Zwergschwertwal

Feresa attenuata


© 2007 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Ordnung der Waltiere (Cetacea) umfasst mehrere Arten, die uns wohl vertraut sind, selbst wenn wir noch nicht das Glück hatten, ihnen «persönlich» zu begegnen. Zu nennen sind vor allem die «Giganten der Ozeane», der Bauwal (Balaenoptera musculus), der Buckelwal (Megaptera novaeangliae) und der Pottwal (Physeter macrocephalus). Zu erwähnen sind aber auch ein paar kleinere Waltiere, darunter der in altgriechischen und altrömischen Legenden eine Rolle spielende Eigentliche Delfin (Delphinus delphis), der weltweit in vielen Delfinarien seine Kunststücke zeigende Grosse Tümmler (Tursiops truncatus) und der aus Film und Fernsehen bekannte Eigentliche Schwertwal (Orcinus orca).

Die Ordnung der Waltiere ist allerdings weit formenreicher, als uns diese wenigen «prominenten» Arten vermuten lassen. Tatsächlich gibt es weltweit rund achtzig Waltierarten. Manche von ihnen sind selbst für die Marinbiologen unbekannte Wesen, weil sie sich selten zeigen und uns kaum Einblick in ihre Lebensweise gewähren. Zu ihnen gehört der Zwergschwertwal (Feresa attenuata), von dem hier berichtet werden soll.

 

Kein kleiner Zwerg

Der Zwergschwertwal gehört zur 32 Mitglieder umfassenden Familie der Delfine (Delphinidae). Diese ist die formenreichste der 13 Familien, in welche die Ordnung der Waltiere gegliedert wird, und eine von 9 Familien innerhalb der Unterordnung der Zahnwale (Odontoceti).

Die Delfine sind kleine bis mittelgrosse Waltiere, wobei die Männchen bei den meisten Arten durchschnittlich grösser sind als die Weibchen. Das grösste Familienmitglied ist der weltweit verbreitete Eigentliche Schwertwal, bei welchem die Männchen eine Länge von bis zu 9,8 Metern erreichen können. Am anderen Ende des Spektrums befindet sich der einzig in Neuseelands Küstengewässern vorkommende Hector-Delfin (Cephalorhynchus hectori), welcher maximal 1,5 Meter lang wird. Seinem Namen zum Trotz gehört der Zwergschwertwal innerhalb der Delfinfamilie keineswegs zu den Winzlingen: Das grösste Männchen, das jemals vermessen wurde, hatte eine Länge von 2,9 Metern, das grösste Weibchen eine solche von 2,4 Metern. Im Durchschnitt sind die erwachsenen Individuen 20 bis 30 Zentimeter kleiner als diese Rekordhalter. Das Gewicht liegt im Allgemeinen zwischen 110 und 170 Kilogramm.

Die Zähne des Zwergschwertwals sind stumpf und recht klein: Sie weisen an der Basis einen Durchmesser von höchstens 1 Zentimeter auf und sind nur etwa 3 Zentimeter lang. Im Oberkiefer befinden sich 16 bis 22 Zähne, im Unterkiefer 22 bis 26.

 

Mit den Flusspferden verwandt

Die Waltiere (Ordnung Cetacea), welche tierliche Nahrung zu sich nehmen, und die Seekühe (Ordnung Sirenia), die sich von Pflanzen ernähren, sind die beiden einzigen Säugetiersippen, welche vollständig an das Leben im Wasser angepasst sind. Zwar haben sich auch andere Säugetiersippen wie die Robben oder die Otter im Laufe ihrer Stammesgeschichte zu Wasserlebewesen entwickelt. Zumindest für die Jungenaufzucht sind diese aber weiterhin gezwungen, das Land aufzusuchen. Nur die Waltiere und die Seekühe haben es geschafft, den Kontakt zum Land endgültig abzubrechen und ein ausschliesslich aquatisches Leben zu führen. Und dies, obschon sie weiterhin über alle kennzeichnenden Merkmale der Säugetiere verfügen: Sie sind Warmblüter, sie atmen durch Lungen, und sie bringen lebende Junge zur Welt, die sie mit Muttermilch ernähren.

Die hervorragende Anpassung an das Leben im Wasser hat bei den Waltieren wie bei den Seekühen erhebliche körperbauliche Veränderungen mit sich gebracht. Beispielsweise fehlen bei beiden Sippen die hinteren Gliedmassen. Bei beiden ist der Schwanz seitwärts zu einer Flosse abgeflacht und dient als Antriebsorgan. Waltiere und Seekühe besitzen im Übrigen kein Fell und keine Aussenohren. Bei den Waltieren sind ferner die beiden Nasenöffnungen zum so genannten «Spritzloch» verschmolzen und befinden sich auf dem Scheitel des Kopfs.

Jahrtausendelang galten die Waltiere als Fische. Erst im 17. Jahrhundert erkannten die Naturforscher, dass diese Meeresbewohner Säugetiere sind. Die erheblichen körperbaulichen Unterschiede zwischen den Waltieren und den heutigen landlebenden Säugetieren machten es den Wissenschaftlern in der Folge allerdings nicht leicht, deren stammesgeschichtliche Verwandtschaft und somit deren Platz innerhalb der Klasse der Säugetiere (Mammalia) festzulegen. Damals - und bis vor kurzem - mussten sich die Naturforscher ja auf vergleichende anatomische Untersuchungen der lebenden Arten einerseits und der Fossilfunde andererseits abstützen. Die Grundüberlegung lautete, dass zwei Sippen, welche gemeinsam ein besonderes körperbauliches Merkmal aufweisen, näher miteinander verwandt sind als mit solchen, denen das betreffende Merkmal fehlt. Da aber keine wirklich auffälligen Merkmale gefunden werden konnten, anhand derer sich die Waltiere in die verwandtschaftliche Nähe einer bestimmten Säugetiersippe rücken liessen, gab es diesbezüglich in der Vergangenheit recht verschiedene Einschätzungen. Lange Zeit wurden die Waltiere - unter anderem aufgrund ihrer beutegreifenden Lebensweise - als Nachfahren längst ausgestorbener Insektenesser oder Raubtiere betrachtet. «Als Ahnenformen kommen nur Urinsektenesser (Protoinsectivora) oder Urraubtiere (Creodonta) in Frage», heisst es beispielsweise noch in «Grzimeks Tierleben» von 1972.

Heute wissen wir es besser, und zwar dank der enormen Fortschritte, welche die Molekularbiologie in jüngster Zeit gemacht hat. Inzwischen kann das in den Zellkernen der heutigen Organismen enthaltene genetische Material derart präzis analysiert werden, dass sich eindeutig feststellen lässt, wie nahe zwei Tiersippen, zwei Tierarten, ja selbst zwei Individuen miteinander verwandt sind. Mehrere molekularbiologische Untersuchungen sind nun zum Schluss gekommen, dass die Wale in Wirklichkeit von einer nicht näher bekannten Urhuftiersippe abstammen, welche vor 60 bis 50 Millionen Jahren gelebt haben muss. Aus dieser entstanden zum einen die entfernt an Schweine erinnernden Pakicetiden (Familie Pakicetidae), welche in der Region des heutigen Pakistans an Gewässern lebten; sie gelten als direkte Walvorläufer, obschon sie noch deutlich ausgeprägte, funktionsfähige Beine hatten. Zum anderen gingen aus ihr die weit verbreiteten Kohlentiere (Familie Anthracotheriidae) hervor, deren letzte heutige Nachfahren die Flusspferde (Familie Hippopotamidae) sind. Der Zwergschwertwal ist somit näher mit den Flusspferden aus der Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla) verwandt als diese mit den Tapiren und den Nashörnern aus der Ordnung der Unpaarhufer (Perissodactyla), denen sie äusserlich viel ähnlicher sehen. Ein überraschender Befund!

Die frühesten Waltiere waren ziemlich sicher Süsswasserbewohner wie die heutigen Flusspferde. Offensichtlich gingen sie aber bei der Anpassung ans Wasserleben weiter als diese, bildeten allmählich ihre Hintergliedmassen zurück und die Vordergliedmassen sowie den Schwanz zu Flossen um. Wann sie zu Beutegreifern wurden und wann sie sich ins offene Meer vorwagten, ist nicht klar. Sicher ist hingegen, dass sich die Waltiere gegen Ende des Oligozäns, vor 30 bis 25 Millionen Jahren, bereits in die beiden heutigen Unterordnungen, die Zahnwale und die Bartenwale, aufgegliedert hatten und dass gegen Ende des Miozäns, vor etwa 10 Millionen Jahren, bereits die meisten der heutigen Waltierfamilien, darunter die Delfine, entstanden waren.

 

Gesellig und lautfreudig

Der Zwergschwertwal war der Wissenschaft während mehr als siebzig Jahren einzig aufgrund fossiler Schädel bekannt und galt als ausgestorben. In den 1950er-Jahren konnten jedoch überraschend Zwergschwertwale im Pazifik beobachtet und auch erlegt werden. Sichtungen frei lebender Individuen sind allerdings bis heute eine Seltenheit geblieben.

Der Zwergschwertwal ist ein Bewohner warmer Gewässer. Die meisten Beobachtungen stammen aus tropischen und warmen-subtropischen Regionen. Nur vereinzelt wurde die Art nördlich des 40. nördlichen oder südlich des 35. südlichen Breitengrads festgestellt. Allerdings konnten Zwergschwertwale Ende der 1990er-Jahre zweifelsfrei im Golf von Biskaya, ungefähr beim 45. nördlichen Breitengrad, gesichtet werden. Im Einzelnen ist das Artverbreitungsgebiet nicht bekannt. Gewiss ist aber, dass der Zwergschwertwal in allen drei Weltmeeren vorkommt. Verhältnismässig oft erfolgen Sichtungen im Pazifik bei Japan und bei den Hawaii-Inseln, aber beispielsweise auch bei Peru und Costa Rica (Südamerika), Senegal und Südafrika (Afrika) sowie Sri Lanka und Indonesien (Asien) sind wiederholt verbürgte Sichtungen bzw. Fänge erfolgt.

Nur selten streift der Zwergschwertwal in unmittelbarer Küstennähe umher; er ist ein ausgeprägter Hochseebewohner. Die Dichte seiner Bestände scheint nirgendwo hoch zu sein. Allerdings meidet er die Nähe von Schiffen und könnte daher häufiger vorkommen, als die Sichtungen vermuten lassen.

Gewöhnlich begegnet man den Zwergschwertwalen in Trupps von höchstens etwa fünfzig Individuen, manchmal aber auch in Verbänden, welche mehrere hundert Individuen umfassen. Sie leben also gesellig. Oftmals werden sie als «träg» beschrieben, wahrscheinlich weil sich gern ganze Trupps in der Nähe der Meeresoberfläche bewegungslos treiben lassen, wobei alle Individuen in dieselbe Richtung schauen. Andererseits gelten sie als ausgesprochen schnelle Schwimmer, welche an der Wasseroberfläche Geschwindigkeiten von mehr als dreissig Kilometern je Stunde erreichen und dabei immer wieder delfintypische Sprünge ausführen, bei welchen der ganze Körper aus dem Wasser austritt.

Die Zwergschwertwale sind im Übrigen sehr stimmfreudige Tiere, welche über ein breites Spektrum verschiedenartiger Laute verfügen. Bis fünf Sekunden dauernde Pfiffe dürften sie zur Verständigung mit anderen Artgenossen, sowohl innerhalb wie auch ausserhalb des Trupps, einsetzen. Kurze Klicklaute dürften sie verwenden, um sich nach dem Prinzip des Echolots ein akustisches Bild der Umgebung zu machen. Wie alle Mitglieder der Delfinfamilie scheinen sie mittels solcher Peiltöne die sie umgebende Unterwasserwelt abzutasten und anschliessend die Echos auszuwerten, die von den vorhandenen Objekten - insbesondere Beutetieren - zurückgeworfen werden. Die Nahrung der Zwergschwertwale besteht vor allem aus Schwarmfischen, welche in der epipelagischen Zone, also den oberflächennahen Wasserschichten der offenen See, umherziehen, insbesondere Sardinen, Makrelen und Tunfische.

 

Magere Datenbasis

Über das Wanderverhalten der Zwergschwertwale wissen wir nichts Näheres. Wo die Art bejagt wird, beispielsweise bei den Grenadinen in der Karibik oder bei Japan und Taiwan im Westpazifik, berichten die Fischer, dass sie den Zwergschwertwalen zu jeder Jahreszeit begegnen können. Dies deutet darauf hin, dass die Tiere einigermassen sesshaft leben, also weder eine nomadische Lebensweise führen noch saisonale Wanderungen unternehmen.

Wenig ist auch über das Fortpflanzungsverhalten der Zwergschwertwale bekannt. Es scheint, dass die Weibchen je Geburt ein einzelnes Junge zur Welt bringen und dass die Neugeborenen eine Länge von 50 und 80 Zentimetern aufweisen. Wahrscheinlich ist das Fortpflanzungsgeschehen ebenso wenig saisonal geprägt wie das Wanderverhalten, da ja der Lebensraum, die epipelagische Zone des Tropengürtels, keiner merklichen Saisonalität unterliegt.

Des Weiteren verfügen wir nur über vage Hinweise zur Bestandssituation der Zwergschwertwale. Die vorhandene Datenbasis erlaubt weder eine einigermassen realistische Einschätzung der Bestandsgrösse noch der Bestandsentwicklung. Der Zwergschwertwal wird nur in geringer Zahl gezielt bejagt, um sein Fleisch und sein Öl zu gewinnen. Die Bestände dürften hierdurch kaum geschwächt werden. Schwerer wiegt wahrscheinlich, dass sich Schwertwale mitunter in den kilometerlangen Wandnetzen verfangen, welche zum Fang diverser Hochseefische und -tintenfische eingesetzt werden, und gelegentlich auch in die heimtückischen Beutelnetze geraten, welche vor allem beim Tunfischfang eingesetzt werden. Die hierdurch hervorgerufenen Ausfälle haben bei gewissen Mitgliedern der Delfinfamilie einen merklichen Einfluss auf die Bestände. Dies könnte durchaus auch beim Zwergschwertwal der Fall sein.

 

 

 

 

Legenden

Der Zwergschwertwal (Feresa attenuata) gehört seinem Namen zum Trotz innerhalb der Familie der Delfine (Delphinidae) keineswegs zu den Winzlingen. Die Männchen weisen durchschnittlich eine Länge von 2,6 bis 2,7 Metern auf, die Weibchen eine solche von 2,1 bis 2,2 Metern. Das Gewicht liegt im Allgemeinen zwischen 110 und 170 Kilogramm. Der Kopf ist rundlich; ihm fehlt die langgestreckte, schnabelartige Schnauze, welche für viele Mitglieder der Delphinfamilie typisch ist.

Das Verbreitungsgebiet der Zwergschwertwale erstreckt sich über die tropischen und warmen-subtropischen Zonen aller drei Weltmeere. Die rundköpfigen Meeressäuger sind ausgeprägte Hochseebewohner, welche gewöhnlich in Trupps von höchstens etwa fünfzig Individuen umherstreifen, manchmal aber auch Verbände von mehreren hundert Individuen bilden.

Wie alle Mitglieder der Delfinfamilie ist der Zwergschwertwal ein ausgesprochen stimmfreudiges Tier. Kurze Klicklaute dienen ihm als Peiltöne, mit deren Hilfe er sich nach dem Echolotsystem ein akustisches Bild der Umgebung verschafft und insbesondere Beutetiere zu orten vermag. Solche sind vor allem Sardinen, Makrelen, Tunfische und weitere Schwarmfische, welche in den oberflächennahen Wasserschichten der offenen See umherstreifen.

Wenig ist über das Fortpflanzungsverhalten der Zwergschwertwale bekannt. Soweit wir aber wissen, bringen die Weibchen je Geburt ein einzelnes, 50 bis 80 Zentimeter langes Junges zur Welt.

Weil sich die Zwergschwertwale oftmals in der Nähe der Meeresoberfläche regungslos treiben lassen, wobei alle Truppmitglieder in dieselbe Richtung schauen, werden sie manchmal als «träg» beschrieben. Dies stimmt natürlich nicht, denn wie bei allen Tieren wechseln auch bei ihnen Ruhe- und Aktivitätsphasen regelmässig ab. Die Zwergschwertwale sind im Gegenteil ausgesprochen kräftige Schwimmer, welche Geschwindigkeiten von mehr als dreissig Kilometern je Stunde erreichen und an der Meeresoberfläche häufig elegante, delfintypische Sprünge zeigen.




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