Gramm. Das grösste Mitglied der Familie, die flugunfähige Galapagosscharbe (Phalacrocorax harrisi), kann sogar eine Länge von 90 bis 100 Zentimetern und ein Gewicht von bis zu 5 Kilogramm aufweisen.

Zwar werden, wie eingangs erwähnt, gegenwärtig sämtliche Mitglieder der Kormoranfamilie der Gattung Phalacrocorax zugeordnet. Es sind aber durchaus gewisse verwandtschaftliche Gruppierungen innerhalb der Familie erkennbar, und darum gibt es Fachleute, welche eine Gliederung der Familie in bis zu neun Gattungen vorschlagen. Eine der häufig in Erwägung gezogenen Gattungen ist Microcarbo für fünf ähnliche, kleine, altweltlich-australische und offensichtlich nah miteinander verwandte Arten. Neben der Zwergscharbe handelt es sich um die Kräuselscharbe (Phalacrocorax melanoleucos) aus Indonesien, Neuguinea, Australien und Neuseeland, die Riedscharbe (Phalacrocorax africanus) aus Afrika südlich der Sahara und Madagaskar, die Kronenscharbe (Phalacrocorax coronatus) aus Südafrika und Namibia und die Mohrenscharbe (Phalacrocorax niger) aus Süd- und Südostasien. Es wären molekulargenetische Studien (DNA-Analysen) an den verschiedenen Arten erforderlich, um die verwandtschaftlichen Verhältnisse innerhalb der Kormoranfamilie genauer abzuklären.

Hinsichtlich der verwandtschaftlichen Beziehungen der Kormoranfamilie zu den anderen Wasservogelfamilien haben DNA-Analysen bereits Licht ins Dunkel gebracht. Bis vor kurzem waren dieselben nämlich ebenfalls unklar und umstritten. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Kormorane wie alle Vögel zwecks Erlangung der Flugfähigkeit im Laufe ihrer Stammesgeschichte ein filigranes, leichtes Skelett entwickelt haben, das nach ihrem Tod meist schnell zerfällt und verwest. Es sind darum nicht genügend fossile Zeugnisse früher Kormorane und anderer Wasservögel erhalten geblieben, um das verlässliche Erkennen stammesgeschichtlicher Entwicklungslinien zuzulassen.

Dank der modernen DNA-Analysen wissen wir nun jedoch, dass die Kormorane (Familie Phalacrocoracidae) am nächsten mit den Tölpeln (Familie Sulidae) und den Schlangenhalsvögeln (Familie Anhingidae) verwandt sind. Den drei Familien steht sodann die Familie der Fregattvögel (Fregatidae) nahe, nicht aber die Familie der Pelikane (Pelecanidae), wie dies früher häufig angenommen wurde. Die vier erstgenannten Familien werden darum heute in der neu geschaffenen Ordnung der Tölpelvögel (Suliformes) zusammengefasst, während die Familie der Pelikane - zusammen mit weiteren Vogelfamilien - der Ordnung der Pelikanvögel (Pelecaniformes) zugeordnet werden.


Hauptspeise sind kleine Fische

Das Verbreitungsgebiet der Zwergscharbe erstreckt sich in einem breiten Gürtel über das südöstliche Europa sowie das westliche und zentrale Asien, von Italien ostwärts bis nach Tadschikistan und südwärts bis Israel. Innerhalb dieses Areals ist das Vorkommen der Art jedoch keineswegs flächendeckend, sondern inselartig verstreut. Grössere Bestände leben vor allem rund um das Kaspische Meer herum, im Euphrat-Tigris-Becken im Irak und im Bereich des Schwarzen Meers.

In Europa finden sich kleinere, mittlere und grössere Brutbestände der Zwergscharbe verstreut über die ganze Balkanhalbinsel, vom Adriatischen bis zum Schwarzen und zum Ägäischen Meer, ferner im angrenzenden Italien, in Österreich und in Ungarn. In Serbien, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, brütet die Art hauptsächlich in der Provinz Vojvodina im Norden des Landes.

Wie die meisten Kormoranarten hält sich die Zwergscharbe zumindest während der Brutsaison hauptsächlich an den Rändern von Süssgewässern auf, nicht an Meeresküsten. Im Allgemeinen findet man sie in wärmeren, tiefliegenden Gebieten mit langsam fliessendem oder stehendem Wasser. Das Spektrum der dort von ihr bewohnten Lebensräume ist sehr breit und reicht von Auenwäldern entlang träger Flüsse über vegetationsreiche Sümpfe und Seen mit dichtem Schilfgürtel bis hin zu heckenreichen Reisfeldlandschaften.

Auf die Jagd geht die Zwergscharbe wie alle Kormoranarten unter Wasser. Sie taucht jeweils von der Wasseroberfläche aus ab, indem sie zunächst einen charakteristischen Hüpfer und Kopfsprung vollführt. Dann treibt sie sich mit kräftigen, gleichzeitigen Stössen ihrer grossen Schwimmfüsse voran, wobei sie die Flügel dicht an den Körper legt und den Schwanz als Steuerruder einsetzt. Während gewisse Kormoranarten bei der Unterwasserjagd bis in Tiefen von mehr als vierzig Metern hinabtauchen, jagt sie fast immer in untiefen Gewässerbereichen und stets nur wenige Meter unter der Wasseroberfläche. Die Tauchzeit beträgt typischerweise etwa eine halbe Minute.

Wie bei allen Kormoranen ist der Körper der Zwergscharbe zum Schwimmen unter Wasser gut eingerichtet. Zum einen enthalten die Knochen nur sehr kleine Lufträume, was den Auftrieb vermindert und das Abtauchen erleichtert. Demselben Zweck dient der Umstand, dass das Gefieder wassereinlässig ist, weil Luft zwischen den Federästen der speziell gebauten Federn entweichen und Wasser eintreten kann. Früher hielt man diese Eigenschaft für einen Anpassungsmangel; in Wirklichkeit erhöht die Wasserdurchlässigkeit des Gefieders das spezifische Gewicht des Zwergscharbenkörpers zusätzlich und unterstützt so die Tauchfähigkeit. Gut erkennbar ist das verhältnismässig hohe spezifische Gewicht der Zwergscharbe, wenn sie an der Wasseroberfläche schwimmt: Ihr Leib liegt tief im Wasser und treibt nicht bojenartig auf dem Wasser wie beispielsweise bei den Enten.

Das wassereinlässige Gefieder bedingt allerdings, dass sich die Zwergscharbe nach dem Fischfang jeweils trocknen muss, um wieder flugfähig zu sein. Sie tut dies, indem sie zunächst die Wassertropfen aus dem Gefieder schüttelt. Da sie ihr Gefieder regelmässig mit dem ölhaltigen Sekret ihrer Bürzeldrüse einfettet und darum die einzelnen Federn wasserabstossend sind, bleibt nach dem Schütteln nur wenig Wasser haften. Dieser Restfeuchtigkeit entledigt sie sich, indem sie sich eine Weile auf einen Ast oder einen Stein setzt und dort in typischer Kormoranart die Flügel ausbreitet, die Schwanzfedern spreizt und das Gefieder am Leib sträubt, bis alles dank Sonne und/oder Wind trocken ist.

Zum Opfer fallen der Zwergscharbe in erster Linie kleine Fische. Sie fängt bei Gelegenheit aber auch verschiedene andere Wassertiere, darunter Molche und Frösche. Bei einer im Donaudelta in Rumänien durchgeführten Untersuchung über die Ernährungsgewohnheiten der dort ansässigen Zwergscharben wurde festgestellt, dass sie 15 Fischarten regelmässig fingen und verzehrten, darunter Flussbarsch (Perca fluviatilis), Rotauge (Rutilus rutilus), Karpfen (Cyprinus carpio) und Hecht (Esox lucius). Zwar wurden vereinzelt Fische mit einem Gewicht von 50 bis 70 Gramm gefangen, doch waren die allermeisten deutlich kleiner. Das durchschnittliche Gewicht lag bei nur 15 Gramm.


Gemischte Wasservogel-Brutkolonien

Das Fortpflanzungsgeschehen ist bei den Zwergscharben stark saisonal geprägt. Die Paarbildung findet offensichtlich im Winterquartier statt, denn die Vögel treffen im März oder April bereits paarweise in ihren Brutgebieten ein. Ob sich Jahr für Jahr dieselben Partner zusammentun oder ob allwinterlich neue Partnerschaften eingegangen werden, ist nicht untersucht. Vieles deutet aber auf Letzteres hin.

Die Zwergscharben brüten stets in kopfstarken Kolonien, häufig auch mit weiteren Wasservogelarten vergesellschaftet, darunter verschiedenen Reiherarten, dem Eurasiatischen Löffler (Platalea leucorodia), dem Braunen Sichler (Plegadis falcinellus) und dem Gemeinen Kormoran. Die Nester werden aus Zweigen und Schilfhalmen gebaut, weisen einen Durchmesser von 25 bis 45 Zentimetern auf und befinden sich gewöhnlich in einem Röhrichtbestand oder Weidendickicht meist nur ein bis fünf Meter über dem Boden bzw. Wasser. Das Gelege besteht durchschnittlich aus drei bis vier Eiern, kann aber auch bis acht umfassen.

Die Eier werden zwischen Ende April und Anfang Juli gelegt. Die beiden Altvögel wechseln sich beim Bebrüten derselben partnerschaftlich ab. Nach einer Brutzeit von 27 bis 30 Tagen schlüpfen die Jungvögel. Sie sind anfangs nackt und hilflos und müssen während ihren ersten Lebenstagen ständig von einem der beiden Altvögel gewärmt werden. Als Nahrung erhalten sie kleine, typischerweise nur 5 bis 10 Gramm schwere, angedaute Fische. Im Alter von etwa anderthalb Monaten werden sie flugfähig und können sich schon bald selbst ernähren. Ab Ende August verlassen sie zusammen mit den Altvögeln die Brutkolonie und ziehen in das Winterquartier.

In manchen Bereichen des Artverbreitungsgebiets, besonders in wärmeren, tiefliegenden Gebieten, ziehen die Zwergscharben allerdings nicht weit: Sie verlassen zwar ihre Brutkolonie, bleiben aber den Winter über verstreut in der näheren Umgebung. In anderen Bereichen des Artverbreitungsgebiets, wo die Winter hart sind, unternehmen die Zwergscharben nach der Brutsaison hingegen deutliche Kurzstreckenzüge: Sie wandern meistens vom Binnenland an einen nahen Küstenstreifen, wo das Klima milder ist als im Landesinneren.

Der Grossteil des in der Vojvodina heimischen Zwergscharbenbestands brütet an Flüssen und Seen im Pannonischen Becken und verbringt den Winter an den Küsten der südlichen Balkanhalbinsel, in Montenegro, in Albanien und im nördlichen Griechenland. Ausserhalb der Brutsaison leben die Zwergscharben gewöhnlich in kleinen Verbänden, können gelegentlich aber auch einzeln angetroffen werden.


Eine Gefahr namens Bistroye-Kanal

Die Bestände der Zwergscharbe waren in der jüngeren Vergangenheit zumindest im europäischen Teil des Verbreitungsgebiets deutlichen Schwankungen unterworfen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ging ihre Grösse in vielen Gebieten merklich zurück, weshalb in den 1990er-Jahren in Erwägung gezogen wurde, die Art als gefährdet einzustufen. Als Hauptursachen für den Bestandsschwund waren einerseits die Verfolgung der kleinen Kormorane als vermeintliche Konkurrenten der Fischer, Angler und Fischzüchter («Fischereischädlinge») zu nennen, andererseits die Zerstörung und Beeinträchtigung ihrer natürlichen Lebensräume durch die Verbauung und Verschmutzung von Binnengewässerrändern wie auch Meeresküsten.

Erfreulicherweise scheinen die damals in vielen europäischen Ländern ergriffenen Schutzmassnahmen zugunsten der Zwergscharbe inzwischen Wirkung zu zeigen. Jedenfalls sind ihre Bestände heute in verschiedenen Gebieten grösser, als seinerzeit geschätzt worden war, sie wachsen an manchen Orten an, und teils erobern sie sogar Neuland. So scheint die Zwergscharbe Italien erst kürzlich kolonisiert zu haben; jedenfalls wurden erstmals 1981 Bruten im Nordosten des Landes verzeichnet. Seither ist der lokale Bestand stetig gewachsen und umfasst heute rund 200 Brutpaare im Bereich von Venedig und Ravenna.

Der grösste Brutbestand der Zwergscharbe befindet sich heute in Rumänien. Zwischen 11000 und 14000 Paare brüten dort, und zwar mehrheitlich im Bereich des Donaudeltas am Schwarzen Meer. Mit 8000 bis 12000 Paaren lebt der zweitgrösste Brutbestand in Aserbaidschan, und zwar grossenteils im Bereich der Küste des Kaspischen Meers.

Aufgrund der weiten Verbreitung und der positiven Populationsentwicklung in jüngerer Zeit wird die Zwergscharbe von BirdLife International und der Weltnaturschutzunion (IUCN) nicht als gefährdet eingestuft. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Beeinträchtigung der Gewässer, die der Zwergscharbe als Lebensraum dienen, mancherorts weiter anhält und eine nicht zu unterschätzende Gefahr darstellen.

Massive ökologische Veränderungen im Bereich des Donaudeltas beispielsweise könnten schlimme Auswirkungen auf den grössten verbleibenden Brutbestand der Zwergscharbe - nebst den Brutbeständen von 280 weiteren Vogelarten! - haben. Entsprechend gross war der internationale Aufschrei der Naturschützer, als die Ukraine 2004 begann, mitten durch dieses einzigartige Weltnaturerbe und Biosphärenreservat einen Tiefwasserweg für schwere Frachtschiffe zwischen der Donau und dem Schwarzem Meer anzulegen, um die ukrainische Wirtschaft ankurbeln. Aufgrund der Verletzung zahlreicher internationaler Konventionen und der entsprechend harschen internationalen Kritik musste das Projekt 2005 gestoppt werden, ist aber weiterhin hängig. Es gilt, dieses verheerende Projekt mit allen Mitteln zu verhindern.



Legenden

Die Zwergscharbe (Phalacrocorax pygmeus) ist zwar eines der kleinsten Mitglieder der 43 Arten umfassenden Familie der Kormorane (Phalacrocoracidae). Mit einer Länge von 45 bis 55 Zentimetern, einer Flügelspannweite von 80 bis 90 Zentimetern und einem Gewicht zwischen 600 und 800 Gramm ist sie aber keineswegs ein kleiner Vogel. Wie die meisten Kormorane trägt sie ein ziemlich düsteres Federkleid. Männchen und Weibchen sind gleich gefärbt und auch ähnlich gross, weshalb die beiden Geschlechter im Feld nicht unterscheidbar sind.

Das Verbreitungsgebiet der Zwergscharbe erstreckt sich über das südöstliche Europa sowie das westliche und zentrale Asien, von Italien ostwärts bis nach Tadschikistan und südwärts bis Israel. Während der Brutzeit halten sich die Zwergscharben hauptsächlich an den Rändern vegetationsreicher Süssgewässer auf. In warmen Regionen bleiben sie auch im Winter ihrem Brutgebiet treu. Wo aber die Winter hart sind, wandern sie jeweils nach der Brutsaison an einen nahen Küstenstreifen, wo das Klima milder ist als im Landesinneren.

Auf die Jagd geht die Zwergscharbe wie alle Kormorane unter Wasser. Während aber gewisse Kormoranarten bei der Unterwasserjagd bis in Tiefen von mehr als vierzig Metern hinabtauchen, jagt sie fast immer in untiefen Gewässerbereichen und stets nur wenige Meter unter der Wasseroberfläche. Zum Opfer fallen ihr in erster Linie kleine Fische. Sie fängt bei Gelegenheit aber auch verschiedene andere Wassertiere, darunter Molche und Frösche.

Die Zwergscharben brüten stets in kopfstarken Kolonien, häufig auch mit Reihern und weiteren Wasservogelarten vergesellschaftet. Die Nester werden aus Zweigen und Schilfhalmen gebaut, weisen einen Durchmesser von 25 bis 45 Zentimetern auf und befinden sich gewöhnlich in geringer Höhe in einem Röhrichtbestand oder in einem Weidendickicht verborgen, weshalb sie kaum je einsehbar sind.

Die Bestände der Zwergscharbe gingen im Laufe des 20. Jahrhunderts in vielen Regionen zufolge Bejagung und Lebensraumverlusts merklich zurück. Dank rechtzeitig ergriffener Schutzmassnahmen in vielen Ländern konnten sie sich inzwischen mancherorts wieder erholen. Der grösste Zwergscharben-Brutbestand befindet sich heute mit 11000 bis 14000 Paaren in Rumänien.




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